Ver­jäh­rung bei Fracht­ver­trä­gen

Ansprü­che aus Fracht­ver­trä­gen ver­jäh­ren gemäß § 439 Abs. 1 Satz 1 HGB in einem Jahr. Bei Vor­satz oder bei einem dem Vor­satz nach § 435 HGB gleich­ste­hen­den Ver­schul­den. Bei einer vor­sätz­lich oder leicht­fer­tig und in dem Bewußt­sein, daß ein Scha­den mit Wahr­schein­lich­keit ein­tre­ten wer­de, began­ge­nen Hand­lung beträgt die Ver­jäh­rungs­frist drei Jah­re, § 439 Abs. 1 Satz 2 HGB.

Ver­jäh­rung bei Fracht­ver­trä­gen

Wie der Bun­des­ge­richts­hof jetzt bestä­tig­te, ist die­se drei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist des § 439 Abs. 1 Satz 2 HGB – bei ent­spre­chen­dem qua­li­fi­zier­tem Ver­schul­den, auch auf Pri­mär­leis­tungs­an­sprü­che und ver­trag­li­che Auf­wen­dungs­er­satz­an­sprü­che aus Fracht­ver­trä­gen anzu­wen­den.

Die­se Fra­ge war bis­her umstrit­ten. Die eine Anwend­bar­keit ableh­nen­de Auf­fas­sung weist vor allem dar­auf hin, dass andern­falls jede Zah­lungs­ver­wei­ge­rung zu einer Ver­län­ge­rung der ein­jäh­ri­gen Ver­jäh­rungs­frist füh­re, weil die­se prak­tisch immer vor­sätz­lich erfol­ge. Auch der Wort­laut des Geset­zes spre­che gegen eine Anwen­dung des § 439 Abs. 1 Satz 2 HGB auf pri­mä­re Erfül­lungs- oder Auf­wen­dungs­er­satz­an­sprü­che. Der Begriff des Vor­sat­zes sei im deut­schen Recht wie im inter­na­tio­na­len Trans­port­recht ein scha­dens­er­satz­recht­li­cher Begriff. Er bezie­he sich auf die Ver­let­zung von Ver­hal­tens­nor­men die zu einer Schä­di­gung von Rechts­gü­tern oder Ver­mö­gens­po­si­tio­nen Drit­ter führ­ten 1.

Die eine Anwen­dung befür­wor­ten­de Auf­fas­sung ver­weist dem­ge­gen­über dar­auf, dass der Wort­laut des § 439 Abs. 1 Satz 2 HGB sowohl Pri­mär- als auch Sekun­där­leis­tungs­an­sprü­che erfas­se. Die objek­ti­ve ratio legis des § 439 Abs. 1 Satz 2 HGB pas­se für bei­de Anspruchs­for­men. Eine Dif­fe­ren­zie­rung nach Pri­mär- und Sekun­där­leis­tungs­pflich­ten füh­re auch zu Wer­tungs­wi­der­sprü­chen, weil die Schlech­ter­stel­lung des Erfül­lungs­an­spruchs gegen­über dem Scha­dens­er­satz­an­spruch nicht zu begrün­den sei 2.

Der Bun­des­ge­richts­hof schließt sich der Ansicht an, die eine Anwen­dung des § 439 Abs. 1 Satz 2 HGB auf Pri­mär­leis­tungs­an­sprü­che bejaht. Die Ver­jäh­rungs­vor­schrift des § 439 Abs. 1 HGB ori­en­tiert sich nach der Begrün­dung zum Regie­rungs­ent­wurf des Trans­port­rechts­re­form­ge­set­zes in ihren Grund­ent­schei­dun­gen aller­dings weit­ge­hend an Art. 32 Abs. 1 CMR 3. Für die drei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist gemäß Art. 32 Abs. 1 Satz 2 CMR hat der Bun­des­ge­richts­hofs im Jah­re 1981 eher bei­läu­fig ent­schie­den, dass die­se Rege­lung auf den ver­trag­li­chen Erfül­lungs­an­spruch des Fracht­füh­rers nicht anwend­bar ist, son­dern sich ledig­lich auf Scha­dens­er­satz­an­sprü­che und gege­be­nen­falls auf gesetz­li­che Ansprü­che ähn­li­chen Inhalts bezieht 4. Hier­an hält der Bun­des­ge­richts­hof nicht mehr fest.

