Sei­ten­wech­sel bei Ver­si­che­rungs­ver­tre­tern

Ein Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter darf, wie der Bun­des­ge­richts­hof in einem heu­te ver­öf­fent­lich­ten Urteil ent­schie­den hat, Kun­den­da­ten, die ein Geschäfts­ge­heim­nis sei­nes frü­he­ren Dienst­herrn dar­stel­len, nach der Been­di­gung des Han­dels­ver­tre­ter­ver­hält­nis­ses nicht schon des­halb für eige­ne Zwe­cke ver­wen­den, weil er die Kun­den wäh­rend des Bestehens des Han­dels­ver­tre­ter­ver­hält­nis­ses selbst gewor­ben hat 1.

Sei­ten­wech­sel bei Ver­si­che­rungs­ver­tre­tern

Eine Ver­wen­dung die­ser Daten zu eige­nen Zwe­cken stellt einen Wett­be­werbs­ver­stoß des Han­dels­ver­tre­ters dar und begrün­det damit einen Anspruch der frü­he­ren Dienst­herrn auf Unter­las­sung, Her­aus­ga­be oder Löschung der Kun­den­da­ten sowie auf Aus­kunft und Scha­dens­er­satz.

Täter eines Geheim­nis­ver­rats nach § 17 Abs. 1 UWG kann nur eine Per­son sein, die bei dem Unter­neh­men beschäf­tigt ist, dem das Geschäfts- oder Betriebs­ge­heim­nis zusteht. Der Begriff des bei einem Unter­neh­men Beschäf­tig­ten i.S. von § 17 Abs. 1 UWG ist zwar weit aus­zu­le­gen; selb­stän­di­ge Gewer­be­trei­ben­de fal­len jedoch nicht dar­un­ter 2. Auch der Han­dels­ver­tre­ter, der als Unter­ver­tre­ter für einen ande­ren Han­dels­ver­tre­ter als Unter­neh­mer Geschäf­te ver­mit­telt oder in des­sen Namen abschließt, übt eine selb­stän­di­ge Tätig­keit aus 3. Als Täter eines Geheim­nis­ver­rats nach § 17 Abs. 1 UWG kommt daher nur der nicht selb­stän­dig täti­ge Han­dels­ver­tre­ter in Betracht, der nach § 84 Abs. 2 HGB als Ange­stell­ter gilt 4.

Als selb­stän­di­ger Han­dels­ver­tre­ter kommt jedoch ein Ver­stoß gegen § 17 Abs. 2 UWG in Betracht, wenn der Ver­tre­ter sich ent­we­der ein Geschäfts­ge­heim­nis des frü­he­ren Dienst­herrn unbe­fugt ver­schafft (§ 17 Abs. 2 Nr. 1 UWG) oder es unbe­fugt ver­wer­tet hat (§ 17 Abs. 2 Nr. 2 UWG).

Ein Geschäfts- oder Betriebs­ge­heim­nis i.S. von § 17 UWG ist jede im Zusam­men­hang mit einem Betrieb ste­hen­de Tat­sa­che, die nicht offen­kun­dig, son­dern nur einem eng begrenz­ten Per­so­nen­kreis bekannt ist und nach dem bekun­de­ten, auf wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen beru­hen­den Wil­len des Betriebs­in­ha­bers geheim­ge­hal­ten wer­den soll 5. Kun­den­da­ten eines Unter­neh­mens kön­nen ein Geschäfts­ge­heim­nis dar­stel­len, wenn sie Kun­den betref­fen, zu denen bereits eine Geschäfts­be­zie­hung besteht und die daher auch in Zukunft als Abneh­mer der ange­bo­te­nen Pro­duk­te in Fra­ge kom­men. Dabei darf es sich nicht ledig­lich um Anga­ben han­deln, die jeder­zeit ohne gro­ßen Auf­wand aus all­ge­mein zugäng­li­chen Quel­len erstellt wer­den kön­nen 6.

Ein aus­ge­schie­de­ner Mit­ar­bei­ter darf zwar die wäh­rend der Beschäf­ti­gungs­zeit erwor­be­nen Kennt­nis­se auch spä­ter unbe­schränkt ver­wen­den, wenn er kei­nem Wett­be­werbs­ver­bot unter­liegt 7. Dies gilt aller­dings nur für Infor­ma­tio­nen, die er in sei­nem Gedächt­nis bewahrt 8 oder auf die er auf­grund ande­rer Quel­len zugrei­fen kann, zu denen er befug­ter­ma­ßen Zugang hat. Die Berech­ti­gung, erwor­be­ne Kennt­nis­se nach Been­di­gung des Dienst­ver­hält­nis­ses auch zum Nach­teil des frü­he­ren Dienst­herrn ein­zu­set­zen, bezieht sich dage­gen nicht auf Infor­ma­tio­nen, die dem aus­ge­schie­de­nen Mit­ar­bei­ter nur des­we­gen noch bekannt sind, weil er auf schrift­li­che Unter­la­gen zurück­grei­fen kann, die er wäh­rend der Beschäf­ti­gungs­zeit ange­fer­tigt hat 9. Lie­gen dem aus­ge­schie­de­nen Mit­ar­bei­ter der­ar­ti­ge schrift­li­che Unter­la­gen – bei­spiels­wei­se in Form pri­va­ter Auf­zeich­nun­gen oder in Form einer auf dem pri­va­ten Note­book abge­spei­cher­ten Datei – vor und ent­nimmt er ihnen ein Geschäfts­ge­heim­nis sei­nes frü­he­ren Arbeit­ge­bers, ver­schafft er sich damit die­ses Geschäfts­ge­heim­nis unbe­fugt i.S. von § 17 Abs. 2 Nr. 2 UWG 10.

