Weitergabe der Treugeberliste an einen Fondsgesellschafter – und der Datenschutz

Die Weitergabe von Namen und Anschriften der Treugeber einer Fondsgesellschaft an Mitgesellschafter bzw. Mittreugeber steht auch dann mit § 28 Abs. 1 Satz 2 BDSG in Einklang, wenn im Gesellschafts- und/​oder Treuhandvertrag die Weitergabe an ande­re Mittreugeber aus­ge­schlos­sen ist.

Weitergabe der Treugeberliste an einen Fondsgesellschafter – und der Datenschutz

Ebenso ist die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zur Zulässigkeit der Auskunftserteilung nach § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG und zur Unwirksamkeit der Anonymitätsklausel nach Auffassung des Bundesgerichtshofs mit den Vorgaben der Richtlinie 95/​46/​EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 24.10.1995 zum Schutz natür­li­cher Personen bei der Verarbeitung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten und zum frei­en Datenverkehr 1 ver­ein­bar.

Der Bundesgerichtshof hät­te sei­ne Entscheidungen zur Zulässigkeit der Datenweitergabe nach § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG 2 nicht tref­fen kön­nen, wenn die Voraussetzungen des § 28 Abs. 1 Satz 2 BDSG nicht erfüllt (gewe­sen) wären. Die Zulässigkeit der Datenweitergabe nach § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 bis 3 BDSG setzt zwin­gend vor­aus, dass die Voraussetzungen des § 28 Abs. 1 Satz 2 BDSG erfüllt sind.

Die Übermittlung der Daten nach § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG ist (grund­sätz­lich) immer nur im Rahmen der fest­ge­leg­ten Zweckbindung zuläs­sig. Auch ohne aus­drück­li­che Normierung die­ser Festlegungspflicht in § 28 Abs. 1 Satz 2 BDSG ergä­be sie sich aus dem Normzusammenhang des Satzes 1, weil ohne die Festlegung des Zweckes die Zulässigkeit nach § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 bis 3 gar nicht geprüft wer­den könn­te 3.

Ebenso hat der Bundesgerichtshof die Frage der Vereinbarkeit der Datenweitergabe mit den Vorgaben der Datenschutz-RL 95/​46/​EG, deren Umsetzung (u.a.) § 4 und § 28 BDSG die­nen, im Sinne eines acte clair bereits mit­ent­schie­den, da er bei Zweifeln an der Vereinbarkeit sei­ner Auslegung des § 28 Abs. 1 Satz 1 BDSG mit den Vorgaben der Datenschutz-RL 95/​46/​EG nach Art. 267 AEUV zur Vorlage an den Gerichtshof der Europäischen Union ver­pflich­tet gewe­sen wäre, weil er ansons­ten gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG ver­sto­ßen hät­te 4.

Das Bundesverfassungsgericht hat die Verfassungsbeschwerde gegen das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 11.01.2011 5, in dem der Bundesgerichtshof sich aus­führ­li­cher als zuvor mit der Vereinbarkeit des Auskunftsverlangens mit § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG aus­ein­an­der­ge­setzt hat, nicht zur Entscheidung ange­nom­men 6.

Aus der stän­di­gen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs 7 ergibt sich, dass sich das Auskunftsrecht der Treugeber, die wie hier im Innenverhältnis den Kommanditisten gleich­ge­stellt sind, als unent­zieh­ba­res mit­glied­schaft­li­ches Recht aus dem durch den Gesellschaftsvertrag begrün­de­ten Vertragsverhältnis als sol­chem ergibt, dass sich die­ser Auskunftsanspruch sowohl gegen die Fondsgesellschaft als auch gegen die Komplementärin und den geschäfts­füh­ren­den Kommanditisten rich­tet 8. Anhaltspunkte für einen Verstoß der aus­kunfts­be­geh­ren­den Gesellschafterin gegen das Verbot der unzu­läs­si­gen Rechtsausübung (§ 242 BGB) und das Schikaneverbot (§ 226 BGB) waren vor­lie­gend nicht ersicht­lich. Und die Auskunftserteilung ist auch mit dem Bundesdatenschutzgesetz und der Datenschutz-RL 95/​46/​EG ver­ein­bar:

