Ehe­gat­ten-Bürg­schaf­ten für die stän­dig aus­ge­wei­te­te Kre­dit­li­nie

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te sich aktu­ell mit der Fra­ge der Sit­ten­wid­rig­keit einer aus emo­tio­na­ler Ver­bun­den­heit erteil­ten Bürg­schaft bei hin­ter­ein­an­der geschal­te­ten Bürg­schafts­ver­trä­gen zu beschäf­ti­gen:

Ehe­gat­ten-Bürg­schaf­ten für die stän­dig aus­ge­wei­te­te Kre­dit­li­nie

Weil es sich bei der Her­lei­tung eines Zah­lungs­an­spruchs aus meh­re­ren selb­stän­di­gen Bürg­schafts­ver­trä­gen um meh­re­re Streit­ge­gen­stän­de han­delt, kann wegen § 253 Abs. 2 Nr. 2, § 308 Abs. 1 und § 322 Abs. 1 ZPO [1] nicht offen blei­ben, auf wel­cher ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung zwi­schen Gläu­bi­ger und Bür­ge und auf wel­cher Haupt­schuld [2] die Ver­ur­tei­lung beruht. Eine alter­na­ti­ve Kla­gen­häu­fung, die es dem Beru­fungs­ge­richt über­lässt, aus der Ket­te der Bürg­schafts­ver­trä­ge den her­aus­zu­su­chen, den es als Ver­pflich­tungs­grund gel­ten las­sen will, ist unzu­läs­sig [3].

Der Umstand, dass eine Erwei­te­rung des Kre­dit­li­mits des Haupt­schuld­ners wegen § 767 Abs. 1 Satz 3 BGB nicht ohne wei­te­res zulas­ten des Bür­gen wirkt [4], zwingt nicht zu der Annah­me, die Par­tei­en hät­ten bei jeder Erwei­te­rung der Kre­dit­li­nie eine Schuld­um- oder neu­schaf­fung vor­ge­nom­men. Eine Haf­tungs­er­wei­te­rung kann auch Gegen­stand einer (blo­ßen) Abän­de­rung des Bürg­schafts­ver­tra­ges in der Form des § 766 BGB sein [5], sofern die Iden­ti­tät der Haupt­schuld gewahrt bleibt [6].

Soll­te das Gericht fest­stel­len, dass ein­zel­ne der zwi­schen den Par­tei­en geschlos­se­nen Ver­ein­ba­run­gen (ledig­lich) Ände­rungs­ver­trä­ge zum Gegen­stand hat­ten, wird es die Unter­su­chung der Fra­ge, ob der Bürg­schafts­ver­trag wegen kras­ser finan­zi­el­ler Über­for­de­rung der Beklag­ten sit­ten­wid­rig und damit nich­tig ist, auf den Aus­gangs­ver­trag bezo­gen zu beant­wor­ten haben, sofern die Ände­rungs­ver­trä­ge ledig­lich eine Anpas­sung der Bürg­schaft an den Umfang der Haupt­schuld und nicht den Umfang der Bürg­schaft selbst zum Gegen­stand hat­ten [7].

Bei der Prü­fung des § 138 Abs. 1 BGB wird zu beden­ken sein, dass eine kras­se finan­zi­el­le Über­for­de­rung aus­schei­det, wenn die Bür­gen­schuld durch den Wert eines dem Bür­gen gehö­ren­den Grund­stücks abge­deckt ist [8]. Bei der Beur­tei­lung der wirt­schaft­li­chen Leis­tungs­fä­hig­keit ist nur der im Ein­zel­fall effek­tiv ver­füg­ba­re Siche­rungs­wert des Grund­ei­gen­tums in Ansatz zu brin­gen. Zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses auf dem Grund­ei­gen­tum ruhen­de ding­li­che Belas­tun­gen sind wert­min­dernd zu berück­sich­ti­gen [9], wobei aus­ge­hend von die­sem Zeit­punkt der Umfang der ding­li­chen Belas­tung bei Ein­tritt des Siche­rungs­falls zu pro­gnos­ti­zie­ren ist [10]. Dar­le­gungs- und beweis­pflich­tig dafür, die von ihr über­nom­me­ne Bürg­schaft habe bei Stel­lung der Per­so­nal­si­cher­heit ihre Leis­tungs­fä­hig­keit bei wei­tem über­schrit­ten, ist die Beklag­te [11]. Wert­an­ga­ben des Bür­gen in einer in zeit­li­chem Zusam­men­hang mit dem Abschluss des Bürg­schafts­ver­tra­ges erteil­ten Selbst­aus­kunft, die sei­ne objek­tiv kras­se finan­zi­el­le Über­for­de­rung nicht erken­nen las­sen, wider­le­gen die tat­säch­li­che Ver­mu­tung einer ver­werf­li­chen Gesin­nung des Gläu­bi­gers nicht ohne wei­te­res [12]. Den (sub­jek­ti­ven) Vor­wurf der Sit­ten­wid­rig­keit räu­men sie nur aus, wenn sie einer sorg­fäl­ti­gen Über­prü­fung des Gläu­bi­gers stand­hal­ten [13]. Das bedarf für die Selbst­aus­kunft nähe­rer Über­prü­fung, da sie mit­tels der Wen­dun­gen „gemein­sam“ und „ca.“ auf exak­te Anga­ben ver­zich­te­te und damit schon aus sich her­aus zu Zwei­feln an ihrer Ver­läss­lich­keit Anlass gab.

