Fern­ab­satz-Wider­ruf für Leh­man-Zer­ti­fi­ka­te

Anle­ger, die ins­be­son­de­re „Leh­man-Zer­ti­fi­ka­te“ per Tele­fon oder E‑Mail erwor­ben haben, kön­nen ihre auf Abschluss der Erwerbs­ver­trä­ge mit der Bank gerich­te­te Wil­lens­er­klä­rung nicht nach den Regeln über den Fern­ab­satz wider­ru­fen.

Fern­ab­satz-Wider­ruf für Leh­man-Zer­ti­fi­ka­te

Das ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hofs in zwei Fäl­len, in denen die Anle­ger von der­sel­ben beklag­ten Bank – in einer Sache [1] zusam­men mit wei­te­ren Finanz­pro­duk­ten ande­rer Emit­ten­ten – jeweils „Glo­bal Champion“-Zertifikate erwar­ben. Hier­bei han­delt es sich um Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen der nie­der­län­di­schen Leh­man Bro­thers Tre­a­su­ry Co. B.V., deren Rück­zah­lung von der US-ame­ri­ka­ni­schen Leh­man Bro­thers Hol­dings Inc. garan­tiert wur­de.

In der ers­ten der bei­den Sachen [2] erteil­ten die Klä­ge­rin und ihr Ehe­mann auf­grund eines mit einem Mit­ar­bei­ter der Beklag­ten geführ­ten Bera­tungs­ge­sprächs am 8. Febru­ar 2007 den Auf­trag zum Kauf von 16 Zer­ti­fi­ka­ten, wobei zwi­schen den Par­tei­en strei­tig ist, ob das Ver­kaufs­ge­spräch ganz oder teil­wei­se tele­fo­nisch erfolg­te. Das Geschäft wur­de von der Beklag­ten im Eigen­han­del zu einem Fest­preis aus­ge­führt. Nach der Insol­venz der Emit­ten­tin und der Garan­tin wur­den die Zer­ti­fi­ka­te weit­ge­hend wert­los. Im Febru­ar 2010 erklär­ten die Ehe­leu­te den Wider­ruf aller von ihnen im Zusam­men­hang mit dem Kauf abge­ge­be­nen Erklä­run­gen. Mit der in den Vor­in­stan­zen vor dem Land­ge­richt Mön­chen­glad­bach und dem Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf erfolg­lo­sen Kla­ge [3] ver­langt die Klä­ge­rin aus eige­nem und abge­tre­te­nem Recht ihres Ehe­man­nes im Wesent­li­chen die Rück­zah­lung des Anla­ge­be­tra­ges von 16.069,60 € nebst Zin­sen abzüg­lich einer Bonus­zah­lung.

In der zwei­ten Sache [1] erwarb der Ehe­mann der Klä­ge­rin auf Emp­feh­lung von Mit­ar­bei­tern der beklag­ten Bank teil­wei­se auf­grund von Tele­fo­na­ten und teil­wei­se per E‑Mail ver­schie­de­ne Zer­ti­fi­ka­te – dar­un­ter auch „Glo­bal Champion“-Zertifikate – sowie Antei­le eines u.a. in Zer­ti­fi­ka­te inves­tie­ren­den Fonds. Im Juli 2011 wider­rief der Zedent sämt­li­che Ver­trags­er­klä­run­gen gegen­über der beklag­ten Bank. Mit der eben­falls in bei­den Vor­in­stan­zen vor dem Land­ge­richt Mann­heim und dem Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he erfolg­lo­sen Kla­ge [4] begehrt die Klä­ge­rin aus abge­tre­te­nem Recht ihres Ehe­man­nes zuletzt noch die Rück­erstat­tung ver­lo­re­ner Anla­ge­be­trä­ge in Höhe von 72.394,37 €.

