Meh­re­re Scha­dens­ur­sa­chen beim Mul­ti­modal­trans­port – und der Scha­dens­ort

Die Bestim­mung des § 452a HGB ist nicht anwend­bar, wenn ein Scha­den auf meh­re­ren Ursa­chen beruht, die auf meh­re­ren Teil­stre­cken eines Mul­ti­modal­trans­ports gesetzt wor­den sind, und jede die­ser Ursa­chen den Scha­den allein ver­ur­sacht hät­te.

Meh­re­re Scha­dens­ur­sa­chen beim Mul­ti­modal­trans­port – und der Scha­dens­ort

Wird die Beför­de­rung des Gutes auf Grund eines ein­heit­li­chen Fracht­ver­trags mit ver­schie­den­ar­ti­gen Beför­de­rungs­mit­teln durch­ge­führt (Mul­ti­modal­trans­port) und wären, wenn über jeden Teil der Beför­de­rung mit jeweils einem Beför­de­rungs­mit­tel (Teil­stre­cke) zwi­schen den Ver­trags­par­tei­en ein geson­der­ter Ver­trag abge­schlos­sen wor­den wäre, min­des­tens zwei die­ser Ver­trä­ge ver­schie­de­nen Rechts­vor­schrif­ten unter­wor­fen, so sind auf den Ver­trag nach § 452 Satz 1 HGB die Vor­schrif­ten der §§ 407 bis 450 HGB anzu­wen­den, soweit die fol­gen­den beson­de­ren Vor­schrif­ten oder anzu­wen­den­de inter­na­tio­na­le Über­ein­kom­men nichts ande­res bestim­men. Dies gilt nach § 452 Satz 2 HGB auch dann, wenn – wie im Streit­fall – ein Teil der Beför­de­rung über See durch­ge­führt wird.

Um einen Mul­ti­modal­trans­port han­delt es sich u.a. dann, wenn ein ein­heit­li­cher Ver­trag über die Beför­de­rung des Gutes zunächst per Bahn und dann über See geschlos­sen wur­de. Da für die Bahn­stre­cke die Bestim­mun­gen der CIM 1999 und für die nach­fol­gen­de See­stre­cke die §§ 556 ff. HGB aF gegol­ten haben und auch kein vor­ran­gig anzu­wen­den­des inter­na­tio­na­les Über­ein­kom­men ande­res bestimm­te, sind auf die­sen Ver­trag nach § 452 Satz 1 und 2 HGB grund­sätz­lich die Bestim­mun­gen der §§ 407 ff. HGB und ins­be­son­de­re die Vor­schrif­ten über die Haf­tung des Fracht­füh­rers für Güter- und Ver­spä­tungs­schä­den (§§ 425 ff. HGB) anwend­bar.

Die Haf­tung des Fracht­fü­hers wür­de sich gemäß der im Sin­ne des § 452 HGB beson­de­ren Vor­schrift des § 452a HGB nach den Vor­schrif­ten des See­fracht­rechts bestim­men, wenn fest­stün­de, dass der Scha­den auf der See­stre­cke ein­ge­tre­ten ist. Steht fest, dass der Ver­lust, die Beschä­di­gung oder das Ereig­nis, das zu einer Über­schrei­tung der Lie­fer­frist geführt hat, auf einer bestimm­ten Teil­stre­cke ein­ge­tre­ten ist, so bestimmt sich die Haf­tung des Fracht­füh­rers gemäß § 452a Satz 1 HGB abwei­chend von den Vor­schrif­ten der §§ 407 bis 450 HGB nach den Rechts­vor­schrif­ten, die auf einen Ver­trag über eine Beför­de­rung auf die­ser Teil­stre­cke anzu­wen­den wären. Der Beweis dafür, dass der Ver­lust, die Beschä­di­gung oder das zu einer Über­schrei­tung der Lie­fer­frist füh­ren­de Ereig­nis auf einer bestimm­ten Teil­stre­cke ein­ge­tre­ten ist, obliegt gemäß § 452a Satz 2 HGB dem­je­ni­gen, der dies behaup­tet.

