Ein­wen­dungs­durch­griff bei der „0%-Finanzierung“

Der Ein­wen­dungs­durch­griff gemäß §§ 358, 359 BGB in der bis zum 3.08.2011 gel­ten­den Fas­sung setzt einen ent­gelt­li­chen Dar­le­hens­ver­trag vor­aus. Ein ent­gelt­li­cher Dar­le­hens­ver­trag liegt nicht des­halb vor, weil der Dar­le­hens­ge­ber das zins­los gewähr­te Dar­le­hen auf­grund einer Ver­ein­ba­rung mit dem Unter­neh­mer nur teil­wei­se an die­sen aus­zahlt.

Ein­wen­dungs­durch­griff bei der „0%-Finanzierung“

Damit kann ein Ver­brau­cher, der einen Kauf durch einen ver­bun­de­nen, unent­gelt­li­chen Dar­le­hens­ver­trag (soge­nann­te „0%-Finanzierung“) finan­ziert, Gewähr­leis­tungs­rech­te, die ihm wegen Män­geln der gekauf­ten Sache gegen den Ver­käu­fer zuste­hen, dem Anspruch des finan­zie­ren­den Kre­dit­in­sti­tuts auf Rück­zah­lung des Dar­le­hens nicht ent­ge­gen­hal­ten.

§§ 358, 359 BGB aF set­zen einen Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trag i.S.d. § 491 Abs. 1 BGB, d.h. einen ent­gelt­li­chen Dar­le­hens­ver­trag vor­aus [1]. Dies ergibt sich aus dem Wort­laut der Vor­schrif­ten, die aus­drück­lich von einem Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trag spre­chen. Die­se For­mu­lie­rung ist im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren bewusst zur „Anpas­sung an die Begriff­lich­keit in den §§ 491 ff. BGB-BE“ [2] gewählt wor­den.

Auf das Erfor­der­nis einer Ent­gelt­lich­keit des Dar­le­hens­ver­tra­ges ist auch nicht im Wege einer teleo­lo­gi­schen Reduk­ti­on zu ver­zich­ten. Dies erfor­dert auch nicht der Rege­lungs­zweck der §§ 358, 359 BGB aF, den Ver­brau­cher vor Risi­ken zu schüt­zen, die ihm durch die Auf­spal­tung eines Erwerbs­ge­schäf­tes in ein Bar­ge­schäft und einen damit ver­bun­de­nen Dar­le­hens­ver­trag droh­ten.

Die Vor­aus­set­zun­gen einer teleo­lo­gi­schen Reduk­ti­on lie­gen nicht vor. Eine teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on setzt eine ver­deck­te Rege­lungs­lü­cke im Sin­ne einer plan­wid­ri­gen Unvoll­stän­dig­keit des Geset­zes vor­aus [3]. Ob eine der­ar­ti­ge Lücke vor­han­den ist, ist vom Stand­punkt des Geset­zes und der ihm zugrun­de­lie­gen­den Rege­lungs­ab­sicht zu beur­tei­len. Das Gesetz muss also, gemes­sen an sei­ner eige­nen Rege­lungs­ab­sicht, unvoll­stän­dig sein [4]. Nach die­sen Maß­stä­ben liegt kei­ne ver­deck­te Rege­lungs­lü­cke vor, weil der Gesetz­ge­ber, wie dar­ge­legt, den Anwen­dungs­be­reich der §§ 358, 359 BGB aF bewusst auf Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trä­ge begrenzt und die­se in § 491 Abs. 1 BGB als ent­gelt­li­che Dar­le­hens­ver­trä­ge defi­niert hat.

