Das Kün­di­gungs­recht der Bau­spar­kas­se – und die Fest­stel­lungs­kla­ge des Bau­spa­rers

§ 489 Abs 1 Nr 2 BGB fin­det kei­ne Anwen­dung auf Bau­spar­ver­trä­ge. Die Fest­stel­lungs­kla­ge des Bau­spa­rers auf Fort­be­stand des Bau­spar­ver­tra­ges ist in einem sol­chen Fall zuläs­sig und begrün­det.

Das Kün­di­gungs­recht der Bau­spar­kas­se – und die Fest­stel­lungs­kla­ge des Bau­spa­rers

Bei einem Bau­spar­ver­trag han­delt es sich um einen ein­heit­li­chen Dar­le­hens­ver­trag mit der Beson­der­heit, dass Bau­spar­kas­se und Bau­spa­rer mit der Inan­spruch­nah­me des Bau­spar­dar­le­hens ihre jewei­li­gen Rol­len als Dar­le­hens­ge­ber und Dar­le­hens­neh­mer tau­schen 1. Die Ein­la­gen des Bau­spa­rers stel­len daher ein Dar­le­hen an die Bau­spar­kas­se dar, für des­sen Rück­erstat­tung eine Zeit nicht bestimmt ist.

Der Ansicht, dass der Bau­spar­ver­trag als Dar­le­hens­ver­trag ein­zu­ord­nen sei, folgt die Bau­spar­kas­se im vor­lie­gen­den Fall aller­dings nicht kon­se­quent: So lässt sie in den Fäl­len, in dem die Bau­spa­rer sich auf die Unwirk­sam­keit der Ver­ein­ba­rung einer Dar­le­hens­ge­bühr in den ABB beru­fen und einen Rück­zah­lungs­an­spruch nach § 812 BGB gel­tend machen, vor­tra­gen, der Bau­spar­ver­trag sei kein Dar­le­hens­ver­trag, ins­be­son­de­re sei das gesetz­li­che Leit­bild der §§ 488 ff. BGB auf den Bau­spar­ver­trag nicht anzu­wen­den. Die Ansicht der Bau­spar­kas­se, wie der Bau­spar­ver­trag recht­lich ein­zu­ord­nen sei, ist daher schwan­kend, je nach­dem, ob sie Ansprü­che abwehrt oder wie im vor­lie­gen­den Fall das Kün­di­gungs­recht gel­tend macht.

Obwohl das Dar­le­hens­recht grund­sätz­lich auf den Bau­spar­ver­trag Anwen­dung fin­det, kann sich die Bau­spar­kas­se in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art nicht auf ein Kün­di­gungs­recht nach § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB beru­fen. Dies ent­sprä­che nach Auf­fas­sung des Amts­ge­richts nicht der Inten­ti­on des Gesetz­ge­bers, die der Schaf­fung der vor­lie­gen­den Norm zugrun­de lag.

Mit dem Gesetz zur Ände­rung, wirt­schafts, ver­brau­cher, arbeits- und sozi­al­recht­li­cher Vor­schrif­ten vom 25.07.1986 2 hob der Gesetz­ge­ber den bis dahin gel­ten­den § 247 BGB auf und füg­te § 609a BGB neu ins BGB ein. § 609a Abs. 1 Nr. 3 BGB bestimm­te, wort­gleich mit dem nun gel­ten­den § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB, dass der Schuld­ner ein Dar­le­hen "in jedem Fall nach Ablauf von 10 Jah­ren nach dem voll­stän­di­gen Emp­fang unter Ein­hal­tung einer Kün­di­gungs­frist von 6 Mona­ten" kün­di­gen kann.