Einem sol­chen Ver­wer­tungs­ver­bot im Hin­blick auf Betriebs- und Geschäfts­ge­heim­nis­se unter­lie­gen nicht nur ange­stell­te Han­dels­ver­tre­ter i.S. von § 84 Abs. 2 HGB, son­dern auch Han­dels­ver­tre­ter, die eine selb­stän­di­ge Tätig­keit aus­üben (§ 84 Abs. 1 Satz 2 HGB). Nach § 90 HGB darf der (selb­stän­di­ge) Han­dels­ver­tre­ter Geschäfts- und Betriebs­ge­heim­nis­se, die ihm anver­traut oder als sol­che durch sei­ne Tätig­keit für den Unter­neh­mer bekannt gewor­den sind, auch nach Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses nicht ver­wer­ten oder ande­ren mit­tei­len, soweit dies nach den gesam­ten Umstän­den der Berufs­auf­fas­sung eines ordent­li­chen Kauf­manns wider­spre­chen wür­de.

Das Ver­wer­tungs­ver­bot nach § 90 HGB betrifft grund­sätz­lich alle Geschäfts- und Betriebs­ge­heim­nis­se, die dem aus­ge­schie­de­nen Han­dels­ver­tre­ter wäh­rend des Ver­trags­ver­hält­nis­ses bekannt gewor­den sind.

Im han­dels­recht­li­chen Schrift­tum ist umstrit­ten, ob und unter wel­chen Umstän­den nach Been­di­gung des Han­dels­ver­tre­ter­ver­trags­ver­hält­nis­ses einem Ver­wer­tungs­in­ter­es­se des Han­dels­ver­tre­ters an der Nut­zung der Daten von ihm neu gewon­ne­ner Kun­den ein Vor­rang vor dem Geheim­nis­schutz­in­ter­es­se des Unter­neh­mers ein­zu­räu­men ist. Teil­wei­se wird ohne Ein­schrän­kung die Ansicht ver­tre­ten, Kun­den­lis­ten, die der Han­dels­ver­tre­ter durch Gewin­nung neu­er Kun­den selbst ent­wi­ckelt habe, dür­fe er nach Ver­trags­be­en­di­gung, auch wenn sie bis­her geheim­hal­tungs­be­dürf­tig gewe­sen sei­en, nun­mehr für eige­ne Zwe­cke ver­wer­ten 11. Teil­wei­se wird auf eine Inter­es­sen­ab­wä­gung abge­stellt und ein über­wie­gen­des Ver­wer­tungs­in­ter­es­se des Han­dels­ver­tre­ters nur ange­nom­men, wenn und soweit er zur Siche­rung sei­ner wirt­schaft­li­chen Lage auf die Ver­wer­tung der Kun­den­lis­te ange­wie­sen ist, wobei zu berück­sich­ti­gen sein kön­ne, ob sich die Auf­wen­dun­gen des Han­dels­ver­tre­ters für die Gewin­nung oder Erhal­tung der Kun­den noch nicht aus­ge­zahlt haben 12. Nach ande­rer Ansicht ist nur die bran­chen­frem­de Ver­wer­tung der Namen und Anschrif­ten selbst gewor­be­ner Kun­den frei; die bran­chen­glei­che Ver­wer­tung soll dage­gen nur erlaubt sein, wenn die Kun­den ohne Zutun des Han­dels­ver­tre­ters ent­schlos­sen sind, die Geschäfts­be­zie­hun­gen zu dem Unter­neh­mer nicht mehr fort­zu­set­zen 13.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist dage­gen für eine Abwä­gung mit einem Ver­wer­tungs­in­ter­es­se des Han­dels­ver­tre­ters im Rah-men des § 90 HGB schon von vorn­her­ein kein Raum. Viel­mehr ist der Han­dels­ver­tre­ter nach § 667 BGB, der auf die Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen Unter­neh­mer und Han­dels­ver­tre­ter als einem Auf­trags­ver­hält­nis ergän­zend anzu­wen­den ist, ver­pflich­tet, nach Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses alle Kun­den­an­schrif­ten an den Unter­neh­mer her­aus­zu­ge­ben. Die Her­aus­ga­be­pflicht bezieht sich auf alles, was der Han­dels­ver­tre­ter aus der Tätig­keit für den Unter­neh­mer erlangt; sie umfasst dem­nach auch die Daten sol­cher Kun­den, die der Han­dels­ver­tre­ter selbst gewor­ben hat 14.