Sofern das Gericht dahin gelan­gen soll­te, die Bür­gen­schuld sei durch den Wert des der Beklag­ten gehö­ren­den Grund­stücks nicht abge­deckt, wird es sich mit der Fra­ge zu befas­sen haben, ob die Beklag­te bei Abschluss des vom Beru­fungs­ge­richt als maß­geb­lich ermit­tel­ten Bürg­schafts­ver­tra­ges (wenigs­tens) in der Lage war, die Zins­last aus dem pfänd­ba­ren Teil ihres Ein­kom­mens, bei des­sen Ermitt­lung Ein­künf­te aus Ver­mie­tung und Ver­pach­tung mit zu berück­sich­ti­gen sind, bei Ein­tritt des Siche­rungs­fal­les dau­er­haft zu tra­gen [14].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 1. April 2014 – XI ZR 276/​13

  1. vgl. BGH, Urteil vom 18.11.1993 – IX ZR 244/​92, BGHZ 124, 164, 166[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 29.01.2008 – XI ZR 160/​07, BGHZ 175, 161 Rn. 30; BGH, Urteil vom 18.11.1993 – IX ZR 244/​92, BGHZ 124, 164, 167[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 24.03.2011 – I ZR 108/​09, BGHZ 189, 56 Rn. 6 ff.; Urteil vom 13.09.2012 – I ZR 230/​11, BGHZ 194, 314 Rn. 18; Urteil vom 25.04.2013 – IX ZR 62/​12, WM 2013, 1040 Rn. 12[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 18.05.1995 – IX ZR 108/​94, BGHZ 130, 19, 34; Urteil vom 13.11.1997 – IX ZR 289/​96, BGHZ 137, 153, 155 f.; Urteil vom 03.11.2005 – IX ZR 181/​04, BGHZ 165, 28, 34[]
  5. vgl. Münch­Komm-BGB/Ha­ber­sack, 6. Aufl., § 767 Rn. 10[]
  6. vgl. Münch­Komm-BGB/Ha­ber­sack, aaO Rn. 3[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 27.01.1977 – VII ZR 339/​74, WM 1977, 399, 400; RGZ 86, 296, 298 f.[]
  8. BGH, Urteil vom 26.04.2001 – IX ZR 337/​98, WM 2001, 1330, 1331 f.[]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 14.05.2002 – XI ZR 50/​01, BGHZ 151, 34, 38 f.; vom 28.05.2002 – XI ZR 199/​01, WM 2002, 1647, 1648; und vom 24.11.2009 – XI ZR 332/​08, WM 2010, 32 Rn. 15; Nob­be in Schimansky/​Bunte/​Lwowski, Bank­rechts-Hand­buch, 4. Aufl., § 91 Rn. 98[]
  10. Nob­be, Kom­men­tar zum Kre­dit­recht, 2. Aufl., § 765 BGB Rn. 93[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 24.02.1994 – IX ZR 93/​93, BGHZ 125, 206, 217; Feder­lin in Kümpel/​Wittig, Bank- und Kapi­tal­markt­recht, 4. Aufl., Rn. 12.261; Baumgärtel/​Laumen, Hand­buch der Beweis­last – BGB Schuld­recht BT II, 3. Aufl., § 765 Rn. 4; BGH, Urteil vom 24.11.2009 – XI ZR 332/​08, WM 2010, 32 Rn. 16 betrifft die Dar­le­gungs­last für eine vor­aus­seh­ba­re nach­träg­li­che Wert­stei­ge­rung[]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 24.03.1988 – III ZR 30/​87, BGHZ 104, 102, 108; Urteil vom 24.02.1994 – IX ZR 93/​93, BGHZ 125, 207, 212 f., 217; Urteil vom 18.09.2001 – IX ZR 183/​00, WM 2001, 2156, 2158; Sack/​Fischinger in Stau­din­ger, BGB, Neubearb.2011, § 138 Rn. 387; groß­zü­gi­ger Münch-KommBGB/Ha­ber­sack, 6. Aufl., § 765 Rn. 25 a.E.; Nob­be, Kom­men­tar zum Kre­dit­recht, 2. Aufl., § 765 BGB Rn. 98 mwN zur ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung; zur wahr­heits­wid­ri­gen Selbst­aus­kunft Hoff­mann in Langenbucher/​Bliesener/​Spindler, Bank­rechts-Kom­men­tar, 2013, Kap. 29 Rn. 28 a.E.[]
  13. BGH, Urteil vom 24.02.1994 aaO S. 217[]
  14. vgl. BGH, Urteil vom 19.02.2013 – XI ZR 82/​11, WM 2013, 608 Rn. 9 ff. mwN[]