Ein­zie­hung eines Geschäfts­an­teils – und das nicht vor­han­de­ne Gesell­schafts­ver­mö­gen

Steht im Zeit­punkt der Beschluss­fas­sung über die Ein­zie­hung eines Geschäfts­an­teils fest, dass das freie Ver­mö­gen der Gesell­schaft zur Bezah­lung des Ein­zie­hungs­ent­gel­tes nicht aus­reicht, ist der Ein­zie­hungs­be­schluss auch dann nich­tig, wenn die Gesell­schaft über stil­le Reser­ven ver­fügt, deren Auf­lö­sung ihr die Bezah­lung des Ein­zie­hungs­ent­gel­tes ermög­li­chen wür­de 1.

Ein­zie­hung eines Geschäfts­an­teils – und das nicht vor­han­de­ne Gesell­schafts­ver­mö­gen

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist ein Ein­zie­hungs­be­schluss ent­spre­chend § 241 Nr. 3 AktG nich­tig, wenn bereits bei Beschluss­fas­sung fest­steht, dass das Ein­zie­hungs­ent­gelt nicht aus frei­em, die Stamm­ka­pi­tal­zif­fer nicht beein­träch­ti­gen­den Ver­mö­gen der Gesell­schaft gezahlt wer­den kann 2. Das OLG Dres­den hat auf­grund der von ihm getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen selbst ange­nom­men, dass die­se Vor­aus­set­zung bei der Beschluss­fas­sung am 26.06.2000 vor­lag. Die­se Annah­me wird von den Par­tei­en im Revi­si­ons­ver­fah­ren geteilt; sie lässt auch kei­nen Rechts­feh­ler erken­nen.

Der Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Dres­den, ein Ein­zie­hungs­be­schluss sei gleich­wohl wirk­sam, wenn die Gesell­schaft über aus­rei­chen­de stil­le Reser­ven ver­fü­ge, deren Auf­lö­sung für sie zumut­bar sei 3, kann aus Rechts­grün­den nicht bei­getre­ten wer­den. Ins­be­son­de­re lässt sich aus der BGH-Ent­schei­dung vom 24.01.2012 4 für die Auf­fas­sung des OLG Dres­den nichts her­lei­ten.

Das OLG Dres­den berück­sich­tigt nicht hin­rei­chend, dass die hier in Rede ste­hen­de Vor­aus­set­zung für die Wirk­sam­keit eines Ein­zie­hungs­be­schlus­ses in Anwen­dung der § 30 Abs. 1, § 34 Abs. 3 GmbHG dem Grund­satz der Kapi­tal­erhal­tung und damit dem Schutz der Gesell­schafts­gläu­bi­ger dient. Für das im Gläu­bi­ger­inter­es­se bestehen­de Aus­zah­lungs­ver­bot nach § 30 Abs. 1 Satz 1, § 34 Abs. 3 GmbHG gilt eine bilan­zi­el­le Betrach­tungs­wei­se. Aus­zah­lun­gen an (aus­ge­schie­de­ne) Gesell­schaf­ter dür­fen nicht zur Ent­ste­hung oder Ver­tie­fung einer Unter­bi­lanz füh­ren. Deren Vor­lie­gen bestimmt sich nicht nach den Ver­kehrs­wer­ten, son­dern nach den Buch­wer­ten einer stich­tags­be­zo­ge­nen Han­dels­bi­lanz; stil­le Reser­ven fin­den dem­nach kei­ne Berück­sich­ti­gung 5.