Der Geset­zes­än­de­rung zugrun­de lag der Geset­zes­ent­wurf 3. Dar­aus ergibt sich, dass der Gesetz­ge­ber § 247 Abs. 1 BGB alte Fas­sung abschaf­fen woll­te, weil eine wirt­schaft­lich sinn­vol­le, im Streit­fall bestands­kräf­ti­ge Kün­di­gung auf­grund die­ser Norm, nach den geän­der­ten wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen und ins­be­son­de­re der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung nicht mehr mög­lich sei. Der Begrün­dung des Ent­wur­fes des Geset­zes zur Ände­rung wirt­schafts- und ver­brau­cher­recht­li­cher Vor­schrif­ten lässt sich ent­neh­men, dass nach Auf­fas­sung des Gesetz­ge­bers § 247 Abs. 1 BGB alte Fas­sung dem Dar­le­hens­neh­mer ein zu weit­rei­chen­des Kün­di­gungs­recht gewähr­te, ins­be­son­de­re wenn nach einer Pha­se aus­ge­spro­chen hoher Zin­sen der Kapi­tal­zins so stark abfiel, dass eine Umschul­dung auf gerin­ger ver­zins­li­che Kre­di­te für die Kre­dit­neh­mer ren­ta­bel wur­de. Kon­se­quenz die­ses weit­ge­hen­den Kün­di­gungs­rech­tes war, dass der Ver­si­che­rungs­wirt­schaft durch vor­zei­tig gekün­dig­te Kre­di­te ein Ver­lust von rund 1 Mil­li­ar­de DM ent­stand.

Nach der Begrün­dung des Ent­wurfs war das Kün­di­gungs­recht des Schuld­ners von einem Aus­nah­me­be­helf zu einem vor­aus­set­zungs­lo­sen all­ge­mei­nen Kün­di­gungs­recht gewor­den. Dies sei mit dem Wesen einer Fest­zins­ab­re­de bei län­ger­fris­ti­gen Kre­di­ten nicht zu ver­ein­ba­ren. Der Ent­wurf bemän­gel­te, dass der Kre­dit­ge­ber bei stei­gen­den Zin­sen an einen nied­ri­gen Ver­trags­zins gebun­den blei­be, wäh­rend der Kre­dit­neh­mer bei fal­len­den Zin­sen nach der Vor­lauf­zeit von 6 Mona­ten mit 6‑monatiger Frist kün­di­gen kön­ne. Das Zins­än­de­rungs­ri­si­ko sei ein­sei­tig auf den Kre­dit­ge­ber ver­la­gert und habe gesamt­wirt­schaft­lich nach­tei­li­ge Aus­wir­kun­gen. Sie erschwe­re den pro­fes­sio­nel­len Kre­dit­ge­bern eine lauf­zeit- und zins­kon­gru­en­te Refi­nan­zie­rung mit­tel- und län­ger­fris­tig ver­zins­li­cher Kre­di­te, deren Ange­bot zur För­de­rung und Finan­zie­rung von Inves­ti­tio­nen erwünscht sei. Die Kre­dit­ge­ber müss­ten bei län­ger­fris­ti­ger Ver­ein­ba­rung fes­ter Dar­le­hens­zin­sen danach trach­ten, das sich aus § 247 BGB a.F. erge­ben­de Risi­ko durch Kos­ten­zu­schlä­ge (Dis­agio, Zin­sen) auf­zu­fan­gen.

Bereits aus die­sem Pas­sus der Begrün­dung des Geset­zes­ent­wur­fes ergibt sich, dass die Ände­rung im Inter­es­se der "pro­fes­sio­nel­len Kre­dit­ge­ber" zur Ver­mei­dung gesamt­wirt­schaft­lich nach­tei­li­ger Aus­wir­kun­gen beab­sich­tigt war.

Der Gesetz­ge­ber hat­te kei­nes­falls eine Dar­le­hens­kon­struk­ti­on der vor­lie­gen­den Art im Auge, wonach beim Bau­spar­ver­trag zunächst der Bau­spa­rer in der Anspar­pha­se der Dar­le­hens­ge­ber und die Bau­spar­kas­se die Dar­le­hens­neh­me­rin ist.

Die Geset­zes­än­de­rung soll­te die "pro­fes­sio­nel­len Kre­dit­ge­ber" stär­ken und kei­nes­falls den pri­va­ten Dar­le­hens­ge­ber im Bereich der Bau­spar­ver­trä­ge.

