Ord­nungs­geld wegen ver­spä­te­ter Offen­le­gung des Jah­res­ab­schlus­ses

Unter­neh­men sind han­dels­recht­lich nicht nur ver­pflich­tet, Jah­res­ab­schlüs­se zu erstel­len, sie müs­sen die­se auch – in einem von ihrer Grö­ße und ihrer Rechts­form abhän­gi­gem Umfang – auch offen­le­gen, und zwar regel­mä­ßig über das vom Bun­des­an­zei­ger betrie­be­ne Unter­neh­mens­re­gis­ter. Erfolgt die­se Offen­le­gung des Jah­res­ab­schlus­ses nicht oder nicht recht­zei­tig, hat dies ein Ord­nungs­geld­ver­fah­ren sei­tens des Bun­des­am­tes für Jus­tiz zur Fol­ge. Und nach­dem die­se Pflicht nun seit drei Jah­ren besteht, ist ein sol­ches Ord­nungs­geld­ver­fah­ren nach § 335 HGB nun auch vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gelan­det.

Ord­nungs­geld wegen ver­spä­te­ter Offen­le­gung des Jah­res­ab­schlus­ses

Die Beschwer­de­füh­re­rin, eine GmbH, wen­det sich, nach­dem sie bereits vor dem Land­ge­richt Bonn kei­nen Erfolg hat­ten, mit ihrer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen gegen eine Ord­nungs­geld­fest­set­zung, die nach ver­spä­te­ter Offen­le­gung eines Jah­res­ab­schlus­ses erfolgt ist. Sie mei­nen, § 335 HGB bie­te hier­für kei­ne Grund­la­ge, da die Vor­schrift nur Beu­ge­zwe­cke ver­fol­ge, nicht aber zur Auf­er­le­gung von repres­siv wir­ken­den Sank­tio­nen ermäch­ti­ge. Die­ser Argu­men­ta­ti­on folg­te das BVerfG nicht und nahm die Ver­fas­sungs­be­schwer­de gar nicht erst zur Ent­schei­dung an:

Die Fest­set­zung des Ord­nungs­gelds trotz vor­he­ri­ger, aber nach Ablauf der gesetz­ten Nach­frist erfolg­ter Offen­le­gung der Jah­res­ab­schluss­un­ter­la­gen unter­liegt nach Ansicht der Ver­fas­sungs­rich­ter ver­fas­sungs­recht­lich kei­nen Beden­ken. Soweit die Beschwer­de­füh­re­rin als juris­ti­sche Per­son Trä­ge­rin von Grund­rech­ten sein kann (Art. 19 Abs. 3 GG), greift die Auf­er­le­gung des Ord­nungs­gelds zwar in ihr ver­fas­sungs­mä­ßi­ges Recht aus Art. 2 Abs. 1 GG ein 1. Die Beschwer­de­füh­re­rin ist in ihrem Grund­recht vor­lie­gend aber nicht ver­letzt, weil die Fest­set­zung des Ord­nungs­gel­des, so das BVerfG aus­drück­lich, nach § 335 HGB gerecht­fer­tigt war.

Die Aus­le­gung und Anwen­dung des § 335 HGB auf den dem Aus­gangs­ver­fah­ren zugrun­de lie­gen­den Sach­ver­halt betrifft Fra­gen des ein­fa­chen Rechts, die einer ins Ein­zel­ne gehen­den Über­prü­fung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt grund­sätz­lich ent­zo­gen sind. Auch im straf- und ord­nungs­recht­li­chen Bereich ist die Aus­le­gung des ein­fa­chen Rechts und sei­ne Anwen­dung auf den Ein­zel­fall grund­sätz­lich Sache der hier­zu beru­fe­nen Fach­ge­rich­te. In ver­fas­sungs­recht­li­cher Hin­sicht ist allein erheb­lich, ob die Anwen­dung des ein­fa­chen Rechts sich auf eine Aus­le­gung stützt, die auf einer grund­sätz­lich unrich­ti­gen Anschau­ung von der Bedeu­tung und Trag­wei­te der Grund­rech­te beruht 2.

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bb) Nach die­sem Maß­stab ist die Anwen­dung von § 335 HGB im Aus­gangs­ver­fah­ren auf eine ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­li­che Aus­le­gung der Vor­schrift gestützt. § 335 HGB kann ver­tret­bar dahin ver­stan­den wer­den, dass die Fest­set­zung eines Ord­nungs­gelds allein an die Ver­säu­mung der für eine Offen­le­gung von Jah­res­ab­schlüs­sen gel­ten­den Frist des § 325 Abs. 1 Satz 2 HGB und der in § 335 Abs. 3 Satz 1 HGB bestimm­ten Nach­frist anknüpft, mit­hin auch dann gerecht­fer­tigt ist, wenn die Offen­le­gung zwar ver­spä­tet, aber noch vor der Fest­set­zung erfolgt ist.

