"Hähn­chen-Filet­strei­fen, gebra­ten"

Die Bezeich­nun­gen "Puten-Filet­strei­fen, gebra­ten" und "Hähn­chen-Filet­strei­fen, gebra­ten" sind irre­füh­rend, wenn die Pro­duk­te her­ge­stellt wur­den, also nicht wie im tra­di­tio­nel­len Flei­scher­hand­werk aus natür­lich gewach­se­nem Geflü­gel­fleisch geschnit­ten sind, son­dern aus einer erkal­te­ten Mas­se gewon­nen wer­den, die ent­steht, nach­dem Geflü­gel­brüs­te durch mecha­ni­sche Behand­lung eine wei­che Struk­tur erhal­ten haben und teil­wei­se zer­ris­sen wor­den sind und dann mit einem erheb­li­chen Anteil an brät­ar­tig fein zer­klei­ner­ter Fleisch­mas­se in einen Kunst­darm gefüllt und gekocht wor­den sind.

<span class="dquo">"</span>Hähn­chen-Filet­strei­fen, gebra­ten"

In dem jetzt vom Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Rechts­streit stellt die Klä­ge­rin Geflü­gel­fleisch­pro­duk­te her. Der Beklag­te, das Land­rats­amt Schwä­bisch Hall, lei­te­te gegen die Klä­ge­rin ein lebens­mit­tel­recht­li­ches Buß­geld­ver­fah­ren ein, weil er die Ver­kehrs­be­zeich­nun­gen “Puten-Filet­strei­fen, gebra­ten“ und “Hähn­chen-Filet­strei­fen, gebra­ten“ wegen der indus­tri­el­len Her­stel­lung die­ser Pro­duk­te für irre­füh­rend hält. Dabei wer­den Puten- bzw. Hähn­chen­brüs­te in einer Trom­mel mecha­nisch behan­delt ("getum­belt"). Sie erhal­ten dadurch eine wei­che Struk­tur und wer­den teil­wei­se zer­ris­sen. Danach wer­den sie mit einem brät­ar­tig fein zer­klei­ner­ten Flei­sch­an­teil in einen Kunst­darm gefüllt und gekocht. Die erkal­te­te Mas­se wird in Strei­fen glei­cher Grö­ße geschnit­ten, die frit­tiert wer­den.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart hat die Fest­stel­lungs­kla­ge der Klä­ge­rin, dass ihre Pro­dukt­be­zeich­nun­gen nicht irre­füh­rend sind, abge­wie­sen. Mit ihrem Antrag auf Zulas­sung der Beru­fung mach­te die Klä­ge­rin ernst­li­che Zwei­fel an der Rich­tig­keit die­ses Urteils gel­tend. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg teil­te die Zwei­fel nicht und lehn­te den Zulas­sungs­an­trag ab:

Die von der Klä­ge­rin gewähl­ten Pro­dukt­be­zeich­nun­gen sei­en recht­lich nicht fest­ge­legt. Sie ent­sprä­chen auch kei­ner nach all­ge­mei­ner Ver­kehrs­auf­fas­sung übli­chen Bezeich­nung. Bezeich­nung und Auf­ma­chung der strei­ti­gen Geflü­gel­fleisch­erzeug­nis­se sei­en fer­ner geeig­net, über deren tat­säch­li­che Beschaf­fen­heit und die Art ihrer Her­stel­lung zu täu­schen. Inso­weit habe das Ver­wal­tungs­ge­richt recht­lich zutref­fend dar­auf abge­stellt, wie ein durch­schnitt­lich infor­mier­ter, auf­merk­sa­mer und ver­stän­di­ger Durch­schnitts­ver­brau­cher die Bezeich­nung wahr­schein­lich auf­fas­sen wer­de. Bei Anle­gung die­ses Maß­stabs sei auch der Senat der Auf­fas­sung, dass ein Groß­teil der Ver­brau­cher bei der Bezeich­nung "Puten- bzw. Hähn­chen-Filet­strei­fen, gebra­ten“ erwar­te, dass die­se Pro­duk­te wie im tra­di­tio­nel­len Flei­scher­hand­werk aus dem natür­lich gewach­se­nen Stück Geflü­gel­fleisch geschnit­ten sei­en. Zudem wer­de in den Leit­sät­zen für Fleisch und Fleisch­erzeug­nis­se des Deut­schen Lebens­mit­tel­buchs, die ein wich­ti­ges Hilfs­mit­tel zur Ermitt­lung der Ver­brau­cher­vor­stel­lun­gen sei­en, der Begriff "Filet“ bei Geflü­gel als die "von Haut und Kno­chen befrei­te („file­tier­te“) Brust­mus­ku­la­tur“ beschrie­ben.

Daher sei anzu­neh­men, dass der Ver­brau­cher dem Begriff "Filet“ gera­de die Bedeu­tung eines Qua­li­täts­merk­mals in dem Sin­ne bei­mes­se, dass die Strei­fen unmit­tel­bar aus natur­be­las­se­ner Geflü­gel­brust geschnit­ten sei­en. Er rech­ne dage­gen nicht ernst­haft damit, dass Pro­duk­te mit der Bezeich­nung "Filet-Strei­fen“ aus der erkal­te­ten Mas­se gewon­nen wür­den, die ent­ste­he, nach­dem Geflü­gel­brüs­te durch mecha­ni­sche Behand­lung (Tum­beln) eine wei­che Struk­tur erhal­ten hät­ten und teil­wei­se zer­ris­sen wor­den sei­en und dann mit einem erheb­li­chen Anteil an brät­ar­tig fein zer­klei­ner­ter Fleisch­mas­se in einen Kunst­darm gefüllt und gekocht wor­den sei­en. Schließ­lich habe das Ver­wal­tungs­ge­richt die maß­geb­li­che Ver­brau­cher­er­war­tung ent­ge­gen dem Vor­trag der Klä­ge­rin auch nicht falsch ermit­telt.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 29. Okto­ber 2012 – 9 S 1353/​11