Die­se der Kapi­tal­erhal­tung die­nen­den Rege­lun­gen kön­nen nicht unter Hin­weis dar­auf über­spielt wer­den, dass die Gesell­schaft über stil­le Reser­ven ver­fü­ge, die auf­ge­löst wer­den könn­ten. Die blo­ße Mög­lich­keit einer Auf­lö­sung stil­ler Reser­ven steht einer hin­rei­chen­den Aus­stat­tung der Gesell­schaft mit unge­bun­de­nem Ver­mö­gen nicht gleich. Zwi­schen den durch § 30 Abs. 1, § 34 Abs. 3 GmbHG begrenz­ten Zah­lungs­pflich­ten der Gesell­schaft gegen­über einem aus­ge­schie­de­nen Gesell­schaf­ter und den auf dem Gesell­schafts­ver­hält­nis beru­hen­den Pflich­ten der Mit­ge­sell­schaf­ter, die das Kapi­tal­erhal­tungs­ge­bot nicht berüh­ren, ist daher strikt zu unter­schei­den. So ist die Gesell­schaft auch nach einem wirk­sam gefass­ten Ein­zie­hungs­be­schluss gemäß § 30 Abs. 1, § 34 Abs. 3 GmbHG an einer spä­te­ren Bezah­lung der Abfin­dung gehin­dert, soweit sie nicht aus frei­em Ver­mö­gen geleis­tet wer­den kann 6. Das Vor­han­den­sein stil­ler Reser­ven ändert hier­an nichts. Gera­de des­halb besteht in dem Fall, dass der Ein­zie­hungs­be­schluss wirk­sam ist, sich das freie Ver­mö­gen aber spä­ter als unzu­rei­chend erweist und die Gesell­schaft die geschul­de­te Abfin­dung wegen der Sper­re aus § 34 Abs. 3, § 30 Abs. 1 GmbHG nicht aus­zah­len darf, ein Bedürf­nis für eine per­sön­li­che Haf­tung der ande­ren Gesell­schaf­ter, die nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen, etwa weil sie eine Auf­lö­sung stil­ler Reser­ven treu­pflicht­wid­rig unter­las­sen, zur antei­li­gen Zah­lung der Abfin­dung ver­pflich­tet sind 7.

Ist wie im Streit­fall der Ein­zie­hungs­be­schluss nich­tig, weil schon bei Beschluss­fas­sung fest­steht, dass das Ein­zie­hungs­ent­gelt nicht aus frei­em Ver­mö­gen gezahlt wer­den kann, ist aller­dings auch kein Raum für eine sub­si­diä­re Haf­tung der ande­ren Gesell­schaf­ter. Im Hin­blick auf ein berech­tig­tes Inter­es­se des betrof­fe­nen Gesell­schaf­ters dar­an, an einem Aus­schei­den aus der Gesell­schaft nicht dau­er­haft gehin­dert zu sein, kön­nen die ande­ren Gesell­schaf­ter aber aus Treue­pflicht gehal­ten sein, Maß­nah­men zu ergrei­fen, die ein Aus­schei­den ermög­li­chen; so kön­nen sie etwa ver­pflich­tet sein, auf eine Auf­lö­sung stil­ler Reser­ven hin­zu­wir­ken 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. Juni 2018 – II ZR 65/​16

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 24.01.2012 – II ZR 109/​11, BGHZ 192, 236[]
  2. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 24.01.2012 – II ZR 109/​11, BGHZ 192, 236 Rn. 7 mwN; Urteil vom 10.05.2016 – II ZR 342/​14, BGHZ 210, 186 Rn. 13[]
  3. OLG Dres­den, Urteil vom 09.03.2016 – 13 U 135/​15[]
  4. BGH, Beschluss vom 24.01.2012 – II ZR 109/​11, BGHZ 192, 236[]
  5. BGH, Urteil vom 29.09.2008 – II ZR 234/​07, ZIP 2008, 2217 Rn. 11; Urteil vom 05.04.2011 – II ZR 263/​08, ZIP 2011, 1104 Rn. 17[]
  6. BGH, Urteil vom 10.05.2016 – II ZR 342/​14, BGHZ 210, 186 Rn. 22[]
  7. BGH, Urteil vom 24.01.2012 – II ZR 109/​11, BGHZ 192, 236 Rn. 13 ff.; Urteil vom 10.05.2016 – II ZR 342/​14, BGHZ 210, 186 Rn. 22 f.[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 13.02.2006 – II ZR 62/​04, ZIP 2006, 703 Rn. 37 f.[]