Kün­di­gungs­schutz für den GmbH-Geschäfts­füh­rer

Im Anstel­lungs­ver­trag des Geschäfts­füh­rers einer GmbH kann nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­ge­richts­ho­fes ver­ein­bart wer­den, dass die mate­ri­el­len Regeln des Kün­dungs­schutz­ge­set­zes zu Guns­ten des Organ­mit­glieds gel­ten sol­len. In einem sol­chen Fall ist durch Aus­le­gung des Ver­tra­ges fest­zu­stel­len, ob sich die Gesell­schaft in Anleh­nung an §§ 9 f. KSchG gegen Abfin­dung aus dem Ver­trag lösen kann.

Kün­di­gungs­schutz für den GmbH-Geschäfts­füh­rer

Die Par­tei­en eines Geschäfts­füh­rer­dienst­ver­tra­ges sind aus Rechts­grün­den nicht gehin­dert, die ent­spre­chen­de Gel­tung der mate­ri­el­len Kün­di­gungs­schutz­re­ge­lun­gen des § 1 KSchG ver­trag­lich zu ver­ein­ba­ren.

Der Anstel­lungs­ver­trag des Geschäfts­füh­rers einer GmbH ist ein auf die Geschäfts­be­sor­gung durch Aus­übung des Geschäfts­füh­rer­am­tes gerich­te­ter frei­er Dienst­ver­trag [1], der nach­ran­gig zum gesell­schafts­recht­li­chen Organ­ver­hält­nis [2] die­je­ni­gen Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen dem Geschäfts­füh­rer und der Gesell­schaft regelt, wel­che nicht bereits durch die organ­schaft­li­che Stel­lung des Geschäfts­füh­rers vor­ge­ge­ben sind. Man­gels Vor­lie­gens eines Arbeits­ver­hält­nis­ses fin­den die Vor­schrif­ten des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes kei­ne Anwen­dung. Dies wird durch die gesetz­li­che Rege­lung in § 14 Abs. 1 Nr. 1 KSchG bestä­tigt, wel­che im Wege einer nega­ti­ven Fik­ti­on die Unan­wend­bar­keit der all­ge­mei­nen Kün­di­gungs­schutz­be­stim­mun­gen im ers­ten Abschnitt des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes für Organ­ver­tre­ter einer juris­ti­schen Per­son unab­hän­gig von der kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung des Anstel­lungs­ver­hält­nis­ses im Ein­zel­fall anord­net [3].

Die recht­li­che Ein­stu­fung des Geschäfts­füh­rer­an­stel­lungs­ver­tra­ges als frei­er Dienst­ver­trag schließt es aber nicht aus, dass die Par­tei­en in Aus­übung ihrer pri­vat­au­to­no­men Gestal­tungs­frei­heit die ent­spre­chen­de Gel­tung arbeits­recht­li­cher Nor­men ver­ein­ba­ren und auf die­se Wei­se deren Rege­lungs­ge­halt zum Ver­trags­in­halt machen [4]. Wegen der Nach­ran­gig­keit des Anstel­lungs­ver­hält­nis­ses gegen­über der Organ­stel­lung dür­fen sol­che dienst­ver­trag­li­chen Abre­den aller­dings nicht in die gesetz­li­che oder sta­tu­ta­ri­sche Aus­ge­stal­tung des Organ­ver­hält­nis­ses ein­grei­fen. Der ver­trag­li­che Gestal­tungs­spiel­raum der Par­tei­en wird daher durch die zwin­gen­den Anfor­de­run­gen begrenzt, wel­che sich im Inter­es­se einer Gewähr­leis­tung der Funk­ti­ons­tüch­tig­keit der Gesell­schaft aus dem Organ­ver­hält­nis erge­ben. Die­se Gren­ze pri­vat­au­to­no­mer Gestal­tung wird, so der Bun­des­ge­richts­hof, durch die Ver­ein­ba­rung über die ent­spre­chen­de Gel­tung der mate­ri­el­len Vor­schrif­ten des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes nicht über­schrit­ten.