Dass die §§ 358, 359 BGB aF nur ent­gelt­li­che Dar­le­hens­ver­trä­ge erfas­sen, steht in Ein­klang mit der Richt­li­nie 2008/​48/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 23.04.2008 über Ver­brau­cher­kre­dit­ver­trä­ge und zur Auf­he­bung der Richt­li­nie 87/​102/​EWG des Rates [5], deren Umset­zungs­frist im Jahr 2011 abge­lau­fen war. Der Ein­wen­dungs­durch­griff gemäß Art. 15 Abs. 2 die­ser Richt­li­nie gilt gemäß Art. 2 Abs. 2 Buchst. f der Richt­li­nie nicht für zins- und gebüh­ren­freie Kre­dit­ver­trä­ge. Von der im zehn­ten Erwä­gungs­grund der Richt­li­nie eröff­ne­ten Mög­lich­keit, die Bestim­mun­gen der Richt­li­nie auch auf Kre­dit­ver­trä­ge bzw. ver­bun­de­ne Kre­di­te, die nicht in den Gel­tungs­be­reich der Richt­li­nie bzw. unter deren Begriffs­be­stim­mung für ver­bun­de­ne Kre­dit­ver­trä­ge fal­len, anzu­wen­den, hat der deut­sche Gesetz­ge­ber, wie dar­ge­legt, in §§ 358, 359 BGB aF für unent­gelt­li­che Dar­le­hens­ver­trä­ge kei­nen Gebrauch gemacht.

Durch Art. 1 Nr. 5 und 6 des am 4.08.2011 in Kraft getre­te­nen Geset­zes zur Anpas­sung der Vor­schrif­ten über den Wert­er­satz bei Wider­ruf von Fern­ab­satz­ver­trä­gen und über ver­bun­de­ne Ver­trä­ge vom 27.07.2011 [6] sind in § 358 Abs. 1 und 3 Satz 1 und 2, Abs. 4 Satz 2 BGB und § 359a Abs. 3 BGB die Wör­ter „Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trag“ bzw. „Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trä­ge“ jeweils durch die Wör­ter „Dar­le­hens­ver­trag“, „Dar­le­hens­ver­trag gemäß Abs. 1 oder 2“ bzw. „Dar­le­hens­ver­trä­ge“ ersetzt wor­den. Damit soll­te dem geän­der­ten Begriff des Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trags Rech­nung getra­gen wer­den, dem frü­her gene­rell ent­gelt­li­che Dar­le­hens­ver­trä­ge zwi­schen einem Unter­neh­mer als Dar­le­hens­ge­ber und einem Ver­brau­cher als Dar­le­hens­neh­mer unter­fie­len (§ 491 Abs. 1 BGB), wäh­rend seit dem 11.06.2010 bestimm­te Ver­trags­ar­ten (§ 491 Abs. 2 BGB) aus­ge­nom­men sind [7]. Ange­sichts die­ses Rege­lungs­zwecks erscheint frag­lich, ob auf­grund die­ser Geset­zes­än­de­rung der Ein­wen­dungs­durch­griff auch bei unent­gelt­li­chen Dar­le­hens­ver­trä­gen eröff­net ist. Dies bedarf hier kei­ner abschlie­ßen­den Ent­schei­dung, weil der vor­lie­gen­de Dar­le­hens­ver­trag nicht in den zeit­li­chen Anwen­dungs­be­reich der seit dem 4.08.2011 gel­ten­den geän­der­ten Vor­schrif­ten fällt.

Der geschlos­se­ne Dar­le­hens­ver­trag ist kein Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trag, d.h. kein ent­gelt­li­cher Dar­le­hens­ver­trag i.S.d. § 491 Abs. 1 BGB.

Unter Ent­gelt ist jede Art von Gegen­leis­tung des Ver­brau­chers für das ein­ge­räum­te Kapi­tal­nut­zungs­recht [8] zu ver­ste­hen [9]. Dar­un­ter fal­len zunächst Zin­sen und ande­re lauf­zeit­ab­hän­gi­ge Kos­ten [10]. Auch ein Dis­agio oder Dam­num stellt im Zwei­fel ein Ent­gelt für die Kapi­tal­nut­zung dar [11]. Die Höhe des Ent­gelts ist uner­heb­lich [12]. Nur uner­heb­li­che Kleinst­be­trä­ge begrün­den kei­ne Ent­gelt­lich­keit [13]. Ent­spre­chend Art. 2 Abs. 2 Buchst. f der Richt­li­nie 2008/​48/​EG wer­den mit dem Erfor­der­nis der Ent­gelt­lich­keit nur zins­lo­se und gebüh­ren­freie Dar­le­hen aus dem Ver­brau­cher­dar­le­hens­recht aus­ge­nom­men [14].

