Mehr­heits­er­for­der­nis­se in einer Publi­kums­ge­sell­schaft bür­ger­li­chen Rechts

Ver­langt der Gesell­schafts­ver­trag einer Publi­kums­ge­sell­schaft bür­ger­li­chen Rechts für die Fest­stel­lung der Aus­ein­an­der­set­zungs­bi­lanz als Grund­la­ge der Ver­lust­aus­gleichs­pflicht nach Auf­lö­sung der Gesell­schaft kei­ne qua­li­fi­zier­te Mehr­heit, ist ein mit ein­fa­cher Mehr­heit gefass­ter Beschluss von einer gesell­schafts­ver­trag­li­chen Klau­sel gedeckt, nach der Beschlüs­se grund­sätz­lich mit ein­fa­cher Mehr­heit zu fas­sen sind.

Mehr­heits­er­for­der­nis­se in einer Publi­kums­ge­sell­schaft bür­ger­li­chen Rechts

Beschlüs­se in einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts sind ein­stim­mig zu fas­sen (vgl. § 709 Abs. 1 BGB). Es steht den Gesell­schaf­tern jedoch grund­sätz­lich frei, im Gesell­schafts­ver­trag das nach dem Gesetz gel­ten­de Ein­stim­mig­keits­er­for­der­nis durch das Mehr­heits­prin­zip zu erset­zen (vgl. § 709 Abs. 2 BGB). Der Gesell­schafts­ver­trag der Klä­ge­rin ent­hält für die Beschluss­fas­sung über die Fest­stel­lung einer Aus­ein­an­der­set­zungs­bi­lanz, die zur Ermitt­lung des zur Berich­ti­gung der gemein­schaft­li­chen Schul­den im Sin­ne von § 733 Abs. 1, § 735 BGB von den Gesell­schaf­tern benö­tig­ten Betrags auf­ge­stellt wor­den ist (im Fol­gen­den nur: Aus­ein­an­der­set­zungs­bi­lanz), eine sol­che Rege­lung.

§ 17 Nr. 3 Satz 1 GV bestimmt, dass sämt­li­che Beschlüs­se der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung mit ein­fa­cher Mehr­heit gefasst wer­den, soweit nicht das Gesetz oder der Gesell­schafts­ver­trag aus­drück­lich eine abwei­chen­de Mehr­heit vor­schrei­ben. Danach genügt für die Beschluss­fas­sung über die Fest­stel­lung der Aus­ein­an­der­set­zungs­bi­lanz die ein­fa­che Mehr­heit, da weder das Gesetz noch der Gesell­schafts­ver­trag für die­sen Beschluss­ge­gen­stand aus­drück­lich eine ande­re Mehr­heit vor­schrei­ben.

Zwar wird im Gesell­schafts­ver­trag der Klä­ge­rin nicht aus­drück­lich aus­ge­spro­chen, dass für die Beschluss­fas­sung über die Aus­ein­an­der­set­zungs­bi­lanz die ein­fa­che Mehr­heit genügt. Für die for­mel­le Legi­ti­ma­ti­on einer auf die Mehr­heits­klau­sel gestütz­ten Mehr­heits­ent­schei­dung ist es aber aus­rei­chend, dass sich – wie hier 1 – durch Aus­le­gung des Gesell­schafts­ver­tra­ges ein­deu­tig ergibt, dass der betref­fen­de Beschluss­ge­gen­stand einer Mehr­heits­ent­schei­dung unter­wor­fen sein soll; einer Auf­zäh­lung der von der Mehr­heits­klau­sel erfass­ten Beschluss­ge­gen­stän­de im Ein­zel­nen bedarf es hier­für grund­sätz­lich nicht, und zwar auch dann nicht, wenn es sich um ein frü­her soge­nann­tes „Grund­la­gen­ge­schäft“ han­delt 2.

Ist die Ent­schei­dung der Mehr­heit der Gesell­schaf­ter von einer Mehr­heits­klau­sel im Gesell­schafts­ver­trag gedeckt, ist aller­dings auf einer zwei­ten Stu­fe zu prü­fen, ob sie sich als treu­pflicht­wid­ri­ge Aus­übung der Mehr­heits­macht gegen­über der Min­der­heit mit der Fol­ge dar­stellt, dass sie inhalt­lich unwirk­sam ist 3.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Novem­ber 2011 – II ZR 272/​09

  1. vgl. dazu näher BGH, Urteil vom 15.11.2011 – II ZR 266/​09 Rn. 17 ff.[]
  2. BGH, Urteil vom 15.01.2007 – II ZR 245/​05, BGHZ 170, 283 Rn. 6, 9 – OTTO; Urteil vom 24.11.2008 – II ZR 116/​08, BGHZ 179, 13 Rn. 15 – Schutz­ge­mein­schafts­ver­trag II[]
  3. BGH, Urteil vom 15.01.2007 – II ZR 245/​05, BGHZ 170, 283 Rn. 10 – OTTO; Urteil vom 24.11.2008 – II ZR 116/​08, BGHZ 179, 13 Rn. 17 – Schutz­ge­mein­schafts­ver­trag II[]