Wei­ter ergibt sich aus der Begrün­dung 4, dass mit der künf­ti­gen Rege­lung ein "maß­voll aus­ge­stal­te­tes all­ge­mei­nes Kün­di­gungs­recht des Schuld­ners als ein wesent­li­ches und wirk­sa­mes Gegen­ge­wicht gegen das Zins­be­stim­mungs­recht des Gläu­bi­gers" geschaf­fen wer­den soll. Auch aus die­sem Begrün­dungs­teil ist zu erken­nen, dass das Kün­di­gungs­recht des § 609a BGB a.F. jetzt § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB, nicht auf die Kon­struk­ti­on des Bau­spar­ver­tra­ges Anwen­dung fin­den kann.

Zwar ist der Bau­spa­rer Dar­le­hens­ge­ber wäh­rend der Anspar­pha­se, im steht aber kei­ner­lei "Zins­be­stim­mungs­recht" zu. Dies liegt allein bei der Bau­spar­kas­se.

Dar­aus lässt sich nach Auf­fas­sung des Amts­ge­richts Lud­wigs­burg zwang­los erken­nen, dass der Gesetz­ge­ber bei der Schaf­fung der Norm, den "nor­ma­len" Dar­le­hens­fall im Auge hat­te, bei dem der Dar­le­hens­ge­ber der wirt­schaft­lich stär­ke­re, "zins­be­stim­men­de" Ver­trags­teil und der Dar­le­hens­neh­mer der wirt­schaft­lich schwä­che­re ist. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind beim Bau­spar­ver­trag gera­de nicht gege­ben.

Wei­ter wird in der Begrün­dung aus­ge­führt, dass nach dem Ent­wurf der Markt für län­ger­fris­ti­ge fest­ver­zins­li­che Kre­di­te auch sol­chen Geld­ge­bern eröff­net wer­den sol­le, denen er bis­her auf­grund der durch das Kün­di­gungs­recht erschwer­ten "Refi­nan­zie­rung" ver­schlos­sen war. Des­halb müss­ten Zins­än­de­rungs­ri­si­ken nach der vor­ge­schla­ge­nen Rege­lung nicht mehr in die Kon­di­tio­nen län­ger­fris­ti­ger, fest­ver­zins­li­cher Kre­di­te ein­kal­ku­liert zu wer­den. Für Kre­dit­neh­mer sei daher mit einem ver­bes­ser­ten und brei­ter gefä­cher­ten Ange­bot ins­be­son­de­re im Bereich der fest­ver­zins­li­chen Kre­di­te zu rech­nen.

Auch die­se Erklä­run­gen wei­sen ein­deu­tig dar­auf hin, dass der Gesetz­ge­ber unter Kre­dit­ge­ber eine Bank oder eine Ver­si­che­rung ver­stand und unter Kre­dit­neh­mer den, so der heu­ti­ge Ter­mi­nus, Ver­brau­cher.

Beim Bau­spar­ver­trag ist es nicht der Bau­spa­rer, der "Kon­di­tio­nen län­ger­fris­ti­ger, fest­ver­zins­li­cher Kre­di­te" zu schaf­fen ver­mag, son­dern es ist die Bau­spar­kas­se. Das "brei­ter gefä­cher­te Ange­bot, ins­be­son­de­re im Bereich der fest­ver­zins­li­chen Kre­di­te" stellt nicht der Bau­spa­rer, son­dern die Bau­spar­kas­se. Damit kann nach Auf­fas­sung des Amts­ge­richts kein Zwei­fel dar­an bestehen, dass der Gesetz­ge­ber bei Schaf­fung der Kün­di­gungs­vor­schrift des § 609a BGB a.F. nicht das Bau­spar­ver­trags­ver­hält­nis im Blick hat­te.

Dies ergibt sich aus einer wei­te­ren Bemer­kung im Rah­men der Begrün­dung die­ses Geset­zes­ent­wur­fes 5, in dem aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass es "den Geschäfts­be­din­gun­gen des Kre­dit­in­sti­tu­tes vor­be­hal­ten blei­be, unter Wah­rung des Grund­ge­dan­kens der vor­ge­schla­ge­nen Rege­lung zu tref­fen, die eine zeit­li­che Ein­gren­zung der Kün­di­gungs­be­fug­nis des Dar­le­hens­neh­mers ermög­li­chen". Hier wird sogar aus der Wort­wahl des Gesetz­ge­bers deut­lich, auf wel­cher Sei­te er das "Kre­dit­in­sti­tut" und auf wel­cher Sei­te den Dar­le­hens­neh­mer sieht. Nach dem Grund­ge­dan­ken des Geset­zes ist der "zins­be­stim­men­de Teil" das Kre­dit­in­sti­tut, wel­ches mit den Geschäfts­be­din­gun­gen das neu geschaf­fe­ne Kün­di­gungs­recht des Dar­le­hens­neh­mers sol­le ein­gren­zen kön­nen.

