Geschäfts­füh­rer­haf­tung bei der Treu­hand­kom­man­di­tis­tin

Der Geschäfts­füh­rer einer Treu­hand­kom­man­di­tis­tin haf­tet dem Treu­ge­ber nicht ohne wei­te­res wegen vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung, wenn er ihn nicht über ein auf­sichts­recht­li­ches Vor­ge­hen der Bun­des­an­stalt für Finanz­leis­tun­gen (BaFin) infor­miert [1].

Geschäfts­füh­rer­haf­tung bei der Treu­hand­kom­man­di­tis­tin

Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in dem Fall einer geschei­ter­ten Kapi­tal­an­la­ge. Dabei konn­te der kla­gen­de Anle­ger kei­ne ver­trag­li­chen oder ver­trags­ähn­li­chen Ansprü­che gegen den beklag­ten Geschäfts­füh­rer der Treu­hand­kom­man­di­tis­tin gel­tend machen, den sein Ver­trags­part­ner war nicht der beklag­te Geschäfts­füh­rer, son­dern die Treu­hand­kom­man­di­tis­tin, die auch allein für ein etwai­ges Ver­schul­den bei Abschluss des Treu­hand­ver­trags ein­zu­ste­hen hät­te (§ 278 BGB [2]). Der beklag­te Geschäfts­füh­rer selbst hat nicht am Ver­trags­schluss mit­ge­wirkt, weder beson­de­res per­sön­li­ches Ver­trau­en in Anspruch genom­men, noch wirt­schaft­li­ches Eigen­in­ter­es­se am Zustan­de­kom­men des Rechts­ver­hält­nis­ses gehabt [3]. Dass er zu dem Per­so­nen­kreis gehör­te, der für fal­sche oder unvoll­stän­di­ge Pro­spekt­an­ga­ben ver­ant­wort­lich sein könn­te, ist im kon­kre­ten Fall eben­falls nicht ersicht­lich [4].

Wie der Bun­des­ge­richts­hof nun ent­schied, stellt es kei­nen Sit­ten­ver­stoß gemäß § 826 BGB dar, dass der Beklag­te den Klä­ger vor Abschluss des Treu­hand­ver­tra­ges nicht über die bereits zu einem frü­he­ren Zeit­punkt geäu­ßer­ten Beden­ken der BaFin infor­miert hat.

Ein Ver­hal­ten ist sit­ten­wid­rig, wenn es gegen das Anstands­ge­fühl aller bil­lig und gerecht Den­ken­den ver­stößt [5]. In die­se recht­li­che Beur­tei­lung ist ein­zu­be­zie­hen, ob es nach sei­nem aus der Zusam­men­fas­sung von Inhalt, Beweg­grund und Zweck zu ent­neh­men­den Gesamt­cha­rak­ter mit den guten Sit­ten nicht zu ver­ein­ba­ren ist [6]. Ein Unter­las­sen ver­letzt die guten Sit­ten nur dann, wenn das gefor­der­te Tun einem sitt­li­chen Gebot ent­spricht. Hier­für reicht die Nicht­er­fül­lung einer all­ge­mei­nen Rechts­pflicht, aber auch einer ver­trag­li­chen Pflicht nicht aus. Es müs­sen beson­de­re Umstän­de hin­zu­tre­ten, die das schä­di­gen­de Ver­hal­ten wegen sei­nes Zwecks oder wegen des ange­wand­ten Mit­tels oder mit Rück­sicht auf die dabei gezeig­te Gesin­nung nach den Maß­stä­ben der all­ge­mei­nen Geschäfts­mo­ral und des als „anstän­dig“ Gel­ten­den ver­werf­lich machen [7].

Ob die Treu­hand­kom­man­di­tis­tin eine Pflicht traf, die künf­ti­gen Treu­ge­ber über die Beden­ken der BaFin auf­zu­klä­ren und der Beklag­te die Beach­tung einer sol­chen Pflicht sicher­zu­stel­len hat­te [8], kann dahin­ste­hen, so der BGH. Denn jeden­falls war die Ver­let­zung einer sol­chen Pflicht durch den Geschäfts­füh­rer der Treu­hand­kom­man­di­tis­tin nach den Umstän­den des zu ent­schei­den­den Falls nicht sit­ten­wid­rig.

