Rechts­schein­haf­tung – und die auf­ge­lös­te GbR

Die Grund­sät­ze der Rechts­schein­haf­tung ana­log § 179 Abs. 1 BGB kom­men auch dann in Betracht, wenn der han­deln­de ehe­ma­li­ge Gesell­schaf­ter einer bereits auf­ge­lös­ten GbR treu­wid­rig den Anschein setzt, dass die allein in Anspruch genom­me­ne GbR nach wie vor exis­tent ist und der Ver­trags­part­ner hier­auf ver­trau­en durf­te.

Rechts­schein­haf­tung – und die auf­ge­lös­te GbR

Die Gesell­schaf­ter einer GbR haf­ten gegen­über Drit­ten für die rechts­ge­schäft­li­chen Ver­bind­lich­kei­ten der GbR grund­sätz­lich umfas­send nach all­ge­mei­nen Regeln als Gesamt­schuld­ner. Die Haf­tung für Ansprü­che Drit­ter erstreckt sich sowohl auf das Gesell­schafts- als auch auf das Pri­vat­ver­mö­gen der Gesell­schaf­ter [1]. Dies gilt für alle Ver­bind­lich­kei­ten aus Rechts­ge­schäf­ten, die für die GbR wirk­sam abge­schlos­sen wur­den. Der Gesell­schaf­ter haf­tet damit sofort und pri­mär, kann also den Gesell­schafts­gläu­bi­ger nicht auf das Gesell­schafts­ver­mö­gen ver­wei­sen [2]. Dies bedeu­tet, dass es dem Gläu­bi­ger grund­sätz­lich frei steht, über deren Teil­rechts­fä­hig­keit die GbR allei­ne oder aber jeden Gesell­schaf­ter per­sön­lich oder gemein­schaft­lich als Gesamt­schuld­ner in Anspruch zu neh­men.

Nach die­sen Grund­sät­zen haf­ten die ehe­ma­li­gen Gesell­schaf­ter einer auf­ge­lös­ten Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts für die Lohn- und Fahrt­kos­ten­er­stat­tungs­an­sprü­che der Klä­ge­rin, die ihr aus der Zeit des Prak­ti­kan­ten- und des Arbeits­ver­hält­nis­ses mit der GbR zuste­hen.

Die bei­den Gesell­schaf­ter der ehe­ma­li­gen GbR haf­ten aber auch für die zur Abgel­tung sämt­li­cher Lohn- und Fahrt­kos­ten­er­stat­tungs­an­sprü­che mit Abschluss des Pro­zess­ver­gleichs über­nom­me­nen Ver­pflich­tung, an die Klä­ge­rin 800, 00 € net­to zu zah­len. Ver­trags­part­ner die­ses Pro­zess­ver­gleichs waren die Klä­ge­rin und die zu die­sem Zeit­punkt bereits auf­ge­lös­te und damit nicht mehr exis­tie­ren­de GbR. Die Haf­tung der (ehe­ma­li­gen) Gesell­schaf­ter folgt aus der Rechts­schein­haf­tung ana­log § 179 Abs. 1 BGB. Da es rechts­miss­bräuch­lich ist, kön­nen sich die Gesell­schaf­ter der ehe­ma­li­gen GbR nicht mit Erfolg dar­auf beru­fen, dass nicht sie, son­dern eine ver­meint­lich noch exis­ten­te GbR, den Pro­zess­ver­gleich abge­schlos­sen hat.

Bei unter­neh­mens­be­zo­ge­nen Rechts­ge­schäf­ten geht der Wil­le der Betei­lig­ten im Zwei­fel dahin, dass der Inha­ber des Unter­neh­mens, in des­sen Tätig­keits­be­reich das rechts­ge­schäft­li­che Han­deln fällt, und nicht der für das Unter­neh­men Han­deln­de der Ver­trags­part­ner wer­den soll [3]. Neben dem Grund­satz, dass der wah­re Rechts­trä­ger durch das unter­neh­mens­be­zo­ge­ne Geschäft berech­tigt und ver­pflich­tet wird, ist Raum für eine Rechts­schein­haf­tung des Han­deln­den, wenn die­ser in zure­chen­ba­rer Wei­se den Ein­druck erweckt, dass der tat­säch­lich nur beschränkt haf­ten­de Unter­neh­mens­trä­ger (GmbH) unbe­schränkt für die Ver­bind­lich­keit haf­te. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­ho­fes, kann es zur Haf­tung des Han­deln­den kraft Rechts­scheins ent­spre­chend § 179 BGB füh­ren, wenn die­ser im Rah­men geschäft­li­cher Ver­hand­lun­gen oder bei Ver­trags­ab­schlüs­sen für eine GmbH die Fir­ma unter Weg­las­sen des Zusat­zes „Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung“ oder „GmbH“ zeich­net [4]. Der Han­deln­de, der gegen­über dem gut­gläu­bi­gen Ver­trags­part­ner den Anschein gesetzt hat, der Unter­neh­mens­trä­ger haf­te als Ein­zel­fir­ma unein­ge­schränkt, haf­tet neben der ver­pflich­te­ten GmbH auf­grund der Rechts­schein­haf­tung ana­log § 179 Abs. 1 BGB gesamt­schuld­ne­risch [5].

