Geschäfts­füh­rer­haf­tung wegen man­gel­haf­ter Organ­sa­ti­on

Der Geschäfts­füh­rer einer Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung muss für eine Orga­ni­sa­ti­on sor­gen, die ihm die zur Wahr­neh­mung sei­ner Pflich­ten erfor­der­li­che Über­sicht über die wirt­schaft­li­che und finan­zi­el­le Situa­ti­on der Gesell­schaft jeder­zeit ermög­licht [1].

Geschäfts­füh­rer­haf­tung wegen man­gel­haf­ter Organ­sa­ti­on

Nach § 64 Abs. 2 Satz 1 GmbHG in der bis 31.10.2008 gül­ti­gen Fas­sung ist der Geschäfts­füh­rer der Gesell­schaft zum Ersatz von Zah­lun­gen ver­pflich­tet, die nach Ein­tritt der Zah­lungs­un­fä­hig­keit oder Fest­stel­lung der Über­schul­dung geleis­tet wur­den. Nach dem revi­si­ons­recht­lich zu unter­stel­len­den Sach­ver­halt sind die objek­ti­ven Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen erfüllt. Das Beru­fungs­ge­richt hat offen gelas­sen, ob die Schuld­ne­rin Ende 2003 über­schul­det war, so dass für das Revi­si­ons­ver­fah­ren dem Vor­trag des Klä­gers ent­spre­chend davon aus­zu­ge­hen ist, dass zu die­sem Zeit­punkt Insol­venz­rei­fe unter dem Gesichts­punkt der Über­schul­dung bestand. Mit dem Ein­tritt der Insol­venz­rei­fe begann das aus § 64 Abs. 2 Satz 1 GmbHG aF fol­gen­de Zah­lungs­ver­bot [2]. Auf eine Fest­stel­lung der Über­schul­dung durch den Geschäfts­füh­rer kommt es unge­ach­tet der schein­bar abwei­chen­den For­mu­lie­rung des Geset­zes nicht an [3].

Die Haf­tung des Geschäfts­füh­rers setzt nach § 64 Abs. 2 Satz 1 GmbHG aF Ver­schul­den vor­aus. Ein­fa­che Fahr­läs­sig­keit genügt. Maß­stab ist nach § 64 Abs. 2 Satz 2 GmbHG aF die Sorg­falt eines ordent­li­chen Geschäfts­manns. Auf die indi­vi­du­el­len Fähig­kei­ten des in Anspruch genom­me­nen Geschäfts­füh­rers kommt es nicht an; man­geln­de Sach­kennt­nis ent­schul­digt ihn nicht [4].

Zu Las­ten eines Geschäfts­füh­rers, der in der in § 64 Abs. 2 GmbHG aF beschrie­be­nen Lage der Gesell­schaft Zah­lun­gen aus dem Gesell­schafts­ver­mö­gen leis­tet, wird ver­mu­tet, dass er dabei schuld­haft, näm­lich nicht mit der von einem Ver­tre­tungs­or­gan einer Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung zu for­dern­den Sorg­falt gehan­delt hat [5]. Als Aus­gangs­punkt des sub­jek­ti­ven Tat­be­stands des § 64 Abs. 2 GmbHG aF reicht die Erkenn­bar­keit der Insol­venz­rei­fe aus, wobei die Erkenn­bar­keit als Teil des Ver­schul­dens ver­mu­tet wird [6].