In bei­den Fäl­len hat­ten die Ober­lan­des­ge­richt in ihren Beru­fungs­ur­tei­len die Revi­si­on zuge­las­sen, die nun jedoch vom Bun­des­ge­richts­hof zurück­ge­wie­sen wur­den:

Nach § 312d Abs. 4 Nr. 6 BGB kann eine auf Abschluss eines Fern­ab­satz­ver­tra­ges gerich­te­te Wil­lens­er­klä­rung dann nicht wider­ru­fen wer­den, wenn Gegen­stand des Ver­tra­ges die Ver­schaf­fung von Finanz­dienst­leis­tun­gen ist, deren „Preis“ inner­halb der Wider­rufs­frist – dem Ein­fluss des Unter­neh­mers, hier der Bank, ent­zo­ge­nen – Schwan­kun­gen auf dem Finanz­markt unter­liegt. Dabei ist der Begriff des Prei­ses nach der Sys­te­ma­tik und der Gesetz­ge­bungs­ge­schich­te weit zu ver­ste­hen. „Preis“ ist nicht nur ein Bör­sen- oder Markt­preis, der für das Pro­dukt selbst auf dem Finanz­markt gezahlt wird. „Preis“ im Sin­ne des § 312d Abs. 4 Nr. 6 BGB kön­nen viel­mehr auch die Para­me­ter sein, von denen der Wert des Finanz­pro­dukts abhängt.

So soll­ten etwa Bonus­zah­lun­gen und die Rück­zah­lung der „Leh­man-Zer­ti­fi­ka­te“ in Abhän­gig­keit von der Ent­wick­lung drei­er Akti­en­in­di­zes (Dow Jones Euro­STO­XX 50, Stan­dard & Poor´s 500 sowie Nik­kei 225) wäh­rend drei­er auf­ein­an­der fol­gen­der Beob­ach­tungs­zeit­räu­me ab dem 7. Febru­ar 2007 erfol­gen. Ent­spre­chend hing der inne­re Wert der Zer­ti­fi­ka­te mit Beginn der Beob­ach­tungs­zeit­räu­me von Para­me­tern („Basis­wer­ten“ oder „Under­lyings“), näm­lich der Ent­wick­lung der drei Akti­en­in­di­zes, ab, die von der beklag­ten Bank nicht beein­fluss­ba­ren Schwan­kun­gen auf den Finanz­märk­ten unter­wor­fen waren.

Der Aus­schluss des Wider­rufs­rechts nach § 312d Abs. 4 Nr. 6 BGB bei dem Erwerb sol­cher Papie­re soll das Risi­ko eines wenigs­tens mit­tel­bar finanz­markt­be­zo­gen spe­ku­la­ti­ven Geschäfts mit sei­nem Abschluss in glei­cher Wei­se auf bei­de Par­tei­en ver­tei­len. Der Anle­ger, der wie in den ent­schie­de­nen Fäl­len zugleich Ver­brau­cher ist, soll einen dro­hen­den Ver­lust auf­grund fal­len­der Basis­wer­te inner­halb der Wider­rufs­frist nicht durch Aus­übung des Wider­rufs­rechts auf den Unter­neh­mer abwäl­zen kön­nen.

Weil ein Wider­rufs­recht schon nach § 312d Abs. 4 Nr. 6 BGB nicht in Betracht kam, konn­te das Vor­lie­gen der sons­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen eines Fern­ab­satz­ver­tra­ges dahin­ste­hen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 27. Novem­ber 2012 – XI ZR 384/​11 und XI ZR 439/​11

  1. BGH – XI ZR 439/​11[][]
  2. BGH – XI ZR 384/​11[]
  3. LG Mön­chen­glad­bach – Urteil vom 1. Juni 2010 – 3 O 328/​09; OLG Düs­sel­dorf – Urteil vom 22. Juli 2011 – I‑17 U 117/​10, ZIP 2012, 419 ff.[]
  4. LG Mann­heim – Urteil vom 7. April 2010 – 8 O 282/​09; OLG Karls­ru­he – Urteil vom 13. Sep­tem­ber 2011 – 17 U 104/​10, WM 2012, 213 ff. []