Ist dem­nach von einem Ver­stoß gegen § 17 Abs. 2 UWG aus­zu­ge­hen, so folgt der Unter­las­sungs­an­spruch aus § 8 Abs. 1 Satz 1 i.V. mit §§ 3, 4 Nr. 11 UWG. Die Ver­pflich­tung zum Scha­dens­er­satz ergibt sich aus § 9 Satz 1 UWG, der vor­be­rei­ten­de Aus­kunfts­an­spruch aus § 242 BGB. Her­aus­ga­be oder Ver­nich­tung der Kun­den­da­ten kann mit dem Anspruch auf Besei­ti­gung nach § 8 Abs. 1 Satz 1 UWG ver­langt wer­den 15. Die für die­se Beur­tei­lung maß­geb­li­che Rechts­la­ge hat sich durch das Inkraft­tre­ten des Ers­ten Geset­zes zur Ände­rung des Geset­zes gegen den unlau­te­ren Wett­be­werb vom 22. Dezem­ber 2008 16 am 30. Dezem­ber 2008 nicht geän­dert.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. Febru­ar 2009 – I ZR 28/​06

  1. im Anschluss an BGH, Urteil vom 28.01.1993 – I ZR 294/​90, NJW 1993, 1786[]
  2. RG JW 1927, 2378; Köh­ler in Hefermehl/​Köhler/​Bornkamm, UWG, 27. Aufl., § 17 Rdn. 14; Ohly in Piper/​Ohly, UWG, 4. Aufl., § 17 Rdn. 13; MünchKomm.UWG/Brammsen, § 17 Rdn. 32 m.w.N.[]
  3. vgl. § 84 Abs. 1 Satz 2 und § 84 Abs. 3 HGB[]
  4. vgl. Fezer/​Rengier, UWG, § 17 Rdn. 29; Har­te-Baven­damm in Harte/​Henning, UWG, § 17 Rdn. 8[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 15.03.1955 – I ZR 111/​53, GRUR 1955, 424, 425 – Möbel­pas­te; Urteil vom 01.07.1960 – I ZR 72/​59, GRUR 1961, 40, 43 = WRP 1960, 241 – Wurf­tau­ben­pres­se; Urteil vom 07.11.2002 – I ZR 64/​00, GRUR 2003, 356, 358 = WRP 2003, 500 – Prä­zi­si­ons­mess­ge­rä­te[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 27.04.2006 – I ZR 126/​03, GRUR 2006, 1044 Tz. 19 = WRP 2006, 1511 – Kun­den­da­ten­pro­gramm[]
  7. vgl. BGHZ 38, 391, 396 – Indus­trie­bö­den; BGH, Urteil vom 03.05.2001 – I ZR 153/​99, GRUR 2002, 91, 92 = WRP 2001, 1174 – Spritz­gieß­werk­zeu­ge[]
  8. BGH, Urteil vom 14.01.1999 – I ZR 2/​97, GRUR 1999, 934, 935 = WRP 1999, 912 – Wein­be­ra­ter[]
  9. BGH, Urteil vom 19.12.2002 – I ZR 119/​00, GRUR 2003, 453, 454 = WRP 2003, 642 – Ver­wer­tung von Kun­den­lis­ten[]
  10. BGH GRUR 2006, 1004 Tz. 14 – Kun­den­da­ten­pro­gramm, m.w.N.[]
  11. Staub/​Brüggemann, Groß­kom­men­tar zum HGB, 4. Aufl., § 90 Rdn. 4; Staub/​Emde, Groß­kom­men­tar zum HGB, 5. Aufl., § 90 Rdn. 8[]
  12. vgl. Thu­me in Küstner/​Thume, Hand­buch des gesam­ten Außen­dienst­rechts, Bd. 1, 3. Aufl. Rdn. 2176[]
  13. vgl. Hopt in Baumbach/​Hopt, HGB, 33. Aufl., § 90 Rdn. 7; MünchKomm.HGB/ v. Hoy­nin­gen-Hue­ne, 2. Aufl., § 90 Rdn. 24 f.; ähn­lich OLG Koblenz NJW-RR 1987, 95, 98[]
  14. vgl. BGH, Urteil vom 28.01.1993 – I ZR 294/​90, NJW 1993, 1786, 1787; Urteil vom 10.05.1995 – VIII ZR 144/​94, NJW-RR 1995, 1243 f.[]
  15. vgl. BGH GRUR 2006, 1044 Tz. 17 – Kun­den­da­ten­pro­gramm, m.w.N.[]
  16. BGBl. I S. 2949[]