Von dem Geschäfts­füh­rer einer Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung wird erwar­tet, dass er sich über die wirt­schaft­li­che Lage der Gesell­schaft stets ver­ge­wis­sert. Hier­zu gehört ins­be­son­de­re die Prü­fung der Insol­venz­rei­fe. Bei Anzei­chen einer Kri­se hat er sich durch Auf­stel­lung eines Ver­mö­gens­sta­tus einen Über­blick über den Ver­mö­gens­stand zu ver­schaf­fen. Der Geschäfts­füh­rer han­delt fahr­läs­sig, wenn er sich nicht recht­zei­tig die erfor­der­li­chen Infor­ma­tio­nen und die Kennt­nis­se ver­schafft, die er für die Prü­fung benö­tigt, ob er pflicht­ge­mäß Insol­venz­an­trag stel­len muss. Sofern er nicht über aus­rei­chen­de per­sön­li­che Kennt­nis­se ver­fügt, muss er sich gege­be­nen­falls fach­kun­dig bera­ten las­sen [7].

Ob der Geschäfts­füh­rer sei­ner Pflicht zur lau­fen­den Beob­ach­tung der wirt­schaft­li­chen Lage des Unter­neh­mens und nähe­ren Über­prü­fung im Fal­le kri­sen­haf­ter Anzei­chen hin­rei­chend nach­ge­kom­men ist, kann nur unter umfas­sen­der Berück­sich­ti­gung der für die Gesell­schaft wirt­schaft­lich rele­van­ten Umstän­de beur­teilt wer­den, die dem Geschäfts­füh­rer bekannt waren oder bekannt sein muss­ten. Dem Geschäfts­füh­rer, der die Ver­mu­tung schuld­haf­ten Ver­hal­tens zu wider­le­gen hat, obliegt es, die Grün­de vor­zu­tra­gen und zu erläu­tern, die ihn gehin­dert haben, eine tat­säch­lich bestehen­de Insol­venz­rei­fe der Gesell­schaft zu erken­nen. Bei der Bewer­tung die­ses Vor­brin­gens ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Geschäfts­füh­rer einer Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung für eine Orga­ni­sa­ti­on sor­gen muss, die ihm die zur Wahr­neh­mung sei­ner Pflich­ten erfor­der­li­che Über­sicht über die wirt­schaft­li­che und finan­zi­el­le Situa­ti­on der Gesell­schaft jeder­zeit ermög­licht [8].

Bun­des­ge­richts­hof, Ver­säum­nis­ur­teil vom 19. Juni 2012 – II ZR 243/​11

  1. Bestä­ti­gung von BGH, Urteil vom 20.02.1995 – II ZR 9/​94, ZIP 1995, 560[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 16.03.2009 – II ZR 280/​07, ZIP 2009, 860 Rn. 12[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 29.11.1999 – II ZR 273/​98, BGHZ 143, 184, 185[]
  4. Scholz/​K. Schmidt, GmbHG, 10. Aufl., § 64 Anh. Rn. 48; Haas in Baumbach/​Hueck, GmbHG, 19. Aufl., § 64 Rn. 84[]
  5. vgl. nur BGH, Urteil vom 27.03.2012 – II ZR 171/​10, ZIP 2012, 1174, Rn. 13 m.w.N.[]
  6. BGH, Urteil vom 29.11.1999 – II ZR 273/​98, BGHZ 143, 184, 185; Urteil vom 15.03.2011 – II ZR 204/​09, ZIP 2011, 1007 Rn. 38; Urteil vom 27.03.2012 – II ZR 171/​10, ZIP 2012, 1174 Rn. 13[]
  7. BGH, Urteil vom 06.06.1994 – II ZR 292/​91, BGHZ 126, 181, 199; Urteil vom 20.02.1995 – II ZR 9/​94, ZIP 1995, 560, 561; Urteil vom 14.05.2007 – II ZR 48/​06, ZIP 2007, 1265 Rn. 16; Urteil vom 27.03.2012 – II ZR 171/​10, ZIP 2012, 1174, Rn. 15[]
  8. BGH, Urteil vom 20.02.1995 – II ZR 9/​94, ZIP 1995, 560, 561; Klein­diek in Lutter/​Hommelhoff, GmbHG, 17. Aufl., § 43 Rn. 23; Zöllner/​Noack in Baumbach/​Hueck, GmbHG, 19. Aufl., § 35 Rn. 33[]