Inver­kehr­brin­gen eines Arz­nei­mit­tels für sel­te­ne Lei­den

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on hat den Beschluss der EU-Kom­mis­si­on, mit dem die Zulas­sung von Orpha­col abge­lehnt wur­de, für nich­tig erklärt. Die Geneh­mi­gung für das Inver­kehr­brin­gen die­ses Arz­nei­mit­tels für sel­te­ne Lei­den kann erteilt wer­den, weil eine all­ge­mei­ne medi­zi­ni­sche Ver­wen­dung seit mehr als zehn Jah­ren vor­liegt.

Inver­kehr­brin­gen eines Arz­nei­mit­tels für sel­te­ne Lei­den

Das Recht der Euro­päi­schen Uni­on – die Arz­nei­mit­tel­ver­ord­nung 726/​2004 1 und der Gemein­schafts­ko­dex für Human­arz­nei­mit­tel 2 – sieht vor, dass jedem Antrag auf Geneh­mi­gung für das Inver­kehr­brin­gen (Zulas­sung) eines Human­arz­nei­mit­tels die Ergeb­nis­se der vor­kli­ni­schen und kli­ni­schen Ver­su­che des Arz­nei­mit­tels bei­zu­fü­gen sind. Davon abwei­chend gilt jedoch ein ver­ein­fach­tes Ver­fah­ren u. a. für Arz­nei­mit­tel für sel­te­ne Lei­den (d. h. für Arz­nei­mit­tel zur Behand­lung von sehr sel­te­nen und schwe­ren Erkran­kun­gen). Dann braucht der Antrag­stel­ler nicht die Ergeb­nis­se der vor­kli­ni­schen und kli­ni­schen Ver­su­che vor­zu­le­gen, wenn er nach­wei­sen kann, dass die Wirk­stof­fe des Arz­nei­mit­tels für min­des­tens zehn Jah­re in der Uni­on all­ge­mein medi­zi­nisch ver­wen­det wur­den und eine aner­kann­te Wirk­sam­keit sowie einen annehm­ba­ren Grad an Sicher­heit auf­wei­sen. In die­sem Fall wer­den die Ergeb­nis­se der Ver­su­che durch ein­schlä­gi­ge wis­sen­schaft­li­che Doku­men­ta­ti­on ersetzt.

Die Gesell­schaft Labo­ra­toires CTRS (Cell The­ra­pies Rese­arch & Ser­vices) hat das Arz­nei­mit­tel Orpha­col ent­wi­ckelt, des­sen Wirk­stoff Chol­säu­re ist. Die­ses Arz­nei­mit­tel für sel­te­ne Lei­den ist zur Behand­lung sel­te­ner, aber sehr erns­ter Leber­er­kran­kun­gen bestimmt. Wer­den die­se Erkran­kun­gen in den ers­ten Lebens­wo­chen oder ‑mona­ten nicht ange­mes­sen behan­delt, kön­nen sie zum Tod füh­ren.
Am 30. Okto­ber 2009 stell­te CTRS bei der Euro­päi­schen Arz­nei­mit­tel-Agen­tur (EMA) einen Antrag auf Zulas­sung die­ses Arz­nei­mit­tels.
Der Aus­schuss für Human­arz­nei­mit­tel (Com­mit­tee for Medi­ci­nal Pro­duc­ts for Human Use, CHMP), der zur EMA gehört, gab im Dezem­ber 2010 ein posi­ti­ves Gut­ach­ten und im April 2011 ein über­ar­bei­te­tes, eben­falls posi­ti­ves Gut­ach­ten ab und emp­fahl die Ertei­lung einer Zulas­sung. Im Juli 2011 leg­te die Kom­mis­si­on dem Stän­di­gen Aus­schuss für Human­arz­nei­mit­tel (im Fol­gen­den: Stän­di­ger Aus­schuss) jedoch den Ent­wurf eines Beschlus­ses vor, wonach CTRS eine Zulas­sung für Orpha­col ver­sagt wer­den soll­te. Im Okto­ber 2011 gab der Stän­di­ge Aus­schuss eine ableh­nen­de Stel­lung­nah­me zu dem die Zulas­sung ver­sa­gen­den Beschluss­ent­wurf der Kom­mis­si­on ab. Im sel­ben Monat über­mit­tel­te die Kom­mis­si­on dem Beru­fungs­aus­schuss den die Zulas­sung ver­sa­gen­den Beschluss­ent­wurf. Im Novem­ber 2011 gab auch der Beru­fungs­aus­schuss zu dem die Zulas­sung ver­sa­gen­den Beschluss­ent­wurf der Kom­mis­si­on eine ableh­nen­de Stel­lung­nah­me ab.

