Der nicht gele­se­ne Emis­si­ons­pro­spekt

Seit dem 1. Janu­ar 2002 gilt auch für Scha­dens­er­satz­an­sprü­che eine drei­jäh­ri­ge Regel­ver­jäh­rung nach § 195 BGB, wobei für den Frist­be­ginn zusätz­lich die sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen nach § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB vor­lie­gen müs­sen. Der Gläu­bi­ger muss also von den den Anspruch begrün­den­den Umstän­den und der Per­son des Schuld­ners Kennt­nis erlangt haben oder sei­ne dies­be­züg­li­che Unkennt­nis auf gro­ber Fahr­läs­sig­keit beru­hen 1. Für eine dahin­ge­hen­de Kennt­nis oder grob­fahr­läs­si­ge Unkennt­nis des Klä­gers trägt der Schuld­ner die Dar­le­gungs- und Beweis­last 2.

Der nicht gele­se­ne Emis­si­ons­pro­spekt

Eine solch grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis des Bera­tungs­feh­lers eines Anla­ge­be­ra­ters oder der unrich­ti­gen Aus­kunft eines Anla­ge­ver­mitt­lers ergibt sich nicht schon allein dar­aus, dass es der Anle­ger unter­las­sen hat, den ihm über­reich­ten Emis­si­ons­pro­spekt durch­zu­le­sen und auf die­se Wei­se die Rat­schlä­ge und Aus­künf­te des Anla­ge­be­ra­ters oder ‑ver­mitt­lers auf ihre Rich­tig­keit hin zu kon­trol­lie­ren.

Gro­be Fahr­läs­sig­keit setzt einen objek­tiv schwer­wie­gen­den und sub­jek­tiv nicht ent­schuld­ba­ren Ver­stoß gegen die Anfor­de­run­gen der im Ver­kehr erfor­der­li­chen Sorg­falt vor­aus. Grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis im Sin­ne von § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB liegt vor, wenn dem Gläu­bi­ger die Kennt­nis des­halb fehlt, weil er ganz nahe lie­gen­de Über­le­gun­gen nicht ange­stellt oder das nicht beach­tet hat, was im gege­be­nen Fall jedem hät­te ein­leuch­ten müs­sen, wie etwa dann, wenn sich dem Gläu­bi­ger die den Anspruch begrün­den­den Umstän­de förm­lich auf­ge­drängt haben und er leicht zugäng­li­che Infor­ma­ti­ons­quel­len nicht genutzt hat 3. Dem Gläu­bi­ger muss per­sön­lich ein schwe­rer Oblie­gen­heits­ver­stoß in sei­ner eige­nen Ange­le­gen­heit der Anspruchs­ver­fol­gung, eine schwe­re Form von "Ver­schul­den gegen sich selbst", vor­ge­wor­fen wer­den kön­nen. Ihn trifft gene­rell kei­ne Oblie­gen­heit, im Inter­es­se des Schuld­ners an einem mög­lichst früh­zei­ti­gen Beginn der Ver­jäh­rungs­frist Nach­for­schun­gen zu betrei­ben; viel­mehr muss das Unter­las­sen von Ermitt­lun­gen nach Lage des Fal­les als gera­de­zu unver­ständ­lich erschei­nen, um ein grob fahr­läs­si­ges Ver­schul­den des Gläu­bi­gers beja­hen zu kön­nen.

Nach die­sen Maß­ga­ben genütgt der Umstand, dass der Anla­ge­in­ter­es­sent den ihm über­las­se­nen Emis­si­ons­pro­spekt nicht durch­ge­le­sen hat, für sich allein noch nicht, um die grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis von einem Bera­tungs­feh­ler zu begrün­den.

