Ver­jäh­rung für Ansprü­che aus Exis­tenz­ver­nich­tungs­haf­tung

Die regel­mä­ßi­ge Ver­jäh­rung für den Anspruch aus Exis­tenz­ver­nich­tungs­haf­tung gegen den Gesell­schaf­ter-Gesell­schaf­ter einer GmbH beginnt erst zu lau­fen, wenn dem Gläu­bi­ger sowohl die anspruchs­be­grün­den­den Umstän­de als auch die Umstän­de, aus denen sich ergibt, dass der mit­tel­ba­re Gesell­schaf­ter als Schuld­ner in Betracht kommt, bekannt oder infol­ge gro­ber Fahr­läs­sig­keit unbe­kannt sind.

Ver­jäh­rung für Ansprü­che aus Exis­tenz­ver­nich­tungs­haf­tung

Ein Anspruch aus Exis­tenz­ver­nich­tungs­haf­tung nach § 826 BGB ver­jährt, so der Bun­des­ge­richts­hof, nach den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten (§§ 195, 199 BGB) und nicht nach Son­der­ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten des Geset­zes betref­fend die Gesell­schaf­ten mit beschränk­ter Haf­tung 1. Die Haf­tung eines Gesell­schaf­ter-Gesell­schaf­ters, der Adres­sat der Exis­tenz­ver­nich­tungs­haf­tung ist 2, setzt vor­aus, dass er einen Bei­trag zur Exis­tenz­ver­nich­tung der GmbH geleis­tet hat. Die­ser kann auch dar­in bestehen, dass er sich an einem exis­tenz­ver­nich­ten­den Ein­griff durch den Geschäfts­füh­rer der Gesell­schaf­te­rin als Mit­tä­ter, Anstif­ter oder Gehil­fe betei­ligt (§ 830 BGB).

Nach § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB beginnt die regel­mä­ßi­ge Ver­jäh­rungs­frist mit dem Schluss des Jah­res, in dem der Gläu­bi­ger – hier der Klä­ger als Insol­venz­ver­wal­ter 1 – von den den Anspruch begrün­den­den Umstän­den Kennt­nis erlangt oder ohne gro­be Fahr­läs­sig­keit erlan­gen müss­te. Von einer Kennt­nis oder grob­fahr­läs­si­gen Unkennt­nis kann bei der Haf­tung des Teil­neh­mers nur aus­ge­gan­gen wer­den, wenn sowohl die Umstän­de bekannt oder infol­ge gro­ber Fahr­läs­sig­keit unbe­kannt sind, die in Bezug auf die Hand­lung des Haupt­tä­ters einen Ersatz­an­spruch begrün­den, als auch die Umstän­de, aus denen sich ergibt, dass auch der Teil­neh­mer als Haf­ten­der in Betracht kommt 3.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs liegt ein zum Scha­dens­er­satz nach § 826 BGB ver­pflich­ten­der exis­tenz­ver­nich­ten­der Ein­griff dann vor, wenn der Gesell­schaft von ihren Gesell­schaf­tern in sit­ten­wid­ri­ger Wei­se das zur Til­gung ihrer Schul­den erfor­der­li­che Ver­mö­gen ent­zo­gen und dadurch eine Insol­venz ver­ur­sacht oder ver­tieft wird 4. Das Ver­mö­gen wird der Gesell­schaft nur dann ent­zo­gen, wenn der Weg­ga­be von Ver­mö­gen kei­ne gleich­wer­ti­ge Gegen­leis­tung gegen­über­steht 5.

Vor­aus­set­zung der Haf­tung wegen Exis­tenz­ver­nich­tung ist aller­dings, dass durch einen kom­pen­sa­ti­ons­lo­sen Ein­griff die Insol­venz ver­ur­sacht oder eine Insol­venz ver­tieft wird 6. Dazu genügt die Ver­tie­fung einer bestehen­den Über­schul­dung 7.

Der auf­grund eines exis­tenz­ver­nich­ten­den Ein­griffs zu erset­zen­de Scha­den besteht nicht regel­mä­ßig in den im Insol­venz­ver­fah­ren ange­mel­de­ten For­de­run­gen, die nicht befrie­digt wer­den konn­ten.

Zu erset­zen sind die durch den Ein­griff ver­ur­sach­ten Ver­mö­gens­nach­tei­le der Gesell­schaft. Das sind die ent­zo­ge­nen Ver­mö­gens­po­si­tio­nen, insol­venz­be­ding­te Zer­schla­gungs­ver­lus­te sowie ein etwa ent­gan­ge­ner Gewinn der Gesell­schaft 8 und, wenn die Gesell­schaft ohne den Ein­griff nicht insol­venz­reif gewor­den wäre, die Kos­ten des vor­läu­fi­gen Insol­venz­ver­fah­rens und des Insol­venz­ver­fah­rens 9. Die gesam­ten im Insol­venz­ver­fah­ren ange­mel­de­ten For­de­run­gen zuzüg­lich der Kos­ten des (vor­läu­fi­gen) Insol­venz­ver­fah­rens stel­len die Ober­gren­ze dar 10. Die ange­mel­de­ten For­de­run­gen kön­nen daher als Ober­gren­ze nur zu erset­zen sein, wenn ohne den exis­tenz­ver­nich­ten­den Ein­griff alle Gläu­bi­ger hät­ten befrie­digt wer­den kön­nen.