Das Unter­las­sen der Auf­klä­rung über wesent­li­che regel­wid­ri­ge Auf­fäl­lig­kei­ten einer Kapi­tal­an­la­ge stellt nicht schon dann einen Ver­stoß gegen die guten Sit­ten im Sin­ne des § 826 BGB dar, wenn eine ver­trag­li­che Pflicht zur Auf­klä­rung besteht. Der schwer­wie­gen­de Vor­wurf der Sit­ten­wid­rig­keit ist erst dann zu erhe­ben, wenn das Schwei­gen des Auf­klä­rungs­pflich­ti­gen zugleich gegen das Anstands­ge­fühl aller bil­lig und gerecht Den­ken­den ver­stößt. Allein die Kennt­nis von der noch ent­fernt lie­gen­den Mög­lich­keit, dass die Geschäfts­tä­tig­keit gemäß § 37 KWG unter­sagt wer­den könn­te und die Anle­ger hier­durch Schä­den erlei­den wür­den, genügt dafür ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on nicht. Sit­ten­wid­ri­ges Ver­hal­ten wäre dem Beklag­ten erst dann vor­zu­wer­fen, wenn er trotz posi­ti­ver Kennt­nis von der Chan­cen­lo­sig­keit der Anla­ge geschwie­gen hät­te [9], also in Kennt­nis des Umstands, dass eine Unter­sa­gung der Geschäfts­tä­tig­keit unmit­tel­bar bevor­stand [10].

Dies ist hier nicht der Fall. Dafür, dass der Beklag­te zum Zeit­punkt des Bei­tritts des Klä­gers im März 2005 oder in den fol­gen­den Wochen wäh­rend der andau­ern­den Ver­hand­lun­gen mit der BaFin zu irgend­ei­nem Zeit­punkt Kennt­nis davon gehabt hät­te, dass ein Schei­tern der Finanz­an­la­ge unmit­tel­bar bevor­stand, ist nichts ersicht­lich. Hat­te der Geschäfts­füh­rer der Treu­hand­kom­man­di­tis­tin aber kei­ne Kennt­nis von einem unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den Schei­tern des Pro­jekts und ver­trau­te er auf die von der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung beschlos­se­nen Pro­spekt­än­de­run­gen, die auch einen Pas­sus betref­fend die Gefahr eines Ein­schrei­tens der BaFin beinhal­te­ten, und dar­auf, dass die BaFin sich über län­ge­re Zeit auf Ver­hand­lun­gen ein­ließ, die die Ein­stel­lung des Geschäfts­be­triebs als abwend­bar erschei­nen las­sen konn­ten, so mag dar­in eine fahr­läs­si­ge Pflicht­ver­let­zung gese­hen wer­den. Den Vor­wurf eines vor­sätz­lich sit­ten­wid­ri­gen Ver­hal­tens recht­fer­tigt dies jedoch nicht.

Auch die Wei­ter­lei­tung der vom Klä­ger an die Treu­hand­kom­man­di­tis­tin über­wie­se­nen Gel­der löst kei­ne Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen den Geschäfts­füh­rer der Treu­hand­kom­man­di­tis­tin aus. Unstrei­tig lagen die Vor­aus­set­zun­gen vor, unter denen die Treu­hand­kom­man­di­tis­tin nach dem Treu­hand­ver­trag ver­pflich­tet war, sämt­li­che Ein­la­ge­gel­der wei­ter­zu­lei­ten. Die Auf­fas­sung des Geschäfts­füh­rers, bei die­ser Sach­la­ge sei er als Geschäfts­füh­rer der Treu­hand­kom­man­di­tis­tin weder berech­tigt, noch den Anle­gern gegen­über ver­pflich­tet, die als Ein­la­gen ein­ge­zahl­ten und von der Gesell­schaft benö­tig­ten Beträ­ge zuguns­ten der Anle­ger zurück­zu­hal­ten, mag recht­lich angreif­bar sein [11], begrün­det aber nicht den Vor­wurf einer vor­sätz­li­chen sit­ten­wid­ri­gen Schä­di­gung.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Okto­ber 2010 – VI ZR 124/​09

