Ein­la­gen­si­che­rung und Staats­haf­tung

In einem jetzt ver­öf­fent­lich­ten Urteil bil­ligt der Bun­des­ge­richts­hof den Aus­schluß der Staats­haf­tung gegen­über Ein­la­ge­gläu­bi­gern wegen unzu­rei­chen­der Wahr­neh­mung der Ban­ken­auf­sicht.

Ein­la­gen­si­che­rung und Staats­haf­tung

Die Klä­ger hat­ten Ein­la­gen bei der BVH Bank für Ver­mö­gens­an­la­gen und Han­del AG in Düs­sel­dorf, die kei­nem Ein­la­gen­si­che­rungs­sys­tem ange­hör­te und im Jahr 1987 vom Bun­des­auf­sichts­amt für das Kre­dit­we­sen die Erlaub­nis zum Betrieb von Bank­ge­schäf­ten unter der Auf­la­ge erhal­ten hat­te, die Kun­den über das Nicht­be­stehen einer Siche­rungs­ein­rich­tung zu infor­mie­ren. Die schwie­ri­ge Ver­mö­gens­si­tua­ti­on der Bank ver­an­laß­te das Bun­des­auf­sichts­amt in den Jah­ren 1991, 1995 und 1997 zu Son­der­prü­fun­gen. Im Anschluß an die drit­te Son­der­prü­fung ord­ne­te das Bun­des­auf­sichts­amt mit Wir­kung vom 19. August 1997 ein Mora­to­ri­um gemäß § 46 a des Kre­dit­we­sen­ge­set­zes (KWG) an. Im Novem­ber 1997 stell­te es Kon­kurs­an­trag und ent­zog der Bank die Erlaub­nis zum Betrieb von Bank­ge­schäf­ten. Das Kon­kurs­ver­fah­ren wur­de am 1. Dezem­ber 1997 eröff­net. Die Klä­ger sind mit ihren Ein­la­gen vom Ver­mö­gens­ver­fall der BVH Bank betrof­fen. Inwie­weit ihnen eine Kon­kurs­quo­te zusteht, ist noch offen.

Im anhän­gi­gen Ver­fah­ren haben die Klä­ger von der beklag­ten Bun­des­re­pu­blik Ersatz des ihnen ent­stan­de­nen Scha­dens mit der Begrün­dung begehrt, sie habe die Richt­li­nie 94/​19/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 30. Mai 1994 über Ein­la­gen­si­che­rungs­sys­te­me nicht recht­zei­tig vor dem 1. Juli 1995 in das natio­na­le Recht umge­setzt und das Bun­des­auf­sichts­amt sei sei­ner Ver­pflich­tung zur Ban­ken­auf­sicht nicht ord­nungs­ge­mäß nach­ge­kom­men. Das Land­ge­richt hat der Kla­ge wegen ver­spä­te­ter Umset­zung der Ein­la­gen­si­che­rungs­richt­li­nie unter dem recht­li­chen Gesichts­punkt eines gemein­schafts­recht­li­chen Staats­haf­tungs­an­spruchs im Rah­men der nach die­ser Richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Haf­tungs­höchst­gren­ze von 20.000 ECU (= 39.450 DM im Zeit­punkt des Ent­schä­di­gungs­falls) ent­spro­chen.

Dem­ge­gen­über blieb die Kla­ge in den Vor­in­stan­zen wegen des dar­über hin­aus­ge­hen­den Scha­dens ohne Erfolg. Die Vor­in­stan­zen haben einen Amts­haf­tungs­an­spruch der Klä­ger ver­neint, weil das Bun­des­auf­sichts­amt ? eine Pflicht­ver­let­zung unter­stellt ? ihnen gegen­über kei­ne Amts­pflich­ten wahr­zu­neh­men gehabt habe. Denn es neh­me nach der Bestim­mung des § 6 Abs. 4 KWG, an deren Stel­le ? inhalts­gleich – mit Wir­kung vom 1. Mai 2002 § 4 Abs. 4 des Finanz­dienst­leis­tungs­auf­sichts­ge­set­zes (Fin­DAG) getre­ten ist, die ihm zuge­wie­se­nen Auf­ga­ben nur im öffent­li­chen Inter­es­se wahr.