§ 28 Abs. 1 Satz 2 BDSG steht der Datenübermittlung nicht ent­ge­gen. Die Übermittlung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten im Sinne von § 3 Abs. 1 BDSG ist nach § 4 Abs. 1 BDSG ohne die Einwilligung des Betroffenen zuläs­sig, soweit „die­ses Gesetz oder eine ande­re Rechtsvorschrift” dies erlaubt oder anord­net (Verbot mit Erlaubnisvorbehalt). Die Erlaubnisnorm fin­det sich hier in § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG 9. Die Treugeber wuss­ten bei der Bekanntgabe ihrer Daten gegen­über der Fondsgesellschaft bzw. gegen­über der Treuhandkommanditistin, dass die­se zum Zwecke der Durchführung des Gesellschaftsvertrags erho­ben und ver­wen­det wur­den. Eine der­ar­ti­ge kon­klu­den­te Zweckbestimmung genügt den Erfordernissen des § 28 Abs. 1 Satz 2 BDSG 10. Deshalb ent­fällt die ansons­ten nach § 4 Abs. 3 Nr. 2 BDSG erfor­der­li­che Unterrichtung des Betroffenen über die Zweckbestimmung dann, wenn der Betroffene wie hier die Treugeber bereits ander­wei­ti­ge Kenntnis von dem Zweck hat, die sich bereits aus dem Geschäft selbst (hier: Durchführung des Gesellschaftsvertrags) erge­ben kann 11. Nach dem „objek­ti­ven Empfängerhorizont” muss­ten die Treugeber mit einer Übermittlung ihrer Daten an ihre Mitgesellschafter rech­nen, da ansons­ten die Durchführung des Gesellschaftsvertrags nicht mög­lich war (§ 4 Abs. 3 Satz 1 Nr. 3 BDSG) 12.

Diese Auslegung deckt sich ent­ge­gen der Ansicht der Revision mit den Vorgaben aus Art. 6 (1) lit. a) bis c), Art. 10 lit. b) und c) und dem Erwägungsgrund 28 der Datenschutz-RL 95/​46/​EG. Anders als die Revision meint, pos­tu­liert die Datenschutz-Richtlinie kein „Verbot der Datenverarbeitung gegen den Willen des Betroffenen” (auch) dann, wenn der Betroffene bei der Datenerhebung über die Zweckbindung der Datenerhebung infor­miert wor­den ist und sich die Datenweitergabe im Rahmen die­ser Zweckbindung bewegt. So liegt der Fall hier. Die Treugeber wuss­ten bei Bekanntgabe ihrer Daten gegen­über der Fondsgesellschaft bzw. der Treuhandkommanditistin, dass die­se zum Zwecke der Durchführung des Gesellschaftsvertrags erho­ben und ver­wen­det wur­den (kon­klu­den­te Zweckfestlegung). Das Übermitteln der im Rahmen die­ser Zweckfestlegung erho­be­nen per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten ist gemäß § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG im Rahmen eines rechts­ge­schäft­li­chen Schuldverhältnisses zuläs­sig, wenn es für des­sen Durchführung erfor­der­lich ist. Das ist anzu­neh­men, wenn der Auskunftsberechtigte bei ver­nünf­ti­ger Betrachtung auf die Datenverwendung zur Erfüllung der Pflichten oder zur Wahrnehmung der Rechte aus dem Vertragsverhältnis ange­wie­sen ist. Das ist hier der Fall. Die aus­kunfts­for­dern­de Treugeberin/​Gesellschafterin ist zur Wahrnehmung ihrer Rechte aus § 16 Abs. 2 des Gesellschaftsvertrages auf die Kenntnis der Namen und der Anschriften ihrer Mitgesellschafter ange­wie­sen.