  1. Bestä­ti­gung von OLG Köln, Urteil vom 26.03.2009 – I‑7 U 188/​08, GWR 2009, 350; gegen OLG Mün­chen, Urtei­le vom 16.09.2008 – 5 U 2503/​08, EWiR 2008, 747; vom 18.11.2008 – 5 U 2856/​08, WM 2009, 651; und vom 04.12.2008 – 17 U 2763/​08[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 24.05.1982 – II ZR 124/​81, BGHZ 84, 141, 143[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.06.1984 – II ZR 122/​83, WM 1984, 766, 767; vom 01.07.1991 – II ZR 180/​90, VersR 1991, 1247, 1248 m.w.N.; vom 07.11.1994 – II ZR 108/​93, ZIP 1995, 211, 212; vom 07.11.1994 – II ZR 8/​93, ZIP 1995, 124, 125; und vom 20.03.1995 – II ZR 205/​94, BGHZ 129, 136, 170[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 26.09.1991 – VII ZR 376/​89, BGHZ 115, 213, 217 f.; vom 21.11.1983 – II ZR 27/​83, VersR 1984, 159, 160; vom 01.12.1994 – III ZR 93/​93, NJW 1995, 1025; und vom 19.11.2009 – III ZR 109/​08, ZIP 2009, 2449 f.[]
  5. st. Rspr. seit RGZ 48, 114, 124[]
  6. BGH, Urtei­le vom 06.05.1999 – VII ZR 132/​97, BGHZ 141, 357, 361 m.w.N.; vom 19.07.2004 – II ZR 402/​02, 160, 149, 157; vom 14.05.1992 – II ZR 299/​90, WM 1992, 1184, 1186 m.w.N.; und vom 19.07.2004 – II ZR 217/​03, NJW 2004, 2668, 2670[]
  7. BGH, Urteil vom 10.07.2001 – VI ZR 160/​00, VersR 2001, 1431, 1432 m.w.N.[]
  8. vgl. dazu BGH, Urtei­le vom 16.11.1993 – XI ZR 214/​92, BGHZ 124, 151, 162; vom 11.10.1982 – II ZR 120/​82, WM 1982, 1374; vom 01.07.1991 – II ZR 180/​90, VersR 1991, 1247, 1249; vom 17.05.1994 – XI ZR 144/​93, VersR 1994, 1354; vom 16.10.2001 – XI ZR 25/​01, WM 2001, 2313, 2314; vom 28.05.2002 – XI ZR 150/​01, VersR 2003, 511, 512; und vom 21.10.2003 – XI ZR 453/​02, NJW-RR 2004, 203, 206[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 28.05.2002 – XI ZR 150/​01, VersR 2003, 511[]
  10. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.07.1953 – IV ZR 242/​52, BGHZ 10, 228, 234; vom 09.07.1979 – II ZR 118/​77, BGHZ 75, 96, 114; vom 26.03.1984 – II ZR 171/​83, BGHZ 90, 381, 399; vom 11.11.1985 – II ZR 109/​84, BGHZ 96, 231, 235 f.; vom 26.06.1989 – II ZR 289/​88, BGHZ 108, 134, 144; und vom 22.06.1992 – II ZR 178/​90, WM 1992, 1812, 1823[]
  11. vgl. dazu auch BGH, Urteil vom 17.05.1982 – II ZR 112/​81, WM 1982, 760; Singhof/​Seiler, Mit­tel­ba­re Gesell­schafts­be­tei­li­gun­gen, Rn. 595 m.w.N.[]