Hand­werks­in­nun­gen – ohne OT-Mit­glied­schaft

Eine Hand­werks­in­nung darf nicht durch Sat­zung die aus dem Bereich der Arbeit­ge­ber­ver­bän­de bekann­te Mit­glied­schafts­form einer Mit­glied­schaft ohne Tarif­bin­dung (sog. OT-Mit­glied­schaft) ein­füh­ren.

Hand­werks­in­nun­gen – ohne OT-Mit­glied­schaft

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall woll­te eine Hand­werks­in­nung in ihrer Sat­zung für ihre Mit­glie­der die Mög­lich­keit ein­füh­ren möch­te, als Mit­glied ohne Bin­dung an die von der Innung abge­schlos­se­nen Tarif­ver­trä­ge geführt zu wer­den. Der­ar­ti­ge sog. OT („ohne Tarif­bin­dung“) – Mit­glied­schaf­ten wer­den seit eini­gen Jah­ren im Bereich der Arbeit­ge­ber­ver­bän­de ange­bo­ten. Hand­werks­in­nun­gen kön­nen nach der Hand­werks­ord­nung Tarif­ver­trä­ge für ihre Mit­glie­der abschlie­ßen, sie müs­sen von ihrer Tarif­be­fug­nis aller­dings kei­nen Gebrauch machen. Nach der von der kla­gen­den Innung 2012 beschlos­se­nen Sat­zungs­än­de­rung sol­len Ent­schei­dun­gen über Tarif­an­ge­le­gen­hei­ten und Arbeits­kämp­fe nicht in der Innungs­ver­samm­lung, son­dern in einem beson­de­ren Aus­schuss getrof­fen wer­den, dem nur Mit­glie­der mit Tarif­bin­dung (T‑Mitglieder) ange­hö­ren.

Die zustän­di­ge Hand­werks­kam­mer Braun­schweig-Lüne­burg-Sta­de ver­wei­ger­te die Geneh­mi­gung der Sat­zungs­än­de­rung der Innung, weil eine sol­che ein­ge­schränk­te Form der Mit­glied­schaft „ohne Tarif­bin­dung“ mit der Sys­te­ma­tik und dem Kon­zept der Hand­werks­ord­nung nicht ver­ein­bar sei.

Nach­dem die Kla­ge der Innung hier­ge­gen vom Ver­wal­tungs­ge­richt Braun­schwieg abge­wie­sen wur­de [1], ver­pflich­te­te das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt die Hand­werks­kam­mer zur Geneh­mi­gung der Sat­zung [2]. Die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on der Hand­werks­kam­mer hat­te vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Erfolg:

Die Hand­werks­ord­nung ver­leiht Innun­gen die Befug­nis, Tarif­ver­trä­ge abzu­schlie­ßen, damit in dem durch klei­ne Betrie­be gepräg­ten Bereich des Hand­werks für sämt­li­che Innungs­mit­glie­der eine tarif­li­che Ord­nung her­ge­stellt wer­den kann. Die­ser gesetz­li­che Zweck wäre gefähr­det, wenn ein­zel­ne Mit­glie­der der Innung für sich eine Tarif­bin­dung aus­schlie­ßen könn­ten. Zudem ist nach der Hand­werks­ord­nung die Innungs­ver­samm­lung, in der jedes Mit­glied stimm­be­rech­tigt ist, das für alle wesent­li­chen Fra­gen und für die Erhe­bung und Ver­wen­dung aller finan­zi­el­len Mit­tel zustän­di­ge Haupt­or­gan. Die Hand­werks­ord­nung lässt es nicht zu, einen für tarif­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen zustän­di­gen Aus­schuss der Innun­gen so zu orga­ni­sie­ren, dass OT-Mit­glie­der kei­nen Ein­fluss auf die­se Ent­schei­dun­gen erlan­gen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 23. März 2016 – 10 C 23.2014 -

  1. VG Braun­schweig, Urteil vom 19.12.2013 – 1 A 58/​13[]
  2. OVG Nds., Urteil vom 25.09.2014 – 8 LC 23714[]