Sitz­ver­le­gung der GmbH – und die Han­dels­re­gis­ter­an­mel­dung durch den Pro­ku­ris­ten

Die Pro­ku­ra umfasst nicht die Ver­tre­tungs­macht zur Anmel­dung der Ände­rung der Geschäfts­an­schrift beim Han­dels­re­gis­ter.

Sitz­ver­le­gung der GmbH – und die Han­dels­re­gis­ter­an­mel­dung durch den Pro­ku­ris­ten

Gemäß § 8 Abs. 4 Nr. 1 GmbHG hat der Geschäfts­füh­rer die Geschäfts­an­schrift der GmbH zur Ein­tra­gung in das Han­dels­re­gis­ter anzu­mel­den. Ändert sich die Geschäfts­an­schrift wie hier spä­ter, folgt die Pflicht zur Anmel­dung aus § 31 Abs. 1 HGB. Die Form der Anmel­dung und deren for­mel­le Vor­aus­set­zun­gen rich­ten sich nach § 12 HGB. Aus § 12 Abs. 1 Satz 2 HGB, §§ 10, 378 FamFG folgt, dass grund­sätz­lich die Anmel­dung zum Han­dels­re­gis­ter durch einen Bevoll­mäch­tig­ten mög­lich ist 1. Ent­schei­dend ist, dass die Ver­tre­tungs­macht der­ar­ti­ge Hand­lun­gen erfasst 2

Die Pro­ku­ra umfasst nicht die Ver­tre­tungs­macht zur Anmel­dung der Ände­rung der Geschäfts­an­schrift beim Han­dels­re­gis­ter.

Aller­dings kann die hin­rei­chen­de Ver­tre­tungs­macht des Pro­ku­ris­ten hier nicht unter Hin­weis dar­auf ver­neint wer­den, dass es sich bei der Anmel­dung um eine höchst­per­sön­li­che Erklä­rung han­delt, die nur durch den oder die Geschäfts­füh­rer per­sön­lich erfol­gen kann. Aus dem auch für Anmel­dun­gen nach § 31 Abs. 1 HGB maß­geb­li­chen 3 § 78 GmbHG erge­ben sich der­ar­ti­ge Ein­schrän­kun­gen der Stell­ver­tre­tung nur für den Fall, dass aus­drück­lich die Ver­tre­tung der Gesell­schaft durch sämt­li­che Geschäfts­füh­rer ange­ord­net wird 4. Dies ist bei der Anmel­dung einer Ände­rung der Geschäfts­an­schrift nicht gege­ben.

Eben­so wenig sind Anmel­dun­gen zum Han­dels­re­gis­ter gene­rell von der Ver­tre­tungs­macht des Pro­ku­ris­ten aus­ge­nom­men oder per se Grund­la­gen­ge­schäf­te 5.

Für die Fra­ge, ob die Pro­ku­ra nach § 49 Abs. 1 HGB zur vor­lie­gen­den Rechts­hand­lung ermäch­tigt ist allein ent­schei­dend, ob der mate­ri­el­le Vor­gang eine Grund­la­gen­ent­schei­dung dar­stellt 6. Dies ist vor­lie­gend der Fall.

Der Umfang einer wirk­sam erteil­ten Pro­ku­ra umfasst alle Arten gericht­li­cher und außer­ge­richt­li­cher Geschäf­te und Rechts­hand­lun­gen, die der Betrieb eines Han­dels­ge­wer­bes mit sich bringt (§ 49 Abs. 1 HGB). Sie bezieht sich nicht auf Rechts­hand­lun­gen, die Grund­la­gen­ge­schäf­te dar­stel­len, d.h. auf Geschäf­te, die sich auf die recht­li­che Grund­la­ge des kauf­män­ni­schen Unter­neh­mens bezie­hen; sie ist eine Ver­tre­tungs­macht für Ver­kehrs­ge­schäf­te und umfasst damit nicht das Orga­ni­sa­ti­ons­recht des Unter­neh­mens 7.