Damit steht, nach Auf­fas­sung des Amts­ge­richts, außer Fra­ge, dass sich die Bau­spar­kas­se nicht auf das Kün­di­gungs­recht des § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB beru­fen kann, weil dies den Inten­tio­nen des Gesetz­ge­bers bei Schaf­fung der Vor­gän­ger­norm nicht gerecht wird.

Soweit die Bau­spar­kas­se dar­auf abstellt, dass sich aus der Begrün­dung des Geset­zes­ent­wur­fes 6 erge­be, dass die Norm auch für die Bau­spar­kas­se Anwen­dung fin­den soll, ist die­se Auf­fas­sung, wie oben dar­ge­legt, der Begrün­dung kei­nes­falls zu ent­neh­men.

Im Gegen­teil lässt sich aus einem wei­te­ren Satz in der Begrün­dung die oben ver­tre­te­ne Auf­fas­sung des erken­nen­den Amts­ge­rich­tes bestär­ken, wonach das Kre­dit­in­sti­tut sich gera­de nicht auf § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB beru­fen kön­nen soll.

Die bei­den Sät­ze, die die Auf­fas­sung des genann­ten Amts­ge­rich­tes stär­ken, lau­ten wie folgt: "Der Schuld­ner kann die Kün­di­gung frü­hes­tens nach Ablauf von 10 Jah­ren nach der Aus­zah­lung des Dar­le­hens und danach in jedem Zeit­punkt erklä­ren. Um die tech­ni­sche Abwick­lung des Ver­tra­ges und die Vor­be­rei­tung eines neu­en Geschäfts zu erleich­tern, hat der Schuld­ner eine Kün­di­gungs­frist von 6 Mona­ten ein­zu­hal­ten".

Wird wie vor­lie­gend dem Bau­spa­rer von der Bau­spar­kas­se die Kün­di­gung erklärt, gibt es für den Bau­spa­rer kei­ne "tech­ni­sche Abwick­lung des Ver­tra­ges" und er ver­mag gegen­über dem bis­he­ri­gen Dar­le­hens­neh­mer auch kei­nes­falls die "Vor­be­rei­tung eines neu­en Geschäf­tes" vor­zu­neh­men.

Damit steht zur Über­zeu­gung des Amts­ge­richts fest, dass nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers bei Schaf­fung der Norm des § 609a BGB a.F. der Bau­spar­ver­trag und die dar­in zum Aus­druck kom­men­den Par­tei­rol­len, Dar­le­hens­neh­mer (Bau­spar­kas­se) und Dar­le­hens­ge­ber (Bau­spa­rer) nicht erfasst wer­den soll­te.

Bereits die­se Über­le­gun­gen füh­ren dazu, die Kün­di­gung der Bau­spar­kas­se als unwirk­sam zu betrach­ten.

Dar­über­hin­aus ist jedoch, selbst wenn man § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB zu Guns­ten der Bau­spar­kas­se für anwend­bar hal­ten woll­te, im vor­lie­gen­den Fall ein Tat­be­stands­merk­mal der Norm nicht erfüllt.

Vor­ab sei noch­mal auf die oben erwähn­te Begrün­dung zum Geset­zes­ent­wurf ver­wie­sen. Der Gesetz­ge­ber woll­te das Kün­di­gungs­recht dem Dar­le­hens­schuld­ner nach Ablauf von 10 Jah­ren nach der Aus­zah­lung des Dar­le­hens gewäh­ren.

In § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB ist dies so for­mu­liert, dass dem Dar­le­hens­neh­mer nach "dem voll­stän­di­gen Emp­fang" das Kün­di­gungs­recht zuste­hen soll.

