Mus­ter­ent­scheid im Ver­fah­ren gegen die MLP AG

Das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he hat sei­nen Mus­ter­ent­scheid im Ver­fah­ren gegen die MLP AG und deren frü­he­ren Vor­stands­vor­sit­zen­den erlas­sen. Nach dem Mus­ter­ent­scheid des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he sind bei der MLP AG zwar Bilan­zie­rungs­feh­ler vor­han­den, es ist aber kein Vor­satz bezüg­lich feh­ler­haf­ter Finanz­kenn­zah­len fest­stell­bar.

Mus­ter­ent­scheid im Ver­fah­ren gegen die MLP AG

In 32 Par­al­lel­ver­fah­ren machen Aktio­nä­re der MLP AG bei dem Land­ge­richt Hei­del­berg Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen die­se und teils gegen ihren frü­he­ren Vor­stands­vor­sit­zen­den mit dem Vor­wurf gel­tend, den bei­den Beklag­ten fal­le eine vor­sätz­li­che sit­ten­wid­ri­ge Schä­di­gung der Anle­ger wegen der Ver­öf­fent­li­chung feh­ler­haf­ter Kapi­tal­markt­in­for­ma­tio­nen in den Jah­ren 1998 bis 2002 in Form von Ad-hoc-Mit­tei­lun­gen, Geschäfts­be­rich­ten, Pres­se­mit­tei­lun­gen und Inter­views zur Last. Der Gesamt­be­trag der Scha­dens­er­satz­for­de­run­gen beläuft sich auf über 30 Mil­lio­nen Euro. Die Klä­ger haben soge­nann­te Mus­ter­fest­stel­lungs­an­trä­ge nach dem Kapi­tal­an­le­ger­mus­ter­ver­fah­rens­ge­setz (Kap­MuG) gestellt. Das Land­ge­richt Hei­del­berg hat am 30.12.2008 einen Vor­la­ge­be­schluss erlas­sen und dem Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he meh­re­re Fest­stel­lungs­zie­le vor­ge­legt, um so eine ein­heit­li­che Klä­rung der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen her­bei­zu­füh­ren. Das Ober­lan­des­ge­richt hat einen Muster­klä­ger bestimmt.

Die Mus­ter­be­klag­te zu 1, die MLP AG, ist die Füh­rungs­hol­ding der aus meh­re­ren Gesell­schaf­ten bestehen­den MLP-Grup­pe, wel­che Bank- und Ver­si­che­rungs­dienst­leis­tun­gen erbringt und in deren Vor­stand seit 1999 als Vor­stands­vor­sit­zen­der – der Mus­ter­be­klag­te zu 2 war. Eine maß­geb­li­che Rol­le in die­sem Ver­fah­ren spie­len zwei Toch­ter­ge­sell­schaf­ten, die MLP Finanz­dienst­leis­tun­gen AG (MLP FDL) und die – mitt­ler­wei­le ver­äu­ßer­te – MLP Lebens­ver­si­che­rung AG (MLP Leben). Wäh­rend die MLP Leben unter ande­rem eige­ne fonds­ge­bun­de­ne Lebens­ver­si­che­run­gen anbot, betä­tig­te sich die MLP FDL als Ver­si­che­rungs­mak­le­rin, wozu sie sich selbst­stän­di­ger Han­dels­ver­tre­ter bedien­te. Die Pro­duk­te der MLP Leben wur­den über ein Ver­triebs­netz von Ver­mitt­lern der MLP FDL ver­trie­ben. Die MLP FDL erhielt auf­grund eines mit der MLP Leben geschlos­se­nen Cour­ta­ge­ver­tra­ges für die Ver­mitt­lung von Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trä­gen Pro­vi­sio­nen, deren Aus­zah­lung im Gegen­satz zu dem in die­ser Zeit bran­chen­üb­li­chen Pro­vi­si­ons­mo­dell auf die Dau­er der Bei­trags­zah­lung, höchs­tens jedoch auf 12 Jah­re, ver­teilt wur­de. Der Muster­klä­ger macht Scha­dens­er­satz­an­sprü­che wegen einer Ver­brei­tung von feh­ler­haf­ten Kenn­zah­len aus Kon­zern­bi­lan­zen sowie Gewinn- und Ver­lust­rech­nun­gen gel­tend, die auf der bilan­zi­el­len Behand­lung der Erträ­ge aus Fac­to­ring- und Rück­ver­si­che­rungs­ge­schäf­ten die­ser bei­den Toch­ter­ge­sell­schaf­ten beru­hen.

