Ver­tre­tung der Akti­en­ge­sell­schaft im Rechts­streit mit dem Vor­stand

Die Ver­tre­tung der Akti­en­ge­sell­schaft im Rechts­streit mit dem Vor­stand ist dem Auf­sichts­rat als Gre­mi­um zuge­wie­sen, das sei­nen Wil­len dadurch bil­det, dass es einen Beschluss fasst. Die­ser Vor­gang ein­heit­li­cher Wil­lens­bil­dung kann nicht durch die Ent­schei­dung eines Auf­sichts­rats­mit­glieds oder des Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den ersetzt wer­den.

Ver­tre­tung der Akti­en­ge­sell­schaft im Rechts­streit mit dem Vor­stand

Erteilt der Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­de im Rechts­streit mit dem Vor­stand eine Pro­zess­voll­macht, ohne zuvor die Ein­wil­li­gung des Auf­sichts­rats ein­ge­holt zu haben, kann der Auf­sichts­rat die­se Hand­lung und die bis­he­ri­ge Pro­zess­füh­rung durch Mehr­heits­be­schluss geneh­mi­gen.

Die durch den Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den der Beklag­ten erteil­te Pro­zess­voll­macht ist ohne Geneh­mi­gung durch den Auf­sichts­rat unwirk­sam. Der Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­de einer Akti­en­ge­sell­schaft kann in einem Rechts­streit der Gesell­schaft mit dem Vor­stand grund­sätz­lich ohne einen ihn hier­zu ermäch­ti­gen­den Auf­sichts­rats­be­schluss kei­ne wirk­sa­me Pro­zess­voll­macht ertei­len.

Die Akti­en­ge­sell­schaft wird in einem Pro­zess mit einem Vor­stands­mit­glied auch nach des­sen Aus­schei­den gemäß § 112 AktG durch ihren Auf­sichts­rat als Organ ver­tre­ten 1. Die im Zusam­men­hang mit der Pro­zess­füh­rung erfor­der­li­che Wil­lens­bil­dung des Auf­sichts­rats erfolgt durch aus­drück­li­chen Beschluss nach § 108 Abs. 1 AktG 2. In die Ent­schei­dungs­be­fug­nis des Auf­sichts­rats fal­len im Pas­siv­pro­zess mit dem Vor­stand die der Ertei­lung einer Pro­zess­voll­macht vor­ge­la­ger­ten, vor­lie­gend rele­van­ten Fra­gen, ob sich die Gesell­schaft gegen die Kla­ge über­haupt ver­tei­di­gen will und ob im Fal­le des Unter­lie­gens in ers­ter Instanz von einem Rechts­mit­tel Gebrauch gemacht wer­den soll. Der in einem hier­über gefass­ten Beschluss zum Aus­druck kom­men­de ein­heit­li­che oder mehr­heit­li­che Wil­le der abstim­men­den Auf­sichts­rats­mit­glie­der stellt den Wil­len des Auf­sichts­rats dar 3. Die­ser Vor­gang ein­heit­li­cher Wil­lens­bil­dung kann nicht durch die Ent­schei­dung eines Auf­sichts­rats­mit­glieds oder des Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den ersetzt wer­den, weil die­se ihren Wil­len abwei­chend vom Auf­sichts­rat bil­den könn­ten 4.

Durch die Ent­schei­dungs­zu­stän­dig­keit des Auf­sichts­rats als Gan­zes ist die Ver­tei­di­gungs­mög­lich­keit der Akti­en­ge­sell­schaft gegen Kla­gen ihrer Vor­stands­mit­glie­der nicht gefähr­det. Bevoll­mäch­tigt der Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­de in Eil­fäl­len einen Rechts­an­walt, ohne zuvor eine Mehr­heits­ent­schei­dung des Auf­sichts­rats her­bei­zu­füh­ren, han­delt er ent­spre­chend § 177 BGB als Ver­tre­ter ohne Ver­tre­tungs­macht 5. Der Auf­sichts­rat kann die­se Hand­lungs­wei­se durch Mehr­heits­be­schluss geneh­mi­gen.