Die Grund­sät­ze der Rechts­schein­haf­tung ana­log § 179 Abs. 1 BGB kom­men auch dann in Betracht, wenn der han­deln­de ehe­ma­li­ge Gesell­schaf­ter einer GbR treu­wid­rig den Anschein setzt, dass die in Anspruch genom­me­ne GbR nach wie vor exis­tent ist und der Ver­trags­part­ner hier­auf ver­trau­en durf­te.

In der vor dem Arbeits­ge­richt Lübeck gegen die GbR geführ­ten Lohn­kla­ge [6] ist den Gesell­schaf­tern der ehe­ma­li­gen GbR die Kla­ge zuge­stellt wor­den. Der jet­zi­ge Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der (ehe­ma­li­gen) GbR-Gesell­schaf­ter hat in jenem Ver­fah­ren für die GbR, die zu die­sem Zeit­punkt gar nicht mehr exis­tier­te, eine Ver­tre­tungs­an­zei­ge abge­ge­ben. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te ist mit­hin von den Beklag­ten als ehe­ma­li­ge Gesell­schaf­ter der GbR man­da­tiert wor­den, die beklag­te GbR in dem Vor­pro­zess anwalt­lich zu ver­tre­ten. Einer der Gesell­schaf­ter ist in dem Güte­ter­min, in dem zwi­schen der Klä­ge­rin und der ver­meint­lich noch exis­ten­ten GbR der strit­ti­ge Pro­zess­ver­gleich abge­schlos­sen wur­de, anwe­send gewe­sen. Weder der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten noch der im Ter­min anwe­sen­de Gesell­schaf­ter haben offen gelegt, dass die GbR bereits zuvor auf­ge­löst wur­de und damit nicht mehr als Rechts­trä­ger auf­tre­ten konn­te. Über den von ihnen beauf­trag­ten Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, der die GbR in dem Vor­pro­zess ver­tre­ten hat, haben die Gesell­schaf­ter der vor­ma­li­gen GbR im dor­ti­gen Ver­fah­ren den Rechts­schein gesetzt, die GbR sei noch exis­tent und damit rechts­fä­hig. Die ehe­ma­li­gen GbR-Gesell­schaf­ter ver­hal­ten sich vor die­sem Hin­ter­grund in höchs­tem Maße treu­wid­rig gemäß § 242 BGB, wenn sie sich jetzt dar­auf beru­fen, nicht sie selbst, son­dern die nicht mehr rechts­fä­hi­ge GbR habe den Pro­zess­ver­gleich abge­schlos­sen. Dies gilt ins­be­son­de­re auch ange­sichts der von den ehe­ma­li­gen Gesell­schaf­tern in dem Vor­pro­zess erklär­ten Anfech­tung des Pro­zess­ver­gleichs wegen arg­lis­ti­ger Täu­schung. Die Gesell­schaf­ter der ehe­ma­li­gen GbR haben mit­hin für sich selbst das Recht her­aus­ge­nom­men, den Pro­zess­ver­gleich, den sie selbst nicht als genann­te Ver­trags­part­ner abge­schlos­sen hat­ten, anzu­fech­ten, wol­len aber, nach­dem ihre Anfech­tungs­kla­ge rechts­kräf­tig abge­wie­sen wur­de [7], nun­mehr die Ver­pflich­tun­gen aus dem Pro­zess­ver­gleich nicht gegen sich gel­ten las­sen. Ein sol­ches Ver­hal­ten muss als rechts­miss­bräuch­lich ange­se­hen wer­den. Die GbR-Gesell­schaf­ter schul­den der Klä­ge­rin mit­hin auf­grund der Rechts­schein­haf­tung ana­log § 179 Abs. 1 BGB die Ver­gleichs­sum­me.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig ‑Hol­stein, Urteil vom 19. März 2015 – 5 Sa 348/​14

  1. Palandt/​Sprau, BGB, 74. Aufl., Rn. 11 zu § 714[]
  2. Palandt/​Sprau, a.a.O., Rn. 14 zu § 714[]
  3. BGH, Urteil vom 31.07.2012 – X ZR 154/​11[]
  4. BGH, Urteil vom 12.06.2012 – II ZR 256/​11[]
  5. BGH, Urteil vom 18.05.1998 – II ZR 355/​95[]
  6. ArbG Lübeck, Az. 2 Ca 1709/​11, 2 Ca 1077/​13[]
  7. ArbG Lübeck, Urteil vom 26.09.2013 – 2 Ca 1077/​13[]