Da Organ- und Anstel­lungs­ver­hält­nis nach dem der Rege­lung des § 38 Abs. 1 GmbHG zu ent­neh­men­den Tren­nungs­grund­satz in ihrem Bestand unab­hän­gig von­ein­an­der sind [5], wird die Bestel­lungs- und Abbe­ru­fungs­frei­heit der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung durch die Ein­schrän­kung der Mög­lich­keit einer ordent­li­chen Kün­di­gung des Anstel­lungs­ver­tra­ges nur mit­tel­bar berührt. Die wirt­schaft­li­chen Belas­tun­gen, wel­che für die Gesell­schaft dar­aus erwach­sen kön­nen, dass bei frei wider­ruf­li­cher Bestel­lung des Geschäfts­füh­rers das Anstel­lungs­ver­hält­nis wegen feh­len­der Recht­fer­ti­gung der ordent­li­chen Kün­di­gung nach Maß­ga­be des ent­spre­chend anwend­ba­ren § 1 KSchG nicht auf­ge­löst wer­den kann, sind zwar geeig­net, die Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung in ihrer Abbe­ru­fungs­ent­schei­dung zu beein­flus­sen. Die­se mit­tel­ba­re Aus­wir­kung wird aber, wie der in § 38 Abs. 1 GmbHG aus­drück­lich gere­gel­te Vor­be­halt zuguns­ten der sich aus bestehen­den Ver­trä­gen erge­ben­den Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che zeigt, vom Gesetz grund­sätz­lich hin­ge­nom­men.

Hin­zu kommt, dass § 38 Abs. 2 GmbHG es zulässt, die Abbe­ruf­bar­keit des Geschäfts­füh­rers durch sta­tu­ta­ri­sche Rege­lun­gen bis zur Gren­ze wich­ti­ger Grün­de ein­zu­schrän­ken. In einer von der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung für die Gesell­schaft pri­vat­au­to­nom ver­ein­bar­ten Gestal­tung des Anstel­lungs­ver­tra­ges, wel­che bei frei wider­ruf­li­cher Bestel­lung des Geschäfts­füh­rers die Auf­lö­sung des Anstel­lungs­ver­hält­nis­ses durch ordent­li­che Kün­di­gung von einer Recht­fer­ti­gung durch einen Kün­di­gungs­grund im Sin­ne des ent­spre­chend gel­ten­den § 1 KSchG abhän­gig macht, kann vor die­sem Hin­ter­grund schon wegen der Mög­lich­keit der frist­lo­sen Kün­di­gung nach § 626 Abs. 1 BGB bei Vor­lie­gen eines wich­ti­gen Grun­des kein Ein­griff in die orga­ni­sa­ti­ons­recht­li­che Bin­nen­struk­tur der Gesell­schaft gese­hen wer­den, wel­cher deren Funk­ti­ons­tüch­tig­keit beein­träch­tigt und es des­halb recht­fer­ti­gen könn­te, einer ent­spre­chen­den Par­tei­ver­ein­ba­rung die Aner­ken­nung zu ver­sa­gen. Dass die Maß­stä­be für das Vor­lie­gen eines wich­ti­gen Grun­des nach § 38 Abs. 2 GmbHG und § 626 Abs. 1 BGB wegen des unter­schied­li­chen Bezugs­punk­tes für die Zumut­bar­keits­er­wä­gun­gen nicht völ­lig deckungs­gleich sind [6], führt zu kei­ner ande­ren Bewer­tung.

Sähe man in der Ver­ein­ba­rung einer Ein­schrän­kung der Mög­lich­keit zur ordent­li­chen Kün­di­gung des Anstel­lungs­ver­tra­ges eine Beein­träch­ti­gung der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Gesell­schaft, wäre schließ­lich auch die Zuläs­sig­keit von auf län­ge­re Dau­er befris­tet oder auf­lö­send bedingt geschlos­se­nen Anstel­lungs­ver­trä­gen in Fra­ge gestellt, deren Wirk­sam­keit – soweit ersicht­lich – bis­lang all­ge­mein aner­kannt wird. Für die Rechts­an­wen­dung ergä­be sich hier­aus die wei­te­re Not­wen­dig­keit, die zeit­li­che Gren­ze zu bestim­men, bis zu wel­cher ein Anstel­lungs­ver­hält­nis durch Par­tei­ver­ein­ba­rung befris­tet wer­den kann. Anders als das Akti­en­recht in § 84 Abs. 1 Satz 5 AktG ent­hält das GmbH-Gesetz aber gera­de kei­ne gesetz­li­che Rege­lung der maxi­ma­len Lauf­zeit des Geschäfts­füh­rer­an­stel­lungs­ver­tra­ges.

