Haf­tung des Steu­er­be­ra­ters für die Geld­stra­fe wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung

Las­sen sich hin­sicht­lich einer im Straf­be­fehls­ver­fah­ren ver­häng­ten Geld­stra­fe wegen vor­sätz­li­cher Steu­er­hin­ter­zie­hung des Man­dan­ten kei­ne kon­kre­ten Fest­stel­lun­gen zur sub­jek­ti­ven Tat­be­stands­sei­te tref­fen, so kann der Steu­er­be­ra­ter, der unrich­ti­ge Anga­ben bei der Steu­er­erklä­rung gemacht hat, ver­pflich­tet sein, den durch die ver­häng­te Geld­stra­fe ent­stan­de­nen Ver­mö­gens­scha­den zu erset­zen.

Haf­tung des Steu­er­be­ra­ters für die Geld­stra­fe wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung

In der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ist für die Bera­ter­haf­tung aner­kannt, dass ein Anspruch des Man­dan­ten auf Erstat­tung einer gegen ihn fest­ge­setz­ten Geld­bu­ße oder Geld­stra­fe in Betracht kom­men kann 1.

Abwäl­zen einer bezahl­ten Geld­stra­fe

Wer eine Straf­tat oder Ord­nungs­wid­rig­keit began­gen hat, muss zwar die des­we­gen gegen ihn ver­häng­te Sank­ti­on nach deren Sinn und Zweck in eige­ner Per­son tra­gen und damit auch eine ihm auf­er­leg­te Geld­stra­fe oder ‑buße aus sei­nem eige­nen Ver­mö­gen auf­brin­gen. Das schließt indes­sen für sich allein einen Anspruch gegen einen ande­ren auf Ersatz für einen sol­chen Ver­mö­gens­nach­teil nicht aus. Die Erstat­tung einer vom Täter schon gezahl­ten Geld­stra­fe ist nicht ver­bo­ten; sie ist nicht als Begüns­ti­gung (§ 257 StGB) straf­bar (RGZ 169, 267 f). Selbst der­je­ni­ge, der dem Täter im Vor­aus die zur Zah­lung der Stra­fe erfor­der­li­chen Geld­mit­tel zur Ver­fü­gung stellt, macht sich, wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den hat, nicht wegen Straf­ver­ei­te­lung (§ 258 StGB) straf­bar 2. Es kann des­halb für die Fra­ge eines Ersatz­an­spruchs allein dar­auf ankom­men, ob ein sol­cher sich aus den all­ge­mei­nen Regeln des bür­ger­li­chen Rechts ergibt. Der Umstand, dass eine Straf­tat oder Ord­nungs­wid­rig­keit von meh­re­ren Tätern began­gen wird, bie­tet frei­lich noch kei­ne Grund­la­ge für einen Ersatz­an­spruch eines der Täter gegen einen ande­ren; die §§ 830, 840, 426 BGB sind, soweit es um die den ein­zel­nen Tätern auf­er­leg­ten Sank­tio­nen geht, nicht anwend­bar. Das schließt aber eine Ein­stands­pflicht des­je­ni­gen, der ver­trag­lich ver­pflich­tet war, den Täter vor der Bege­hung einer Straf­tat oder Ord­nungs­wid­rig­keit und deren Fol­gen zu schüt­zen, nicht aus 3

Pflich­ten des Steu­er­be­ra­ters

Eine sol­che ver­trag­li­che Ver­pflich­tung besteht grund­sätz­lich auch für den Steu­er­be­ra­ter im Ver­hält­nis zu sei­nem Man­dan­ten, soweit es um die rich­ti­ge Dar­stel­lung der steu­er­lich bedeut­sa­men Vor­gän­ge gegen­über dem Finanz­amt geht. Er kann ins­be­son­de­re sei­nem Man­dan­ten gegen­über – ver­trag­lich – ver­pflich­tet sein, die­sen davor zu bewah­ren, dass er sei­ne eige­nen öffent­lich-recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen dem Finanz­amt gegen­über ver­nach­läs­sigt. Dies gilt nament­lich dann, wenn sich der Steu­er­pflich­ti­ge eines steu­er­li­chen Fach­be­ra­ters bedient, weil die steu­er­recht­li­che Lage viel­schich­tig und für einen Lai­en undurch­sich­tig ist. In die­sem Fal­le besteht die Auf­ga­be des Bera­ters nicht nur dar­in, die sei­nem Man­dan­ten zuste­hen­den Steu­er­vor­tei­le aus­zu­schöp­fen, son­dern er hat ihn auch davor zu bewah­ren, sich durch Über­schrei­tung des zuläs­si­gen Rah­mens der steu­er­straf­recht­li­chen Ver­fol­gung aus­zu­set­zen. Die­se Schutz­pflicht gilt regel­mä­ßig auch bei leicht­fer­ti­gem Ver­hal­ten des Man­dan­ten. Ist er sich aller­dings über die Rechts­wid­rig­keit eines bestimm­ten Vor­ge­hens im Kla­ren, dann bedarf er kei­ner Auf­klä­rung sei­tens des Bera­ters. Begeht der Man­dant – allein oder gemein­sam mit dem Steu­er­be­ra­ter oder von die­sem ange­stif­tet – eine vor­sätz­li­che Steu­er­hin­ter­zie­hung, so kann er die sein Ver­mö­gen tref­fen­den steu­er­straf­recht­li­chen Fol­gen also nicht auf sei­nen Bera­ter abwäl­zen 4.