Die­se Fra­ge wird in der Recht­spre­chung der Ober­lan­des­ge­rich­te aller­dings nicht ein­heit­lich beant­wor­tet. Eine Rei­he von Ober­lan­des­ge­rich­ten hält es für einen den Vor­wurf gro­ber Fahr­läs­sig­keit recht­fer­ti­gen­den schwe­ren Ver­stoß gegen die Gebo­te des eige­nen Inter­es­ses des Anla­ge­in­ter­es­sen­ten, wenn er es im Zusam­men­hang mit einer bedeut­sa­men Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dung unter­lässt, den ihm von einem Anla­ge­be­ra­ter oder einem Anla­ge­ver­mitt­ler zur Ver­fü­gung gestell­ten Anla­ge­pro­spekt durch­zu­le­sen, und aus die­sem Grun­de nicht bemerkt, dass er falsch bera­ten oder ihm eine unrich­ti­ge Aus­kunft erteilt wor­den ist 4 Dabei wird teil­wei­se grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis selbst für den Fall bejaht, dass der Pro­spekt erst bei oder sogar kurz nach der Zeich­nung über­ge­ben wor­den ist 5, teil­wei­se nur für den Fall, dass der Pro­spekt aus­rei­chen­de Zeit vor dem abschlie­ßen­den Bera­tungs­ge­spräch vor­ge­le­gen hat 6.

Die Gegen­an­sicht ver­weist dem­ge­gen­über dar­auf, dass der Anla­ge­in­ter­es­sent regel­mä­ßig auf die Rich­tig­keit und Ord­nungs­mä­ßig­keit der ihm erteil­ten Anla­ge­be­ra­tung ver­trau­en und ihm eine unter­blie­be­ne "Kon­trol­le" die­ser Bera­tung durch Lek­tü­re des Pro­spekts des­halb nicht ohne wei­te­res als gro­be Fahr­läs­sig­keit vor­ge­hal­ten wer­den dür­fe 7.

Der Bun­des­ge­richts­hof hält die letzt­er­wähn­te Ansicht für zutref­fend: Zwar kommt dem Anla­ge­pro­spekt in aller Regel eine gro­ße Bedeu­tung für die Infor­ma­ti­on des Anla­ge­in­ter­es­sen­ten über die ihm emp­foh­le­ne Kapi­tal­an­la­ge zu. Sofern der Pro­spekt geeig­net ist, die nöti­gen Infor­ma­tio­nen wahr­heits­ge­mäß und ver­ständ­lich zu ver­mit­teln, und er dem Anle­ger recht­zei­tig vor Ver­trags­schluss über­las­sen wor­den ist, kann die Aus­hän­di­gung eines Pro­spekts im Ein­zel­fall aus­rei­chen, um den Bera­tungs- und Aus­kunfts­pflich­ten Genü­ge zu tun 8. Es liegt daher zwei­fel­los im beson­de­ren Inter­es­se des Anle­gers, die­sen Pro­spekt ein­ge­hend durch­zu­le­sen.

Ande­rer­seits misst der Anle­ger, der bei sei­ner Anla­ge­ent­schei­dung die beson­de­ren Erfah­run­gen und Kennt­nis­se eines Anla­ge­be­ra­ters oder Anla­ge­ver­mitt­lers in Anspruch nimmt, den Rat­schlä­gen, Aus­künf­ten und Mit­tei­lun­gen des Anla­ge­be­ra­ters oder ‑ver­mitt­lers, die die­ser ihm in einem per­sön­li­chen Gespräch unter­brei­tet, beson­de­res Gewicht bei. Die Pro­spekt­an­ga­ben, die not­wen­dig all­ge­mein gehal­ten sind und deren Detail­fül­le, ange­rei­chert mit volks‑, betriebs­wirt­schaft­li­chen und steu­er­recht­li­chen Fach­aus­drü­cken, vie­le Anle­ger von einer nähe­ren Lek­tü­re abhält, tre­ten dem­ge­gen­über regel­mä­ßig in den Hin­ter­grund. Ver­traut daher der Anle­ger auf den Rat und die Anga­ben "sei­nes" Bera­ters oder Ver­mitt­lers und sieht er des­halb davon ab, den ihm über­ge­be­nen Anla­ge­pro­spekt durch­zu­se­hen und aus­zu­wer­ten, so ist dar­in im All­ge­mei­nen kein in sub­jek­ti­ver und objek­ti­ver Hin­sicht "gro­bes Ver­schul­den gegen sich selbst" zu sehen. Unter­lässt der Anle­ger eine "Kon­trol­le" des Bera­ters oder Ver­mitt­lers durch Lek­tü­re des Anla­ge­pro­spekts, so weist dies auf das bestehen­de Ver­trau­ens­ver­hält­nis zurück und ist daher für sich allein genom­men nicht schlecht­hin "unver­ständ­lich" oder "unent­schuld­bar".

