Gut­schrif­ten in die Kre­dit­li­nie

Hat der Schuld­ner einen unge­kün­dig­ten Kon­to­kor­rent­kre­dit nicht aus­ge­schöpft, füh­ren in kri­ti­scher Zeit ein­ge­hen­de, dem Kon­to gut­ge­schrie­be­ne Zah­lun­gen, denen kei­ne Abbu­chun­gen gegen­über­ste­hen, nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs infol­ge der damit ver­bun­de­nen Kre­dit­til­gung zu einer inkon­gru­en­ten Deckung zuguns­ten des Kre­dit­in­sti­tuts.

Gut­schrif­ten in die Kre­dit­li­nie

In kri­ti­scher Zeit vor­ge­nom­me­ne Ver­rech­nun­gen eines Kre­dit­in­sti­tuts von Ansprü­chen sei­nes Kun­den aus Gut­schrif­ten auf­grund von Über­wei­sun­gen mit For­de­run­gen, die dem Insti­tut gegen den Kun­den aus der in Anspruch ge-nom­me­nen Kre­dit­li­nie eines Kon­to­kor­rent­kre­dits zuste­hen, kön­nen nach §§ 130, 131 InsO anfecht­bar und des­halb nach § 96 Abs. 1 Nr. 3 InsO unzu­läs­sig sein. Wel­che Norm ein­greift, hängt davon ab, ob – etwa wegen Kün­di­gung des Kre­dit­ver­tra­ges – ein Anspruch der Bank auf Rück­zah­lung des Kre­dits fäl­lig ist oder nicht [1]. Ein Anspruch der Bank, Gut­schrif­ten mit dem Sal­do eines Kre­dit­kon­tos zu ver­rech­nen und dadurch ihre eige­ne For­de­rung zu befrie­di­gen, besteht nur dann, wenn sie zum jewei­li­gen Zeit­punkt der Ver­rech­nung Rück­zah­lung des Kre­dits ver­lan­gen kann.

Der Kre­dit­ge­ber kann die Rück­zah­lung eines aus­ge­reich­ten Kre­dits erst nach des­sen Fäl­lig­keit for­dern. Allein die Giro- oder Kon­to­kor­rentab­re­de stell­te den der Schuld­ne­rin gewähr­ten Kre­dit nicht zur Rück­zah­lung fäl­lig [2]. Viel­mehr wird die Fäl­lig­keit nur durch das Ende einer ver­ein­bar­ten Lauf­zeit, eine ordent­li­che oder außer­or­dent­li­che Kün­di­gung begrün­det [3]. Hat der Schuld­ner – wie im Streit­fall – den unge­kün­dig­ten Kon­to­kor­rent­kre­dit nicht voll­stän­dig aus­ge­schöpft, füh­ren in der kri­ti­schen Zeit ein­ge­hen­de Zah­lun­gen, die dem Kon­to gut­ge­schrie­ben wer­den, zu einer inkon­gru­en­ten Deckung [4].

Die Kon­gru­enz der Kre­dit­til­gung kann auch nicht aus einer Ver­rech­nungs­be­fug­nis der Kre­dit­in­sti­tuts her­ge­lei­tet wer­den. Dass die­ses die Kre­dit­li­nie offen­ge­hal­ten hat, macht die Ver­rech­nung nicht kon­gru­ent, soweit die Kre­dit­li­nie tat­säch­lich nicht mehr in Anspruch genom­men wur­de.

Das Kre­dit­in­sti­tut ist im Rah­men des Giro­ver­tra­ges einer­seits berech­tigt und ver­pflich­tet, für den Kun­den bestimm­te Geld­ein­gän­ge ent­ge­gen­zu­neh­men und sei­nem Kon­to gut­zu­schrei­ben. Ande­rer­seits hat das Kre­dit­in­sti­tut Über­wei­sungs­auf­trä­ge des Kun­den zu Las­ten sei­nes Giro­kon­tos aus­zu­füh­ren, sofern die­ses eine aus­rei­chen­de Deckung auf­weist oder eine Kre­dit­li­nie nicht aus­ge­schöpft ist. Setzt das Kre­dit­in­sti­tut unter Beach­tung die­ser Abspra­chen den Giro­ver­kehr fort, han­delt es ver­trags­ge­mäß und damit kon­gru­ent [5].

