Aufklärungspflichtverletzung in der Anlageberatung – und die Entstehung des Schadensersatzanspruchs

Der auf Verletzung einer Aufklärungs- oder Beratungspflicht eines Wertpapierdienstleistungsunternehmens beruhende Schadensersatzanspruch entsteht mit dem schuldrechtlichen Erwerb der pflichtwidrig empfohlenen Wertpapiere1.

Aufklärungspflichtverletzung in der Anlageberatung – und die Entstehung des Schadensersatzanspruchs

Vorliegend war zwischen der Bank und ihrem Kunden zumindest stillschweigend jeweils ein Beratungsvertrag in Bezug auf den von der Bank empfohlenen offenen Immobilienfonds zustande gekommen. Dabei hat die Bank ihre Pflicht verletzt, ihren Kunden ungefragt über die Möglichkeit einer zeitweiligen Aussetzung der Anteilsrücknahme durch die Fondsgesellschaft aufzuklären2.

Diese Vertragspflicht hat die Bank allerdings im Falle eines etwaigen Verstoßes nur fahrlässig verletzt, so dass das Berufungsgericht zu Recht von der dreijährigen Verjährungsfrist nach § 37a WpHG aF ausgegangen ist3. Das Berufungsgericht hat eine vorsätzliche Beratungspflichtverletzung der Bank, für die nicht die kurze Verjährungsfrist des § 37a WpHG aF, sondern die Regelverjährung der §§ 195, 199 BGB gilt4, rechtsfehlerfrei verneint. Dabei ist es zu Recht davon ausgegangen, dass die Darlegungs- und Beweislast für vorsätzliches Handeln nicht der geschädigte Anleger trägt, weil sich dieser insoweit auf § 280 Abs. 1 Satz 2 BGB berufen kann, so dass die Bank beweisen muss, dass sie die Pflichtverletzung nicht vorsätzlich begangen hat5. Vorliegend hat die Bank diesen Gegenbeweis erfolgreich geführt.

Allerdings war hier ein etwaiger, allein auf Fahrlässigkeit gestützter Schadensersatzanspruch des Kunden wegen der am 18.07.2008 erfolgten Beratung nach § 37a WpHG aF i.V.m. § 43 WpHG verjährt. Danach verjährt der Anspruch des Kunden gegen ein Wertpapierdienstleistungsunternehmen auf Schadensersatz wegen Verletzung der Pflicht zur Information und wegen fehlerhafter Beratung im Zusammenhang mit einer Wertpapierdienstleistung oder Wertpapiernebendienstleistung in drei Jahren von dem Zeitpunkt an, in dem der Anspruch entstanden ist.

Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs6 beginnt die tagegenau zu berechnende Verjährung nach § 37a WpHG aF im Zeitpunkt des Erwerbs der Wertpapiere durch den Anleger. Mit dem “Erwerb der Wertpapiere” ist entgegen der Auffassung der Revision nicht erst das dingliche Ausführungsgeschäft, sondern bereits der schuldrechtliche Vertragsschluss gemeint. Dies legt bereits der Wortlaut des § 37a WpHG aF nahe, der im Zusammenhang mit der für den Verjährungsbeginn maßgeblichen Anspruchsentstehung an die Beratungsleistung und damit an den anschließenden schuldrechtlichen Erwerbsvorgang anknüpft. Bei der gebotenen wertenden Betrachtung ist der Anleger von diesem Zeitpunkt an nicht lediglich dem bei spekulativen Wertpapieranlagen erhöhten Risiko eines Vermögensnachteils ausgesetzt, sondern bereits geschädigt. Dieser Beurteilung steht nicht entgegen, dass die Wertpapiere möglicherweise zunächst, solange ein Kursverlust nicht eingetreten ist, ohne Einbuße wieder veräußert bzw. zurückgegeben werden können. Denn bei einer Beratung schuldet das Wertpapierdienstleistungsunternehmen eine auf die Anlageziele des Kunden abgestimmte Empfehlung von Produkten. Der Erwerb einer diesen Zielen nicht entsprechenden empfohlenen Wertpapierkapitalanlage lässt auch bei objektiver Betrachtung bereits den schuldrechtlichen Vertragsschluss den konkreten Vermögensinteressen des Anlegers nicht angemessen und damit als nachteilig erscheinen7.