Sowohl nach dem Wort­laut des Geset­zes als auch nach der oben ange­führ­ten Begrün­dung des Gesetz­ent­wur­fes ist nach Auf­fas­sung des Amts­ge­richts der voll­stän­di­ge Emp­fang im Sinn des § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB kei­nes­falls mit der Zutei­lungs­rei­fe des Dar­le­hens­ver­tra­ges gleich­zu­set­zen, wie dies bis­her in der Recht­spre­chung gesche­hen ist.

So haben das Land­ge­richt Mainz 7, das Land­ge­richt Han­no­ver 8 und das Land­ge­richt Aachen 9 jeweils aus­ge­führt, dass "in einem Bau­spar­fall der voll­stän­di­ge Emp­fang der Dar­le­hens­va­lu­ta im Sinn des § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB der ein­tre­ten­den Zutei­lungs­rei­fe" gleich­zu­set­zen sei.

Das Land­ge­richt Aachen führ­te aus, dass sich die Anwen­dung der Norm aus ihrem Sinn und Zweck erge­be, weil § 489 BGB einen Inter­es­se­aus­gleich schaf­fen sol­le und den Dar­le­hens­neh­mer vor über­lan­gen Bin­dun­gen an fest­ge­leg­te Zins­sät­ze schüt­zen wol­le. Es soll­ten markt­ge­rech­te Zin­sen ermög­licht wer­den.

Abge­se­hen davon, dass, wie oben aus­ge­führt, Sinn und Zweck der Norm gera­de nicht die Bau­spar­kas­se umfasst, ist dies nach Auf­fas­sung des Amts­ge­richts kei­ne trag­fä­hi­ge Begrün­dung dafür, dass der voll­stän­di­ge Emp­fang eines Dar­le­hens gleich­ge­setzt wer­den kann mit der Zutei­lungs­rei­fe des Bau­spar­ver­trags.

Das Land­ge­richt Mainz bemüht die "struk­tu­rel­len Eigen­hei­ten des Bau­spar­ver­tra­ges", um den Ein­tritt der erst­ma­li­gen Zutei­lungs­rei­fe mit dem voll­stän­di­gen Emp­fang im Sinn der Vor­schrift gleich­zu­set­zen.

Wenn schon das Dar­le­hens­recht direkt auf den Bau­spar­ver­trag Anwen­dung fin­den soll, dann ist es nicht zu begrün­den, dass ein­sei­tig zu Guns­ten eines Ver­trags­part­ners, näm­lich der Bau­spar­kas­se, der ein­deu­ti­ge Wort­laut der Geset­zes­norm zu Las­ten des ande­ren Ver­trags­tei­les aus­ge­höhlt wird.

Soweit das Land­ge­richt Mainz in die­sem Zusam­men­hang noch aus­führt, dass sich der Bau­spa­rer nicht auf den Grund­satz beru­fen kön­ne, Ver­trä­ge sei­en grund­sätz­lich ein­zu­hal­ten, da er selbst durch die Nicht­an­nah­me der Zutei­lung dem Ver­trags­zweck zuwi­der gehan­delt habe, ist dies unver­ständ­lich und mit Sicher­heit nicht mit den "struk­tu­rel­len Eigen­hei­ten des Bau­spar­ver­tra­ges" in Ein­klang zu brin­gen.

Es besteht zwi­schen den Par­tei­en Einig­keit, dass der Bau­spa­rer nie­mals ver­pflich­tet ist, ein Dar­le­hen in Anspruch zu neh­men, wenn auch § 1 der ABB 7 den Ver­trags­zweck in der Erlan­gung eines Bau­spar­dar­le­hens sieht.

Die Nicht­an­nah­me der Zutei­lung kann daher kei­nes­falls als ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten des Bau­spa­rers gewer­tet wer­den.

Soweit das Land­ge­richt Han­no­ver die Gleich­set­zung des voll­stän­di­gen Emp­fangs der Dar­le­hens­va­lu­ta mit der Zutei­lungs­rei­fe annimmt, begrün­det es dies eben­falls mit der "beson­de­ren Kon­struk­ti­on des Bau­spar­ver­tra­ges".

Zwar hebt im Unter­schied zum Land­ge­richt Mainz das Land­ge­richt Han­no­ver her­vor, dass es dem Bau­spa­rer grund­sätz­lich frei ste­he, das Dar­le­hens nach Zutei­lungs­rei­fe abzu­ru­fen, hält aber gleich­wohl auf­grund Sinn und Zweck der Norm ihre Anwen­dung für gerecht­fer­tigt.