Gemes­sen hier­an ist der Dar­le­hens­ver­trag in der „0%-Finanzierung“ kein ent­gelt­li­cher Dar­le­hens­ver­trag. In dem Ver­trag sind kei­ne Zin­sen oder Gebüh­ren ver­ein­bart wor­den. Dass die finan­zie­ren­de Bank an den Unter­neh­mer nicht den vol­len Net­to­dar­le­hens­be­trag, son­dern nur einen Teil­be­trag aus­ge­zahlt hat, recht­fer­tigt die Annah­me einer Ent­gelt­lich­keit nicht. Der von der finan­zie­ren­den Bank ein­be­hal­te­ne Dif­fe­renz­be­trag stellt kein Ent­gelt für die Kapi­tal­nut­zung dar. Viel­mehr hat die Bank den Dar­le­hens­ver­trag in Höhe die­ses Betra­ges nicht erfüllt. Der ver­trag­li­che Anspruch des Kun­den gegen die Bank auf Aus­zah­lung des vol­len Dar­le­hens­net­to­be­tra­ges ist durch die Ver­ein­ba­rung zwi­schen der finan­zie­ren­den Bank und dem Unter­neh­mer, die der Aus­zah­lung des ver­min­der­ten Betra­ges zugrun­de liegt, unbe­rührt geblie­ben. Gemäß § 488 Abs. 1 Satz 2 BGB schul­det der Kun­de nur die Rück­zah­lung des tat­säch­lich zur Ver­fü­gung gestell­ten Dar­le­hens.

Hier­ge­gen wird vor­ge­bracht, weder § 491 BGB noch Art. 2 Abs. 2 Buchst. f i.V.m. Art. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2008/​48/​EG set­ze eine unmit­tel­ba­re Ent­gelt­zah­lung durch den Ver­brau­cher selbst vor­aus. Ent­schei­dend sei, dass irgend­ei­ne Gegen­leis­tung erfol­ge, die sich zum finan­zi­el­len Nach­teil des Ver­brau­chers aus­wir­ken kön­ne. Eine sol­che Belas­tung beinhal­te die vor­lie­gen­de Null-Finan­zie­rung in ver­schlei­er­ter Form. Die vom Unter­neh­mer ver­lang­te Ver­gü­tung für die Waren­leis­tung dürf­te in der vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on höher aus­fal­len als ohne zusätz­lich ver­ein­bar­te Finan­zie­rung. In die­sem Zusam­men­hang sei, um den Ver­brau­cher­schutz nicht aus­zu­höh­len, eine gene­ra­li­sie­ren­de Betrach­tung gebo­ten und die Mög­lich­keit einer Umle­gung der Ver­gü­tung für die Kre­dit­ge­wäh­rung im Wege einer Kauf­preis­er­hö­hung als aus­rei­chend anzu­se­hen. Da der Ver­brau­cher die Kal­ku­la­ti­ons­grund­la­gen des Unter­neh­mers nicht ken­ne, könn­ten von ihm nicht die Dar­le­gung und der Beweis ver­langt wer­den, dass die ver­ein­bar­te Gegen­leis­tung wegen der Finan­zie­rung höher aus­ge­fal­len sei. Um eine Umge­hung der §§ 358, 359 BGB aF, § 491 BGB zu ver­hin­dern, sei von einer vom Dar­le­hens­ge­ber bzw. vom Unter­neh­mer zu wider­le­gen­den Ver­mu­tung aus­zu­ge­hen, dass bei ver­bun­de­nen Ver­trä­gen trotz angeb­li­cher Null-Finan­zie­rung ein ent­gelt­li­cher Dar­le­hens­ver­trag vor­lie­ge.

