Feh­ler­haf­te Anla­ge­be­ra­tung – und das mit­wir­ken­de Ver­schul­den des Anle­gers

Inwie­weit kann sich ein Anla­ge­be­ra­ter, der sei­ne Pflicht zur anla­ge- und anle­ger­ge­rech­ten Bera­tung ver­letzt hat, auf ein mit­wir­ken­des Ver­schul­den des Anla­ge­in­ter­es­sen­ten beru­fen? Die­se Fra­ge hat­te jetzt der Bun­des­ge­richts­hof zu beant­wor­ten:

Feh­ler­haf­te Anla­ge­be­ra­tung – und das mit­wir­ken­de Ver­schul­den des Anle­gers

Ein Ver­schul­den im Sin­ne des § 254 BGB liegt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs dann vor, wenn der Geschä­dig­te die­je­ni­ge Sorg­falt außer Acht lässt, die nach Lage der Sache erfor­der­lich erscheint, um sich selbst vor Scha­den zu bewah­ren [1].

Aller­dings ver­dient das Ver­trau­en des­je­ni­gen, der sich von einem ande­ren, der für sich Sach­kun­de in Anspruch nimmt, bera­ten lässt, beson­de­ren Schutz. Des­halb kommt im Fal­le eines Scha­dens­er­satz­an­spruchs wegen der (vor­sätz­li­chen oder fahr­läs­si­gen) Ver­let­zung von Auf­klä­rungs- und Bera­tungs­pflich­ten der Ein­wand des Mit­ver­schul­dens nur unter beson­de­ren Umstän­den zum Tra­gen, weil sich der Anle­ger regel­mä­ßig auf die Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit der ihm erteil­ten Auf­klä­rung und Bera­tung ver­las­sen darf; alles ande­re wider­sprä­che dem Grund­satz von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB), der in § 254 BGB ledig­lich eine beson­de­re Aus­prä­gung erhal­ten hat [2].

Eine Aus­nah­me hier­von ist ins­be­son­de­re dann anzu­neh­men, wenn der Geschä­dig­te über eige­ne Sach­kun­de oder über zusätz­li­che Infor­ma­tio­nen von drit­ter Sei­te ver­fügt [3].

Ein der­ar­ti­ger Aus­nah­me­fall liegt im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hier nicht vor. Der Umstand, dass der Klä­ger erheb­li­che Beträ­ge "aufs Spiel gesetzt hat", ohne sich zuvor mit der emp­foh­le­nen Anla­ge inten­siv zu beschäf­ti­gen, recht­fer­tigt nicht den Schluss, der Klä­ger habe sich "beson­ders leicht­sin­nig" ver­hal­ten. Wür­de man der gegen­tei­li­gen Ansicht fol­gen, so wäre kaum nach­voll­zieh­bar, wor­in der Unter­schied zwi­schen einem "äußerst leicht­sin­ni­gen" und einem grob fahr­läs­si­gen Ver­hal­ten lie­gen soll. Das Ver­hal­ten des Klä­gers, der die bestehen­den Risi­ken nicht rea­li­siert hat, belegt nur, dass er sich auf die beschwich­ti­gen­den Aus­sa­gen sowie die Kennt­nis­se und Erfah­run­gen des Anla­ge­be­ra­ters ver­las­sen hat. Inso­weit gilt jedoch der Erfah­rungs­satz, dass ein Anle­ger, der bei sei­ner Ent­schei­dung die beson­de­ren Erfah­run­gen und Kennt­nis­se eines Anla­ge­be­ra­ters in Anspruch nimmt, den Rat­schlä­gen, Aus­künf­ten und Mit­tei­lun­gen des Bera­ters, die die­ser in einem per­sön­li­chen Gespräch unter­brei­tet, beson­de­res Gewicht zumisst und zumes­sen darf [4]. Die­ser Anle­ger ist daher nicht weni­ger schutz­wür­dig als ande­re Anle­ger, die auf die Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit der ihnen zuteil gewor­de­nen Bera­tung ver­traut haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Febru­ar 2015 – III ZR 90/​14

  1. vgl. BGH, Urteil vom 01.12 1987 – X ZR 36/​86, NJW-RR 1988, 855 f[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 14.03.2003 – V ZR 308/​02, NJW 2003, 1811, 1814; und vom 13.01.2004 – XI ZR 355/​02, NJW 2004, 1868, 1870; BGH, Urteil vom 08.07.2010 – III ZR 249/​09, BGHZ 186, 152 Rn. 21 sowie BGH, Urteil vom 03.06.2014 – XI ZR 147/​12, NZG 2014, 1061 Rn. 46 jeweils mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 01.12 1987 aaO[]
  4. vgl. nur BGH, Urteil vom 22.07.2010 – III ZR 203/​09, NJW-RR 2010, 1623 Rn. 15[]