Der unter ande­rem für das Amts­haf­tungs­recht zustän­di­ge III. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat den in die­sen Vor­schrif­ten ent­hal­te­nen Aus­schluß der Staats­haf­tung gegen­über Ein­la­ge­gläu­bi­gern gebil­ligt und befun­den, daß er mit höher­ran­gi­gem Recht ver­ein­bar ist. Was das Euro­päi­sche Gemein­schafts­recht angeht, hat der III. Zivil­se­nat auf das Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten vom 12. Okto­ber 2004 (Rs. C‑222/​02) Bezug genom­men, den der Senat mit Beschluß vom 16. Mai 2002 (s. Pres­se­mit­tei­lung Nr. 51/​2002) um eine Vor­ab­ent­schei­dung gebe­ten hat­te. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten hat ent­schie­den, daß die Richt­li­nie 2000/​12/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 20. März 2000 über die Auf­nah­me und Aus­übung der Tätig­keit der Kre­dit­in­sti­tu­te, mit der ver­schie­de­ne frü­he­re Richt­li­ni­en kodi­fi­ziert wur­den, und die Richt­li­nie 94/​19/​EG vom 30. Mai 1994 über Ein­la­gen­si­che­rungs­sys­te­me den Ein­le­gern kei­ne Rech­te dahin­ge­hend ver­lei­hen, daß die zustän­di­gen Behör­den in ihrem Inter­es­se Auf­sichts­maß­nah­men tref­fen. Die genann­ten Richt­li­ni­en zur Ban­ken­auf­sicht ste­hen daher einer natio­na­len Rege­lung nicht ent­ge­gen, nach der die natio­na­le Behör­de ihre Auf­sicht über Kre­dit­in­sti­tu­te nur im öffent­li­chen Inter­es­se wahr­nimmt.

Der III. Zivil­se­nat hat auch einen Ver­stoß des § 6 Abs. 4 KWG/​§ 4 Abs. 4 Fin­DAG gegen Bestim­mun­gen des Grund­ge­set­zes (GG) ver­neint. Er hat den Gesetz­ge­ber für befugt gehal­ten, die Zweck­rich­tung der dem frü­he­ren Bun­des­auf­sichts­amt für das Kre­dit­we­sen oblie­gen­den Amts­pflich­ten ein­zu­gren­zen, ohne dabei den Umfang und den Inhalt die­ser Pflich­ten selbst zu ver­än­dern, und damit der frü­he­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs (BGHZ 74, 144; 75, 120) die Grund­la­ge zu ent­zie­hen. Mit dem Aus­schluß der Staats­haf­tung gegen­über Ein­la­ge­gläu­bi­gern ver­sto­ße der Gesetz­ge­ber nicht gegen die grund­sätz­lich nach Art. 34 Satz 1 GG gewähr­leis­te­te Haf­tung des Staa­tes für Amts­pflicht­ver­let­zun­gen. Auch wenn ein gan­zer Wirt­schafts­be­reich durch die­se Bestim­mun­gen betrof­fen wer­de, dür­fe der Gesetz­ge­ber mit Rück­sicht auf die unüber­seh­ba­re Viel­zahl von Ein­le­gern und Kun­den und ange­sichts der Kom­ple­xi­tät der Ban­ken­auf­sicht und des von ihr zu beauf­sich­ti­gen­den Bereichs die Haf­tung gegen­über nur mit­tel­bar von Auf­sichts­maß­nah­men Begüns­tig­ten aus­schlie­ßen, wie es auch in einer Rei­he von Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Gemein­schaft der Fall sei. Soweit man aus der Gewähr­leis­tung des Art. 14 GG die Schutz­pflicht des Gesetz­ge­bers ent­neh­men wol­le, Unter­neh­men der Kre­dit­wirt­schaft zu beauf­sich­ti­gen, sei der Gesetz­ge­ber die­sem Auf­trag durch die im Kre­dit­we­sen­ge­setz vor­ge­se­he­nen Auf­sichts­maß­nah­men nach­ge­kom­men. Dem Gesetz­ge­ber sei bei Annah­me einer sol­chen Schutz­pflicht ein wei­ter Gestal­tungs­raum zuzu­bil­li­gen. Daß die getrof­fe­nen Rege­lun­gen gänz­lich unge­eig­net und völ­lig unzu­läng­lich sei­en, um das gebo­te­ne Schutz­ziel zu errei­chen, las­se sich nicht fest­stel­len.

Urteil vom 20. Janu­ar 2005 – III ZR 48/​01