Der Wirk­sam­keit einer Ver­ein­ba­rung über die ent­spre­chen­de Gel­tung der mate­ri­el­len Kün­di­gungs­schutz­re­ge­lun­gen ste­hen Vor­schrif­ten des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes nicht ent­ge­gen.

Bei der Bestim­mung des § 1 KSchG han­delt es sich um ein­sei­tig zwin­gen­des Recht, von wel­chem zum Nach­teil der begüns­tig­ten Arbeit­neh­mer nicht abge­wi­chen wer­den kann [7]. Eine Aus­deh­nung des Kün­di­gungs­schut­zes auf ver­trag­li­cher Grund­la­ge ist aber zuläs­sig, so dass sich aus dem Kün­di­gungs­schutz­ge­setz kei­ne Beden­ken gegen die Wirk­sam­keit einer Ver­ein­ba­rung erge­ben, die auf eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des all­ge­mei­nen Kün­di­gungs­schut­zes über des­sen gesetz­lich gere­gel­ten Gel­tungs­be­reich hin­aus abzielt [8]. Auch die Vor­schrift des § 14 Abs. 1 Nr. 1 KSchG bie­tet kei­nen Anhalt dafür, dass mit der dort getrof­fe­nen Abgren­zung des gesetz­li­chen Anwen­dungs­be­reichs des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes zugleich die Mög­lich­keit einer abwei­chen­den ver­trag­li­chen Abre­de zu Guns­ten des Geschäfts­füh­rers [9] aus­ge­schlos­sen wer­den soll­te [10].

Die Fra­ge, in wel­chem Umfang und mit wel­chen inhalt­li­chen Modi­fi­ka­tio­nen die jewei­li­gen Rege­lun­gen des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes kraft der von den Par­tei­en getrof­fe­nen Ver­trags­ab­re­de ange­wandt wer­den sol­len, ist vor­ran­gig durch Aus­le­gung der Ver­ein­ba­rung zu beant­wor­ten. Die in dem vom Bun­des­ge­richts­hofs ent­schie­de­nen Fall maß­geb­li­che Ver­trags­klau­sel des Anstel­lungs­ver­tra­ges, wonach zu Guns­ten des Geschäfts­füh­rers die Bestim­mun­gen des deut­schen Kün­di­gungs­schutz­rechts für Ange­stell­te gel­ten, zielt nach Wort­laut und Sinn­zu­sam­men­hang der zur Ver­trags­be­en­di­gung ver­ein­bar­ten Bestim­mun­gen dar­auf ab, dem Geschäfts­füh­rer für den Fall einer ordent­li­chen Kün­di­gung des Geschäfts­füh­rer­dienst­ver­tra­ges durch die Gesell­schaft über die ver­ein­bar­te Kün­di­gungs­frist hin­aus eine zusätz­li­che, den Schutz­wir­kun­gen des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes ent­spre­chen­de Rechts­po­si­ti­on ein­zu­räu­men, die dar­in besteht, die Wirk­sam­keit der Kün­di­gung vom Erfor­der­nis eines Kün­di­gungs­grun­des im Sin­ne des § 1 Abs. 2 KSchG abhän­gig zu machen. Ver­ein­ba­rungs­ge­mäß gel­ten sol­len die mate­ri­el­len Kün­di­gungs­schutz­re­geln, ohne dass es auf die gesetz­li­chen Anwen­dungs­vor­aus­set­zun­gen des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes ankommt. Die Rege­lung des § 23 KSchG ist für den hier indi­vi­du­al-ver­trag­lich ver­ab­re­de­ten all­ge­mei­nen Kün­di­gungs­schutz eben­so wenig von Bedeu­tung wie die feh­len­de Arbeit­nehmer­ei­gen­schaft des Geschäfts­füh­rers. Die Wirk­sam­keit der ver­ein­bar­ten ent­spre­chen­den Gel­tung des in § 1 KSchG gere­gel­ten all­ge­mei­nen Kün­di­gungs­schut­zes kann schließ­lich ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts nicht unter Hin­weis auf die pro­zess­recht­li­chen Bestim­mun­gen des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes ver­neint wer­den.