Die der MLP FDL zukünf­tig zuste­hen­den Pro­vi­sio­nen aus dem Ver­si­che­rungs­grund­ge­schäft waren Gegen­stand von Fac­to­ring­ver­trä­gen. Die Ein­nah­men aus die­sen Fac­to­ring­ge­schäf­ten wur­den in den nach den Vor­schrif­ten des Han­dels­ge­setz­buchs zu erstel­len­den Jah­res­ab­schlüs­sen der MLP FDL in vol­ler Höhe als Erträ­ge ver­bucht. Rück­stel­lun­gen für das Risi­ko des Bestands und der Durch­setz­bar­keit der abge­tre­te­nen For­de­run­gen wur­den jedoch in den Jah­ren 1998 bis 2001 nicht oder nur in gerin­gem Umfang gebil­det.

Die MLP Leben ver­ein­bar­te mit einem Rück­ver­si­che­rer die Über­nah­me eines Teils der Risi­ken und Prä­mi­en. Für die Über­nah­me die­ser Risi­ken soll­te die MLP Leben Rück­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge leis­ten, umge­kehrt wur­de die Zah­lung von Rück­ver­si­che­rungs­pro­vi­sio­nen an die MLP Leben ver­ein­bart. Die aus dem Rück­ver­si­che­rungs­ver­trag erziel­ten Pro­vi­sio­nen wur­den in den Bilan­zen der MLP Leben ertrags­wirk­sam aus­ge­wie­sen. Rück­stel­lun­gen für Ver­bind­lich­kei­ten wur­den für das Rück­ver­si­che­rungs­ge­schäft nicht gebil­det.

Das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he hat nun nach Ein­ho­lung eines umfang­rei­chen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens mit dem Mus­ter­ent­scheid vom 16. Novem­ber 2012 fest­ge­stellt, dass die MLP FDL gegen das gesetz­li­che Gebot zur Bil­dung von Rück­stel­lun­gen für unge­wis­se Ver­bind­lich­kei­ten ver­sto­ßen hat, indem sie Erlö­se aus den von ihr in den Jah­ren 1998 bis 2001 betrie­be­nen Fac­to­ring­ge­schäf­ten gewinn­er­hö­hend in die Gewinn- und Ver­lust­rech­nung ein­ge­stellt hat, aber die gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen Rück­stel­lun­gen für dar­aus resul­tie­ren­de Ein­stands­pflich­ten gegen­über dem jewei­li­gen Fac­tor nicht gebil­det und nicht gewinn­min­dernd in der Gewinn- und Ver­lust­rech­nung aus­ge­wie­sen hat. Er hat wei­ter fest­ge­stellt, dass die MLP Leben im Zeit­raum vom 01.01.2001 bis zum 31.12.2002 gegen ihre Pas­si­vie­rungs­pflicht ver­sto­ßen hat, indem sie für Rück­ver­si­che­rungs­pro­vi­sio­nen aus einem Rück­ver­si­che­rungs­ver­trag kei­ne pas­si­ven Rech­nungs­ab­gren­zungs­pos­ten gebil­det habe, obwohl dies wegen des Pro­vi­si­ons­mo­dells erfor­der­lich gewe­sen wäre. Dar­an schließt sich die Fest­stel­lung an, dass jede auf der feh­ler­haf­ten Bilan­zie­rungs­pra­xis beru­hen­de Kenn­zahl zum Kon­zern­er­geb­nis und Kon­zern­um­satz der MLP AG feh­ler­haft war.
Soweit der Muster­klä­ger die Fest­stel­lung bean­tragt hat, dass der dama­li­ge Vor­stands­vor­sit­zen­de bil­li­gend in Kauf genom­men habe, dass die feh­ler­haf­ten Kenn­zah­len zum Kon­zern­er­geb­nis oder Kon­zern­um­satz in Kapi­tal­markt­in­for­ma­tio­nen der Beklag­ten ver­brei­tet wor­den sei­en, dass er mit Schä­di­gungs­vor­satz gehan­delt habe und dass die Ver­brei­tung der feh­ler­haf­ten Kenn­zah­len sit­ten­wid­rig gewe­sen sei, und dies der MLP AG auch zuzu­rech­nen sei, hat der Senat die Anträ­ge zurück­ge­wie­sen.

