Irre­füh­ren­de Geschäfts­pra­xis und beruf­li­che Sorg­falt

Eine den Ver­brau­cher irre­füh­ren­de Geschäfts­pra­xis ist unlau­ter und mit­hin ver­bo­ten, ohne dass nach­ge­wie­sen wer­den muss, dass sie den Erfor­der­nis­sen der beruf­li­chen Sorg­falt wider­spricht.

Irre­füh­ren­de Geschäfts­pra­xis und beruf­li­che Sorg­falt

In einem jetzt vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schie­de­nen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen gab Team4 Tra­vel, ein auf die Ver­mitt­lung von Win­ter­ur­lau­ben und Ski­kur­sen für bri­ti­sche Schü­ler­grup­pen in Öster­reich spe­zia­li­sier­tes Rei­se­bü­ro mit Sitz in Inns­bruck (Öster­reich), in ihrer eng­lisch­spra­chi­gen Bro­schü­re für die Win­ter­sai­son 2012 an, dass ver­schie­de­ne Hotels zu bestimm­ten Ter­mi­nen exklu­siv über sie gebucht wer­den könn­ten. Tat­säch­lich hat­ten die betref­fen­den Hotels Team4 Tra­vel eine sol­che Exklu­si­vi­tät ver­trag­lich zuge­si­chert. Aller­dings hiel­ten sich die betref­fen­den Hotels nicht an die­se Exklu­si­vi­täts­ver­ein­ba­rung und räum­ten CHS Tour Ser­vices, einem eben­falls in Inns­bruck ansäs­si­gen kon­kur­rie­ren­den Rei­se­bü­ro, bestimm­te Kon­tin­gen­te für die­sel­ben Ter­mi­ne ein, was Team4 Tra­vel zum Zeit­punkt der Ver­tei­lung ihrer Bro­schü­ren aber nicht wuss­te.

Da CHS der Ansicht war, dass die in den Bro­schü­ren von Team4 Tra­vel auf­ge­stell­te Exklu­si­vi­täts­be­haup­tung gegen das Ver­bot unlau­te­rer Geschäfts­prak­ti­ken ver­sto­ße, bean­trag­te sie bei den öster­rei­chi­schen Gerich­ten, Team4 Tra­vel die Ver­wen­dung die­ser Behaup­tung zu ver­bie­ten. Die ers­ten bei­den Instan­zen wie­sen die­sen Antrag mit der Begrün­dung zurück, es lie­ge kei­ne unlau­te­re Pra­xis vor. Da sich Team4 Tra­vel von den Hotels Exklu­si­vi­tät habe zusi­chern las­sen, habe sie den Erfor­der­nis­sen der beruf­li­chen Sorg­falt ent­spro­chen. CHS leg­te dar­auf­hin Revi­si­ons­re­kurs beim Obers­ten Gerichts­hof ein.

Die­ser führt aus, die in den von Team4 Tra­vel ver­teil­ten Bro­schü­ren ent­hal­te­ne Infor­ma­ti­on über die Exklu­si­vi­tät sei objek­tiv falsch. Da sämt­li­che in der Richt­li­nie 2005/​29/​EG über unlau­te­re Geschäfts­prak­ti­ken 1 hier­für aus­drück­lich vor­ge­se­he­nen Kri­te­ri­en erfüllt sei­en, stel­le die­se Infor­ma­ti­on aus der Sicht des Durch­schnitts­ver­brau­chers eine irre­füh­ren­de Geschäfts­pra­xis dar. Im Hin­blick auf die all­ge­mei­ne Sys­te­ma­tik der Richt­li­nie wirft das natio­na­le Gericht jedoch die Fra­ge auf, ob vor der Ein­stu­fung einer Pra­xis als irre­füh­rend und mit­hin als unlau­ter und ver­bo­ten über die­se Kri­te­ri­en hin­aus geprüft wer­den müs­se, ob die Pra­xis den Erfor­der­nis­sen der beruf­li­chen Sorg­falt wider­spre­che, was vor­lie­gend nicht der Fall wäre, da Team4 Tra­vel alles getan habe, um die Exklu­si­vi­tät, auf die sie sich in ihren Bro­schü­ren beru­fe, zu gewähr­leis­ten. Der Obers­te Gerichts­hof hat sich dar­auf­hin mit einem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen um Aus­le­gung der genann­ten Richt­li­nie an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gewandt.