Mit­ver­schul­den

Pro­zes­su­al ist der Ein­wand des Mit­ver­schul­dens kei­ne Ein­re­de, son­dern nach ein­hel­li­ger Ansicht eine von Amts wegen zu beach­ten­de Ein­wen­dung 5, sofern sich die ent­spre­chen­den Tat­sa­chen aus dem Vor­trag auch nur einer Par­tei erge­ben. Die Fra­ge des mit­wir­ken­den Ver­schul­dens ist daher von Amts wegen auch noch in der Revi­si­ons­in­stanz zu prü­fen 6. Die Haf­tungs­ver­tei­lung des Tatrich­ters ist aller­dings mit der Revi­si­on nur begrenzt angreif­bar. Das Revi­si­ons­ge­richt kann nur nach­prü­fen, ob der Abwä­gung recht­lich zuläs­si­ge Erwä­gun­gen zugrun­de lie­gen und der Tatrich­ter dabei alle in Betracht kom­men­den Umstän­de voll­stän­dig und rich­tig berück­sich­tigt und nicht gegen Denk- und Erfah­rungs­sät­ze ver­sto­ßen hat 7. Die Abwä­gung darf ins­be­son­de­re nicht sche­ma­tisch erfol­gen, son­dern muss alle fest­ge­stell­ten Umstän­de des Ein­zel­falls berück­sich­ti­gen 8.

Im Fal­le eines Bera­tungs­ver­tra­ges kann dem zu Bera­ten­den regel­mä­ßig nicht als mit­wir­ken­des Ver­schul­den vor­ge­hal­ten wer­den, er hät­te das, wor­über ihn sein Bera­ter hät­te auf­klä­ren oder unter­rich­ten sol­len, bei ent­spre­chen­den Bemü­hun­gen auch ohne frem­de Hil­fe erken­nen kön­nen 9. Dies gilt auch im Ver­hält­nis des steu­er­li­chen Bera­ters zu sei­nem Man­dan­ten 10. Die steu­er­li­che Bear­bei­tung eines ihm anver­trau­ten Man­dats obliegt allein dem Steu­er­be­ra­ter. Selbst wenn ein Man­dant über steu­er­recht­li­che Kennt­nis­se ver­fügt, muss er dar­auf ver­trau­en kön­nen, dass der beauf­trag­te Bera­ter die anste­hen­den steu­er­recht­li­chen Fra­gen feh­ler­frei bear­bei­tet, ohne dass eine Kon­trol­le not­wen­dig ist 11. Der Bera­ter, der sei­ne Ver­trags­pflicht zur sach­ge­rech­ten Bera­tung ver­letzt hat, kann des­halb gegen­über dem Scha­dens­er­satz­an­spruch des geschä­dig­ten Man­dan­ten nach Treu und Glau­ben nicht gel­tend machen, die­sen tref­fe ein Mit­ver­schul­den, weil er sich auf die Bera­tung ver­las­sen und dadurch einen Man­gel an Sorg­falt gezeigt habe 12.

Ein anre­chen­ba­res Mit­ver­schul­den des geschä­dig­ten Man­dan­ten kann sich fer­ner dar­aus erge­ben, dass er es in vor­werf­ba­rer Wei­se ver­säumt hat, den durch die Ver­let­zungs­hand­lung ent­stan­de­nen Scha­den durch Ein­le­gung zuläs­si­ger, aus­sichts­rei­cher und zumut­ba­rer Rechts­be­hel­fe oder Rechts­mit­tel abzu­wen­den oder zu min­dern 13. Wer dage­gen einen aus­sichts­lo­sen Rechts­be­helf nicht ein­legt, han­delt sei­nen eige­nen Inter­es­sen nie­mals zuwi­der, so dass bei einer der­ar­ti­gen Fall­ge­stal­tung ein Mit­ver­schul­den des Man­dan­ten von vor­ne­her­ein aus­schei­det 14.