Zur Fra­ge der vor­sätz­li­chen Ver­brei­tung unrich­ti­ger Kenn­zah­len hat das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he aus­ge­führt, dass schon nicht fest­ge­stellt wer­den konn­te, dass der frü­he­re Vor­stands­vor­sit­zen­de bei der Ver­öf­fent­li­chung der feh­ler­haf­ten Kenn­zah­len zumin­dest mit beding­tem Vor­satz gehan­delt habe. Hin­rei­chen­de Anhalts­punk­te, die für einen Schä­di­gungs­vor­satz und die Sit­ten­wid­rig­keit sei­nes Han­delns spre­chen könn­ten, sei­en nicht ersicht­lich. Gegen eine vor­sätz­li­che Ver­öf­fent­li­chung feh­ler­haf­ter Bilanz­kenn­zah­len sprä­chen unter ande­rem Umfang und Erkenn­bar­keit der fest­ge­stell­ten Bilan­zie­rungs­feh­ler. Der Rück­stel­lungs­be­darf aus den Fac­to­ring­ge­schäf­ten habe nur mit erheb­li­chem Auf­wand und fun­dier­ten bilanz­recht­li­chen und ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­schen Kennt­nis­sen ermit­telt wer­den kön­nen. Hin­zu kom­me, dass der fest­ge­stell­te Rück­stel­lungs­be­darf nicht den Schluss zulas­se, dass von einer gra­vie­ren­den Abwei­chung der zu beach­ten­den Bilan­zie­rungs­grund­sät­ze gespro­chen wer­den kön­ne, es lie­ge inso­weit jeden­falls kei­ne gro­be Unrich­tig­keit der Bilanz vor. Auch habe kein Anlass für die Annah­me bestan­den, dass wegen der unter­las­se­nen Rück­stel­lun­gen für Fac­to­ring­ge­schäf­te kon­kre­te Scha­dens­fol­gen bei den Anle­gern zu erwar­ten gewe­sen sei­en. Der errech­ne­te Rück­stel­lungs­be­darf aus den Fac­to­ring­ge­schäf­ten füh­re nicht dazu, dass die von MLP AG ver­öf­fent­lich­ten Gewinn­wachs­tums­ra­ten von 30 Pro­zent signi­fi­kant unter­schrit­ten wor­den wären. Auch bei einer Berück­sich­ti­gung des Rück­stel­lungs­be­darfs hät­te für die Geschäfts­jah­re 1998 bis 2001 ein ste­tig anstei­gen­des Kon­zern­er­geb­nis zwi­schen 46,5 Mil­lio­nen Euro und 145,4 Mil­lio­nen Euro aus­ge­wie­sen wer­den kön­nen. Man­gels gro­ber Unrich­tig­keit der Bilan­zie­rung feh­le es auch an einem Umstand, der die Sit­ten­wid­rig­keit begrün­den könn­te. Ein sit­ten­wid­ri­ges Ver­hal­ten lie­ge nur dann vor, wenn die Hand­lung gegen das Anstands­ge­fühl aller bil­lig und gerecht Den­ken­den ver­sto­ße. Gemes­sen dar­an sei­en die Vor­aus­set­zun­gen schon auf­grund der Kom­ple­xi­tät der Bilan­zie­rungs­fra­gen und der rela­tiv gerin­gen Aus­wir­kun­gen auf das Bilanz­er­geb­nis nicht erfüllt. Eine vor­sätz­li­che Ver­öf­fent­li­chung feh­ler­haf­ter Bilanz­kenn­zah­len hin­sicht­lich des Ver­sto­ßes der MLP Leben gegen die Pas­si­vie­rungs­pflicht im Zusam­men­hang mit dem Rück­ver­si­che­rungs­ge­schäft schei­de von vorn­her­ein aus. Der Ver­stoß gegen die Pas­si­vie­rungs­pflicht habe eine nach­voll­zieh­ba­re Grund­la­ge in der damals übli­chen Bilan­zie­rungs­pra­xis. Für das hier ver­ein­bar­te neu­ar­ti­ge Pro­vi­si­ons­mo­dell gab es nach den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen sei­ner­zeit kei­ne publi­zier­ten Bilan­zie­rungs­grund­sät­ze. Dem­zu­fol­ge sind auch Anhalts­punk­te, die hin­sicht­lich der Bilan­zie­rung des Rück­ver­si­che­rungs­ge­schäfts den Vor­wurf der bewuss­ten Schä­di­gung bzw. der Sit­ten­wid­rig­keit recht­fer­ti­gen könn­ten, nicht ersicht­lich.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 16.11.2012 – 17 Kap 1/​09