Weder die Bestim­mung des Art. 32 Abs. 1 CMR noch die des § 439 Abs. 1 HGB dif­fe­ren­zie­ren nach der Art der Ansprü­che. Nach ihrem Wort­laut erfas­sen bei­de Bestim­mun­gen alle Leis­tungs- und sons­ti­gen Ver­hal­tens­pflich­ten, die vor­sätz­lich oder qua­li­fi­ziert vor­werf­bar miss­ach­tet wer­den kön­nen. Die Geset­zes­ma­te­ria­li­en 5 bie­ten für die Bestim­mung des Anwen­dungs­be­reichs von § 439 Abs. 1 Satz 2 HGB kein kla­res Bild. Zu § 439 Abs. 1 HGB heißt es, dass die Vor­schrift gegen­über § 196 Abs. 1 Nr. 3 BGB (a.F.) lex spe­cia­lis sei. Als Anwen­dungs­kri­te­ri­um sei allein der Umstand maß­geb­lich, dass sich der gel­tend gemach­te Anspruch "aus einer den Vor­schrif­ten die­ses Unter­ab­schnitts [damit sind die §§ 407 bis 452 HGB gemeint] unter­lie­gen­den Beför­de­rung" erge­be 3. Die Ver­jäh­rungs­re­ge­lung gel­te unab­hän­gig davon, von wel­cher Sei­te der Anspruch gel­tend gemacht wer­de und auf wel­chem Rechts­grund er beru­he. Erfasst wür­den alle ver­trag­li­chen Ansprü­che, auch sol­che aus der Ver­let­zung ver­trag­li­cher Neben­pflich­ten, soweit die­se unmit­tel­bar zur "Beför­de­rung" gehör­ten und sich nicht etwa aus einer selb­stän­di­gen ver­trag­li­chen Abre­de ergä­ben. Ein Hin­weis auf eine Beschrän­kung des Anwen­dungs­be­reichs von § 439 Abs. 1 Satz 2 HGB auf Sekun­där­leis­tungs­an­sprü­che fin­det sich in den Geset­zes­ma­te­ria­li­en nicht.

Eine Beschrän­kung des Anwen­dungs­be­reichs von § 439 Abs. 1 Satz 2 HGB auf rei­ne Scha­dens­er­satz­an­sprü­che kann auch nicht dar­aus her­ge­lei­tet wer­den, dass es in der Geset­zes­be­grün­dung heißt, die Vor­schrift ent­spre­che in der Sache weit­ge­hend dem gel­ten­den Recht in Art. 32 Abs. 1 Satz 1 und 2 CMR, § 40 Abs. 1 Satz 1 und 2 lit. c KVO, § 439 Satz 1 i.V. mit § 414 Abs. 1 und 2 HGB (a.F.), § 94 Abs. 1 Satz 1 und 2 lit. c EVO (a.F.) und Art. 58 § 1 Satz 1 und 2 lit. c CIM (1990). Es fällt zwar auf, dass Art. 58 § 1 Satz 2 lit. a und b CIM, § 94 Abs. 1 Satz 2 lit. a und b EVO und § 40 Abs. 1 Satz 2 lit. a und b KVO, die die Ansprü­che auf Aus­zah­lung einer ein­ge­zo­ge­nen Nach­nah­me bzw. des Ver­kaufs­er­lö­ses in die ver­län­ger­te Ver­jäh­rungs­frist ein­be­zo­gen hat­ten, in der Geset­zes­be­grün­dung nicht erwähnt wer­den. Über die hier­für maß­geb­li­chen Grün­de fin­den sich in den Mate­ria­li­en jedoch kei­ner­lei Anhalts­punk­te. Eine ver­jäh­rungs­recht­li­che Schlech­ter­stel­lung der Pri­mär­leis­tungs­an­sprü­che gegen­über den Sekun­där­an­sprü­chen kann auf die­sen Umstand jeden­falls nicht gestützt wer­den.

In ande­ren Ver­trags­staa­ten der CMR wird die Fra­ge, ob die drei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist des Art. 32 Abs. 1 Satz 2 CMR auch für Erfül­lungs- und erfül­lungs­glei­che Ansprü­che gilt, nicht ein­heit­lich beur­teilt 6.

Es ist auch kein plau­si­bler Grund ersicht­lich, der eine frü­he­re Ver­jäh­rung von Pri­mär­leis­tungs­an­sprü­chen gegen­über Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen bei Vor­lie­gen eines qua­li­fi­zier­ten Ver­schul­dens des Schuld­ners recht­fer­tigt. Es wäre viel­mehr wider­sprüch­lich, wenn Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen­über sons­ti­gen Leis­tungs­an­sprü­chen, die vor­sätz­lich nicht erfüllt wer­den, pri­vi­le­giert wür­den 7.

