Die Ver­tre­tung einer Spar­kas­se gegen­über ihren Vor­stands­mit­glie­dern

Eine Spar­kas­se wird gegen­über ein­zel­nen Vor­stands­mit­glie­dern durch den Ver­wal­tungs­rat ver­tre­ten. Dies gilt auch für die Ver­tre­tung gegen­über einem aus­ge­schie­de­nen stell­ver­tre­ten­den Vor­stands­mit­glied, das ledig­lich dem Vor­stand einer auf eine Spar­kas­se ver­schmol­ze­nen frü­he­ren Spar­kas­se ange­hört hat.

Die Ver­tre­tung einer Spar­kas­se gegen­über ihren Vor­stands­mit­glie­dern

Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof auf der Grund­la­ge des Spar­kas­sen­ge­setz des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern für dort ansäs­si­ge Spar­kas­sen.

Die Kla­ge eines (ehe­ma­li­gen) Vor­stands­mit­glieds gegen die Spar­kas­se ist daher gegen die Spar­kas­se, ver­tre­ten durch ihren Ver­wal­tungs­rat, zu rich­ten, weil die­ser gegen­über dem Vor­stand gemäß § 51 Abs. 1 ZPO, § 8 Abs. 6 Spar­kas­sen­ge­setz des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern (SpkG MV) zu deren gesetz­li­cher Ver­tre­tung beru­fen ist. Die Ver­tre­tungs­kom­pe­tenz des Ver­wal­tungs­rats erstreckt sich auch auf die Ver­tre­tung der Spar­kas­se gegen­über dem aus­ge­schie­de­nen, stell­ver­tre­ten­den Vor­stands­mit­glied der Rechts­vor­gän­ge­rin der Spar­kas­se.

Abwei­chend von der all­ge­mei­nen Ver­tre­tungs­zu­stän­dig­keit des Vor­stands (§ 18 Abs. 1 Satz 2 und 3 SpkG MV) bestimmt § 8 Abs. 6 SpkG MV, dass die Spar­kas­se gegen­über dem Vor­stand durch den Ver­wal­tungs­rat ver­tre­ten wird. Zwar ist in der Vor­schrift von der Ver­tre­tung gegen­über dem "Vor­stand" die Rede. Sie betrifft aber die Ver­tre­tung der Spar­kas­se nicht nur gegen­über dem Vor­stand als Organ oder der Gesamt­heit der Vor­stands­mit­glie­der, son­dern auch gegen­über den ein­zel­nen Mit­glie­dern des Vor­stands. Der Rege­lung liegt der glei­che Zweck zugrun­de wie § 112 AktG, der die Ver­tre­tung der Akti­en­ge­sell­schaft gegen­über Mit­glie­dern des Vor­stands regelt: Es soll eine unbe­fan­ge­ne, von mög­li­chen Inter­es­sen­kol­li­sio­nen und dar­auf beru­hen­den sach­frem­den Erwä­gun­gen freiblei­ben­de Ver­tre­tung der Gesell­schaft, bzw. hier der Spar­kas­se, sicher­ge­stellt wer­den 1.

Die­se Ver­tre­tungs­re­ge­lung gilt auch gegen­über einem aus­ge­schie­de­nen Vor­stands­mit­glied sowie in Fäl­len der Rechts­nach­fol­ge auf­grund von Ver­schmel­zun­gen, selbst wenn das aus­ge­schie­de­ne Vor­stands­mit­glied dem Vor­stand der über­neh­men­den Gesell­schaft nie­mals ange­hört hat 2. Im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit und Rechts­klar­heit ist es ohne Belang, ob im Ein­zel­fall die Gefahr besteht, dass die Spar­kas­se von dem Vor­stand nicht sach­ge­recht ver­tre­ten wer­den kann, weil mög­li­cher­wei­se Rück­sicht­nah­men oder Inter­es­sen­kol­li­sio­nen dro­hen. Es kommt allein auf eine typi­sie­ren­de Betrach­tung an 3.

Ent­ge­gen der Sicht der Revi­si­ons­er­wi­de­rung wäre die Zustän­dig­keit des Vor­stands der Spar­kas­se zur Pro­zess­ver­tre­tung nach § 18 Abs. 1 Satz 2 und 3 SpkG MV auch dann nicht begrün­det, wenn der Vor­stands­mit­glied wie die­ser im Revi­si­ons­ver­fah­ren gel­tend macht stell­ver­tre­ten­des Mit­glied des Vor­stands ohne Stimm­recht gemäß § 19 Abs. 1 Satz 3 SpkG MV gewe­sen wäre.