Der Wort­laut der Vor­schrift legt, so der Beschluss des BVerfG, bereits nahe, dass § 335 HGB in sol­chen Fäl­len zum Zweck einer Sank­tio­nie­rung des Ver­sto­ßes gegen die Offen­le­gungs­pflicht anwend­bar ist. Der in ihrer amt­li­chen Über­schrift und dem Norm­text ver­wen­de­te Begriff des Ord­nungs­gelds bezeich­net – anders als der des Zwangs­gelds – eine nicht­straf­recht­li­che Sank­ti­on für eine began­ge­ne Zuwi­der­hand­lung 3. Im Ein­klang hier­mit nennt § 335 Abs. 1 Satz 1 HGB als Grund für die Ver­hän­gung des Ord­nungs­gelds aus­drück­lich den – zurück­lie­gen­den – Ver­stoß gegen die Offen­le­gungs­pflich­ten nach §§ 325, 325a HGB. § 335 Abs. 3 Satz 4 HGB knüpft die Fest­set­zung allein an den frucht­lo­sen Ablauf der gesetz­ten Nach­frist. Für die Mög­lich­keit einer Ord­nungs­geld­fest­set­zung auch noch nach – wenn­gleich ver­fris­te­ter – Vor­la­ge des Jah­res­ab­schlus­ses spricht fer­ner § 335 Abs. 3 Satz 5 HGB, wonach im Fall gering­fü­gi­ger Frist­über­schrei­tung eine Her­ab­set­zung des Ord­nungs­gelds erfol­gen kann. Die­se Bestim­mung ist auch nicht zwin­gend allein auf den Fall eines bereits fest­ge­setz­ten Ord­nungs­gelds zu bezie­hen, son­dern kann dahin ver­stan­den wer­den, dass bei nach­träg­li­cher Offen­le­gung von der in der Andro­hung nach § 335 Abs. 3 Satz 1 HGB genann­ten Höhe des Ord­nungs­gelds abge­wi­chen wer­den darf.

Die Ver­wei­sung in § 335 Abs. 2 HGB auf die Ver­fah­rens­vor­schrif­ten der §§ 132 ff. FGG, die Zwangs­mit­tel betref­fen, steht der in den Aus­gangs­ent­schei­dun­gen vor­ge­nom­me­nen Aus­le­gung nicht ent­ge­gen; denn die Vor­schrif­ten des FGG sind nur für ent­spre­chend anwend­bar erklärt wor­den. Wür­de es sich bei dem von § 335 HGB vor­ge­se­he­nen Ord­nungs­geld um ein blo­ßes Beu­g­emit­tel han­deln, hät­te ihre unmit­tel­ba­re Gel­tung ange­ord­net wer­den kön­nen 4. Die Bei­be­hal­tung der Über­schrift des Geset­zes­ab­schnitts mit „Straf- und Buß­geld­vor­schrif­ten, Zwangs­gel­der“ trotz Weg­falls der die Ver­hän­gung von Zwangs­geld betref­fen­den Rege­lun­gen in § 335 HGB a.F. mit dem Gesetz über elek­tro­ni­sche Han­dels­re­gis­ter und Genos­sen­schafts­re­gis­ter sowie das Unter­neh­mens­re­gis­ter vom 10. Novem­ber 2006 5 lässt die Aus­le­gung des Bun­des­amts und des Land­ge­richts gleich­falls nicht als unver­tret­bar erschei­nen. Da auch in den Geset­zes­ma­te­ria­li­en als Zweck der geän­der­ten Vor­schrift die „Sank­tio­nie­rung von Offen­le­gungs­ver­stö­ßen“ genannt wird 6, erscheint die unter­blie­be­ne Anglei­chung der Über­schrift des Unter­ab­schnitts ledig­lich als ein Redak­ti­ons­ver­se­hen bei Neu­re­ge­lung der Vor­schrif­ten.

Die Zumes­sung des Ord­nungs­gelds am unte­ren Rand des gesetz­li­chen Rah­mens ist vom BVerfG ver­fas­sungs­recht­lich gleich­falls nicht bean­stan­det wor­den. Das Bun­des­amt hat inner­halb des gesetz­lich vor­ge­se­he­nen Rah­mens den Min­dest­be­trag fest­ge­setzt 7. Die Fra­ge, ob ange­sichts der noch rela­tiv zeit­na­he nach Ablauf der Nach­frist erfolg­ten Offen­le­gung die Vor­aus­set­zun­gen von § 335 Abs. 3 Satz 5 HGB vor­la­gen und daher eine Her­ab­set­zung mög­lich gewe­sen wäre, ist fach­recht­li­cher Natur und in Anbe­tracht der Über­schrei­tung auch der Nach­frist um mehr als zwei Wochen in jeden­falls ver­tret­ba­rer Wei­se ver­neint wor­den.

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b) Ange­sichts der ver­tret­ba­ren Anwen­dung von § 335 HGB liegt auch kei­ne Ver­let­zung von Art. 3 Abs. 1 GG in sei­ner Aus­prä­gung als Will­kür­ver­bot vor.

  1. vgl. BVerfG, Beschluss der 1. Kam­mer des Ers­ten Senats vom 4. Dezem­ber 2006 – 1 BvR 1200/​04 -, NJW-RR 2007, S. 860[]
  2. vgl. BVerfGE 4, 52 <58>; 18, 85 <92>; 67, 213 <223>[]
  3. vgl. Art. 5, Art. 6 Abs. 1 EGStGB[]
  4. vgl. § 335 Satz 1 HGB a.F.[]
  5. BGBl I S. 2553[]
  6. Bericht des Rechts­aus­schus­ses des Deut­schen Bun­des­tags, BTDrucks 16/​2781, S. 82[]
  7. vgl. § 335 Abs. 1 Satz 4 HGB[]