Mit sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil ant­wor­tet der Uni­ons­ge­richts­hof, dass im Fall einer Geschäfts­pra­xis, die alle in der Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie, die spe­zi­ell den Ver­brau­cher irre­füh­ren­de Prak­ti­ken betrifft, aus­drück­lich genann­ten Vor­aus­set­zun­gen erfüllt, nicht geprüft zu wer­den braucht, ob eine sol­che Pra­xis auch den Erfor­der­nis­sen der beruf­li­chen Sorg­falt im Sin­ne die­ser Richt­li­nie wider­spricht, um die Pra­xis als unlau­ter und mit­hin ver­bo­ten anse­hen zu kön­nen.

Nach der maß­ge­ben­den Bestim­mung der Richt­li­nie hängt der irre­füh­ren­de Cha­rak­ter einer Geschäfts­pra­xis näm­lich allein davon ab, dass sie unwahr ist, weil sie fal­sche Anga­ben ent­hält, oder dass sie ganz all­ge­mein den Durch­schnitts­ver­brau­cher in Bezug auf u. a. die Art oder die wesent­li­chen Merk­ma­le eines Pro­dukts oder einer Dienst­leis­tung zu täu­schen geeig­net ist und ihn dadurch vor­aus­sicht­lich zu einer geschäft­li­chen Ent­schei­dung ver­an­lasst, die er ohne die­se Pra­xis nicht getrof­fen hät­te. Die Tat­be­stands­merk­ma­le einer irre­füh­ren­den Geschäfts­pra­xis sind daher im Wesent­li­chen aus der Sicht des Ver­brau­chers als des Adres­sa­ten unlau­te­rer Geschäfts­prak­ti­ken kon­zi­piert.

Lie­gen die­se Merk­ma­le vor, ist die Pra­xis als irre­füh­rend und mit­hin als unlau­ter und ver­bo­ten anzu­se­hen, ohne dass zu prü­fen wäre, ob die – in dem die all­ge­mei­ne Defi­ni­ti­on unlau­te­rer Prak­ti­ken ent­hal­ten­den Art. 5 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie auf­ge­stell­te und der Sphä­re des Unter­neh­mers zuzu­rech­nen­de – Vor­aus­set­zung eines Wider­spruchs der Pra­xis zu den Erfor­der­nis­sen der beruf­li­chen Sorg­falt erfüllt ist.

Damit gewähr­leis­tet die Richt­li­nie im Fall irre­füh­ren­der Geschäfts­prak­ti­ken ein hohes Ver­brau­cher­schutz­ni­veau. Der­ar­ti­ge Prak­ti­ken stel­len, neben den aggres­si­ven Geschäfts­prak­ti­ken, die bei wei­tem am meis­ten ver­brei­te­ten unlau­te­ren Geschäfts­prak­ti­ken dar.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 19. Sep­tem­ber 2013 – C‑435/​11 [CHS Tour Ser­vices GmbH /​Team4 Tra­vel GmbH]

  1. Richt­li­nie 2005/​29/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 11.05.2005 über unlau­te­re Geschäfts­prak­ti­ken im bin­nen­markt­in­ter­nen Geschäfts­ver­kehr zwi­schen Unter­neh­men und Ver­brau­chern und zur Ände­rung der Richt­li­nie 84/​450/​EWG des Rates, der Richt­li­ni­en 97/​7/​EG, 98/​27/​EG und 2002/​65/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates sowie der Ver­ord­nung (EG) Nr. 2006/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates, ABl.EU L 149, S. 22[]