Am 12. Janu­ar 2012 erhob CTRS Kla­ge mit dem Antrag, eine Untä­tig­keit der Kom­mis­si­on fest­zu­stel­len, da die­se es rechts­wid­rig unter­las­sen habe, einen end­gül­ti­gen Beschluss hin­sicht­lich des Antrags auf Ertei­lung der Zulas­sung für das Arz­nei­mit­tel Orpha­col zu erlas­sen, hilfs­wei­se, den in einem Schrei­ben der Kom­mis­si­on vom 5. Dezem­ber 2011 ent­hal­te­nen Beschluss, ihr die­se Zulas­sung nicht zu ertei­len, für nich­tig zu erklä­ren.

Am 4. Juli 2012 ent­schied das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on, dass die­se Untä­tig­keits­kla­ge unzu­läs­sig ist und dass, da die Kom­mis­si­on mit einem die Zulas­sung ableh­nen­den Beschluss vom 25. Mai 2012 3 den die Zulas­sung ver­sa­gen­den Beschluss, der im Schrei­ben vom 5. Dezem­ber 2011 ent­hal­ten sein soll, ersetzt hat, der Antrag auf Nich­tig­erklä­rung des letzt­ge­nann­ten Beschlus­ses erle­digt ist 4.

Am 10. Juli 2012 hat CTRS das Euro­päi­sche Gericht erneut ange­ru­fen und Kla­ge auf Nich­tig­erklä­rung des Beschlus­ses vom 25. Mai 2012 erho­ben. Mit sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil erklärt das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on die­sen Beschluss der EU-Kom­mis­si­on, mit dem die Zulas­sung des Arz­nei­mit­tels Orpha­col abge­lehnt wur­de, für nich­tig.

Das Euro­päi­sche Gericht weist zunächst dar­auf hin, dass Chol­säu­re in Frank­reich von 1993 bis Okto­ber 2007 auf ärzt­li­che Ver­schrei­bung in Form von Kran­ken­haus­zu­be­rei­tun­gen, die nach den Anga­ben des Arz­nei­buchs und in Über­ein­stim­mung mit den bewähr­ten Ver­fah­ren nach den fran­zö­si­schen Rechts­vor­schrif­ten indi­vi­du­ell her­ge­stellt wur­den, zur Behand­lung von Pati­en­ten ver­wen­det wur­de.

Die Zube­rei­tun­gen wur­den daher unter stren­ger medi­zi­ni­scher Kon­trol­le in einer Gesund­heits- oder phar­ma­zeu­ti­schen Ein­rich­tung ver­schrie­ben. Seit­dem sind Chol­säu­re­kap­seln in Frank­reich unter dem Namen Orpha­col zuge­las­sen. Das Gericht stellt wei­ter fest, dass die­se Kran­ken­haus­zu­be­rei­tun­gen „beson­de­re Bedarfs­fäl­le“ im Sin­ne von Art. 5 der Richt­li­nie 2001/​83/​EG befrie­di­gen soll­ten, d. h., dass sie für aus medi­zi­ni­schen Grün­den gerecht­fer­tig­te Ein­zel­fäl­le bestimmt und erfor­der­lich waren, um den Bedürf­nis­sen der Pati­en­ten gerecht zu wer­den. CTRS war daher nicht ver­pflich­tet, mit dem Zulas­sungs­an­trag die von Art. 8 Abs. 3 der Richt­li­nie 2001/​83/​EG gefor­der­ten Ergeb­nis­se der prä­kli­ni­schen und kli­ni­schen Ver­su­che vor­zu­le­gen.

Daher weist das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on die auf das Feh­len einer all­ge­mei­nen medi­zi­ni­schen Ver­wen­dung gestütz­ten Argu­men­te der Kom­mis­si­on zurück und befin­det, dass CTRS eine all­ge­mei­ne medi­zi­ni­sche Ver­wen­dung von Chol­säu­re nach­ge­wie­sen hat.

Außer­dem hat CTRS nach­ge­wie­sen, dass sie kei­ne voll­stän­di­gen Daten über die Wirk­sam­keit und Sicher­heit des Arz­nei­mit­tels bei bestim­mungs­ge­mä­ßem Gebrauch zur Ver­fü­gung stel­len konn­te, weil bestimm­te Aus­nah­me­fäl­le (Art. 14 Abs. 8 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 726/​2004) im Sin­ne des Uni­ons­rechts vor­la­gen.

