Der Bör­sen­rück­zug und die Min­der­heits­ak­tio­nä­re

Der Bun­des­ge­richts­hof hat sei­ne Recht­spre­chung geän­dert und den Rück­zug einer Akti­en­ge­sell­schaft von der Bör­se erleich­tert . So muss nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs den Aktio­nä­ren beim Delis­ting kein Bar­ab­fin­dungs­an­ge­bot für ihre Akti­en mehr gemacht wer­den.

Der Bör­sen­rück­zug und die Min­der­heits­ak­tio­nä­re

Anlass für die­ses Urteil bot dem Bun­des­ge­richts­hof ein Fall aus Bre­men: Mit einer Ad-hoc-Mel­dung vom 11. Febru­ar 2011 gab die Antrags­geg­ne­rin, eine Akti­en­ge­sell­schaft, den vom Vor­stand mit Zustim­mung des Auf­sichts­rats beschlos­se­nen Wech­sel vom regu­lier­ten Markt der Wert­pa­pier­bör­se in Ber­lin in den Ent­ry Stan­dard des Frei­ver­kehrs (Open Mar­ket) der Frank­fur­ter Wert­pa­pier­bör­se bekannt. Am 16. Febru­ar 2011 wur­de der Wider­ruf der Zulas­sung am regu­lier­ten Markt wirk­sam; seit­her sind die Akti­en der Antrags­geg­ne­rin in den Ent­ry Stan­dard ein­be­zo­gen.

Die Antrag­stel­ler, Aktio­nä­re der Antrags­geg­ne­rin, haben die Durch­füh­rung eines Spruch­ver­fah­rens zur Fest­set­zung einer ange­mes­se­nen Bar­ab­fin­dung für die Akti­en der Antrags­geg­ne­rin bean­tragt. Das Land­ge­richt Bre­men hat den Antrag als unzu­läs­sig zurück­ge­wie­sen [1]. Die Beschwer­de der Antrag­stel­ler vor dem Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richt in Bre­men hat­te eben­falls kei­nen Erfolg [2]. Im Fall eines Wech­sels vom regu­lier­ten Markt in den qua­li­fi­zier­ten Frei­han­del bedür­fe es, so das Ober­lan­des­ge­richt Bre­men, kei­nes Bar­ab­fin­dungs­an­ge­bots, so dass auch kein Spruch­ver­fah­ren statt­fin­de. Die hier­ge­gen gerich­te­te Rechts­be­schwer­de der Antrag­stel­ler hat der Bun­des­ge­richts­hof nun eben­falls zurück­ge­wie­sen:

In einer Ent­schei­dung im Jahr 2002 war der Bun­des­ge­richts­hof davon aus­ge­gan­gen, dass der Wider­ruf der Zulas­sung zum Han­del der Aktie im gere­gel­ten Markt einer Bör­se auf Antrag des Emit­ten­ten, das soge­nann­te regu­lä­re Delis­ting, wegen der damit ver­bun­de­nen erheb­li­chen Beein­träch­ti­gung der Ver­kehrsfä­hig­keit der Akti­en das Akti­en­ei­gen­tum beein­träch­ti­ge und eines Beschlus­ses der Haupt­ver­samm­lung sowie eines Pflicht­an­ge­bo­tes der Akti­en­ge­sell­schaft oder des Groß­ak­tio­närs über den Kauf der Akti­en der Min­der­heits­ak­tio­nä­re bedür­fe [3].

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat am 11. Juli 2012 ent­schie­den, dass der Wider­ruf der Bör­sen­zu­las­sung für den regu­lier­ten Markt grund­sätz­lich nicht den Schutz­be­reich des Eigen­tums­grund­rechts des Aktio­närs berührt und das für den Fall eines voll­stän­di­gen Rück­zugs von der Bör­se von den Fach­ge­rich­ten im Wege einer Gesamt­ana­lo­gie ver­lang­te, gericht­lich über­prüf­ba­re Pflicht­an­ge­bot der Gesell­schaft oder ihres Haupt­ak­tio­närs an die übri­gen Aktio­nä­re, deren Akti­en zu erwer­ben, daher von Ver­fas­sungs wegen zwar nicht gebo­ten ist, die ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung aber auch nicht über­schrei­tet. Es hat es der wei­te­ren Recht­spre­chung der Fach­ge­rich­te über­las­sen, auf der Grund­la­ge der mitt­ler­wei­le gege­be­nen Ver­hält­nis­se im Akti­en­han­del zu prü­fen, ob die bis­he­ri­ge Spruch­pra­xis Bestand hat, und zu beur­tei­len, wie der Wech­sel vom regu­lier­ten Markt in den qua­li­fi­zier­ten Frei­ver­kehr in die­sem Zusam­men­hang zu bewer­ten ist [4].

Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun­mehr sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung, dass das regu­lä­re Delis­ting eines Beschlus­ses der Haupt­ver­samm­lung und eines Pflicht­an­ge­bots über den Kauf der Akti­en bedarf, auf­grund der danach gebo­te­nen Über­prü­fung auf­ge­ge­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. Okto­ber 2013 – II ZB 26/​12

  1. LG Bre­men, Beschluss vom 06.01.2012 – 13 O 128/​11 []
  2. OLG Bre­men, Beschluss vom 12.10.2012 – 2 W 25/​12[]
  3. BGH, Urteil vom 25.11.2002 – II ZR 133/​01, BGHZ 153, 47, 53 ff.[]
  4. BVerfG, Urteil vom 11.07.2002 – 1 BvR 3142/​07, 1 BvR 1569/​08[]