Nieß­brauch am GmbH-Anteil und die Eigen­ka­pi­tal­er­satz­vor­schrif­ten

Der Nieß­brau­cher eines GmbH-Geschäfts­an­teils kann Adres­sat der Eigen­ka­pi­tal­er­satz­re­geln sein.

Nieß­brauch am GmbH-Anteil und die Eigen­ka­pi­tal­er­satz­vor­schrif­ten

Im Schrift­tum herrscht Einig­keit dar­über, dass auf einen Nieß­brau­cher §§ 32a, b GmbHG aF und die sog. Recht­spre­chungs­re­geln zum Eigen­ka­pi­tal­er­satz jeden­falls unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen ent­spre­chend anwend­bar sind.

Ein Mei­nungs­streit besteht ledig­lich inso­weit, als teil­wei­se die Gleich­stel­lung des Nieß­brau­chers mit dem Gesell­schaf­ter dann ange­nom­men wird, wenn sich der Nieß­brauch auf den gesam­ten Geschäfts­an­teil oder jeden­falls auf sei­nen gesam­ten Ertrag erstreckt [1], oder erst dann, wenn der Nieß­brau­cher über den Gesell­schaf­ter auf­grund der Abma­chun­gen im Ein­zel­fall Ein­fluss auf die Gesell­schaft aus­üben kann – vor­nehm­lich bei lang­jäh­ri­ger Berech­ti­gung und ver­gleich­bar mit einem Treu­hand­ver­hält­nis [2]. Die herr­schen­de Mei­nung ori­en­tiert sich dabei an der Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung zum Pfand­gläu­bi­ger und zum stil­len Gesell­schaf­ter. Die­se stellt der Bun­des­ge­richts­hof im Rah­men des Eigen­ka­pi­tal­er­satz­rechts einem Gesell­schaf­ter gleich, wenn ihnen neben ihrer Betei­li­gung am Gewinn der Gesell­schaft in aty­pi­scher Wei­se weit­rei­chen­de Befug­nis­se zur Ein­fluss­nah­me auf die Geschäfts­füh­rung und die Gestal­tung der Gesell­schaft ein­ge­räumt sind, ins­be­son­de­re wenn sie wie ein Gesell­schaf­ter die Geschi­cke der Gesell­schaft mit­zu­be­stim­men berech­tigt sind [3]. Ledig­lich Alt­mep­pen ver­tritt einen enge­ren Stand­punkt. Danach ist der Nieß­brau­cher nur dann einem Gesell­schaf­ter gleich­zu­stel­len, wenn der Gesell­schaf­ter, der den Nieß­brauch bestellt, den Anteil für Rech­nung des Nieß­brau­chers hält oder der Kre­dit wirt­schaft­lich gese­hen aus dem Ver­mö­gen des Bestel­lers auf­ge­bracht wird [4].

Auch die Fra­ge, wel­cher die­ser Mei­nun­gen der Vor­zug zu geben ist, begrün­det kei­ne grund­sätz­li­che Bedeu­tung im Sin­ne des § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO. Denn im vor­lie­gen­den Fall ist die Klä­ge­rin nach allen drei Mei­nun­gen einem Gesell­schaf­ter gleich­zu­stel­len. Der Nieß­brauch der Klä­ge­rin umfasst die gesam­ten Betei­li­gun­gen ihrer Kin­der an der Gesell­schaft. Der Klä­ge­rin ist auch eine Posi­ti­on ein­ge­räumt wor­den, die ihr ent­schei­den­den Ein­fluss auf die Geschi­cke der Gesell­schaft ver­schafft. Sie kann auf­grund der ihr ein­ge­räum­ten Stimm­rechts­voll­mach­ten, die durch das Recht zum Wider­ruf der Schen­kun­gen abge­si­chert sind, auf die Geschi­cke der Gesell­schaft wie ein Gesell­schaf­ter Ein­fluss neh­men. Sie hat dar­über hin­aus bei wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen, selbst wenn sie von den Voll­mach­ten kei­nen Gebrauch macht, ein Wei­sungs­recht. Ohne eine Wei­sung müs­sen sich die Kin­der inso­weit der Stim­me ent­hal­ten. Wei­ter hat sie die glei­chen Infor­ma­ti­ons­rech­te wie ein Gesell­schaf­ter. Auch nach der abwei­chen­den Mei­nung von Alt­mep­pen gilt nichts ande­res. Denn die Kin­der hal­ten die Betei­li­gun­gen für Rech­nung der Klä­ge­rin, da das Nieß­brauchs­recht auf Lebens­zeit ein­ge­räumt ist und alle Vor­tei­le aus der Gesell­schaf­ter­stel­lung der Klä­ge­rin zuste­hen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. April 2011 – II ZR 173/​10

  1. so Pentz in Rowedder/​SchmidtLeithoff, GmbHG, 4. Aufl., § 32a Rn. 74; Ulmer/​Habersack, GmbHG, §§ 32a, b Rn. 152[]
  2. LG Dort­mund, ZIP 1986, 855, 857; Hueck/​Fastrich in Baumbach/​Hueck, GmbHG, 18. Aufl., § 32a Rn. 21; Ulmer in Hach­en­burg, GmbHG, 8. Aufl., § 32a, b Rn. 126; Scholz/​K. Schmidt, GmbHG, 10. Aufl., §§ 32a, b Rn. 152; Lutter/​Hommelhoff, GmbHG, 16. Aufl., § 32a Rn. 52; Strohn in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn, HGB, 2. Aufl., § 172a Rn. 72; Johlke/​Schröder in von Gerkan/​Hommelhoff, Hand­buch des Kapi­tal­er­satz­rechts, 2. Aufl., Rn.05.33; Michalski/​Heidinger, GmbHG, 2. Aufl., § 32a, § 32b aF Rn. 199; Mey­er, Der Nieß­brauch an GmbHGe­schäfts­an­tei­len und an Akti­en, 2002, S. 283[]
  3. BGH, Urteil vom 13.07.1992 – II ZR 251/​91, BGHZ 119, 191, 195 f. zum Pfand­gläu­bi­ger; Urteil vom 07.11.1988 – II ZR 46/​88, BGHZ 106, 7, 10 zum stil­len Gesell­schaf­ter[]
  4. Alt­mep­pen in Roth/​Altmeppen, GmbHG, 06. Aufl., § 32a aF Rn. 181 f.[]