Soweit das Amts­ge­richt in sei­ner Zwi­schen­ver­fü­gung einen Zusam­men­hang zwi­schen der Ver­tre­tungs­macht des Pro­ku­ris­ten und der not­wen­di­gen Zuver­läs­sig­keit der ange­ge­be­nen Geschäfts­a­der­es­se andeu­tet, ist dies aller­dings nicht von Bedeu­tung. Der Bun­des­ge­richts­hof hat inso­weit aus­ge­führt, dass der Gesichts­punkt der inhalt­li­chen Rich­tig­keit einer Anmel­dung für die Fra­ge der Ver­tre­tungs­macht des Pro­ku­ris­ten nicht maß­ge­bend ist, weil Anmel­dun­gen gemäß § 12 HGB auch auf­grund einer all­ge­mei­nen Anmel­de­voll­macht erfol­gen kön­nen 8.

Zutref­fend hebt das Amts­ge­richt jedoch dar­auf ab, dass die im Regis­ter geführ­te Geschäfts­an­schrift für die Gesell­schaft von weit­rei­chen­der orga­ni­sa­to­ri­scher Bedeu­tung ist und ihre Anmel­dung daher ein Grund­la­gen­ge­schäft betrifft.

Gemäß § 35 Abs. 2 Satz 3 GmbHG kön­nen an die Ver­tre­ter der Gesell­schaft (§ 35 Abs. 1 Satz 1 und 2 GmbHG) unter der im Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­ge­nen Geschäfts­an­schrift Wil­lens­er­klä­run­gen abge­ge­ben und Schrift­stü­cke für die Gesell­schaft zuge­stellt wer­den. Damit wird die unwi­der­leg­li­che Ver­mu­tung begrün­det, dass die Ver­tre­ter der Gesell­schaft die Mög­lich­keit zur Kennt­nis­nah­me haben 9. Damit soll ver­hin­dert wer­den, dass unse­riö­se Gesell­schaf­ter/​Geschäftsführer die Zustel­lung durch eine stän­di­ge Ver­le­gung der Anschrift oder ähn­li­che Maß­nah­men erschwe­ren 10. Dabei kann es dahin­ste­hen, ob die­se Rechts­wir­kun­gen selbst dann ein­tre­ten, wenn die ein­ge­tra­ge­ne Geschäfts­an­schrift falsch oder inzwi­schen auf­ge­ge­ben ist 11. Im Hin­blick auf die Bedeu­tung die­ser Fest­le­gung für die Gesell­schaft als sol­che liegt ein Grund­la­gen­ge­schäft vor. Dies gilt umso mehr, als die inlän­di­sche Geschäfts­adres­se nach § 8 Abs. 4 Nr. 1 GmbHG will­kür­lich gewählt wer­den kann und ein Zusam­men­hang mit dem Stamm­sitz nicht erfor­der­lich ist 12, so dass der im Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­ge­nen Geschäfts­an­schrift neben dem Sitz der Gesell­schaft eine eigen­stän­di­ge Bedeu­tung zukommt. Die Geschäfts­an­schrift hat mit­hin kei­ne so unter­ge­ord­ne­te Bedeu­tung, als dass ihre Anmel­dung beim Han­dels­re­gis­ter als Geschäft des lau­fen­den Betriebs eines Han­dels­ge­wer­bes anzu­se­hen wäre 13. Ob ein Wech­sel der Geschäfts­an­schrift – wie es das Kam­mer­ge­richt aus­führt 14 – "in der moder­nen Geschäfts­welt von fle­xi­blen Klein- und Mit­tel­un­ter­neh­men z. B. in der IT-Bran­che durch­aus häu­fi­ger anzu­tref­fen" ist, bedarf kei­ner abschlie­ßen­den Ent­schei­dung. Auch wenn dies zutref­fen soll­te, hat doch die Ent­schei­dung, unter wel­cher Anschrift die Geschäf­te tat­säch­lich betrie­ben wer­den, für den Rechts­ver­kehr kei­ne gerin­ge­re prak­ti­sche Bedeu­tung als der sat­zungs­mä­ßi­ge Sitz, für des­sen Ver­le­gung sogar ein Beschluss der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung über eine Sat­zungs­än­de­rung erfor­der­lich wäre. Auch bei häu­fi­ger erfor­der­li­chen Ver­än­de­run­gen der Geschäfts­an­schrift kann es daher den in ers­ter Linie zur Lei­tung der Gesell­schaft beru­fe­nen Geschäfts­füh­rern ange­son­nen wer­den, die­se selbst zum Han­dels­re­gis­ter anzu­mel­den.