Wer als Mit­glied des Vor­stands anzu­se­hen ist, ist in § 19 Abs. 1 SpkG MV gere­gelt. Nach Satz 2 und 3 die­ser Vor­schrift kön­nen neben ordent­li­chen Mit­glie­dern des Vor­stands stell­ver­tre­ten­de Mit­glie­der bestellt wer­den, die nach Maß­ga­be der Bestel­lung stän­di­ges und vol­les Stimm­recht im Vor­stand besit­zen oder an den Sit­zun­gen des Vor­stands nur bera­tend teil­neh­men und im Fal­le der Ver­hin­de­rung von Vor­stands­mit­glie­dern deren Auf­ga­be wahr­neh­men. Ange­sichts des­sen bedarf es kei­ner § 94 AktG nach­ge­bil­de­ten Rege­lung, um zum Aus­druck zu brin­gen, dass als "Vor­stand" gemäß § 8 Abs. 6 SpkG MV des­sen haupt­amt­li­che und stell­ver­tre­ten­de Mit­glie­der anzu­se­hen sind.

Das Spar­kas­sen­ge­setz des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern ent­hält im Übri­gen dif­fe­ren­zier­te Rege­lun­gen dazu, wel­che Bestim­mun­gen nur für ordent­li­che Mit­glie­der des Vor­stands bzw. nur für stell­ver­tre­ten­de Mit­glie­der mit vol­lem Stimm­recht und wel­che für jedes Vor­stands­mit­glied gel­ten sol­len (vgl. § 19 Abs. 2 bis 5, §§ 20, 24 Abs. 3 Satz 1 SpkG MV). Die Bestel­lung, Anstel­lung, Abbe­ru­fung und Kün­di­gung der ordent­li­chen und stell­ver­tre­ten­den Mit­glie­der des Vor­stands ist nach § 8 Abs. 2 Nr. 1 SpkG MV Auf­ga­be des Ver­wal­tungs­rats, wobei § 19 Abs. 2 bis 5 SpkG MV Bestim­mun­gen zur Wahr­neh­mung die­ser Zustän­dig­keit ent­hält. Soweit § 24 Abs. 3 Satz 1 SpkG MV dem Vor­sit­zen­den des Ver­wal­tungs­rats die Funk­ti­on des Dienst­vor­ge­setz­ten nur bezo­gen auf die ordent­li­chen und stell­ver­tre­ten­den Vor­stands­mit­glie­der mit Stimm­recht zuweist, spricht dies ange­sichts der wei­te­ren Rege­lun­gen nicht dafür, dass für die Grup­pe der stell­ver­tre­ten­den Mit­glie­der des Vor­stands ohne Stimm­recht auch in Bezug auf die Ver­tre­tungs­be­fug­nis eine sol­che Dif­fe­ren­zie­rung gewollt ist. Glei­ches gilt, soweit § 8 Abs. 2 Nr. 3 SpkG MV dem Ver­wal­tungs­rat die Beschluss­fas­sung über die Bedin­gun­gen des Anstel­lungs­ver­trags nur für die Mit­glie­der und stell­ver­tre­ten­den Mit­glie­der des Vor­stands nach § 19 Abs. 1 Satz 2 SpKG MV zuweist. Die vor­ge­nann­ten Rege­lun­gen unter­strei­chen nur, dass der Gesetz­ge­ber die Fäl­le, in denen er die grund­sätz­lich bestehen­de Zustän­dig­keit des Ver­wal­tungs­rats durch eine Zustän­dig­keit des Vor­stands erset­zen woll­te, aus­drück­lich gere­gelt hat, von einer sol­chen Rege­lung in Bezug auf die Ver­tre­tungs­zu­stän­dig­keit jedoch abge­se­hen hat.