Eine ande­re Betrach­tungs­wei­se stün­de zum einen in einem Wer­tungs­wi­der­spruch zur Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Fra­ge des anspruchs­min­dern­den Mit­ver­schul­dens. Zum ande­ren wür­de sie den Anle­ger unan­ge­mes­sen benach­tei­li­gen und sei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch oft­mals leer lau­fen las­sen. Denn die Risi­ken und Nach­tei­le einer Kapi­tal­an­la­ge wir­ken sich viel­fach erst eini­ge Jah­re nach dem Erwerb finan­zi­ell spür­bar aus (Redu­zie­rung oder gar Weg­fall von Aus­schüt­tun­gen etc.). Fie­le dem Anle­ger bereits die unter­blie­be­ne Lek­tü­re des Anla­ge­pro­spekts als grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis im Sin­ne von § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB zur Last, so wäre sein Scha­dens­er­satz­an­spruch häu­fig schon ver­jährt, bevor sich die Risi­ken oder Nach­tei­le der Kapi­tal­an­la­ge für ihn "bemerk­bar" machen und er sich daher ver­an­lasst sieht, die Rich­tig­keit der ihm von einem Anla­ge­be­ra­ter oder -ver­mitt­ler gege­be­nen Emp­feh­lun­gen und Aus­künf­te zu hin­ter­fra­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Juli 2010 – III ZR 249/​09

  1. BGHZ 171, 1, 7 ff Rn. 19 ff; 179, 260, 276 Rn. 46; BGH, Urteil vom 09.11.2007 – V ZR 25/​07, NJW 2008, 506[]
  2. BGHZ 171, 1, 11 Rn. 32; BGH, Urteil vom 03.06.2008 – XI ZR 319/​06, NJW 2008, 2576, 2578[]
  3. sie­he Palandt/​Ellenberger, BGB, 69. Aufl., § 199 Rn. 36; MünchKommBGB/​Gro­the, 5. Aufl., § 199 Rn. 28; Henrich/​Spindler, in: Bamberger/​Roth, BGB, 2. Aufl., § 199 Rn. 19 f.[]
  4. so OLG Frank­furt am Main, OLGR 2008, 880, 881 f; und Beschluss vom 20.09.2007 – 14 W 75/​07; OLG Düs­sel­dorf, Teil­ur­teil vom 18.04.2008 – I‑16 U 275/​06; OLG Köln, Beschluss vom 22.10.2008 – 13 U 10/​08; Bran­den­bur­gi­sches OLG, Urtei­le vom 19.02.2009 – 12 U 140/​08; und vom 30.04.2009 – 12 U 225/​08; OLG Cel­le, OLGR 2009, 121[]
  5. OLG Köln, aaO; Bran­den­bur­gi­sches OLG aaO[]
  6. OLG Cel­le aaO[]
  7. OLG Mün­chen, Urteil vom 06.09.2006 – 20 U 2694/​06; OLG Hamm, Urtei­le vom 20.11.2007 – 4 U 98/​07; und vom 26.11.2009 – I‑4 U 224/​08[]
  8. sie­he etwa BGH, Ver­säum­nis­ur­teil vom 18.01.2007 – III ZR 44/​06, NJW-RR 2007, 621, 622; sowie Urtei­le vom 12.07.2007 – III ZR 145/​06, NJW-RR 2007, 1692; vom 05.03.2009 – III ZR 302/​07, NJW-RR 2009, 687, 688; und vom 05.03.2009 – III ZR 17/​08, WM 2009, 739, 740; sie­he auch BGH, Urteil vom 21.03.2005 – II ZR 310/​03, NJW 2005, 1784, 1787 f.[]