Der Ver­stoß des Han­dels­ver­tre­ter gegen ein Wett­be­werbs­ver­bot

Wenn in einem Han­dels­ver­tre­ter­ver­trag der Ver­stoß gegen ein ver­trag­lich ver­ein­bar­tes Wett­be­werbs­ver­bot als wich­ti­ger Grund für eine frist­lo­se Kün­di­gung benannt ist, so steht dies einer Ver­trags­aus­le­gung nicht ent­ge­gen, nach der Wett­be­werbs­ver­stö­ße, die unter Wür­di­gung aller Umstän­de so gering­fü­gig sind, dass durch sie das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen Unter­neh­mer und Han­dels­ver­tre­ter bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung nicht grund­le­gend beschä­digt wird, nicht – zumin­dest nicht ohne vor­he­ri­ge Abmah­nung – zur frist­lo­sen Kün­di­gung berech­ti­gen 1.

Der Ver­stoß des Han­dels­ver­tre­ter gegen ein Wett­be­werbs­ver­bot

Nach § 89a Abs. 1 Satz 1 HGB kann das Ver­trags­ver­hält­nis zwi­schen dem Unter­neh­mer und dem Han­dels­ver­tre­ter von jedem Teil aus wich­ti­gem Grund ohne Ein­hal­tung einer Kün­di­gungs­frist gekün­digt wer­den. Dem ent­spricht die Rege­lung in § 11 Nr. 3 Satz 1 des zwi­schen den Par­tei­en geschlos­se­nen Agen­tur­ver­tra­ges. Ein wich­ti­ger Grund für die Kün­di­gung eines Dau­er­schuld­ver­hält­nis­ses liegt nach der Legal­de­fi­ni­ti­on in § 314 Abs. 1 Satz 2 BGB vor, wenn dem kün­di­gen­den Teil unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel-falls und unter Abwä­gung der bei­der­sei­ti­gen Inter­es­sen die Fort­set­zung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses bis zur ver­ein­bar­ten Been­di­gung oder bis zum Ablauf einer Kün­di­gungs­frist nicht zuge­mu­tet wer­den kann. In § 11 Nr. 3 Satz 2 des – in dem vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall streit­ge­gen­ständ­li­chen – Agen­tur­ver­tra­ges wird als ein Bei­spiel für einen wich­ti­gen Grund, der die Beklag­ten zur frist­lo­sen Kün­di­gung berech­tigt, ein Ver­stoß gegen das in § 4 des Ver­tra­ges gere­gel­te Wett­be­werbs­ver­bot her­vor­ge­ho­ben ("ins­be­son­de­re auch").

Bei der Beur­tei­lung der frist­lo­sen Kün­di­gung ist von die­sen gesetz­li­chen und ver­trag­li­chen Vor­ga­ben aus­zu­ge­hen. Dabei ist der Begriff des wich­ti­gen Grun­des in § 11 Nr. 3 des Agen­tur­ver­tra­ges so zu ver­ste­hen, wie er in § 314 Abs. 1 Satz 2 BGB defi­niert ist. Auf die­ser Grund­la­ge kann die Bestim­mung in § 11 Nr. 3 Satz 2 des Agen­tur­ver­tra­ges nach §§ 133, 157 BGB rechts­feh­ler­frei dahin aus­ge­legt wer­den, dass Wett­be­werbs­ver­stö­ße, die so gering­fü­gig sind, dass sie einen grund­le­gen­den Ver­trau­ens­ver­lust zwi­schen Unter­neh­mer und Han­dels­ver­tre­ter nicht her­bei­füh­ren kön­nen, kei­nen wich­ti­gen Kün­di­gungs­grund im Sin­ne die­ser Ver­trags­be­stim­mung dar­stel­len.

Es ist nicht fest­ge­stellt wor­den, kann aber auch dahin­ge­stellt blei­ben, ob die Ver­trags­be­stim­mung in § 11 Nr. 3 Satz 2 des Agen­tur­ver­tra­ges auf Indi­vi­du­al­erklä­run­gen beruht, deren Aus­le­gung (§§ 133, 157 BGB) in ers­ter Linie dem Tatrich­ter obliegt und vom Revi­si­ons­ge­richt nur dar­auf­hin über­prüft wer­den kann, ob gesetz­li­che Aus­le­gungs­re­geln, aner­kann­te Aus­le­gungs­grund­sät­ze, Denk­ge­set­ze, Erfah­rungs­sät­ze oder Ver­fah­rens­vor­schrif­ten ver­letzt wor­den sind 2, oder ob es sich um eine For­mu­lar­klau­sel han­delt, deren Aus­le­gung durch den Tatrich­ter ange­sichts der Ände­rung des § 545 Abs. 1 ZPO mit Wir­kung vom 1. Sep­tem­ber 2009 der unein­ge­schränk­ten revi­si­ons­recht­li­chen Nach­prü­fung unter­liegt 3. Denn auch einer unein­ge­schränk­ten Nach­prü­fung hält die­se Aus­le­gung von § 11 Nr. 3 Satz 2 des Agen­tur­ver­tra­ges stand. Sie ver­stößt nicht gegen die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zu ver­trag­li­chen Kün­di­gungs­klau­seln.

