Ver­ur­tei­lung zur Aus­kunft und Buch­ein­sicht – und die Bemes­sung der Beschwer

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs bemisst sich der gemäß §§ 2, 3 ZPO nach frei­em Ermes­sen fest­zu­set­zen­de Beschwer­de­wert für das Rechts­mit­tel der zur Aus­kunfts­er­tei­lung ver­ur­teil­ten Per­son nach ihrem Inter­es­se, die Aus­kunft nicht ertei­len zu müs­sen.

Ver­ur­tei­lung zur Aus­kunft und Buch­ein­sicht – und die Bemes­sung der Beschwer

Dabei ist im Wesent­li­chen dar­auf abzu­stel­len, wel­chen Auf­wand an Zeit und Kos­ten die Ertei­lung der Aus­kunft erfor­dert und ob die ver­ur­teil­te Per­son ein schüt­zens­wer­tes Inter­es­se dar­an hat, bestimm­te Tat­sa­chen vor dem Geg­ner geheim zu hal­ten 1.

Die­se zur Aus­kunfts­er­tei­lung ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze gel­ten auch für die Ver­ur­tei­lung zur Ein­sichts­ge­wäh­rung in Unter­la­gen 2.

Das Rechts­be­schwer­de­ge­richt kann die Bemes­sung der Beschwer nur dar­auf über­prü­fen, ob das Beru­fungs­ge­richt von dem nach § 3 ZPO ein­ge­räum­ten Ermes­sen rechts­feh­ler­frei Gebrauch gemacht hat. Dies ist ins­be­son­de­re dann nicht der Fall, wenn das Gericht bei der Bewer­tung des Beschwer­de­ge­gen­stan­des maß­geb­li­che Tat­sa­chen ver­fah­rens­feh­ler­haft nicht berück­sich­tigt oder erheb­li­che Tat­sa­chen unter Ver­stoß gegen sei­ne Auf­klä­rungs­pflicht (§ 139 ZPO) nicht fest­ge­stellt hat 3. Denn der Sinn des dem Beru­fungs­ge­richt ein­ge­räum­ten Ermes­sens wür­de ver­fehlt, wenn das Rechts­be­schwer­de­ge­richt berech­tigt und ver­pflich­tet wäre, ein vom Beru­fungs­ge­richt feh­ler­frei aus­ge­üb­tes Ermes­sen durch eine eige­ne Ermes­sens­ent­schei­dung zu erset­zen 4.

Der Aus­kunfts­pflich­te bedarf im Regel­fall für die Durch­füh­rung der Ein­sicht­nah­me in die Bücher und Schrif­ten der Gesell­schaft nicht den Bei­stand eines Steu­er­be­ra­ters, Wirt­schafts­prü­fers oder Fach­an­walts für Steu­er­recht mit Erfah­rung im Gesell­schafts­recht.

Kos­ten für die Hin­zu­zie­hung von sach­kun­di­gen Hilfs­per­so­nen kön­nen nur berück­sich­tigt wer­den, wenn sie zwangs­läu­fig ent­ste­hen, weil der zur Aus­kunft und Gewäh­rung der Ein­sicht­nah­me Ver­pflich­te­te zu einer sach­ge­rech­ten Erfül­lung des Anspruchs allein nicht in der Lage ist 5.

Zwar ist im Aus­gangs­punkt das Ein­sichts­recht des Kom­man­di­tis­ten nach § 166 HGB durch den Zweck begrenzt, ihm eine sach­ge­rech­te Prü­fung der Bilanz zu ermög­li­chen. Es geht nur so weit, als nach objek­ti­ven Maß­stä­ben Ein­sicht in die Bücher und Papie­re der Gesell­schaft für eine sach­ge­rech­te Prü­fung der Bilanz erfor­der­lich ist 6. Auch wenn sich das Ein­sichts­recht des Kom­man­di­tis­ten nach § 166 HGB grund­sätz­lich auf alle Geschäfts­un­ter­la­gen der Gesell­schaft erstreckt, ist die Gesell­schaft berech­tigt, die Ein­sichts­ge­wäh­rung zu ver­wei­gern, wenn sich das Ein­sichts­ver­lan­gen als rechts­miss­bräuch­lich dar­stellt und sie die tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen eines Rechts­miss­brauchs sei­tens des Gesell­schaf­ters dar­tut 7.

