Ihr neu­er Strom­ver­sor­ger

Über­eig­nungs­an­spruch an Strom- und Gas­lei­tun­gen bei Wech­sel des Ener­gie­ver­sor­gers
Auch nach den Novel­len des Ener­gie­wirt­schafts­rechts von 1998 und 2005 sind Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men an eine frü­her gegen­über der Gemein­de ein­ge­gan­ge­ne Ver­pflich­tung gebun­den, die für die Ver­sor­gung des Gemein­de­ge­biets not­wen­di­gen Strom- oder Gas­lei­tun­gen nach Ablauf des Kon­zes­si­ons­ver­tra­ges an die Gemein­de zu ver­kau­fen. Dies ent­schied heu­te der Kar­tell­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs in zwei bei ihm anhän­gi­gen Revi­si­ons­ver­fah­ren.

Ihr neu­er Strom­ver­sor­ger

In dem ers­ten Ver­fah­ren ist die HEAG Süd­hes­si­sche Ener­gie AG (HSE) Eigen­tü­me­rin der in der Gemein­de See­heim-Jugenheim ver­leg­ten, für den Betrieb des Strom­net­zes der all­ge­mei­nen Ver­sor­gung not­wen­di­gen Lei­tun­gen und Ver­tei­lungs­an­la­gen. Ihre Rechts­vor­gän­ge­rin hat­te im Jah­re 1991 mit der Gemein­de einen Ver­trag über die Nut­zung öffent­li­cher Ver­kehrs­we­ge für die Lei­tungs­ver­le­gung (Kon­zes­si­ons­ver­trag) geschlos­sen. Dar­in ist – wie in der­ar­ti­gen Ver­trä­gen üblich – bestimmt, dass die Gemein­de bei Ablauf des Ver­tra­ges berech­tigt ist, die für die Ver­sor­gung des Gemein­de­ge­biets not­wen­di­gen Lei­tun­gen und Anla­gen gegen Erstat­tung ihres Wer­tes zu erwer­ben. Auf­grund einer Neu­aus­schrei­bung des Wege­nut­zungs­rechts im Jah­re 2005 hat die Gemein­de die Kon­zes­si­on ab dem 1. Janu­ar 2006 an die GGEW Grup­pen-Gas- und Elek­tri­zi­täts­werk Berg­stra­ße AG, ein kom­mu­na­les Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men, ver­ge­ben. Die HSE hat sich dar­auf beru­fen, dass das Gesetz inzwi­schen einen auf Über­las­sung des Net­zes gerich­te­ten Anspruch vor­sieht, der dem wei­chen­den Ener­gie­ver­sor­ger die Wahl las­se, ob er die­sen Anspruch durch Über­eig­nung oder Ver­pach­tung erfül­le. Im Hin­blick auf die­se Geset­zes­än­de­rung sei auch der ver­trag­li­che Anspruch so umzu­deu­ten, dass ihr ein Wahl­recht – Über­eig­nung oder Ver­pach­tung – zuste­he.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat wie zuvor bereits das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main 1 ange­nom­men, dass die GGEW von der HSE aus abge­tre­te­nem Recht der Gemein­de die Über­eig­nung der Strom­lei­tun­gen und ver­tei­lungs­an­la­gen ver­lan­gen kann. Die­ser Anspruch erge­be sich aus dem zwi­schen der HSE und der Gemein­de im Jah­re 1991 geschlos­se­nen Kon­zes­si­ons­ver­trag. Hier­an sei die HSE nach wie vor gebun­den. Dass die Über­las­sungs­pflicht des wei­chen­den Ener­gie­ver­sor­gers inzwi­schen in § 46 Abs. 2 Satz 2 EnWG gesetz­lich gere­gelt wor­den sei, habe hier­an nichts geän­dert. Ins­be­son­de­re sei die ver­trag­li­che Pflicht zur Eigen­tums­über­tra­gung nicht in eine auch durch Ver­pach­tung erfüll­ba­re Pflicht zur Gebrauchs­über­las­sung abge­än­dert wor­den.

Ob der neue Ener­gie­ver­sor­ger dane­ben einen gesetz­li­chen Eigen­tums­über­tra­gungs­an­spruch nach § 46 Abs. 2 Satz 2 EnWG hat oder ob die dort gere­gel­te Ver­pflich­tung zur "Über­las­sung" der Ver­tei­lungs­an­la­gen auch durch Ver­pach­tung des Netz­be­triebs erfüllt wer­den kann, konn­te der Bun­des­ge­richts­hof in sei­ner Ent­schei­dung offen­las­sen.

In dem zwei­ten Ver­fah­ren hat der Bun­des­ge­richts­hof wie zuvor auch bereits das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main 2die HSE auf­grund eines gleich gela­ger­ten Sach­ver­halts für ver­pflich­tet gehal­ten, der Ener­gie­ried GmbH & Co. KG das Gas­ver­sor­gungs­netz in Bür­stadt zu über­eig­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 29. Sep­tem­ber 2009 – EnZR 14/​08 und EnZR 15/​08

  1. OLG Frank­furt am Main, Urteil vom 29.01.2008 – 11 U 20/​07 (Kart).[]
  2. OLG Frank­furt am Main, Urteil vom 29.01.2008 – 11 U 19/​07 (Kart).[]