Wird nach Über­nah­me des Gutes erkenn­bar, dass die Ablie­fe­rung nicht ver­trags­ge­mäß durch­ge­führt wer­den kann, so hat der Fracht­füh­rer nach der gemäß § 452 HGB auf Mul­ti­modal­trans­por­te anwend­ba­ren Rege­lung des § 419 Abs. 1 Satz 1 HGB aF Wei­sun­gen des nach § 418 HGB ver­fü­gungs­be­rech­tig­ten Absen­ders ein­zu­ho­len. Kann der Fracht­füh­rer Wei­sun­gen, die er nach § 418 Abs. 1 Satz 3 HGB befol­gen müss­te, inner­halb ange­mes­se­ner Zeit nicht erlan­gen, so hat er nach § 419 Abs. 3 Satz 1 HGB die Maß­nah­men zu ergrei­fen, die im Inter­es­se des ver­fü­gungs­be­rech­tig­ten Absen­ders die bes­ten zu sein schei­nen. Er kann nach § 418 Abs. 3 Satz 2 Halb­satz 1 HGB etwa das Gut ent­la­den und ver­wah­ren, für Rech­nung des ver­fü­gungs­be­rech­tig­ten Absen­ders einem Drit­ten zur Ver­wah­rung anver­trau­en oder zurück­be­för­dern. Nach dem Ent­la­den des Gutes gilt die Beför­de­rung gemäß § 419 Abs. 3 Satz 5 HGB als been­det. Mit der Been­di­gung der Beför­de­rung endet auch der Fracht­ver­trag 1. Wegen eines spä­ter ein­tre­ten­den Ver­lusts des Gutes haf­tet der Fracht­füh­rer daher nicht mehr nach den Rege­lun­gen des Fracht­rechts. Sofern das Gut in sei­ner Obhut bleibt, bestimmt sich sei­ne Haf­tung zunächst nach den Vor­schrif­ten über die Ver­wah­rung gemäß §§ 688 ff. BGB und, wenn eine Ein­la­ge­rung erfolgt, nach den Bestim­mun­gen über das Lager­ge­schäft gemäß §§ 467 ff. HGB 2.

§ 452a HGB ist nur dann anwend­bar, wenn der Scha­den nach­weis­lich auf einer bestimm­ten Teil­stre­cke ein­ge­tre­ten ist. Dabei ist zu beach­ten, dass der Scha­den dort ein­ge­tre­ten ist, wo sei­ne Ursa­che gesetzt wor­den ist 3. Im Streit­fall kann offen­blei­ben, ob die Vor­schrift des § 452a HGB anwend­bar ist, wenn der ein­ge­tre­te­ne Scha­den auf meh­re­ren Ursa­chen beruht, die auf meh­re­ren Teil­stre­cken gesetzt wor­den sind 4. Sie ist jeden­falls nicht anwend­bar, wenn jede die­ser Ursa­chen den ein­ge­tre­te­nen Scha­den allein ver­ur­sacht hät­te, weil der Scha­den dann weder ins­ge­samt noch teil­wei­se einer bestimm­ten Teil­stre­cke zuge­ord­net wer­den kann. Das gilt auch dann, wenn eine Per­son meh­re­re Ursa­chen setzt, von denen jede für sich den vol­len Scha­den her­bei­ge­führt hät­te (soge­nann­te Dop­pel­kau­sa­li­tät; vgl. BGH, Urteil vom 17.12 2013 – VI ZR 211/​12, BGHZ 199, 237 Rn. 50; Urteil vom 04.04.2014 – V ZR 275/​12, BGHZ 200, 350 Rn. 16, jeweils mwN).

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Sep­tem­ber 2015 – I ZR 212/​13

  1. vgl. BGH, Urteil vom 05.02.1987 – I ZR 7/​85, TranspR 1987, 180, 181 f. = VersR 1987, 678, zu Art. 16 Abs. 2 Satz 1 CMR; Staub/​P. Schmidt, HGB, 5. Aufl., § 419 Rn. 48; MünchKomm-.HGB/Thume, 3. Aufl., § 419 Rn. 39 mwN[]
  2. vgl. MünchKomm-.HGB/Thume aaO § 419 Rn. 39 mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 13.09.2007 – I ZR 207/​04, BGHZ 173, 344 Rn. 24; Urteil vom 18.06.2009 – I ZR 140/​06, BGHZ 181, 292 Rn. 21; Kol­ler, Trans­port­recht, 8. Aufl., § 452a HGB Rn. 3; MünchKomm-.HGB/Herber aaO § 452a Rn. 7[]
  4. vgl. dazu MünchKomm-.HGB/Herber aaO § 452a Rn. 8; Oetker/​Paschke, HGB, 4. Aufl., § 452a Rn. 3; Kol­ler aaO § 452a HGB Rn. 4; Reusch­le in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn, HGB, 3. Aufl., § 452a Rn. 8[]