Das vom OLG Frank­furt 8 und Herber/​Eckardt 9 gegen eine Anwen­dung von § 439 Abs. 1 Satz 2 HGB auf Pri­mär­leis­tungs­an­sprü­che ins Feld geführ­te Beden­ken, es käme dann zu einer Umkeh­rung des im Gesetz bestimm­ten Regel-/​Ausnahmeverhältnisses der ein-/drei­jäh­ri­gen Ver­jäh­rungs­frist, weil prak­tisch betrach­tet jede Nicht­er­fül­lung eines ver­trag­li­chen Ver­gü­tungs- oder Auf­wen­dungs­er­satz­an­spru­ches vor­sätz­lich gesche­he, ist nicht begrün­det. Die­se Sicht­wei­se berück­sich­tigt nicht genü­gend, dass im Zivil­recht – anders als im Straf­recht – ein Rechts­irr­tum ent­spre­chend den jeweils maß­geb­li­chen Ver­schul­dens­for­men ent­las­tend wirkt. Der Vor­satz ent­fällt, wenn der Schuld­ner – aus wel­chen Grün­den auch immer – der Ansicht ist, nicht zu schul­den, bereits auf­ge­rech­net zu haben oder ein Zurück­be­hal­tungs­recht gel­tend machen zu kön­nen. Eine die Ver­jäh­rungs­frist des § 439 Abs. 1 Satz 2 HGB aus­lö­sen­de vor­sätz­li­che Nicht­zah­lung ist dem Schuld­ner erst dann vor­zu­wer­fen, wenn er ent­ge­gen bes­se­rem Wis­sen die Exis­tenz eines Anspruchs abstrei­tet oder wider bes­se­res Wis­sen behaup­tet, dass der gegen ihn gerich­te­te Anspruch nicht in der gel­tend gemach­ten Höhe ent­stan­den sei 10. Liegt auf der Hand, dass die vom Schuld­ner für die Leis­tungs­ver­wei­ge­rung genann­ten Grün­de nur vor­ge­scho­ben sind, gibt es kei­nen ver­nünf­ti­gen Grund, ihm die Rechts­wohl­tat der beson­ders kur­zen Ver­jäh­rung des § 439 Abs. 1 Satz 1 HGB zugu­te kom­men zu las­sen 11.

Das qua­li­fi­zier­te Ver­schul­den im Sin­ne von § 439 Abs. 1 Satz 2 HGB muss sich auf das den Scha­den ver­ur­sa­chen­de Ver­hal­ten des Schuld­ners bezie­hen. Dem­entspre­chend kommt § 439 Abs. 1 Satz 2 HGB zur Anwen­dung, wenn der Schuld­ner sei­ne ihm dem Gläu­bi­ger gegen­über oblie­gen­den Pflich­ten vor­sätz­lich oder zumin­dest leicht­fer­tig und rechts­wid­rig nicht erfüllt. Auf wel­cher Grund­la­ge der Scha­dens­er­satz­an­spruch gestützt wird, ist grund­sätz­lich ohne Bedeu­tung, so dass § 439 Abs. 1 Satz 2 HGB auch bei einem Scha­dens­er­satz­an­spruch aus § 280 Abs. 1 Satz 1 HGB zum Tra­gen kommt 12.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. April 2010 – I ZR 31/​08

  1. OLG Frank­furt a.M., TranspR 2005, 405 f.; MünchKomm.HGB/Herber/Eckardt, 2. Aufl., § 439 Rdn. 12; Köper TranspR 2006, 191 ff.[]
  2. vgl. Kol­ler, VersR 2006, 1581 ff.; ders., Trans­port­recht, 6. Aufl., § 439 HGB Rdn. 27; Schaf­fert in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn, HGB, 2. Aufl., § 439 Rdn. 18; And­re­sen in Andresen/​Valder, Speditions‑, Fracht- und Lager­recht, § 439 HGB Rdn. 19; Rabe in Gedächt­nis­schrift für Helm, 2001, 301, 303[]
  3. BT-Drs. 13/​8445, S. 77[][]
  4. BGH, Urteil vom 11.12.1981 – I ZR 178/​78, VersR 1982, 649, 650[]
  5. BT-Drs. 13/​8445, S. 77 f.[]
  6. eine Anwen­dung beja­hend: Clar­ke, CMR, 5. Aufl. [2009], S. 128 Fn. 134; vgl. auch Paris BullT 1989, 46, 47; ver­nei­nend österr. OGH, Ent­schei­dung vom 05.11.1980 – 6 Ob 740/​80[]
  7. Kol­ler aaO § 439 HGB Rdn. 27; ders., VersR 2006, 1581, 1583[]
  8. OLG Frank­furt, TranspR 2005, 405, 406[]
  9. MünchKomm.HGB, 2. Aufl., § 439 Rdn. 12[]
  10. Kol­ler, VersR 2006, 1581, 1583; Köper, TranspR 2006, 191, 194[]
  11. vgl. Kol­ler, VersR 2006, 1581, 1583; eben­so zu Art. 32 Abs. 1 Satz 2 CMR MünchKomm.HGB/Jesser-Huß, 2. Aufl., Art. 32 CMR Rdn. 11[]
  12. Kol­ler, a.a.O., § 439 HGB Rdn. 27; ders., VersR 2006, 1581, 1583; Schaf­fert a.a.O. § 439 Rdn. 18; a.A. Köper, TranspR 2006, 191, 195 f.[]