Etwas ande­res lässt sich auch aus dem Sinn und Zweck der Rege­lung in § 8 Abs. 6 SpkG MV nicht ablei­ten. Die Sicht der Revi­si­ons­er­wi­de­rung, die die feh­len­de Betei­li­gung an Ent­schei­dun­gen des Vor­stands in den Blick nimmt und hier­aus ablei­tet, es kön­ne bei stell­ver­tre­ten­den Vor­stands­mit­glie­dern nicht all­ge­mein ange­nom­men wer­den, dass stets eine abs­trak­te Gefahr der Beein­flus­sung von Vor­stands­ent­schei­dun­gen durch sach­frem­de Erwä­gun­gen bestehe, ver­engt sich auf bestimm­te Fall­kon­stel­la­tio­nen, die die gebo­te­ne typi­sie­ren­de Betrach­tung außer Betracht lässt. Dies gilt eben­so für die von der Revi­si­ons­er­wi­de­rung ange­stell­te Erwä­gung, es sei lebens­fremd, in der hier vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on eine abs­trak­te Gefahr feh­len­der Unab­hän­gig­keit zu sehen. Ins­be­son­de­re bei einer auch hier vor­lie­gen­den Strei­tig­keit über Ansprü­che auf Ruhe­ge­halt aus dem Anstel­lungs­ver­hält­nis kommt es im Übri­gen für die Fra­ge, ob die Unbe­fan­gen­heit des Vor­stands bei der Wahr­neh­mung der Inter­es­sen der Spar­kas­se gewahrt ist, nicht dar­auf an, ob das Vor­stands­mit­glied, gegen­über dem die Spar­kas­se zu ver­tre­ten ist, am Zustan­de­kom­men von Organ­ent­schei­dun­gen tat­säch­lich mit­ge­wirkt hat.

Der Ver­tre­tungs­man­gel ist im hier ent­schie­de­nen Fall nicht geheilt wor­den. Eine Geneh­mi­gung der Pro­zess­füh­rung des Vor­stands ist nicht fest­ge­stellt und wird vom Vor­stands­mit­glied, dem ehe­ma­li­gen Vor­stands­mit­glied, weder behaup­tet noch in Aus­sicht gestellt.

Der ange­foch­te­ne Beschluss ist auf­zu­he­ben (§ 562 Abs. 1, § 522 Abs. 3 ZPO). Der Bun­des­ge­richts­hof kann in der Sache selbst ent­schei­den, weil die Auf­he­bung des Beschlus­ses nur wegen einer Rechts­ver­let­zung bei Anwen­dung des Geset­zes auf das fest­ge­stell­te Sach­ver­hält­nis erfolgt und nach letz­te­rem die Sache zur End­ent­schei­dung reif ist (§ 563 Abs. 3, § 522 Abs. 3 ZPO). Das Ver­bot der refor­ma­tio in pei­us steht der Abwei­sung der Kla­ge als unzu­läs­sig in drit­ter Instanz nicht ent­ge­gen 4. Die Kla­ge­ab­wei­sung bezieht sich auch auf die wei­te­ren vom Vor­stands­mit­glied im Rah­men der Stu­fen­kla­ge ver­folg­ten Ansprü­che, weil der Ver­tre­tungs­man­gel auch die­sen Teil der Kla­ge betrifft. Ist auf eine Stu­fen­kla­ge hin der vor­be­rei­ten­de Aus­kunfts­an­spruch in der Rechts­mit­tel­in­stanz anhän­gig, hat das Rechts­mit­tel­ge­richt die Befug­nis zur Abwei­sung der gesam­ten Kla­ge 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. April 2019 – II ZR 317/​17

  1. vgl. BGH, Urteil vom 14.07.1997 – II ZR 168/​96, ZIP 1997, 1674, 1675 zur inhalts­glei­chen Rege­lung im Spar­kas­sen­ge­setz des Frei­staa­tes Sach­sen; BAG, Urteil vom 20.08.1998 2 AZR 12/​98 23 ff. zum Bran­den­bur­gi­schen Spar­kas­sen­ge­setz[]
  2. BGH, Urteil vom 14.07.1997 – II ZR 168/​96, ZIP 1997, 1674, 1675; Urteil vom 01.12 2003 – II ZR 161/​02, BGHZ 157, 151, 154; Urteil vom 28.02.2005 – II ZR 220/​03, ZIP 2005, 900; Urteil vom 16.10.2006 – II ZR 7/​05, ZIP 2006, 2213 Rn. 5[]
  3. BGH, Urteil vom 14.07.1997 – II ZR 168/​96, ZIP 1997, 1674, 1675; Urteil vom 16.10.2006 – II ZR 7/​05, ZIP 2006, 2213 Rn. 5; Urteil vom 15.01.2019 – II ZR 392/​17, ZIP 2019, 564 Rn. 23; vgl. auch Urteil vom 20.03.2018 – II ZR 359/​16, ZIP 2018, 926 Rn. 25 z.V.b. in BGHZ 218, 122[]
  4. BGH, Urteil vom 16.10.2006 – II ZR 7/​05, ZIP 2006, 2213 Rn. 9[]
  5. BGH, Urteil vom 08.05.1985 IVa ZR 138/​83, BGHZ 94, 268, 275; Urteil vom 04.04.2017 – II ZR 179/​16, ZIP 2017, 1108 Rn. 23[]