Gewer­be­un­ter­sa­gungs-Inkas­so

Es ist nicht Zweck des Gewer­be­un­ter­sa­gungs­ver­fah­rens, dem Finanz­amt die Bei­trei­bung rück­stän­di­ger Abga­ben zu erleich­tern oder Gläu­bi­gern als Druck­mit­tel zu die­nen, um den Gewer­be­trei­ben­den zu Raten­zah­lun­gen zu ver­an­las­sen, die die pfänd­ba­ren Beträ­ge über­schrei­ten 1. Auch dient das Gewer­be­un­ter­sa­gungs­ver­fah­ren nicht dazu, den Gewer­be­trei­ben­den bes­ser über­wa­chen und zur Erfül­lung bestehen­der Pflich­ten anhal­ten zu kön­nen 2.

Gewer­be­un­ter­sa­gungs-Inkas­so

Die Ver­fah­rens­herr­schaft im Unter­sa­gungs­ver­fah­ren liegt (allein) bei der Gewer­be­auf­sichts­be­hör­de (§§ 24ff. VwVfG) 3. Es ist Sache der Gewer­be­auf­sichts­be­hör­den, einer Zweck­ent­frem­dung des Ver­fah­rens ent­ge­gen­zu­tre­ten und sich des­sen Steue­rung nicht aus der Hand neh­men zu las­sen.

Erfolgt eine "Anzei­ge" gegen einen Gewer­be­trei­ben­den – gleich von wel­cher Stel­le – wegen unge­ord­ne­ter Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se, hat die Gewer­be­auf­sichts­be­hör­de den Sach­ver­halt zu prü­fen und auf­grund eige­ner Beur­tei­lung über das Vor­lie­gen von Unter­sa­gungs­grün­den mög­lichst zeit­nah zu ent­schei­den. Ein sich lang hin­zie­hen­des Ver­fah­ren ist schon wegen des Schutz­zwecks der Gewer­be­un­ter­sa­gung nach § 35 GewO, pri­va­te Drit­te vor wirt­schaft­li­chen Ein­bu­ßen durch Geschäf­te mit einem leis­tungs­un­fä­hi­gen Geschäfts­part­ner sowie Beschäf­tig­te und öffent­li­che Gläu­bi­ger vor dem Ein­tritt von (wei­te­ren) Schä­den zu bewah­ren, aber auch auf­grund der mit dem Ver­fah­ren ver­bun­de­nen erheb­li­chen per­sön­li­chen Belas­tun­gen für den Gewer­be­trei­ben­den, der mit dem Ver­lust sei­ner wirt­schaft­li­chen Exis­tenz kon­fron­tiert ist, zu ver­mei­den.

Allein auf die Fra­ge, ob Finanz­amt und Gewer­be­trei­ben­der eine Eini­gung über Til­gungs­leis­tun­gen für rück­stän­di­ge Abga­ben­schul­den erzie­len kön­nen, wird es für die Pro­gno­se­ent­schei­dung der Gewer­be­auf­sichts­be­hör­de bei bestehen­der Über­schul­dung regel­mä­ßig nicht ankom­men. Haben in der Ver­gan­gen­heit ver­geb­li­che Pfän­dungs­ver­su­che statt­ge­fun­den, spricht eini­ges dafür, dass nicht bloß Leis­tungs­un­wil­lig­keit, son­dern eine anhal­ten­de wirt­schaft­li­che Leis­tungs­un­fä­hig­keit gege­ben ist und Zah­lun­gen an den einen Gläu­bi­ger nur unter Ver­nach­läs­si­gung ande­rer – gleich­falls berech­tig­ter – Zah­lungs­ver­pflich­tun­gen auf­ge­bracht wer­den könn­ten. Eine – iso­lier­te – Til­gungs­ver­ein­ba­rung mit einem ein­zel­nen (Teil-)Gläubiger wird bei einer der­ar­ti­gen Sach­la­ge die Pro­gno­se über die Gefähr­dung des red­li­chen Geschäfts­ver­kehrs in Gegen­wart und Zukunft daher kaum posi­tiv aus­fal­len las­sen.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Juni 2010 -7 LA 136/​09

  1. Nds. OVG, Beschluss vom 21.09.2009 – 7 PA 203/​08[]
  2. vgl. BVerwG, Beschluss vom 14.05.1997 – 1 B 93.7, GewArch 1997, 478 f.[]
  3. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 06.06.1991 – 3 C 46.86, DVBl. 1991, 1362f.; und vom 22.10.1993 – 6 C 10.92, DVBl. 1994, 170 ff.[]