Sofern die Ansprü­che aus einem exis­tenz­ver­nich­ten­den Ein­griff ver­jährt sind, wird nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs zu prü­fen sein, ob und inwie­weit die Vor­aus­set­zun­gen eines – nicht ver­jähr­ten (§ 31 Abs. 5 GmbHG, Art. 229 § 12 Abs. 2 EGBGB) 11 – Anspruchs nach §§ 30, 31 GmbHG (ana­log) gegen den Gesell­schaf­ter-Geschäfts­füh­rer vor­lie­gen. Zwi­schen bei­den Ansprü­chen besteht, soweit sie sich über­schnei­den, Anspruchs­grund­la­gen­kon­kur­renz 12. Der maß­geb­lich betei­lig­te Gesell­schaf­ter-Gesell­schaf­ter ist Adres­sat der Kapi­tal­erhal­tungs­vor­schrif­ten 13. Er ist bei wirt­schaft­li­cher Betrach­tungs­wei­se einem unmit­tel­bar betei­lig­ten Gesell­schaf­ter gleich­zu­stel­len. Jeden­falls wenn er die Aus­zah­lung an eine Gesell­schaft, an der er betei­ligt ist und die er beherrscht, ver­an­lasst hat, ist er auch als Emp­fän­ger der Aus­zah­lung im Sinn von § 31 GmbHG anzu­se­hen 14. Bei der Zah­lung an eine vom Gesell­schaf­ter-Gesell­schaf­ter beherrsch­te Gesell­schaft, die Gesell­schaf­te­rin der GmbH ist, kann inso­weit nichts ande­res gel­ten als bei der Zah­lung an eine mit ihm ver­bun­de­ne drit­te Gesell­schaft, bei der von einer Haf­tung aus­zu­ge­hen ist 15.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. Juli 2012 – II ZR 177/​11

  1. vgl. BGH, Urteil vom 09.02.2009 – II ZR 292/​07, BGHZ 179, 344 Rn. 34 – Sani­ta­ry[][]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 16.07.2007 – II ZR 3/​04, BGHZ 173, 246 Rn. 44 – Tri­ho­tel[]
  3. BGH, Urteil vom 03.05.2011 – XI ZR 374/​08, juris Rn. 64; Urteil vom 25.01.2011 – XI ZR 106/​09, WM 2011, 735 Rn. 59; Urteil vom 13.07.2010 – XI ZR 57/​08, ZIP 2010, 2004 Rn. 46[]
  4. BGH, Urteil vom 16.07.2007 – II ZR 3/​04, BGHZ 173, 246 Rn. 23 ff. – Tri­ho­tel; Urteil vom 23.04.2012 – II ZR 252/​10, ZIP 2012, 1071 Rn. 13[]
  5. BGH, Urteil vom 16.07.2007 – II ZR 3/​04, BGHZ 173, 246 Rn. 51; Urteil vom 23.04.2012 – II ZR 252/​10, ZIP 2012, 1071 Rn. 17[]
  6. BGH, Urteil vom 16.07.2007 – II ZR 3/​04, BGHZ 173, 246 Rn. 16 – Tri­ho­tel[]
  7. BGH, Urteil vom 20.09.2004 – II ZR 302/​02, ZIP 2004, 2138, 2140[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 16.07.2007 – II ZR 3/​04, BGHZ 173, 246 Rn. 33 und 54 f. – Tri­ho­tel[]
  9. BGH, Urteil vom 16.07.2007 – II ZR 3/​04, BGHZ 173, 246 Rn. 57 – Tri­ho­tel[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 16.07.2007 – II ZR 3/​04, BGHZ 173, 246 Rn. 56 – Tri­ho­tel[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 11.02.2008 – II ZR 171/​06, ZIP 2008, 643 Rn. 17 ff.[]
  12. BGH, Urteil vom 16.07.2007 – II ZR 3/​04, BGHZ 173, 246 Rn. 39 – Tri­ho­tel[]
  13. BGH, Urteil vom 21.09.1981 – II ZR 104/​80, BGHZ 81, 311, 315; Urteil vom 24.09.1990 – II ZR 174/​89, ZIP 1990, 1467, 1468; Urteil vom 13.12.2004 – II ZR 206/​02, ZIP 2005, 117, 118; Urteil vom 21.11.2005 – II ZR 277/​03, ZIP 2006, 279, 282; Urteil vom 18.06.2007 – II ZR 86/​06, BGHZ 173, 1 Rn. 12[]
  14. Alt­mep­pen in Roth/​Altmeppen, GmbHG, 7. Aufl., § 30 Rn. 57; Michalski/​Heidinger, GmbHG, 2. Aufl., § 30 Rn. 180; Münch­Komm-GmbH­G/Ek­ken­ga, § 30 Rn. 179; Kuntz in Gehrlein/​Ekkenga/​Simon, GmbHG, § 30 Rn. 69; wohl auch Ulmer/​Habersack, GmbHG, § 30 Rn. 72; Scholz/​Verse, GmbHG, 11. Aufl., § 30 Rn. 49[]
  15. vgl. dazu BGH, Urteil vom 22.10.1990 – II ZR 238/​89, ZIP 1990, 1593, 1595[]