Haf­tung von Kar­tell­mit­glie­dern

Die Teil­neh­mer an einem Preis­kar­tell haf­ten auch mit­tel­bar Geschä­dig­ten auf Scha­dens­er­satz. Scha­dens­er­satz wegen Kar­tell­rechts­ver­stö­ßen kön­nen mit­hin nicht nur die unmit­tel­ba­ren Kun­den der Kar­tell­teil­neh­mer ver­lan­gen, son­dern auch die ihnen in der Absatz­ket­te fol­gen­de Abneh­mer. Aller­dings bie­tet der Bun­des­ge­richts­hof den Kar­tell­teil­neh­mern einen Ent­las­tungs­be­weis zu: Der Kar­tel­lant kann gegen den Anspruch ein­wen­den, der Anspruch­stel­ler habe sei­ner­seits die kar­tell­be­ding­te Preis­er­hö­hung wie­der­um an sei­ne eige­nen Kun­den wei­ter­ge­ge­ben (dem dann frei­lich ein Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen den Kar­tell­teil­neh­mer zusteht).

Haf­tung von Kar­tell­mit­glie­dern

In dem der Ent­schei­dung zugrun­de lie­gen­den Fall hat die Klä­ge­rin die Beklag­te aus abge­tre­te­nem Recht eines Dru­cke­rei­un­ter­neh­mens auf Scha­dens­er­satz wegen Kar­tell­ab­spra­chen in Anspruch genom­men. Die Beklag­te war von Janu­ar 1992 bis Sep­tem­ber 1995 an einem Preis­kar­tell der Her­stel­ler von Selbst­durch­schrei­be­pa­pier (SD-Papier) betei­ligt. Das steht auf­grund einer von ihr erfolg­los vor dem Gericht und dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung der EU-Kom­mis­si­on, die der Beklag­ten des­halb eine Geld­bu­ße in Höhe von ca. 33 Mio. € auf­er­legt hat, fest 1. Das Dru­cke­rei­un­ter­neh­men hat in die­sem Zeit­raum zu kar­tell­be­dingt über­höh­ten Prei­sen Selbst­durch­schreib­pa­pier von Groß­händ­lern bezo­gen, die ihrer­seits von am Kar­tell betei­lig­ten Her­stel­lern belie­fert wur­den.

Das in der Vor­in­stanz mit dem Rechts­streit befass­te Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he hat der Scha­dens­er­satz­kla­ge teil­wei­se statt­ge­ben 2. Auf die Revi­si­on des Beklag­ten hat nun der Bun­des­ge­richts­hof das ange­foch­te­ne Urteil auf­ge­ho­ben und die Sache an das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he zurück­ver­wie­sen, da noch wei­te­re Fest­stel­lun­gen getrof­fen wer­den müs­sen.

Mit sei­ner Ent­schei­dung, dass auch in der Absatz­ket­te fol­gen­den indi­rek­ten Abneh­mern ein Scha­dens­er­satz­an­spruch wegen kar­tell­be­ding­ter Preis­er­hö­hun­gen zuste­hen kann, trägt der Bun­des­ge­richts­hof dem Umstand Rech­nung, dass die nach­tei­li­gen Fol­gen eines Preis­kar­tells sich nicht not­wen­di­ger­wei­se bei den unmit­tel­ba­ren Abneh­mern der Kar­tel­lan­ten rea­li­sie­ren, son­dern – weil die­se die Preis­er­hö­hun­gen wei­ter­ge­ben kön­nen – oft auf nach­fol­gen­de Markt­stu­fen ver­la­gert wer­den. Nach dem Sinn und Zweck des Kar­tell- und Scha­dens­er­satz­rechts ist es aber gebo­ten, dass auch die­je­ni­gen Markt­teil­neh­mer ihren Scha­den ersetzt erhal­ten, auf deren Kos­ten ein kar­tell­recht­lich ver­bo­te­nes Ver­hal­ten letzt­lich prak­ti­ziert wird. Dies ist auch die Auf­fas­sung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on, der bereits aus­ge­spro­chen hat, dass jeder­mann berech­tigt ist, Ersatz des ihm ent­stan­de­nen Scha­dens zu ver­lan­gen, der ursäch­lich auf ein nach Uni­ons­recht ver­bo­te­nes Kar­tell zurück­zu­füh­ren ist.

Wie der Bun­des­ge­richts­hof wei­ter ent­schied, ist der Kar­tell­teil­neh­mer aber grund­sätz­lich berech­tigt, dem Scha­dens­er­satz ver­lan­gen­den Abneh­mer ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass die­ser die von ihm gezahl­ten kar­tell­be­dingt über­höh­ten Prei­se an sei­ne eige­nen Kun­den wei­ter­ge­ge­ben und des­we­gen letzt­lich kei­nen Scha­den mehr hat ("pas­sing-on defence"). Durch die­se Vor­teils­aus­glei­chung wird eine unver­hält­nis­mä­ßi­ge mehr­fa­che Inan­spruch­nah­me des Kar­tel­lan­ten für einen nur ein­mal ent­stan­de­nen Scha­den eben­so ver­mie­den wie eine unge­recht­fer­tig­te Berei­che­rung direk­ter Abneh­mer, soweit sie tat­säch­lich wirt­schaft­lich kei­nen Scha­den erlit­ten haben.

Betei­lig­te eines Kar­tells haf­ten auch für den Scha­den, der Abneh­mern dadurch ent­steht, dass sie über den Groß­han­del von ande­ren Kar­tell­teil­neh­mern bezo­gen haben.

Grund­la­ge des Scha­dens­er­satz­an­spruchs im Streit­fall ist § 823 Abs. 2 BGB i. V. mit Art. 81 EG (heu­te Art. 101 AEUV). Auf § 33 GWB konn­te die Kla­ge nicht gestützt wer­den, da die­se Norm im Zeit­raum der maß­geb­li­chen Waren­lie­fe­run­gen noch nicht galt. Der Bun­des­ge­richts­hof hat jedoch klar­ge­stellt, dass sich nach gel­ten­dem Recht kei­ne grund­sätz­lich abwei­chen­de Beur­tei­lung ergibt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Juni 2011 – KZR 75/​10

  1. vgl. EuG, Urteil vom 26.04.2007 – T 109/​02; EuGH, Urteil vom 03.09.2009 – C‑322/​07 P[]
  2. OLG Karls­ru­he, Urteil vom 11.06.2010 – 6‑U 118/​05 (Kart) []