Das Land­ge­richt Han­no­ver bezieht sich auf Sys­te­ma­tik und Ent­ste­hungs­ge­schich­te sowie Ratio der Vor­schrift und nimmt zur Begrün­dung Bezug auf die Bun­des­tags­druck­sa­che 16/​11 643 Sei­te 74.

Hier­bei han­delt es sich um die Begrün­dung der Bun­des­re­gie­rung zudem Ent­wurf eines Geset­zes zur Umset­zung der Ver­brau­cher­kre­dit­li­nie, des zivil­recht­li­chen Teils der Zah­lungs­dienst­e­richt­li­nie sowie zur Neu­ord­nung der Vor­schrif­ten über das Wider­rufs- und Rück­ga­be­recht vom 21.01.2009.

In der Begrün­dung wird auf Sei­te 74 aus­ge­führt, dass die Ände­run­gen des § 489 BGB ledig­lich redak­tio­nel­len und sys­te­ma­ti­schen Anpas­sun­gen der Zins­re­ge­lun­gen die­nen sol­len.

Fer­ner wird in der Begrün­dung aus­ge­führt, dass für "Ver­brau­cher­dar­le­hen" die Kün­di­gungs­mög­lich­kei­ten des Dar­le­hens­neh­mers in § 500 BGB gere­gelt wür­den.

Gleich­zei­tig wer­de das Wort "Aus­zah­lung" durch das Wort "Emp­fang" ersetzt.

Zwar wird in den §§ 491 ff. BGB der Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trag spe­zi­ell gere­gelt, jedoch über­sieht das Land­ge­richt Han­no­ver, dass § 500 BGB nicht auf Immo­bi­li­ar­dar­le­hens­ver­trä­ge anzu­wen­den ist (§ 503 BGB).

Der Bau­spar­ver­trag ist aber unstrei­tig ein Immo­bi­li­ar­dar­le­hens­ver­trag im Sinn des § 503 BGB, sodass nach wie vor die oben zitier­te Geset­zes­be­grün­dung zu § 609a BGB a.F. für die Aus­le­gung des § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB her­an­zu­zie­hen ist.

Die Bun­des­tags­druck­sa­che 16/​11 643, Sei­te 74 ent­hält kei­nes­falls eine neue Begrün­dung für Sinn und Zweck die­ser Kün­di­gungs­vor­schrift.

Damit ist, wenn man so weit gehen woll­te und § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB für Bau­spar­ver­trä­ge für anwend­bar hält, fest­zu­stel­len, was unter "voll­stän­di­gem Emp­fang" im Sinn die­ser Norm gemeint ist.

Es ergibt sich bereits aus dem Wort­laut der Vor­schrift, dass damit nur die voll­stän­di­ge Valu­tie­rung, also Aus­zah­lung des ver­ein­bar­ten Dar­le­hens gemeint sein kann. Gestützt wird dies durch die Begrün­dung des Geset­zes­ent­wur­fes 6, wie oben aus­ge­führt.

Nach­dem der Gesetz­ge­ber bei Schaf­fung die­ser Norm vom "nor­ma­len" Dar­le­hens­ver­trag aus­ging, ergibt es sich von selbst, dass die Dar­le­hens­sum­me, die der Kre­dit­ge­ber gewäh­ren soll, ver­trag­lich fest­ge­legt ist. Die­ser "Nor­mal­fall" des Dar­le­hens ist beim Bau­spar­ver­trag gera­de nicht gege­ben. Zwar ist der Bau­spa­rer in der Anspar­pha­se Dar­le­hens­ge­ber und die Bau­spar­kas­se Dar­le­hens­neh­me­rin, jedoch ist im Bau­spar­ver­trag die vom Dar­le­hens­ge­ber "geschul­de­te" Dar­le­hens­sum­me mit kei­nem Wort fest­ge­legt. Im Bau­spar­ver­trag gere­gelt ist ledig­lich die Bau­spar­sum­me und ermit­tel­bar ist fest­ge­legt die Zutei­lungs­rei­fe. Die Zutei­lungs­rei­fe ist der Zeit­punkt, zu dem der bis­he­ri­ge Dar­le­hens­ge­ber den "Rol­len­tausch" vor­neh­men kann, um sich in die Dar­le­hens­neh­mer­rol­le zu bege­ben.