Die­se ein­schrän­ken­de Aus­le­gung ver­kennt nicht, dass nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs die Benen­nung von wich­ti­gen Kün­di­gungs­grün­den im Han­dels­ver­tre­ter­ver­trag die ansons­ten gebo­te­ne Zumut­bar­keits­prü­fung ein­schrän­ken oder ganz aus­schlie­ßen kann 4. Es wird hier­bei aber mit Recht ange­nom­men, dass es eine Fra­ge der Aus­le­gung des Han­dels­ver­tre­ter­ver­tra­ges ist, ob und inwie­weit die Benen­nung bestimm­ter Pflicht­ver­stö­ße als (wich­ti­ger) Kün­di­gungs­grund eine am Ein­zel­fall ori­en­tier­te Inter­es­sen­ab­wä­gung von vorn­her­ein aus­schließt. Einer sol­chen Ver­trags­aus­le­gung steht die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht ent­ge­gen. Das Urteil des I. Zivil­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs vom 7. Juli 1988 5 ver­bie­tet kei­ne Aus­le­gung ver­trag­li­cher Kün­di­gungs­klau­seln im Hin­blick dar­auf, ob sie eine Inter­es­sen­ab­wä­gung und Zumut­bar­keits­prü­fung aus­schlie­ßen, son­dern beruht gera­de auf einer Aus­le­gung der damals zu beur­tei­len­den Kün­di­gungs­klau­sel unter die­sem Gesichts­punkt 6; das gilt auch für das Urteil des II. Zivil­se­nats vom 20. Okto­ber 1955 7.

Mit Recht ist die Rege­lung in § 11 Nr. 3 Satz 2 des Agen­tur­ver­tra­ges im Wege der Aus­le­gung dahin ein­zu­schrän­ken, dass Wett­be­werbs­ver­stö­ße, die unter Wür­di­gung aller Umstän­de so gering­fü­gig sind, dass durch sie das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen Unter­neh­mer und Han­dels­ver­tre­ter bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung nicht grund­le­gend beschä­digt wird, nicht – zumin­dest nicht ohne vor­he­ri­ge Abmah­nung – zur frist­lo­sen Kün­di­gung berech­ti­gen.

Dass gering­fü­gi­ge Ver­trags­ver­let­zun­gen kei­nen wich­ti­gen Grund für eine frist­lo­se Kün­di­gung sein kön­nen, ergibt sich bereits aus dem auf die Umstän­de des Ein­zel­fal­les bezo­ge­nen Begriff des wich­ti­gen Grun­des. Im Han­dels­ver­tre­ter­recht ist die Beschrän­kung des Rechts zur außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung auf schwer­wie­gen­de Ver­trags­ver­let­zun­gen in beson­de­rer Wei­se gebo­ten, weil das Vor­lie­gen eines wich­ti­gen Kün­di­gungs­grun­des wegen schuld­haf­ten Ver­hal­tens des Han­dels­ver­tre­ters gemäß § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB den Ver­lust des Aus­gleichs­an­spruchs zur Fol­ge hat. Dar­auf hat das Beru­fungs­ge­richt mit Recht hin­ge­wie­sen.

Aus der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ergibt sich nichts ande­res. Der Bun­des­ge­richts­hof hat nicht ent­schie­den, dass Wett­be­werbs­ver­stö­ße, die sich bei Wür­di­gung aller Umstän­de als gering­fü­gig dar­stel­len, in jedem Fall zur frist­lo­sen Kün­di­gung aus wich­ti­gem Grund berech­ti­gen wür­den, wenn der Ver­stoß gegen das Wett­be­werbs­ver­bot im Ver­trag als Bei­spiel für einen wich­ti­gen Kün­di­gungs­grund genannt ist.

In dem von der Revi­si­on her­an­ge­zo­ge­nen Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 20. Okto­ber 1955 7 hat der II. Zivil­se­nat aus­ge­führt, dass es bei einer ver­trag­li­chen Fest­le­gung, dass eine Ver­let­zung des Wett­be­werbs­ver­bots (stets) zur sofor­ti­gen Kün­di­gung berech­ti­gen soll, grund­sätz­lich kei­ner umfas­sen­den Zumut­bar­keits­prü­fung bedarf, dass aber gleich­wohl zu prü­fen ist, ob der Unter­neh­mer gegen Treu und Glau­ben han­delt, wenn er sich auf das ver­trag­li­che Kün­di­gungs­recht beruft. Damit hat der Bun­des­ge­richts­hof auch in die­ser Ent­schei­dung Raum gelas­sen für eine Wür­di­gung der Umstän­de des Ein­zel­fal­les, auch wenn er gefor­dert hat, dass bei die­ser Prü­fung auf­grund des ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Kün­di­gungs­rechts ein weit schär­fe­rer Maß­stab anzu­le­gen ist, als wenn es nur um die Fra­ge geht, ob ein wich­ti­ger Kün­di­gungs­grund im Sin­ne des Geset­zes zu ver­nei­nen ist.

