Pro­zess­kos­ten­hil­fe für eine insol­ven­te Han­dels­ge­sell­schaft – und die Klein­ak­tio­nä­re

Eine inlän­di­sche juris­ti­sche Per­son oder par­tei­fä­hi­ge Ver­ei­ni­gung erhält gemäß § 116 Satz 1 Nr. 2 ZPO auf Antrag Pro­zess­kos­ten­hil­fe, wenn die Kos­ten weder von ihr noch von den am Gegen­stand des Rechts­streits wirt­schaft­lich Betei­lig­ten auf­ge­bracht wer­den kön­nen und wenn die Unter­las­sung der Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung all­ge­mei­nen Inter­es­sen zuwi­der­lau­fen wür­de.

Pro­zess­kos­ten­hil­fe für eine insol­ven­te Han­dels­ge­sell­schaft – und die Klein­ak­tio­nä­re

Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall war bereits die ers­te Vor­aus­set­zung nicht erfüllt. Es ist ins­be­son­de­re nicht dar­ge­tan, dass die an der Beklag­ten betei­lig­ten Kom­man­ditak­tio­nä­re nicht in der Lage sei­en, die Kos­ten der Rechts­ver­tei­di­gung im Revi­si­ons­ver­fah­ren antei­lig auf­zu­brin­gen oder dass dem unüber­wind­ba­re orga­ni­sa­to­ri­sche Schwie­rig­kei­ten ent­ge­gen­stün­den.

Die Kom­man­ditak­tio­nä­re sind als Gesell­schaf­ter der Beklag­ten am Gegen­stand des Rechts­streits wirt­schaft­lich betei­ligt. Die Beklag­te ist selbst der Ansicht, dass die Kom­man­ditak­tio­nä­re Gewinn­aus­schüt­tun­gen zurück­zah­len müss­ten, wenn die Kla­ge Erfolg hät­te. Ob die wirt­schaft­lich Betei­lig­ten der Gesell­schaft gegen­über zur antei­li­gen Kos­ten­tra­gung ver­pflich­tet sind, ist für die Anwen­dung von § 116 Satz 1 Nr. 2 ZPO nicht von Bedeu­tung 1. Eben­so ist es im Unter­schied zu § 116 Satz 1 Nr. 1 ZPO uner­heb­lich, ob ihnen eine Kos­ten­be­tei­li­gung zumut­bar ist.

Doch selbst wenn die Beklag­te in Anbe­tracht der Viel­zahl der als Gesell­schaf­ter betei­lig­ten Klein­an­le­ger 2 nicht dar­auf ver­wie­sen wer­den könn­te, dass die Kos­ten von die­sen oder auch von ande­ren wirt­schaft­lich Betei­lig­ten wie dem per­sön­lich haf­ten­den Gesell­schaf­ter, den Mit­glie­dern des Auf­sichts­rats oder gege­be­nen­falls auch den Neben­in­ter­ve­ni­en­ten auf­ge­bracht wer­den kön­nen, ist der Beklag­ten kei­ne Pro­zess­kos­ten­hil­fe zu gewäh­ren. Denn es kann jeden­falls nicht fest­ge­stellt wer­den, dass die Unter­las­sung der Rechts­ver­tei­di­gung gegen die Revi­si­on des Klä­gers all­ge­mei­nen Inter­es­sen zuwi­der­lau­fen wür­de.

Durch die­ses Erfor­der­nis soll ver­hin­dert wer­den, dass mit­tel­lo­se Ver­bän­de eige­ne wirt­schaft­li­che Inter­es­sen auf Kos­ten der All­ge­mein­heit ver­wirk­li­chen. Es trägt den beson­de­ren Ver­hält­nis­sen der juris­ti­schen Per­so­nen und rechts­fä­hi­gen Ver­ei­ni­gun­gen Rech­nung, die eine von der Rechts­ord­nung aner­kann­te Exis­tenz­be­rech­ti­gung nur dann besit­zen, wenn sie in der Lage sind, ihre Zie­le aus eige­ner Kraft zu ver­fol­gen 3.

Der Anwen­dungs­be­reich des § 116 Satz 1 Nr. 2 ZPO beschränkt sich mit­hin auf Sach­ver­hal­te, die grö­ße­re Krei­se der Bevöl­ke­rung oder des Wirt­schafts­le­bens anspre­chen und sozia­le Wir­kun­gen nach sich zie­hen kön­nen 4. Ein all­ge­mei­nes Inter­es­se im Sin­ne die­ser Vor­schrift kann ange­nom­men wer­den, wenn außer den an der Füh­rung des Rechts­streits wirt­schaft­lich Betei­lig­ten ein erheb­li­cher Kreis von Per­so­nen durch die Unter­las­sung der Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wür­de, die Ver­ei­ni­gung gehin­dert wür­de, der All­ge­mein­heit die­nen­de Auf­ga­ben zu erfül­len, oder wenn von der Durch­füh­rung des Pro­zes­ses die Exis­tenz eines Unter­neh­mens abhin­ge, an des­sen Erhal­tung wegen der gro­ßen Zahl von Arbeits­plät­zen ein all­ge­mei­nes Inter­es­se besteht 5. Die­se Vor­aus­set­zun­gen kön­nen auch erfüllt sein, wenn eine erfolg­rei­che Rechts­ver­fol­gung die Befrie­di­gung einer Viel­zahl von Klein­gläu­bi­gern ermög­li­chen wür­de 6.

Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall ist nicht ersicht­lich, dass ohne die beab­sich­tig­te Rechts­ver­tei­di­gung all­ge­mei­ne Inter­es­sen gefähr­det wären. Die der Beklag­ten als Gesell­schaf­ter ange­hö­ren­den Klein­an­le­ger kön­nen inso­weit nicht mit Klein­gläu­bi­gern gleich­ge­stellt wer­den. Die Klein­an­le­ger wer­den nicht als Trä­ger all­ge­mei­ner Inter­es­sen in Mit­lei­den­schaft gezo­gen, son­dern sind wirt­schaft­lich Betei­lig­te am Gegen­stand des Rechts­streits, der auch ihre Berech­ti­gung zum Ein­be­halt von Gewinn­aus­schüt­tun­gen betrifft.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Juli 2019 – II ZR 56/​18

  1. Münch­Komm-ZPO/Wa­che, 5. Aufl., § 116 Rn. 22; Zöller/​Geimer, ZPO, 32. Aufl., § 116 Rn. 22[]
  2. vgl. Münch­Komm-ZPO/Wa­che, 5. Aufl., § 116 Rn. 23[]
  3. BGH, Beschluss vom 10.02.2011 – IX ZB 145/​09, ZIP 2011, 540 Rn. 9; Beschluss vom 05.03.2015 – IX ZB 77/​14, ZIP 2015, 648 Rn. 8[]
  4. BGH, Beschluss vom 20.09.1957 – VII ZR 62/​57, BGHZ 25, 183, 185; Beschluss vom 05.11.1985 – X ZR 23/​85, WM 1986, 405, 406[]
  5. BGH, Beschluss vom 10.02.2011 – IX ZB 145/​09, ZIP 2011, 540 Rn. 10; Beschluss vom 05.03.2015 – IX ZB 77/​14, ZIP 2015, 648 Rn. 9[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 05.11.1985 – X ZR 23/​85, WM 1986, 405, 406; Beschluss vom 24.10.1990 – VIII ZR 87/​90, ZIP 1990, 1565[]