Im Streit­fall wäre Raum für den Mit­ver­schul­dens­ein­wand nur dann, wenn der Klä­ger mit Aus­sicht auf Erfolg Ein­spruch gegen den Straf­be­fehl hät­te ein­le­gen kön­nen. Schon dies ist frag­lich. Da der Schä­di­ger für die Vor­aus­set­zun­gen des Mit­ver­schul­dens dar­le­gungs- und beweis­pflich­tig ist 15, hät­te der Steu­er­be­ra­ter dar­tun müs­sen, dass im Ein­spruchs­ver­fah­ren der Vor­wurf des Vor­sat­zes hät­te ent­kräf­tet wer­den kön­nen.

Hin­zu kommt, dass die Berück­sich­ti­gung eines Mit­ver­schul­dens letzt­lich auf dem Grund­satz von Treu und Glau­ben beruht 16. Unter die­sem Gesichts­punkt gewinnt Bedeu­tung, dass es Sache des Steu­er­be­ra­ters gewe­sen wäre, auf etwai­ge Erfolgs­aus­sich­ten eines Rechts­be­helfs hin­zu­wei­sen, nach­dem er die Scha­dens­ver­ur­sa­chung zu ver­ant­wor­ten und im Ermitt­lungs­ver­fah­ren aus­drück­lich im Namen des Klä­gers eine schrift­sätz­li­che Stel­lung­nah­me gegen­über der Buß­geld- und Straf­sa­chen­stel­le des zustän­di­gen Finanz­amts abge­ge­ben hat­te, in der eine vor­sätz­li­che Bege­hungs­wei­se in Abre­de gestellt wur­de.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. April 2010 – IX ZR 189/​09

  1. RGZ 169, 267, 269 f; BGHZ 23, 222, 225; BGH, Urteil vom 14.11.1996 – IX ZR 215/​95, WM 1997, 328, 329[]
  2. BGHSt 37, 226[]
  3. BGHZ 23, 222, 225; BGH, Urteil vom 14.11.1996 – IX ZR 215/​95, a.a.O.[]
  4. BGH, Urteil vom 14.11.1996 – IX ZR 215/​95, a.a.O. S. 330[]
  5. BGH, Urteil vom 20.07.1999 – X ZR 139/​96, NJW 2000, 217, 219[]
  6. BAG NJW 1998, 2923, 2924[]
  7. BGH, Urteil vom 30.09.1982 – III ZR 110/​81, NJW 1983, 622, 623; Beschluss vom 21.12.1988 – III ZR 54/​88, NJW-RR 1989, 676, 677[]
  8. BGH, Urtei­le vom 28.09.2006 – I ZR 198/​03, NJW-RR 2007, 1282, 1285 Rn. 32; und vom 03.07.2008 – I ZR 183/​06; NJW-RR 2009, 46, 48 Rn. 24[]
  9. BGH, Urtei­le vom 19.12.1991 – IX ZR 41/​91, NJW 1992, 820; vom 24.06.1993 – IX ZR 216/​92, NJW 1993, 2747, 2750; vom 18.12.1997 – IX ZR 153/​96, WM 1998, 301, 304; vom 09.12.1999 – IX ZR 129/​99, NJW 2000, 1263, 1265; vom 06.02.2003 – IX ZR 77/​02, WM 2003, 1138, 1141; und vom 20.03.2008 – IX ZR 238/​06, WM 2008, 950, 952 Rn. 17; Zuge­hör, in: Zugehör/​Fischer/​Sieg/​Schlee, Hand­buch der Anwalts­haf­tung, 2. Aufl. Rn. 1235[]
  10. Zuge­hör, a.a.O. Rn. 1235[]
  11. vgl. BGH, Urteilr vom 24.06.1993 – IX ZR 216/​92, a.a.O.; vom 09.12.1999 – IX ZR 129/​99, a.a.O.; vom 18.12.2008 – IX ZR 12/​05, NJW 2009, 1141, 1143 Rn. 21[]
  12. BGH, Urteil vom 04.05.2000 – IX ZR 142/​99, WM 2000, 1591, 1595 unter Bezug­nah­me auf BGHZ 134, 100, 114 f.[]
  13. BGH, Urteil vom 20.02.2003 – IX ZR 384/​99, WM 2003, 1623, 1625; Zuge­hör, a.a.O., Rn. 1236; Grä­fe, in: Gräfe/​Lenzen/​Schmeer, Steu­er­be­ra­ter­haf­tung 4. Aufl. Rn. 753[]
  14. BGH, Urteil vom 06.10.2005 – IX ZR 111/​02, NJW 2006, 288, 289 Rn. 12[]
  15. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BGH, Urtei­le vom 21.07.2005 – IX ZR 6/​02, WM 2005, 1904, 1907; und vom 11.01.2007 – III ZR 116/​06, NJW 2007, 1063 Rn. 14[]
  16. BGHZ 34, 355, 363 ff; 135, 235, 240[]