Erle­di­gung im unter­neh­mens­recht­li­chen Ver­fah­ren

Im Ver­fah­ren auf Ermäch­ti­gung einer Aktio­närs­min­der­heit zur Ein­be­ru­fung einer Haupt­ver­samm­lung und Ergän­zung der Tages­ord­nung gem. § 122 Abs. 1 bis 3 AktG tritt eine Haupt­sa­cheer­le­di­gung ein, wenn die Haupt­ver­samm­lung ent­spre­chend dem Ver­lan­gen geset­zes- und sat­zungs­ge­mäß ein­be­ru­fen und durch­ge­führt wor­den ist. Im unter­neh­mens­recht­li­chen Ver­fah­ren wird ein Rechts­mit­tel mit der Erle­di­gung der Haupt­sa­che grund­sätz­lich ins­ge­samt unzu­läs­sig, wenn kein Fall des § 62 Abs. 1 FamFG vor­liegt oder der Rechts­mit­tel­füh­rer sein Rechts­mit­tel nicht in zuläs­si­ger Wei­se auf den Kos­ten­punkt beschränkt.

Erle­di­gung im unter­neh­mens­recht­li­chen Ver­fah­ren

Ein bereits ein­ge­leg­tes Rechts­mit­tel wird im Ver­fah­ren der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit mit der Erle­di­gung der Haupt­sa­che grund­sätz­lich ins­ge­samt unzu­läs­sig, wenn kein Fall des § 62 Abs. 1 FamFG vor­liegt oder der Rechts­mit­tel­füh­rer sein Rechts­mit­tel nicht in zuläs­si­ger Wei­se auf den Kos­ten­punkt beschränkt [1]. Mit der Erle­di­gung ent­fällt das Rechts­schutz­be­dürf­nis für das Rechts­mit­tel. Im Ver­fah­ren der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit tritt eine Erle­di­gung der Haupt­sa­che ein, wenn der Ver­fah­rens­ge­gen­stand durch ein Ereig­nis, das eine Ver­än­de­rung der Sach- und Rechts­la­ge bewirkt, weg­ge­fal­len ist, so dass die Wei­ter­füh­rung des Ver­fah­rens kei­nen Sinn mehr hät­te, da eine Sach­ent­schei­dung nicht mehr erge­hen kann [2].

Im Ver­fah­ren auf Ermäch­ti­gung einer Aktio­närs­min­der­heit zur Ein­be­ru­fung einer Haupt­ver­samm­lung und Ergän­zung der Tages­ord­nung gem. § 122 Abs. 1 bis 3 AktG tritt eine Haupt­sa­cheer­le­di­gung ein, wenn die Haupt­ver­samm­lung ent­spre­chend dem Ver­lan­gen geset­zes- und sat­zungs­ge­mäß ein­be­ru­fen und durch­ge­führt wor­den ist [3]. Wenn die Haupt­ver­samm­lung über die mit der bean­trag­ten Ermäch­ti­gung gewünsch­ten Beschluss­ge­gen­stän­de abge­stimmt hat und ein Abstim­mungs­er­geb­nis fest­ge­stellt ist, ist der Ver­fah­rens­ge­gen­stand für das Ermäch­ti­gungs­ver­fah­ren nach § 122 Abs. 3 AktG ent­fal­len. Das Ermäch­ti­gungs­ver­fah­ren dient der Durch­set­zung des Min­der­hei­ten­ver­lan­gens nach § 122 Abs. 1 und 2 AktG. Mit der Durch­füh­rung der Haupt­ver­samm­lung und der Beschluss­fas­sung über Ergän­zungs­an­trä­ge ist das Min­der­hei­ten­ver­lan­gen erfüllt. § 122 Abs. 1 und 2 AktG gewähr­leis­tet einer Min­der­heit von Aktio­nä­ren, dass die Haupt­ver­samm­lung zusam­men­tritt und sich mit Ange­le­gen­hei­ten befasst, deren Behand­lung die Min­der­heit wünscht. Damit erhält die Min­der­heit zugleich die Mög­lich­keit, ande­re Aktio­nä­re für die von ihr gewünsch­te Beschluss­fas­sung zu gewin­nen und bei einer Ableh­nung ihrer Anträ­ge den ent­spre­chen­den Beschluss der Haupt­ver­samm­lung einer gericht­li­chen Nach­prü­fung zu unter­zie­hen [4].