Vor­lie­gend besteht folg­lich kei­ne Aus­nah­me von dem Grund­satz, dass es sich bei Anmel­dun­gen des Pro­ku­ris­ten zum Han­dels­re­gis­ter betref­fend das eige­ne Unter­neh­men in der Regel um Grund­la­gen­ge­schäf­te han­delt und mit­hin die Ver­tre­tungs­macht des Pro­ku­ris­ten hier­für nicht aus­reicht 15.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 7. August 2014 – 11 Wx 17/​14

  1. Oetker/​Preuß, HGB, 3. Aufl. § 12 Rn. 37; Münch­Komm-HGB/Kraf­ka, 3. Aufl. § 12 Rn. 25; Ries in Röhricht/​Graf von Westphalen/​Haas, HGB 4. Aufl. § 12 Rn. 9[]
  2. Oetker/​Preuß, HGB, 3. Aufl. § 12 Rn. 37[]
  3. Leit­zen in Gehrlein/​Ekkenga/​Simon, GmbHG § 78 Rn. 2[]
  4. HK-GmbH­G/­Sa­en­ger, 2. Aufl. § 78 Rn. 9; Münch­Komm-HGB/Kraf­ka, 3. Aufl. § 12 Rn. 32[]
  5. BGHZ 116, 190, 193 f.; Münch­Komm-HGB/Krebs, HGB 3. Aufl. § 49 Rn. 35; Staub/​Joost, HGB 5. Aufl. § 49 Rn. 40 m.w.N.[]
  6. BGHZ 116, 190, 193; Münch­Komm-HGB/Krebs, 3. Aufl. Rn. 35[]
  7. Wag­ner in Röhricht/​Graf von Westphalen/​Haas, HGB 4. Aufl. § 49 Rn. 5[]
  8. BGHZ 116, 190, 198 f.[]
  9. Münch­Komm-HGB/S­te­phan/­Tie­ves, § 35 Rn. 171[]
  10. Münch­Komm-GmbH­G/S­te­phan/­Tie­ves, § 35 Rn. 171[]
  11. dafür HK-GmbHG-Lücke/­Si­mon, 2. Aufl. § 35 Rn. 45; Scholz/​Schneider, GmbHG 10. Aufl. Nach­trag MoMiG § 35 Rn. 25; dage­gen Schmidt in Ensthaler/​Füller/​Schmidt, GmbHG 2. Aufl. § 35 Rn. 54; Münch­Komm-GmbH­G/S­te­phan/­Tie­ves, § 35 Rn. 171[]
  12. Baumbach/​Hueck/​Fastrich, GmbHG 20. Aufl. § 4a Rn. 5, § 8 Rn. 17[]
  13. so aber KG, NZG 2014, 150 mit zust. Anm. Kun­kel, juris­PR-HaGesR 2/​2014 Anm. 3[]
  14. KG, a.a.O. 151[]
  15. vgl. Münch­Komm-HGB/Krebs, 3. Aufl. § 49 Rn. 35; Staub/​Joost, HGB 5. Aufl. § 49 Rn. 40; Joost, ZIP 1992 463, 465[]