Die aus­kunfts­be­ge­ren­de Gesellschafterin/​Treugeberin muss sich nicht in Anlehnung an § 127a AktG auf ein Internetforum oder auf die Einrichtung eines Datentreuhänders als mil­de­res Mittel ver­wei­sen las­sen. Es muss viel­mehr den Gesellschaftern über­las­sen blei­ben, auf wel­chem Weg und in wel­cher Weise sie sich an ihre Mitgesellschafter wen­den wol­len. Auf Seiten der aus­kunfts­ver­lag­nen­den Treugeberin besteht ein berech­tig­tes Interesse, ihre Gesellschafterrechte wahr­neh­men zu kön­nen, ohne auf die Treuhänderin als Mittler zu den übri­gen Treugebern ange­wie­sen zu sein oder von ihnen bereit­ge­stell­te und kon­trol­lier­te Medien zu nut­zen 13.

Bundesgerichtshof, Beschluss vom 22. Februar 2016 – II ZR 48/​15

  1. ABl. Nr. L 281 vom 23.11.1995 S. 31 ff.; künf­tig: Datenschutz-RL 95/​46/​EG
  2. sie­he hier­zu nur BGH, Urteil vom 11.01.2011 – II ZR 187/​09, ZIP 2011, 322 Rn. 17
  3. vgl. Taeger in Taeger/​Gabel, BDSG, 2. Aufl., § 28 Rn. 109; sie­he dazu auch Wolff in Wolff/​Brink, BeckOK DSR, Stand: 1.08.2015, § 28 Rn. 14; Gola/​Klug/​Körffer in Gola/​Schomerus, BDSG, 12. Aufl., § 28 Rn. 35
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.10.2015 1 BvR 1320/​14 10 ff.
  5. BGH, Urteil vom 11.01.2011 – II ZR 187/​09, ZIP 2011, 322 ff.
  6. BVerfG, Beschluss vom 08.02.2012 1 BvR 623/​11
  7. sie­he nur BGH, Urteil vom 16.12 2014 – II ZR 277/​13, ZIP 2015, 319 Rn. 11; Urteil vom 05.02.2013 – II ZR 134/​11, BGHZ 196, 131 Rn. 12; Urteil vom 11.01.2011 – II ZR 187/​09, ZIP 2011, 322 Rn. 11, jew. mwN
  8. vgl. hier­zu nur BGH, Urteil vom 05.02.2013 – II ZR 134/​11, BGHZ 196, 131 Rn. 48 mwN
  9. vgl. BGH, Urteil vom 11.01.2011 – II ZR 187/​09, ZIP 2011, 322 Rn. 17
  10. vgl. hier­zu nur Wolff in Wolff/​Brink, BeckOK DSR, Stand: 1.08.2015, § 28 Rn. 17 unter Hinweis auf BGH, Urteil vom 08.02.2007 – III ZR 148/​06, NJW 2007, 1528 Rn. 12
  11. vgl. nur Taeger in Taeger/​Gabel, BDSG, 2. Aufl., § 4 Rn. 79; Plath in Plath, BDSG, § 4 Rn. 36 f.; Gola/​Klug/​Körffer in Gola/​Schomerus, BDSG, 12. Aufl., § 4 Rn. 32, 34, 38
  12. aA.: OLG München, Urteil vom 05.02.2015 – 23 U 1875/​14; dem zustim­mend Wolff in Wolff/​Brink, BeckOK DSR, Stand: 1.08.2015, § 28 Rn. 56a 1
  13. vgl. BGH, Urteil vom 11.01.2011 – II ZR 187/​09, ZIP 2011, 322 Rn. 17; sie­he zum Verein BGH, Beschluss vom 21.06.2010 – II ZR 219/​09, ZIP 2010, 2397 Rn. 13 mwN