Stär­ker noch wird das Erfor­der­nis der Wür­di­gung der Umstän­de des Ein­zel­fal­les im Urteil des II. Zivil­se­nats vom 6. Dezem­ber 1956 8 her­vor­ge­ho­ben. Danach kön­nen die Ver­trags­par­tei­en nicht jedes gering­fü­gi­ge Vor­komm­nis von vorn­her­ein als einen wich­ti­gen Kün­di­gungs­grund gel­ten las­sen. Viel­mehr muss trotz Vor­lie­gens einer der­ar­ti­gen Ver­ein­ba­rung im Ein­zel­fall fest­ge­stellt wer­den, ob der Vor­fall so schwer­wie­gend ist, dass dem Kün­di­gen­den die Fort­set­zung des Ver­tra­ges nicht mehr zuge­mu­tet wer­den kann. Dabei ist es für die Beur­tei­lung der Zumut­bar­keit aller­dings von Bedeu­tung, dass die Par­tei­en durch die Her­vor­he­bung bestimm­ter Tat­be­stän­de zu erken­nen gege­ben haben, dass sie einen beson­de­ren Wert auf einen Nicht­ein­tritt die­ses Tat­be­stands legen.

Der Recht­spre­chung des II. Zivil­se­nats haben sich der VII. und der I. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs ange­schlos­sen 9. Im Urteil des VII. Zivil­se­nats vom 24. Janu­ar 1974 10 wird aus­drück­lich her­vor­ge­ho­ben, dass ein ver­trag­li­ches Kon­kur­renz­ver­bot unter beson­de­ren Umstän­den ein­schrän­kend aus­zu­le­gen sein kann. Nichts ande­res gilt für die im Wege der Aus­le­gung vor­ge­nom­me­ne Aus­klam­me­rung gering­fü­gi­ger Wett­be­werbs­ver­stö­ße aus dem Anwen­dungs­be­reich des § 11 Nr. 3 Satz 2 des Agen­tur­ver­tra­ges.

Auch folgt aus den Aus­füh­run­gen im Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 7. Juli 1988 5 nicht, dass die ein­schrän­ken­de Aus­le­gung von § 11 Nr. 3 Satz 2 des Agen­tur­ver­tra­ges unzu­läs­sig wäre. Nach die­ser Ent­schei­dung hängt die Berech­ti­gung zu einer außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung bei einer ver­trag­li­chen Benen­nung der eine vor­zei­ti­ge Ver­trags­be­en­di­gung recht­fer­ti­gen­den Grün­de nicht davon ab, dass zusätz­lich noch beson­de­re Umstän­de vor­lie­gen müss­ten, die ein Fest­hal­ten am Ver­trag unzu­mut­bar machen. Auch dazu steht die vor­ge­nom­me­ne Aus­le­gung des Agen­tur­ver­tra­ges nicht im Wider­spruch. Denn dadurch wird die Wirk­sam­keit der frist­lo­sen Kün­di­gung nicht des­halb ver­neint, weil gefor­dert wird, dass zu den fest­ge­stell­ten Wett­be­werbs­ver­stö­ßen zusätz­lich noch beson­de­re – hier feh­len­de – Umstän­de hin­zu­tre­ten müss­ten, um die frist­lo­se Kün­di­gung zu recht­fer­ti­gen, viel­mehr wird die Ver­trags­be­stim­mung dahin aus­ge­legt, dass gering­fü­gi­ge Wett­be­werbs­ver­stö­ße von vor­ne­her­ein nicht unter § 11 Nr. 3 Satz 2 des Ver­tra­ges fal­len. An einer sol­chen ein­schrän­ken­den Aus­le­gung des Tat­be­stands der Kün­di­gungs­klau­sel ist das Gericht nicht gehin­dert.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Novem­ber 2010 – VIII ZR 327/​09

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 07.07.1988 – I ZR 78/​87, WM 1988, 1490[]
  2. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 05.04.2006 – VIII ZR 384/​04, WM 2006, 1358 Rn. 12 mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 09.06.2010 – VIII ZR 294/​09, WuM 2010, 476 Rn. 11[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 07.07.1988 – I ZR 78/​87, WM 1988, 1490, Bezug neh­mend auf BGH, Urteil vom 20.10.1955 – II ZR 75/​54, WM 1956, 138[]
  5. BGH, Urteil vom 07.07.1988 – I ZR 78/​87, aaO[][]
  6. BGH, aaO[]
  7. BGH, Urteil vom 20.10.1955 – II ZR 75/​54, aaO[][]
  8. BGH, Urteil vom 06.12.1956 – II ZR 245/​55, HVR Nr. 203[]
  9. BGH, Urtei­le vom 24.01.1974 – VII ZR 52/​73, WM 1974, 350; und vom 07.07.1988 – I ZR 78/​87, aaO[]
  10. BGH, Urteil vom 24.01.1974 – VII ZR 52/​73, aaO[]