Luft­trans­port über dieb­stahl­ge­fähr­de­te Flug­hä­fen

Erfolgt die Luft­be­för­de­rung des Guts über einen Flug­ha­fen, an dem es in der Ver­gan­gen­heit zu Dieb­stäh­len an Sen­dun­gen gekom­men ist, recht­fer­tigt dies für sich allein nicht den Vor­wurf eines qua­li­fi­zier­ten Ver­schul­dens des Fracht­füh­rers im Sin­ne von § 435 HGB.

Luft­trans­port über dieb­stahl­ge­fähr­de­te Flug­hä­fen

Der Fracht­füh­rer haf­tet gemäß § 425 Abs. 1 HGB für den Scha­den, der durch Ver­lust oder Beschä­di­gung des Gutes in der Zeit von der Über­nah­me zur Beför­de­rung bis zur Ablie­fe­rung oder durch Über­schrei­tung der Lie­fer­frist ent­steht.

Gemäß § 435 HGB gel­ten die in den §§ 407 bis 450 HGB und im Fracht­ver­trag vor­ge­se­he­nen Haf­tungs­be­frei­un­gen und Haf­tungs­be­gren­zun­gen nicht, wenn der Scha­den auf eine Hand­lung oder Unter­las­sung zurück­zu­füh­ren ist, die der Fracht­füh­rer oder eine in § 428 HGB genann­te Per­son vor­sätz­lich oder leicht­fer­tig und in dem Bewusst­sein, dass ein Scha­den mit Wahr­schein­lich­keit ein­tre­ten wer­de, began­gen hat.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hat grund­sätz­lich der Anspruch­stel­ler die Vor­aus­set­zun­gen für den Weg­fall der zuguns­ten des Fracht­füh­rers bestehen­den gesetz­li­chen oder ver­trag­li­chen Haf­tungs­be­gren­zun­gen dar­zu­le­gen und gege­be­nen­falls zu bewei­sen. Danach trägt er die Dar­le­gungs- und Beweis­last dafür, dass der Fracht­füh­rer oder sei­ne Leu­te vor­sätz­lich oder leicht­fer­tig und in dem Bewusst­sein gehan­delt haben, dass ein Scha­den mit Wahr­schein­lich­keit ein­tre­ten wer­de. Die den Anspruch­stel­ler tref­fen­de Dar­le­gungs- und Beweis­last kann jedoch dadurch gemil­dert wer­den, dass der Fracht­füh­rer ange­sichts des unter­schied­li­chen Infor­ma­ti­ons­stands der Ver­trags­par­tei­en nach Treu und Glau­ben gehal­ten ist, soweit mög­lich und zumut­bar, zu den nähe­ren Umstän­den des Scha­dens­falls ein­ge­hend vor­zu­tra­gen. Eine sol­che sekun­dä­re Dar­le­gungs­last des Anspruchs­geg­ners ist zu beja­hen, wenn der Kla­ge­vor­trag ein qua­li­fi­zier­tes Ver­schul­den mit gewis­ser Wahr­schein­lich­keit nahe­legt oder sich Anhalts­punk­te für ein der­ar­ti­ges Ver­schul­den aus dem unstrei­ti­gen Sach­ver­halt erge­ben. Ins­be­son­de­re hat der Fracht­füh­rer in die­sem Fall sub­stan­ti­iert dar­zu­le­gen, wel­che Sorg­falt er zur Ver­mei­dung des ein­ge­tre­te­nen Scha­dens kon­kret auf­ge­wen­det hat. Kommt er dem nicht nach, kann nach den Umstän­den des Ein­zel­falls der Schluss auf ein qua­li­fi­zier­tes Ver­schul­den gerecht­fer­tigt sein 1.

Im hier ent­schie­de­nen Fall hat in der Vor­in­stanz das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf 2 ange­nom­men, man­gels ander­wei­ti­ger Anhalts­punk­te und Erklä­run­gen kön­ne nur davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass an den Palet­ten wäh­rend des Fracht­füh­rer­ge­wahr­sams Mani­pu­la­tio­nen vor­ge­nom­men wor­den sei­en, mit deren Hil­fe ein Teil der Fracht ent­wen­det wor­den sei. Hier­für spre­che, dass nach den Bekun­dun­gen des Zeu­gen G. in dem in Rede ste­hen­den Zeit­raum in kür­zes­ter Zeit noch in zwei wei­te­ren Fäl­len über den Flug­ha­fen in Paris abge­wi­ckel­te Sen­dun­gen bestoh­len wor­den sei­en.

Das OLG Düs­sel­dorf hat danach allein aus dem Umstand, dass der von ihm – auf feh­ler­haf­ter Grund­la­ge bejah­te – Teil­ver­lust der Sen­dung wäh­rend des Haf­tungs­zeit­raums der Fracht­füh­re­rin ein­ge­tre­ten ist und es am Pari­ser Flug­ha­fen, an dem die Sen­dung auf ein Flug­zeug ver­la­den wor­den ist, in zwei Fäl­len Dieb­stäh­le an Sen­dun­gen gege­ben haben soll, auf ein qua­li­fi­zier­tes Ver­schul­den des Fracht­füh­rers geschlos­sen. Die­se Annah­me ist schon des­halb nicht trag­fä­hig, weil das Ober­lan­des­ge­richt nicht fest­ge­stellt hat, dass der Teil­ver­lust der von der Beklag­ten beför­der­ten Sen­dung am Pari­ser Flug­ha­fen ein­ge­tre­ten ist. Das OLG Düs­sel­dorf hat nicht ein­mal fest­ge­stellt, dass von die­sen Dieb­stäh­len von der Fracht­füh­re­rin beför­der­tes Gut betrof­fen war. Das OLG Düs­sel­dorf hat des Wei­te­ren den Umstand unbe­rück­sich­tigt gelas­sen, dass die Sen­dung mit äußer­lich unver­sehr­ter Ver­pa­ckung in Sin­ga­pur ange­kom­men ist, so dass das äuße­re Erschei­nungs­bild der Sen­dung kei­nen Anhalts­punkt für ein qua­li­fi­zier­tes Ver­schul­den der Fracht­füh­re­rin bie­tet 3.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Dezem­ber 2015 – I ZR 87/​14

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 13.06.2012 – I ZR 87/​11, TranspR 2012, 463 Rn. 16 f.[]
  2. OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 12.03.2014 – I‑18 U 91/​13[]
  3. vgl. hier­zu BGH, TranspR 2012, 463 Rn.19[]