Kein Mehr­stimm­recht für die Kom­ple­men­tä­rin einer Publi­kums-KG

Der Kom­ple­men­tä­rin einer Publi­kums-KG, die eine umsatz­ab­hän­gi­ge Ver­gü­tung erhält und am Gewinn und Ver­lust der Gesell­schaft nicht betei­ligt ist, kann gesell­schafts­ver­trag­lich ein Mehr­stimm­recht bei der Beschluss­fas­sung über eine Ände­rung des Gesell­schafts­ver­tra­ges (hier: Kapi­tal­erhö­hung) nicht ein­ge­räumt wer­den.

Kein Mehr­stimm­recht für die Kom­ple­men­tä­rin einer Publi­kums-KG

Das der Kom­ple­men­tä­rin im Gesell­schafts­ver­tra­ges zuge­bil­lig­te Mehr­stimm­recht ist, zumin­dest soweit es um gesell­schafts­ver­trags­än­dern­de Beschlüs­se geht, unwirk­sam. Ggf. käme inso­weit auch eine ein­schrän­ken­de Aus­le­gung des Gesell­schafts­ver­tra­ges in Betracht. Auf die­se Abgren­zung kommt es für das Land­ge­richt Stutt­gart vor­lie­gend nicht ent­schei­dend an.

Aller­dings ist selbst im Fal­le einer Publi­kums-KG § 12 Abs. 2 Akti­en­ge­setz, wonach Mehr­stimm­rech­te unzu­läs­sig sind, nicht ent­spre­chend anwend­bar. Es han­delt sich hier­bei um eine spe­zi­el­le Rege­lung für "gro­ße" Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten, die kei­ne Gel­tung bean­spru­chen kann für Gesell­schaf­ten, deren Mit­glie­der sich für eine per­so­nen­ge­sell­schafts­recht­li­che Gesell­schafts­form ent­schie­den haben. Dass die Publi­kums-KG kör­per­schaft­lich struk­tu­riert ist, recht­fer­tigt nicht die unbe­se­he­ne Anwen­dung von für beson­de­re For­men von Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten vor­ge­se­he­nen Bestim­mun­gen )(ver­glei­che BGH NJW 2011,1140)).

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs unter­lie­gen Gesell­schafts­ver­trä­ge von kör­per­schaft­lich struk­tu­rier­ten Publi­kums­ge­sell­schaf­ten der Inhalts­kon­trol­le. Die wesent­li­chen Merk­ma­le der Publi­kums­ge­sell­schaft sind dar­in zu sehen, dass sie auf der Betei­li­gung einer unbe­stimm­ten Viel­zahl erst noch zu wer­ben­der Gesell­schaf­ter ange­legt ist, die sich nur kapi­ta­lis­tisch an ihr betei­li­gen und mehr oder weni­ger zufäl­lig zusam­men­ge­führt wer­den. In der Öffent­lich­keit gewor­ben, müs­sen die Anle­ger den fer­tig for­mu­lier­ten Gesell­schafts­ver­trag hin­neh­men, auf des­sen inhalt­li­che Aus­ge­stal­tung sie kei­nen irgend­wie gear­te­ten, ihre Inter­es­sen wah­ren­den Ein­fluss aus­üben kön­nen. Bei der Inhalts­kon­trol­le von Publi­kums­ge­sell­schafts­ver­trä­gen geht es des­halb nicht nur um die Behe­bung von Infor­ma­ti­ons­de­fi­zi­ten. Viel­mehr dür­fen die Anle­ger, wenn sie bei ihrem Bei­tritt ein bereits fer­tig vor­for­mu­lier­tes Ver­trags­werk vor­fin­den, erwar­ten, dass die Grün­der und Initia­to­ren des Pro­jekts bei des­sen Erstel­lung nicht ein­sei­tig und aus­schließ­lich ihre Inter­es­sen durch­zu­set­zen ver­su­chen, indem sie unter Aus­nut­zung der für ganz ande­re Betei­li­gungs­ver­hält­nis­se ein­ge­räum­ten Ver­trags­ge­stal­tungs­frei­heit gesetz­li­chen Rege­lun­gen, die den Beson­der­hei­ten der Mas­sen­ge­sell­schaft Rech­nung tra­gen, aus­wei­chen und statt­des­sen ein Ver­trags­werk schaf­fen, das die Lei­tungs­or­ga­ne einer wirk­sa­men Kon­trol­le der Anle­ger ent­zieht oder die Anle­ger in einer sonst der recht­li­chen Wer­tung wider­spre­chen­den Wei­se recht­los stellt. Rege­lun­gen, die ohne aus­rei­chen­den sach­li­chen Grund ein­sei­tig die Belan­ge der Grün­dungs­ge­sell­schaf­ter oder der Kom­ple­men­tä­re der Kom­man­dit­ge­sell­schaft begüns­ti­gen, sind nich­tig 1.