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on führt aus, dass der Antrag­stel­ler in den prä­kli­ni­schen und kli­ni­schen Zusam­men­fas­sun­gen begrün­den muss, war­um er kei­ne voll­stän­di­gen Anga­ben über die Wirk­sam­keit und Unbe­denk­lich­keit des Arz­nei­mit­tels vor­le­gen kann, und dass er das Nut­zen­/­Ri­si­ko-Ver­hält­nis des betref­fen­den Arz­nei­mit­tels für sel­te­ne Lei­den begrün­den muss, was CTRS im vor­lie­gen­den Fall getan hat. Sie hat näm­lich eine Lis­te biblio­gra­fi­scher Nach­wei­se über Stu­di­en zu Chol­säu­re vor­ge­legt und nach­ge­wie­sen, dass sie aus objek­ti­ven und nach­prüf­ba­ren Grün­den, und zwar wegen der Sel­ten­heit der in Rede ste­hen­den Erkran­kung sowie aus berufs­ethi­schen Erwä­gun­gen, kei­ne voll­stän­di­gen Daten zur Ver­fü­gung stel­len konn­te. Zum ers­ten Grund wur­de fest­ge­stellt, dass zum Zeit­punkt der Antrag­stel­lung (am 30. Okto­ber 2009) nur 90 Pati­en­ten betrof­fen waren, von denen 19 in Frank­reich behan­delt wur­den. In Bezug auf den zwei­ten Grund ist das CHMP, ohne dass sei­ne Beur­tei­lung von der Kom­mis­si­on in Fra­ge gestellt wor­den wäre, davon aus­ge­gan­gen, dass es, da die Teil­nah­me an einem kli­ni­schen Ver­such die Pati­en­ten dem Risi­ko schwe­rer Leber­schä­den oder sogar des Todes aus­set­zen wür­de, den Grund­sät­zen des ärzt­li­chen Berufs­ethos wider­sprä­che, eine kon­trol­lier­te Stu­die über die Wirk­sam­keit von Chol­säu­re durch­zu­füh­ren.

Die Kom­mis­si­on hat daher in ihrem Beschluss zu Unrecht ange­nom­men, dass die von CTRS vor­ge­leg­ten Anga­ben hät­ten voll­stän­dig sein müs­sen und dass sie im Rah­men ihres auf eine all­ge­mei­ne medi­zi­ni­sche Ver­wen­dung gestütz­ten Antrags nicht das Vor­lie­gen von Aus­nah­me­fäl­len habe anfüh­ren kön­nen.

Daher erklärt das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on den Beschluss der Kom­mis­si­on für nich­tig.

Gericht der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 4. Juli 2013 – T‑301/​12 [Labo­ra­toires CTRS /​Kom­mis­si­on]

  1. Ver­ord­nung (EG) Nr. 726/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 31. März 2004 zur Fest­le­gung von Gemein­schafts­ver­fah­ren für die Geneh­mi­gung und Über­wa­chung von Human- und Tier­arz­nei­mit­teln und zur Errich­tung einer Euro­päi­schen Arz­nei­mit­tel-Agen­tur, ABl. L 136, S. 1, in der durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 1901/​2006 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 12. Dezem­ber 2006 über Kin­der­arz­nei­mit­tel und zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1768/​92 und der Richt­li­ni­en 2001/​20/​EG und 2001/​83/​EG sowie der Ver­ord­nung (EG) Nr. 726/​2004, ABl. L 378, S. 1, geän­der­ten Fas­sung[]
  2. Richt­li­nie 2001/​83/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 6. Novem­ber 2001 zur Schaf­fung eines Gemein­schafts­ko­de­xes für Human­arz­nei­mit­tel, ABl. L 311, S. 67, in der durch die Richt­li­nie 2004/​27/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 31. März 2004, ABl. L 136, S. 34, geän­der­ten Fas­sung[]
  3. Durch­füh­rungs­be­schluss K(2012)3306 endg. der Kom­mis­si­on vom 25.05.2012 zur Ableh­nung der Zulas­sung des Human­arz­nei­mit­tels für sel­te­ne Lei­den „Orpha­col – Chol­säu­re“ gemäß der Ver­ord­nung (EG) Nr. 726/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates[]
  4. EuG, Urteil vom 04.07.2012 – T‑12/​12 [Labo­ra­toires CTRS /​Kom­mis­si­on][]