Die Recht­mä­ßig­keit der Ermäch­ti­gung ist nach der Beschluss­fas­sung auf einer sat­zungs- und geset­zes­mä­ßig ein­be­ru­fe­nen Haupt­ver­samm­lung ohne Bedeu­tung. Wegen der Gestal­tungs­wir­kung der gericht­li­chen Ermäch­ti­gung kann die Anfech­tung des gefass­ten Beschlus­ses nicht dar­auf gestützt wer­den, dass die Ermäch­ti­gung nicht hät­te erteilt wer­den dür­fen; deren Wirk­sam­keit ist viel­mehr im Ver­fah­ren nach § 122 Abs. 3 AktG zu über­prü­fen [5]. Eine Auf­he­bung der Ermäch­ti­gung im Beschwer­de­ver­fah­ren oder Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren nach Beschluss­fas­sung der Haupt­ver­samm­lung hat aus die­sem Grund eben­so wenig wie eine Bestä­ti­gung Bedeu­tung für die Wirk­sam­keit der gefass­ten Beschlüs­se [6].

Das Ver­fah­ren ist auch erle­digt, wenn über die mit einem Antrag nach § 122 Abs. 2 AktG ver­lang­ten Beschluss­ge­gen­stän­de unab­hän­gig von der erteil­ten Ermäch­ti­gung Beschluss gefasst wor­den ist. Auch dann ist ein Ver­lan­gen der Min­der­heit erfüllt.

Ob mit der Beschluss­fas­sung auf der Haupt­ver­samm­lung der Ermäch­ti­gungs­be­schluss des Amts­ge­richts voll­zo­gen wur­de oder von der auf­grund des Antrags erteil­ten Ermäch­ti­gung Gebrauch gemacht wur­de, ist dafür ohne Bedeu­tung.

Der Ein­tritt der Erle­di­gung ist im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren zu beach­ten. Eine Bin­dung des Rechts­be­schwer­de­ge­richts an die inso­weit feh­len­den Fest­stel­lun­gen des Beschwer­de­ge­richts (§ 74 Abs. 3 Satz 4 FamFG, § 559 ZPO) besteht nicht. Neu vor­ge­tra­ge­ne Tat­sa­chen, wel­che die in jeder Lage des Ver­fah­rens von Amts wegen zu prü­fen­de Zuläs­sig­keit der Rechts­be­schwer­de betref­fen, sind vom Rechts­be­schwer­de­ge­richt zu berück­sich­ti­gen. Dazu gehö­ren ins­be­son­de­re die Tat­sa­chen, die zu einer Erle­di­gung der Haupt­sa­che wäh­rend des Rechts­be­schwer­de­ver­fah­rens füh­ren [7].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. Mai 2012 – II ZB 17/​11

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 08.12.2011 – V ZB 170/​11, WM 2012, 300 Rn. 5; Beschluss vom 03.12.1986 – IVb ZB 35/​84, FamRZ 1987, 469; Beschluss vom 10.02.1983 – V ZB 18/​82, BGHZ 86, 393, 395; OLG Mün­chen, AG 2006, 590, 591[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 25.11.1981 – IVb ZB 756/​81, NJW 1982, 2505, 2506; Beschluss vom 10.10.2010 – V ZB 78/​10, FGPrax 2011, 39[]
  3. vgl. KG, NZG 2003, 441, 442; Wer­ner in Groß­komm. AktG, 4. Aufl., § 122 Rn. 67; Noack/​Zetzsche in KK-AktG, 3. Aufl., § 122 Rn. 110; Reger in Bürgers/​Körber, AktG, 2. Aufl., § 122 Rn. 22; Butz­ke in Obermüller/​Werner/​Winden, Die Haupt­ver­samm­lung der Akti­en­ge­sell­schaft, 4. Aufl., Rn. B 125; Wag­ner, ZZP 1992 [105], 294, 300[]
  4. KG, NZG 2003, 441, 443; Rieckers in Spindler/​Stilz, AktG, 2. Aufl., § 122 Rn. 1; Münch­Komm-Akt­G/­Ku­bis, 2. Aufl., § 122 Rn. 1[]
  5. RGZ 170, 88, 93 zur Genos­sen­schaft; OLG Düs­sel­dorf, ZIP 1997, 1153, 1158[]
  6. Noack/​Zetzsche in KK-AktG, 3. Aufl., § 122 Rn. 124; Rieckers in Spindler/​Stilz, AktG, 2. Aufl., § 122 Rn. 68; Münch­Komm-Akt­G/­Ku­bis, 2. Aufl., § 122 Rn. 64; Münch­Komm-Akt­G/Hüffer, 3. Aufl., § 241 Rn. 29; Wer­ner in Groß­komm. AktG, 4. Aufl., § 122 Rn. 85; K. Schmidt in Groß­komm. AktG, 4. Aufl., § 241 Rn. 45; Butz­ke in Obermüller/​Werner/​Winden, Die Haupt­ver­samm­lung der Akti­en­ge­sell­schaft, 4. Aufl., Rn. B 127; Wag­ner, ZZP 1992 [105], 294, 303[]
  7. BGH, Beschluss vom 31.03.2011 – V ZB 83/​10, juris Rn. 7; Keidel/​MeyerHolz, FamFG, 17. Aufl., § 74 Rn. 39, 41; Unger in SchulteBunert/​Weinreich, FamFG, 3. Aufl., § 74 Rn.20, 23[]