Schließ­lich wird vom Bun­des­ge­richts­hof dar­auf hin­ge­wie­sen, dass in einem Fall wie dem vor­lie­gen­den die Ableh­nung des Antrags, durch Beschluss des Auf­sichts­rats die Pro­zess­füh­rung der Gesell­schaft gegen eine Kla­ge von Vor­stands­mit­glie­dern zu geneh­mi­gen, schon des­halb treu­wid­rig und damit nich­tig sein kann, weil die Kla­ge gegen einen Beschluss des Auf­sichts­rats (hier: auf Abbe­ru­fung der Klä­ger als Vor­stands­mit­glie­der) gerich­tet ist. Die Wei­ge­rung des Auf­sichts­rats, der Akti­en­ge­sell­schaft die Mög­lich­keit zu geben, sich gegen vom Vor­stand erho­be­ne Kla­gen, die die Wirk­sam­keit von Auf­sichts­rats­be­schlüs­sen zum Gegen­stand haben, zu ver­tei­di­gen, wird nur in ganz beson­ders gela­ger­ten Aus­nah­me­fäl­len dem Unter­neh­mens­wohl ent­spre­chen. Es liegt viel­mehr regel­mä­ßig nahe, dass die Auf­sichts­rats­mit­glie­der sich von sach­frem­den Erwä­gun­gen lei­ten las­sen, wenn sie der Gesell­schaft in einem sol­chen Fall die Rechts­ver­tei­di­gung unmög­lich machen. Dies gilt ins­be­son­de­re, wenn wie hier gera­de die Auf­sichts­rats­mit­glie­der, deren Stimm­rechts­aus­übung bei der Fas­sung des von den Vor­stands­mit­glie­dern bean­stan­de­ten Auf­sichts­rats­be­schlus­ses durch den Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den als miss­bräuch­lich gewer­tet wor­den ist, durch die Ver­wei­ge­rung der Geneh­mi­gung der Pro­zess­füh­rung die gericht­li­che Über­prü­fung des Auf­sichts­rats­be­schlus­ses ver­hin­dern.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Mai 2013 – II ZB 1/​11

  1. BGH, Urteil vom 09.10.1986 – II ZR 284/​85, ZIP 1986, 1381, 1382; Urteil vom 22.04.1991 – II ZR 151/​90, ZIP 1991, 796; Urteil vom 16.10.2006 – II ZR 7/​05, ZIP 2006, 2213 Rn. 5; Urteil vom 16.02.2009 – II ZR 282/​07, ZIP 2009, 717 Rn. 7; Zwi­schen­ur­teil vom 29.01.2013 – II ZB 1/​11, ZIP 2013, 483 Rn. 10[]
  2. BGH, Urteil vom 16.10.2006 – II ZR 7/​05, ZIP 2006, 2213 Rn. 8; Urteil vom 16.02.2009 – II ZR 282/​07, ZIP 2009, 717 Rn. 12; Zwi­schen­ur­teil vom 29.01.2013 – II ZB 1/​11 Rn. 11[]
  3. BGH, Urteil vom 06.04.1964 – II ZR 75/​62, BGHZ 41, 282, 286; Zwi­schen­ur­teil vom 29.01.2013 – II ZB 1/​11, ZIP 2013, 483 Rn. 11[]
  4. BGH, Urteil vom 17.03.2008 – II ZR 239/​06, ZIP 2008, 1114 Rn. 11; Zwi­schen­ur­teil vom 29.01.2013 – II ZB 1/​11, ZIP 2013, 483 Rn. 11[]
  5. Hüffer, AktG, 10. Aufl., § 112 Rn. 7; Spind­ler in Spindler/​Stilz, AktG, 2. Aufl., § 122 Rn. 44; K. Schmidt/​Lutter/​Drygala, AktG, 2. Aufl., § 112 Rn.19; Münch­Komm-Akt­G/Ha­ber­sack, 3. Aufl., § 107 Rn. 61; KK-Akt­G/­Mer­ten­s/­Cahn, 3. Aufl., § 107 Rn. 55; Hopt/​Roth in Groß­komm. AktG, 4. Aufl., § 107 Rn. 125, § 112 Rn. 108[]