Dies entspricht soweit ersichtlich der herrschenden Meinung in der instanzgerichtlichen Rechtsprechung und Literatur8.

Aus dem – zu § 199 Abs. 1 Nr. 1 BGB9 ergangenen – Urteil des Bundesgerichtshofs vom 24.03.201110 ergibt sich nichts anderes. Soweit es dort heißt, der Anspruch entstehe “schon mit dem (unwiderruflichen und vollzogenen) Erwerb der Anlage”, könnte dies zwar auch wenn dies dort nicht entscheidungserheblich gewesen ist als missverständlich aufgefasst werden. Aus der Inbezugnahme des Urteils des Bundesgerichtshofs vom 08.03.2005 ergibt sich aber, dass der BGH damit nicht von der bisherigen Rechtsprechung abweichen wollte. Dies hat der Bundesgerichtshof mit Urteil vom 30.10.201411 klargestellt. Entsprechendes gilt in Bezug auf die Urteile des Bundesgerichtshofs vom 15.02.201212; und vom 11.07.201213.

Vorliegend ist das erste schuldrechtliche Erwerbsgeschäft bereits beim Beratungsgespräch am 18.07.2008 zustande gekommen. Soweit die Kauforder erst am 21.07.2008 weitergeleitet und am 22.07.2008 ausgeführt worden ist, ist dies unerheblich. Unerheblich ist auch, dass der Kunde vorliegend die Kauforder nach der Praxis der Bank hätte rückabwickeln können. Denn bei dieser Möglichkeit handelte es sich lediglich um eine Kulanzregelung im Einzelfall, auf die der Kunde keinen rechtlichen Anspruch hatte. Für den Beginn der Verjährungsfrist nach § 37a WpHG aF ist daher allein der Abschluss des schuldrechtlichen Vertrages maßgeblich. Danach begann vorliegend die Verjährungsfrist gemäß § 187 Abs. 1 BGB am Tag nach dem Beratungsgespräch, also am 19.07.2008, und endete gemäß § 188 Abs. 2 BGB am 18.07.2011, einem Montag. Da der Kunde seine Beschwerde beim Ombudsmann der privaten Banken erst am 19.07.2011 eingereicht hat, konnte er damit eine Hemmung der Verjährung gemäß § 204 Abs. 1 Nr. 4 BGB nicht mehr erreichen.

Bei dem zweiten Beratungsgespräch am 15.06.2009 und dem dabei abgeschlossenen Kaufvertrag über 20 Anteile an dem Immobilienfonds handelt es sich im Verhältnis zu der Beratung vom 18.07.2008 um einen selbständigen Geschehensablauf und damit einen neuen Lebenssachverhalt, der zur Annahme verschiedener Streitgegenstände führt14. Ein auf eine fehlerhafte Beratung gestützter Schadensersatzanspruch unterliegt daher einer eigenständigen Verjährung15. Die auch insoweit noch eingreifende dreijährige Verjährungsfrist des § 37a WpHG aF i.V.m. § 43 WpHG begann danach am 16.06.2009 und wäre am 15.06.2012 abgelaufen. Durch die Klageerhebung am 13.01.2012 hat der Kunde die Verjährung gemäß § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB rechtzeitig gehemmt.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 24. März 2015 – XI ZR 278/14