Die­se Ansicht ver­wirft der Bun­des­ge­richts­hof jedoch: Die finan­zie­ren­de Bank erlangt bei der vor­lie­gen­den Null-Finan­zie­rung weder vom Klä­ger noch vom Unter­neh­mer noch von drit­ter Sei­te eine irgend­wie gear­te­te Gegen­leis­tung, die sich zum finan­zi­el­len Nach­teil des Klä­gers aus­wir­ken könn­te. Als eine sol­che Gegen­leis­tung kommt ins­be­son­de­re nicht die Dif­fe­renz zwi­schen dem Dar­le­hens­net­to­be­trag und dem von der finan­zie­ren­den Bank an den Unter­neh­mer aus­ge­zahl­ten Betrag in Betracht. Die Bank hat gegen den Kun­den, wie bereits dar­ge­legt, gemäß § 488 Abs. 1 Satz 2 BGB nur einen Anspruch auf Rück­zah­lung des zur Ver­fü­gung gestell­ten Dar­le­hens. Sie erhält also nur das aus­ge­zahl­te Kapi­tal zurück, aber kei­nen dar­über hin­aus­ge­hen­den Ver­mö­gens­vor­teil, der sich irgend­wie zum Nach­teil des Kun­den aus­wir­ken könn­te. Sofern der Unter­neh­mer den Kun­den auf Zah­lung des vol­len Prei­ses von 6.389, 15 € in Anspruch nimmt, ergibt sich auch dar­aus kei­ne der Bank zuflie­ßen­de Gegen­leis­tung.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. Sep­tem­ber 2014 – XI ZR 168/​13

  1. vgl. Stau­din­ger/­Kes­sal-Wulf, BGB, Neubearb.2004, § 358 Rn. 21[]
  2. Beschluss­emp­feh­lung und Bericht des Rechts­aus­schus­ses vom 09.10.2001 zum Ent­wurf eines Geset­zes zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts, BT-Drs. 14/​7052, S.194 f.[]
  3. BGH, Urtei­le vom 26.11.2008 – VIII ZR 200/​05, BGHZ 179, 27 Rn. 22; und vom 21.12 2011 – VIII ZR 70/​08, BGHZ 192, 148 Rn. 31[]
  4. BGH, Urteil vom 13.11.2001 – X ZR 134/​00, BGHZ 149, 165, 174[]
  5. ABl. EU L 133 S. 66[]
  6. BGBl. I S. 1600[]
  7. Begr. des Reg­Ent­wurfs vom 17.03.2011, BT-Drs. 17/​5097, S. 17 f.[]
  8. BGH, Urteil vom 16.10.2007 – XI ZR 132/​06, BGHZ 174, 39 Rn. 17[]
  9. Münch­Komm-BGB/­Schürn­brand, 6. Aufl., § 491 Rn. 37[]
  10. Stau­din­ger/­Kes­sal-Wulf, BGB, Neubearb.2012, § 491 Rn. 48[]
  11. BGH, Urteil vom 29.05.1990 – XI ZR 231/​89, BGHZ 111, 287, 288 f.[]
  12. OLG Köln, ZIP 1994, 776[]
  13. LG Karls­ru­he, NJW-RR 2000, 1442, 1443[]
  14. Begr. des Reg­Ent­wurfs eines Geset­zes zur Umset­zung der Ver­brau­cher­kre­dit­richt­li­nie, des zivil­recht­li­chen Teils der Zah­lungs­diens­te­richt­li­nie sowie zur Neu­ord­nung der Vor­schrif­ten über das Wider­rufs- und Rück­ga­be­recht vom 21.01.2009, BT-Drs. 16/​11643, S. 75 f.[]