Der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ist zen­tra­les Instru­ment des Min­der­hei­ten­schut­zes im Gesell­schafts­recht, ins­be­son­de­re auch bei der Publi­kums­ge­sell­schaft. Im all­ge­mei­nen unter­liegt er der Par­tei­dis­po­si­ti­on, vor­lie­gend gel­ten jedoch die soeben erläu­ter­ten Vor­be­hal­te recht­li­cher Über­prü­fung. Grund­sätz­lich unzu­läs­sig ist hier­nach die will­kür­li­che Ungleich­be­hand­lung der Gesell­schaf­ter 2. Son­der­rech­te, ins­be­son­de­re wenn dem Vor­teil kein nen­nens­wer­tes Risi­ko gegen­über­steht, kön­nen ein Ungleich­ge­wicht der Gesell­schaf­ter unter­ein­an­der begrün­den und die Unwirk­sam­keit der ent­spre­chen­den Rege­lun­gen bewir­ken 3.

Der Auf­fas­sung, das Mehr­stimm­recht der Kom­ple­men­tä­rin sei schon des­halb gerecht­fer­tigt, weil die­se als ein­zi­ge Gesell­schaf­te­rin das vol­le wirt­schaft­li­che Risi­ko tra­ge und voll haf­te, ver­mag das Land­ge­richt Stutt­gart nicht zuzu­stim­men. Nach dem Gesell­schafts­ver­trag erhält im hier ent­schie­de­nen Fall die Kom­ple­men­tä­rin (eine Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung mit dem gesetz­li­chen Min­dest­ka­pi­tal) für die Über­nah­me der per­sön­li­chen Haf­tung und die Geschäfts­füh­rungs­tä­tig­kei­ten eine jähr­li­che Ver­gü­tung in Höhe von 3,5% der Umsatz­er­lö­se ohne Mehr­wert­steu­er in den Jah­ren 2004 bis 2013 und 4,5% ab 2014. Die Kom­ple­men­tä­rin erbringt nach § Abs. 1 des Gesell­schafts­ver­tra­ges kei­ne Ein­la­ge und hat kei­nen Kapi­tal­an­teil. Sie ist dem­entspre­chend nicht am Ergeb­nis der Kom­man­dit­ge­sell­schaft betei­ligt.

Nach­dem die Kom­ple­men­tä­rin eine nach­hal­ti­ge, gewinn­un­ab­hän­gi­ge Ver­gü­tung erhält und ande­rer­seits nicht an dem wirt­schaft­li­chen Ergeb­nis der Tätig­keit der Kom­man­dit­ge­sell­schaft betei­ligt ist, ver­mag der Gedan­ke ihrer unbe­schränk­ten per­sön­li­chen Haf­tung das von ihr in Anspruch genom­me­ne Mehr­stimm­recht i.H.v.20 % der gezeich­ne­ten Haft­sum­me nicht zu recht­fer­ti­gen. Der Gedan­ke der Kon­ti­nui­tät der Geschäfts­füh­rung hat für die Fra­ge der Ände­rung des Gesell­schafts­ver­tra­ges, wor­um es vor­lie­gend geht, kei­ner­lei Bedeu­tung.

Durch Mehr­heits­be­schluss kann bei einer Publi­kums­ge­sell­schaft selbst ohne nähe­re Bestim­mung des von der Mehr­heits­klau­sel erfass­ten Beschluss­ge­gen­stan­des eine Kapi­tal­erhö­hung beschlos­sen wer­den 4. Die Wirk­sam­keit des Beschlus­ses setzt aller­dings vor­aus, dass jeder Kom­man­di­tist die Mög­lich­keit erhält, ent­spre­chend sei­ner bis­he­ri­gen Kapi­tal­be­tei­li­gung an der Kapi­tal­erhö­hung teil­zu­neh­men 5. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind vor­lie­gend nicht gewähr­leis­tet.

Land­ge­richt Frei­burg, Urteil vom 25. Janu­ar 2013 – 12 O 133/​12

  1. BGHZ 104,50[]
  2. Henssler/​Strohn/​Servatius, Gesell­schafts­recht Anhang HGB Rdnr. 68[]
  3. BGH, Urteil vom 07.02.1994 – II ZR 188/​92[]
  4. BGHZ 191,293[]
  5. vgl. BGHZ 66, 82[]