  1. Bestätigung BGH, Urteil vom 08.03.2005 – XI ZR 170/04, BGHZ 162, 306 []
  2. vgl. dazu BGH, Urteile vom 29.04.2014 – XI ZR 130/13, BGHZ 201, 55 Rn. 17 ff.; und – XI ZR 477/12 []
  3. vgl. BGH, Urteil vom 19.12 2006 – XI ZR 56/05, BGHZ 170, 226 Rn. 13, 15 []
  4. BGH, Urteile vom 08.03.2005 – XI ZR 170/04, BGHZ 162, 306, 312; vom 19.12 2006 – XI ZR 56/05, BGHZ 170, 226 Rn.20; vom 24.09.2013 – XI ZR 204/12, WM 2013, 2065 Rn. 35; und vom 30.10.2014 – III ZR 493/13, WM 2014, 2310 Rn. 39; Beschluss vom 27.11.2014 – III ZR 294/13, WM 2015, 67 Rn. 8 []
  5. BGH, Urteil vom 12.05.2009 – XI ZR 586/07, WM 2009, 1274 Rn. 16 ff. []
  6. Urteil vom 08.03.2005 – XI ZR 170/04, BGHZ 162, 306, 309; siehe auch BGH, Urteil vom 05.08.2014 – XI ZR 172/13, WM 2014, 1763 Rn. 9 []
  7. BGH, Urteil vom 08.03.2005 – XI ZR 170/04, BGHZ 162, 306, 310 []
  8. OLG Celle, Urteil vom 20.11.2013 3 U 75/13 37; OLG Frankfurt am Main, BKR 2014, 515 Rn. 29; BKR 2015, 38 Rn. 24; Urteil vom 15.04.2011 19 U 213/1019; OLG Köln, WM 2006, 2130, 2131 f.; OLG München, Urteil vom 16.04.2012 19 U 2837/11 15 ff.; OLG Saarbrücken, OLGR 2009, 792; OLG Schleswig, WM 2013, 2258, 2264; LG Düsseldorf, WM 2006, 1386, 1387; LG Münster, Urteil vom 24.07.2007 14 O 491/05 26; LG Nürnberg-Fürth, WM 2006, 571, 572; Palandt/Ellenberger, BGB, 74. Aufl., § 199 Rn. 21; Koller in Assmann/Schneider, WpHG, 5. Aufl., § 37a Rn. 7, 9; Leisch in Kölner Kommentar zum WpHG, 1. Aufl., § 37a Rn. 66, 69; Schäfer in Festschrift Schimansky, 1999, S. 699, 710 f.; Simon, EWiR 2012, 787, 788; aA OLG Frankfurt am Main, ZIP 2011, 1506 f.; OLG München, ZIP 2012, 2096, 2099 [aus anderen Gründen aufgehoben durch BGH, Urteil vom 21.03.2013 – III ZR 182/12, WM 2013, 836]; LG Wiesbaden, BKR 2013, 128 Rn. 30; zum vergleichbaren Meinungsstand aus der Zeit vor Erlass des BGH, Urteils vom 08.03.2005 – XI ZR 170/04 siehe dort BGHZ 162, 306, 309 []
  9. vgl. dazu BGH, Urteil vom 08.04.2014 – XI ZR 341/12, WM 2014, 1036 Rn. 25 []
  10. BGH, Urteil vom 24.03.2011 – III ZR 81/10, WM 2011, 874 []
  11. BGH, Urteil vom 30.10.2014 – III ZR 493/13, WM 2014, 2310 Rn. 30 []
  12. BGH, Urteil vom 15.02.2012 – IV ZR 194/09, WM 2012, 806 Rn. 31 []
  13. BGH, Urteil vom 11.07.2012 – IV ZR 164/11, BGHZ 194, 39 Rn. 70 []
  14. vgl. dazu BGH, Urteil vom 22.10.2013 – XI ZR 42/12, BGHZ 198, 294 Rn. 15 ff. []
  15. vgl. Palandt/Ellenberger, BGB, 74. Aufl., § 199 Rn. 21; Grüneberg, WM 2014, 1109, 1112 unter Hinweis auf BGH, Urteil vom 21.03.2000 – IX ZR 183/98, WM 2000, 1348, 1349 f. []