Auch die Ver­trags­auf­lö­sung durch rich­ter­li­che Ent­schei­dung nach § 14 Abs. 2 Satz 2, § 9 Abs. 1 Satz 2 KSchG ist einer modi­fi­zie­ren­den Par­tei­ver­ein­ba­rung zugäng­lich. Da Gestal­tungs­kla­gen nur in den gesetz­lich vor­ge­se­he­nen Fäl­len zuläs­sig sind [11], kann die rich­ter­li­che Auf­lö­sungs­be­fug­nis zwar von den Par­tei­en nicht unmit­tel­bar ver­ein­bart wer­den. Der über­ein­stim­men­de Wil­le der Ver­trags­par­tei­en kann sich aber in der Wei­se auch auf die in § 14 Abs. 2 Satz 2, § 9 Abs. 1 Satz 2, § 10 KSchG gere­gel­te Mög­lich­keit der Ver­trags­auf­lö­sung bezie­hen, dass der Gesell­schaft im Fal­le einer wegen feh­len­der mate­ri­el­ler Recht­fer­ti­gung unwirk­sa­men Kün­di­gung das Recht ein­ge­räumt wer­den soll, durch ein­sei­ti­ge Erklä­rung das Anstel­lungs­ver­hält­nis gegen Gewäh­rung einer ange­mes­se­nen Abfin­dung auf­zu­he­ben, deren Höhe im Rah­men des § 10 KSchG nach Maß­ga­be der §§ 315 ff. BGB zu bestim­men ist. Eine sol­che Aus­le­gung kann sich auf die Über­le­gung stüt­zen, dass die mit der ver­ein­bar­ten ent­spre­chen­den Gel­tung des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes ver­folg­ten Inten­tio­nen der Par­tei­en regel­mä­ßig nicht dahin gehen wer­den, dem Geschäfts­füh­rer eine über die Schutz­wir­kun­gen des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes weit hin­aus­ge­hen­de, u. U. zu einer jahr­zehn­te­lan­gen Zah­lungs­pflicht der Gesell­schaft füh­ren­de Rechts­po­si­ti­on zu gewäh­ren.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Mai 2010 – II ZR 70/​09

  1. vgl. BGH, Urteil vom 10.01.2000 – II ZR 251/​98, ZIP 2000, 508, 509; Klein­diek in Lutter/​Hommelhoff, GmbHG 17. Aufl. Anh. zu § 6 Rdn. 3[]
  2. BGH, Urteil vom 29.05.1989 – II ZR 220/​88, ZIP 1989, 1190, 1191 zur AG; Goe­t­te, Fest­schrift Wie­de­mann, S. 873, 881[]
  3. BGH, Beschluss vom 08.01.2007 – II ZR 267/​05, ZIP 2007, 910 Tz. 6; Urteil vom 10.01.2000, a.a.O., S. 510[]
  4. vgl. Fleck, ZHR 149, 387, 401 ff.[]
  5. BGH, Urteil vom 26.06.1995 – II ZR 109/​94, ZIP 1995, 1334, 1335[]
  6. Ulmer/​Paefgen, GmbHG § 38 Rdn. 41[]
  7. Dör­ner in Ascheid, Kün­di­gungs­recht § 1 KSchG Rdn. 5 f.; v. Hoy­nin­gen-Hue­n­e/­Linck, KSchG 14. Aufl. § 1 Rdn. 9 ff.; MünchKommBGB/​Hergenröder 5. Aufl. § 1 KSchG Rdn. 20[]
  8. Preis, NZA 1997, 1256, 1259[]
  9. v. Hoy­nin­gen-Hue­n­e/­Linck aaO § 14 Rdn. 12[]
  10. a. A. Bauer/​Arnold, ZIP 2010, 709, 712 f.[]
  11. BGHZ 26, 25, 30; Ass­mann in Wieczorek/​Schütz, ZPO 3. Aufl. vor § 253 Rdn. 15; Roth in Stein/​Jonas, ZPO 22. Aufl. vor § 253 Rdn. 91; Gru­ne­wald, ZZP 101, 152[]