Zah­lun­gen nach Insol­venz­rei­fe – Geschäfts­füh­rer­haf­tung und sekun­dä­re Dar­le­gungs­last

Hat der Insol­venz­ver­wal­ter durch Vor­la­ge einer Han­dels­bi­lanz und den Vor­trag, dass kei­ne stil­len Reser­ven sowie aus der Bilanz nicht ersicht­li­chen Ver­mö­gens­wer­te vor­han­den sind, die Über­schul­dung einer GmbH dar­ge­legt, genügt der wegen Zah­lun­gen nach Insol­venz­rei­fe in Anspruch genom­me­ne Geschäfts­füh­rer sei­ner sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last nicht, wenn er ledig­lich von der Han­dels­bi­lanz abwei­chen­de Wer­te behaup­tet. Der in Anspruch genom­me­ne Geschäfts­füh­rer hat viel­mehr sub­stan­ti­iert zu etwai­gen stil­len Reser­ven oder in der Bilanz nicht abge­bil­de­ten Wer­ten vor­zu­tra­gen.

Zah­lun­gen nach Insol­venz­rei­fe – Geschäfts­füh­rer­haf­tung und sekun­dä­re Dar­le­gungs­last

Im Aus­gangs­punkt ist dar­auf abzu­stel­len, dass bei der Prü­fung, ob eine Über­schul­dung nach § 19 InsO gege­ben ist, einer vom Insol­venz­ver­wal­ter vor­ge­leg­ten Han­dels­bi­lanz ledig­lich indi­zi­el­le Bedeu­tung zukommt. Legt der Anspruch­stel­ler für sei­ne Behaup­tung, die Gesell­schaft sei über­schul­det gewe­sen, nur eine Han­dels­bi­lanz vor, aus der sich ein nicht durch Eigen­ka­pi­tal gedeck­ter Fehl­be­trag ergibt, hat er jeden­falls die Ansät­ze die­ser Bilanz dar­auf zu über­prü­fen und zu erläu­tern, ob und gege­be­nen­falls in wel­chem Umfang stil­le Reser­ven oder sons­ti­ge aus ihr nicht ersicht­li­che Ver­mö­gens­wer­te vor­han­den sind. Dabei muss er nicht jede denk­ba­re Mög­lich­keit aus­schlie­ßen, son­dern nur nahe­lie­gen­de Anhalts­punk­te – bei­spiels­wei­se stil­le Reser­ven bei Grund­ver­mö­gen – und die von dem Geschäfts­füh­rer inso­weit auf­ge­stell­ten Behaup­tun­gen wider­le­gen 1.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall weist die vom Insol­venz­ver­wal­ter vor­ge­leg­te Han­dels­bi­lanz der Schuld­ne­rin zum 31.12 2007 einen nicht durch Eigen­ka­pi­tal gedeck­ten Fehl­be­trag auf. Damit hat der Klä­ger sei­ner Dar­le­gungs­last durch den Vor­trag genügt, es sei­en kei­ne stil­len Reser­ven und auch kei­ne sons­ti­gen aus der Han­dels­bi­lanz nicht ersicht­li­chen Ver­mö­gens­wer­te bei der Schuld­ne­rin vor­han­den gewe­sen.

In die­ser Situa­ti­on ist es Sache des beklag­ten Geschäfts­füh­rers, im Rah­men sei­ner sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last im Ein­zel­nen vor­zu­tra­gen, wel­che stil­len Reser­ven oder sons­ti­gen für eine Über­schul­dungs­bi­lanz maß­geb­li­chen Wer­te in der Han­dels­bi­lanz nicht abge­bil­det sind 2. Hier­zu reicht es indes nicht aus, ledig­lich von der Han­dels­bi­lanz abwei­chen­de Wer­te zu behaup­ten. Der in Anspruch genom­me­ne Geschäfts­füh­rer hat viel­mehr sub­stan­ti­iert zu stil­len Reser­ven oder sons­ti­gen in der Han­dels­bi­lanz nicht abge­bil­de­ten Wer­ten vor­zu­tra­gen.

Nach § 17 Abs. 2 Satz 2 InsO ist Zah­lungs­un­fä­hig­keit in der Regel anzu­neh­men, wenn der Schuld­ner sei­ne Zah­lun­gen ein­ge­stellt hat. Dafür reicht ein nach außen her­vor­tre­ten­des Ver­hal­ten, in dem sich typi­scher­wei­se aus­drückt, dass der Schuld­ner nicht in der Lage ist, sei­ne fäl­li­gen Zah­lungs­pflich­ten zu erfül­len. Die tat­säch­li­che Nicht­zah­lung eines erheb­li­chen Teils der fäl­li­gen Ver­bind­lich­kei­ten reicht für eine Zah­lungs­ein­stel­lung aus, auch wenn noch geleis­te­te Zah­lun­gen beträcht­lich sind, aber im Ver­hält­nis zu den fäl­li­gen Gesamt­schul­den nicht den wesent­li­chen Teil aus­ma­chen. Sogar die Nicht­zah­lung einer ein­zi­gen Ver­bind­lich­keit kann eine Zah­lungs­ein­stel­lung begrün­den, wenn die For­de­rung von ins­ge­samt nicht unbe­trächt­li­cher Höhe ist. Haben im frag­li­chen Zeit­punkt fäl­li­ge Ver­bind­lich­kei­ten erheb­li­chen Umfangs bestan­den, die bis zur Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens nicht begli­chen wor­den sind, ist regel­mä­ßig von einer Zah­lungs­ein­stel­lung aus­zu­ge­hen 3.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Novem­ber 2013 – II ZR 229/​11

  1. vgl. BGH, Urteil vom 16.03.2009 – II ZR 280/​07, ZIP 2009, 860 Rn. 10; Urteil vom 27.04.2009 – II ZR 253/​07, ZIP 2009, 1220 Rn. 9; Beschluss vom 26.04.2010 – II ZR 60/​09, ZIP 2010, 1443 Rn. 11; Urteil vom 15.03.2011 – II ZR 204/​09, ZIP 2011, 1007 Rn. 33; Beschluss vom 31.05.2011 – II ZR 106/​10, ZIP 2011, 1410 Rn. 4[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 16.03.2009 – II ZR 280/​07, ZIP 2009, 860 Rn. 10; Urteil vom 27.04.2009 – II ZR 253/​07, ZIP 2009, 1220 Rn. 9; Urteil vom 15.03.2011 – II ZR 204/​09, ZIP 2011, 1007 Rn. 33; Beschluss vom 31.05.2011 – II ZR 106/​10, ZIP 2011, 1410 Rn. 4[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 19.06.2012 – II ZR 243/​11, ZIP 2012, 1557 Rn. 24; Urteil vom 18.07.2013 – IX ZR 143/​12, ZIP 2013, 2015 Rn. 9[]