Dass unter die­sem Gesichts­punkt zur Erfül­lung des Anspruchs der Kom­man­di­tis­ten auf Ein­sichts­ge­wäh­rung in die Bücher und Schrif­ten der Gesell­schaft die Hin­zu­zie­hung eines Steu­er­be­ra­ters oder Wirt­schafts­prü­fers erfor­der­lich ist, hat der Liqui­da­tor der KG in der Beru­fungs­in­stanz schon nicht gel­tend gemacht. Erst­mals die Rechts­be­schwer­de hat vor­ge­tra­gen, der Liqui­da­tor sei auf­grund sei­ner fach­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on als (ehe­ma­li­ger) Rechts­an­walt nicht in der Lage, ein mög­li­ches Ein­sichts­ver­lan­gen der Klä­ger in die Schrif­ten der Gesell­schaft auf sei­ne Erheb­lich­keit für die Jah­res­ab­schlüs­se und Bilan­zen zu über­prü­fen. Mit die­sem Vor­brin­gen ist die Not­wen­dig­keit der Anwe­sen­heit eines Steu­er­be­ra­ters oder Wirt­schafts­prü­fers wäh­rend der Ein­sicht­nah­me der Kom­man­di­tis­ten in die Bücher und Schrif­ten der Gesell­schaft nicht hin­rei­chend dar­ge­legt und glaub­haft gemacht.

Es liegt auf der Hand, dass die Ein­sicht­nah­me in die Buch­hal­tung vom Zweck des Ein­sichts­rechts gedeckt ist. Im vor­lie­gen­den Fall ist nicht dar­ge­legt, dass und in wel­chem Umfang über­haupt Schrift­ver­kehr der Gesell­schaft ohne offen­sicht­li­chen Bezug zu den Jah­res­ab­schlüs­sen und Bilan­zen vor­han­den ist, des­sen Erheb­lich­keit für die Über­prü­fung der Rich­tig­keit der Abschlüs­se und Bilan­zen der Liqui­da­tor als ehe­ma­li­ger Rechts­an­walt, der die Rol­le des Nach­trags­li­qui­da­tors über­nom­men hat, nicht beur­tei­len kön­nen soll, und wor­um es sich hier­bei han­delt. Hin­rei­chen­de Anhalts­punk­te, dass die KG i.L. über sol­chen Schrift­ver­kehr ver­fügt, in den die Kom­man­di­tis­ten Ein­sicht ver­lan­gen könn­ten, sind auch nicht ersicht­lich. Dies ist jeden­falls des­halb der Fall, weil es sich bei die­ser Gesell­schaft nicht um eine wer­ben­de Gesell­schaft han­delt, son­dern um eine Gesell­schaft im Sta­di­um der Nach­trags­li­qui­da­ti­on, deren Ver­mö­gen in dem ihr im Resti­tu­ti­ons­ver­fah­ren zuer­kann­ten Ent­schä­di­gungs­an­spruch besteht.

Die abs­trak­te Mög­lich­keit, dass sich ein Ein­sichts­ver­lan­gen der Klä­ger im Ein­zel­fall als rechts­miss­bräuch­lich dar­stel­len und in die­sem Fall vom Liqui­da­tor zurück­ge­wie­sen wer­den könn­te, genügt nicht, um die Kos­ten für die Anwe­sen­heit eines Steu­er­be­ra­ters oder Wirt­schafts­prü­fers wäh­rend der Ein­sicht­nah­me der Kom­man­di­tis­ten in die Buch­hal­tung und den vor­han­de­nen Schrift­ver­kehr als zwangs­läu­fig ent­ste­hen­den Auf­wand zur Erfül­lung des den Kom­man­di­tis­ten durch das Land­ge­richt zuer­kann­ten Anspruchs auf Ein­sicht­nah­me in alle Unter­la­gen der KG i.L. anzu­er­ken­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. April 2016 – II ZB 29/​14

  1. BGH, Beschluss vom 15.06.2011 – II ZB 20/​10, NJW 2011, 2974 Rn. 3; Beschluss vom 24.09.2013 – II ZB 6/​12, NZG 2013, 1258 Rn. 9; Beschluss vom 14.07.2015 – II ZB 1/​15 9, jeweils mwN[]
  2. BGH, Beschluss vom 15.06.2011 – II ZB 20/​10, NJW 2011, 2974 Rn. 3 mwN[]
  3. st. Rspr., sie­he nur BGH, Beschluss vom 17.11.2015 – II ZB 8/​14, WM 2016, 96 Rn. 9; Beschluss vom 24.09.2013 – II ZB 6/​12, NZG 2013, 1258 Rn. 10 mwN[]
  4. Beschluss vom 24.09.2013 – – II ZB 6/​12, NZG 2013, 1258 Rn. 10[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 24.09.2013 – II ZB 6/​12, NZG 2013, 1258 Rn. 15 mwN[]
  6. BGH, Urteil vom 08.07.1957 – II ZR 54/​56, BGHZ 25, 115, 120[]
  7. BGH, Urteil vom 08.07.1957 – II ZR 54/​56, BGHZ 25, 115, 122[]