Damit ist ver­trag­lich eine bestimm­te Dar­le­hens­sum­me, die der Dar­le­hens­ge­ber der Anspar­pha­se, also der Bau­spa­rer, an die Bau­spar­kas­se zu zah­len hat, nicht aus­ge­wie­sen.

Auch dar­aus ergibt sich, dass die Geset­zes­norm des § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB gera­de nicht auf den Bau­spar­ver­trag zuge­schnit­ten wur­de.

Soweit in die­sem Zusam­men­hang die Bau­spar­kas­se dar­auf hin­weist, dass mit Ein­tritt der Zutei­lungs­rei­fe es allein beim Bau­spa­rer lie­ge, sei­nen Anspruch auf Erhalt der Bau­spar­sum­me zu begrün­den, ist dies, betrach­tet man die ABB 7, kei­nes­falls zutref­fend.

Auch nach der Zutei­lungs­rei­fe liegt es in der Ent­schei­dungs­frei­heit der Bau­spar­kas­se, das Dar­le­hen zu gewäh­ren. Dies folgt aus § 13 Abs. 4, 15 ABB. Vor Gewäh­rung des Dar­le­hens hat die Bau­spar­kas­se das Recht, eine Boni­täts­prü­fung durch­zu­füh­ren, sowie wei­te­re Dar­le­hens­si­cher­hei­ten zu ver­lan­gen. Kommt der Bau­spa­rer dem nicht nach, wird das zuge­teil­te Bau­spar­dar­le­hen nicht aus­ge­zahlt.

Auch ste­hen wei­te­re Rege­lun­gen der ABB 7 der Auf­fas­sung ent­ge­gen, Zutei­lungs­rei­fe sei mit voll­stän­di­gem Emp­fang gleich­zu­set­zen:

Aus § 2 Abs. 3 ABB ergibt sich, dass sogar der Fall, dass die Zah­lun­gen des Bau­spa­rers die Bau­spar­sum­me über­stei­gen zur Rege­lung vor­ge­se­hen ist. Auch die­se Bei­trä­ge, die über­ob­li­ga­ti­ons­mä­ßig über die ver­ein­bar­te Bau­spar­sum­me ein­ge­zahlt wer­den, sind von der Bau­spar­kas­se zu ver­zin­sen.

In § 5 Abs. 1 ABB legt die Bau­spar­kas­se Regel­spar­bei­trä­ge fest. Auch die­se sind kei­nes­falls limi­tiert bis zur Zeit der Zutei­lungs­rei­fe, son­dern in die­ser Rege­lung wird aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass bis zur ers­ten Aus­zah­lung der zuge­teil­ten Bau­spar­sum­me die Regel­spar­bei­trä­ge monat­lich zu leis­ten sind. Das heißt, die Bau­spar­kas­se for­dert gera­de­zu über den Zutei­lungs­zeit­punkt hin­aus die Ein­zah­lung von Spar­bei­trä­gen. Wäre sie bei Abfas­sung des Ver­tra­ges im Jahr 1988 der Auf­fas­sung gewe­sen, die Zutei­lungs­rei­fe ent­sprä­che dem voll­stän­di­gen Emp­fang im Sinn des § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB, hät­te es nahe­ge­le­gen, eine Rege­lung ein­zu­fü­gen, wonach das wei­te­re Bespa­ren ab der Zutei­lungs­rei­fe nicht mehr mög­lich ist. Die Bau­spar­kas­se hat nicht nur die­sen Weg nicht gewählt, son­dern im Gegen­teil, den wei­te­ren Regel­spar­bei­trag ein­ge­for­dert.

Dar­über­hin­aus gewährt § 5 Abs. 3 ABB der Bau­spar­kas­se sogar das Recht zur Kün­di­gung, wenn der Bau­spa­rer mit mehr als 6 Regel­spar­bei­trä­gen rück­stän­dig ist.