Vor­lie­gend geht es indes­sen nicht um die ver­trags­kon­for­me Abwick­lung des Giro­ver­kehrs durch die Ver­rech­nung von Zah­lungs­ein­gän­gen mit Zah­lungs­aus­gän­gen. Den Zah­lungs­ein­gän­gen zuguns­ten der Schuld­ne­rin stan­den unstrei­tig kei­ne Kon­to­be­las­tun­gen infol­ge an Drit­te bewirk­ter Über­wei­sun­gen gegen­über. Viel­mehr hat die Beklag­te sämt­li­che Zah­lungs­ein­gän­ge mit eige­nen gegen die Schuld­ne­rin bestehen­den For­de­run­gen ver­rech­net. Dem­nach betrifft die Anfech­tung in vol­lem Umfang die auf dem Kon­to der Schuld­ne­rin ein­ge­gan­ge­nen Zah­lun­gen, wel­che die Beklag­te eigen­nüt­zig zur Beglei­chung ihrer Kre­dit­for­de­rung ver­wen­det hat. Anfecht­bar sind stets Ver­rech­nun­gen, mit denen eige­ne For­de­run­gen der Gläu­bi­ger­bank getilgt wer­den [6]. Selbst wenn – anders als im Streit­fall – neben den Zah­lungs­ein­gän­gen von dem Schuld­ner ver­an­lass­te Über­wei­sun­gen in eine Kon­to­ver­bin­dung ein­zu­stel­len sind, liegt inso­weit eine durch die Ver­rech­nung bewirk­te anfecht­ba­re Kre­dit­til­gung vor, als die Sum­me der Ein­gän­ge die der Aus­gän­ge über­steigt [7]. Die Sal­die­rungs­ver­ein­ba­rung deckt also nicht die end­gül­ti­ge Rück­füh­rung des ein­ge­räum­ten Kre­dits, son­dern ledig­lich das Offen­hal­ten der Kre­dit­li­nie für wei­te­re Ver­fü­gun­gen des Kun­den [8]. Da die Schuld­ne­rin die ihr von der Beklag­ten wei­ter ein­ge­räum­te Kre­dit­li­nie tat­säch­lich nicht genutzt und kei­ne Über­wei­sungs­auf­trä­ge erteilt hat, durf­te die Bank ein­ge­gan­ge­ne Mit­tel nicht zu einer Kre­dit­til­gung ver­wen­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Mai 2009 – IX ZR 140/​08

  1. BGHZ 171, 38, 41 f Rn. 10[]
  2. BGHZ 150, 122, 127; BGH, Urt. v. 1. Okto­ber 2002 – IX ZR 360/​99, ZIP 2002, 2182, 2183[]
  3. Ober­mül­ler, Insol­venz­recht in der Bank­pra­xis 7. Aufl. Rn. 6.242[]
  4. BGHZ 150, 122, 125 ff; BGH, Urt. v. 17. Juni 1999 – IX ZR 62/​98, ZIP 1999, 1271, 1272; Urt. v. 11. Okto­ber 2007 – IX ZR 195/​04, ZIP 2008, 237 Rn. 4[]
  5. BGHZ 150, 122, 129; BGH, Urt. v. 17. Juni 2004 – IX ZR 2/​01, WM 2004, 1575 f[]
  6. BGHZ 150, 122, 127; BGH, Urteil vom 11. Okto­ber 2007, aaO S. 237, 238 Rn. 6[]
  7. BGH, Urteil vom 15. Novem­ber 2007 – IX ZR 212/​06, ZIP 2008, 235, 236 f Rn. 15[]
  8. BGHZ 150, 122, 129[]