Aus § 14 ABB ergibt sich, dass die Bau­spar­kas­se bei Ver­trags­schluss im Jahr 1988 kei­nes­falls davon aus­ging, dass der voll­stän­di­ge Emp­fang im Sinn des § 489 Abs. 1 Nr. 2 mit der Zutei­lungs­rei­fe gleich­zu­set­zen sei. § 14 Abs. 1 ABB gewährt dem Bau­spa­rer nicht nur das Recht, die Zutei­lung nicht anzu­neh­men, son­dern regelt aus­drück­lich die Fort­set­zung des Bau­spar­ver­tra­ges für den Fall, dass der Bau­spa­rer die Annah­me­er­klä­rung nicht frist­ge­mäß abgibt.

Aus die­ser Norm ergibt sich, dass es im Inter­es­se der Bau­spar­kas­se lag, nach Zutei­lungs­rei­fe den Bau­spar­ver­trag fort­zu­set­zen und der Bau­spa­rer die­sen regel­mä­ßig bespart. Dass die nun ein­ge­tre­te­ne wirt­schaft­li­che Ver­än­de­rung, wonach der Kapi­tal­zins ins "Boden­lo­se" fiel, zu einer ande­ren Aus­le­gung des Ver­tra­ges oder der Norm füh­ren könn­te, ist nicht ersicht­lich.

Letzt­lich sei noch anzu­fü­gen, dass die Bau­spar­kas­se in der Ver­gan­gen­heit die Nicht­an­nah­me der Zutei­lung, also das Unter­las­sen der Dar­le­hens­auf­nah­me, durch Zah­lung eines erheb­li­chen Bonus­zin­ses hono­rier­te.

Abge­se­hen von dem ein­deu­ti­gen Wort­laut der Norm des § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB stüt­zen die­se Erwä­gun­gen und die von der Bau­spar­kas­se selbst geschaf­fe­nen All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen die Auf­fas­sung, dass voll­stän­di­ger Emp­fang und Zutei­lungs­rei­fe nicht ein und das­sel­be sein kön­nen.

Damit ist nach Auf­fas­sung des Amts­ge­richt die Anwen­dung des § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB für den vor­lie­gen­den Fall nicht mög­lich, mit der Fol­ge, dass die Kün­di­gung vom 12.01.2015, die sich aus­schließ­lich auf die­se Norm stütz­te, unwirk­sam ist.

Die­se Auf­fas­sung ist im Übri­gen auch in Ein­klang zu brin­gen mit der ein­gangs zitier­ten Ent­schei­dung des OLG Stutt­gart vom 14.10.2011, wor­in aus­ge­führt wur­de, dass die Bau­spar­kas­se den Bau­spar­ver­trag nicht kün­di­gen dür­fe, wenn sie dadurch dem Bau­spa­rer den Anspruch auf das Til­gungs­dar­le­hen ent­zie­he 10.

Das OLG Stutt­gart sah das Kün­di­gungs­recht der Bau­spar­kas­se aller­dings nach § 488 Abs. 3 BGB dann als gege­ben an, wenn die ver­ein­bar­te Bau­spar­sum­me voll­stän­dig erreicht ist. Vor­lie­gend ist die Bau­spar­sum­me zum Zeit­punkt der Kün­di­gung nicht gege­ben gewe­sen, sodass die Bau­spar­kas­se nicht zur Kün­di­gung berech­tigt war.

Amts­ge­richt Lud­wigs­burg, Urteil vom 7. August 2015 – 10 C 1154/​15

  1. OLG Stutt­gart, Beschluss vom 14.10.2011 – AZ 9 U 151/​11, WM 2013, 508 ff.[]
  2. BGBl. I 1986, 1169[]
  3. BT-Drs. 10/​4741 vom 29.01.1986[]
  4. BT-Drs. 10/​4741, Sei­te 22[]
  5. BT-Drs. 10/​4741, Sei­te 22 vor­letz­ter Absatz[]
  6. BT-Drs. 10/​4741, Sei­te 23[][]
  7. LG Mainz, WM 2015, 181 ff.[]
  8. LG Han­no­ver, Urteil vom 30.06.2015 – 14 O 55/​15[]
  9. LG Aachen, Urteil vom 19.05.2015 – 10 O 404/​14[]
  10. OLG Stgt. Beschluss vom 14.10.2011, 9 U 151/​11, RZ 10[]