Haf­tung bei gestaf­fel­ter Ein­schal­tung meh­re­rer Wert­pa­pier­dienst­leis­ter

Bei gestaf­fel­ter Ein­schal­tung meh­re­rer selb­stän­di­ger Wert­pa­pier­dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men haf­tet das kun­den­fer­ne­re Unter­neh­men nicht gemäß § 128 HGB ana­log für ein Bera­tungs­ver­schul­den des kun­den­nä­he­ren Unter­neh­mens, weil die Unter­neh­men auch beim Vor­lie­gen von Ver­triebs­ab­spra­chen regel­mä­ßig kei­ne Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts bil­den.

Haf­tung bei gestaf­fel­ter Ein­schal­tung meh­re­rer Wert­pa­pier­dienst­leis­ter

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs wird zwar dann, wenn ein Anla­ge­in­ter­es­sent an eine Bank oder der Anla­ge­be­ra­ter einer Bank an einen Kun­den her­an­tritt, um über die Anla­ge eines Geld­be­tra­ges bera­ten zu wer­den bzw. zu bera­ten, das dar­in lie­gen­de Ange­bot zum Abschluss eines Bera­tungs­ver­tra­ges still­schwei­gend durch die Auf­nah­me des Bera­tungs­ge­sprä­ches ange­nom­men [1]. Ein still­schwei­gend geschlos­se­ner Bera­tungs­ver­trag kommt jedoch dann nicht in Betracht, wenn die Bank wie es Dis­count-Bro­ker bzw. Direkt­ban­ken übli­cher­wei­se tun bereits bei Auf­nah­me der Geschäfts­be­zie­hung erklärt, sich nur an gut infor­mier­te und erfah­re­ne Anle­ger zu wen­den und zur Auf­klä­rung nur durch Über­sen­dung von Infor­ma­ti­ons­bro­schü­ren, nicht aber durch indi­vi­du­el­le Hin­wei­se bereit zu sein. Ein Anle­ger, der der Bank in Kennt­nis des­sen ohne ein Auf­klä­rungs­be­geh­ren eine geziel­te Order erteilt, erklärt damit kon­klu­dent, dass er wei­te­re Infor­ma­tio­nen durch die Bank nicht benö­ti­ge, also nicht auf­klä­rungs­be­dürf­tig sei [2].

So liegt der Fall hier. Bei der Direkt­bank han­delt es sich um eine Direkt­bank. Eige­ne Bera­tungs­leis­tun­gen hat die Direkt­bank nicht erbracht. Sie hat aus­drück­lich und für die Kun­den erkenn­bar allein soge­nann­te Exe­cu­ti­on-only-Dienst­leis­tun­gen als Dis­count-Bro­ke­rin ange­bo­ten, was die Annah­me eige­ner Bera­tungs­pflich­ten aus einem Bera­tungs­ver­trag grund­sätz­lich aus­schließt [3]. Es ist auch nicht ersicht­lich, dass die Direkt­bank die Kun­den ent­ge­gen ihrem Markt­auf­tritt tat­säch­lich bera­ten hat.

Daher schei­det auch eine Zurech­nung etwai­ger Bera­tungs­feh­ler durch Mit­ar­bei­ter der A. AG über § 278 BGB aus. Die Mit­ar­bei­ter der A. AG waren man­gels eige­ner Bera­tungs­pflicht der Direkt­bank nicht in deren Pflich­ten­kreis tätig [4]. Vor­lie­gend tätig­ten die Kun­den die streit­ge­gen­ständ­li­chen Wert­pa­pier­käu­fe viel­mehr auf Bera­tung eines Mit­ar­bei­ters der A. AG, wel­cher nach den unmiss­ver­ständ­li­chen und in den von den Kun­den unter­zeich­ne­ten Doku­men­ten (Depot­kon­to­er­öff­nungs­an­trag und Trans­ak­ti­ons­voll­macht) ent­hal­te­nen ver­trag­li­chen Rege­lun­gen die Auf­ga­be der allei­ni­gen Bera­tung der Kun­den zukam.

Soweit dem­ge­gen­über ent­schei­dend dar­auf abge­ho­ben wird, die Direkt­bank habe sich selbst in den Pflich­ten­kreis der ord­nungs­ge­mä­ßen Auf­klä­rung und Bera­tung gestellt, indem sie ihre Geschäfts­tä­tig­keit durch die Gewäh­rung von Zins­son­der­kon­di­tio­nen auf einen auf­klä­rungs- und bera­tungs­be­dürf­ti­gen Kom­mit­ten­ten­kreis aus­ge­wei­tet habe, kann dem nicht gefolgt wer­den.

Zutref­fend ist inso­weit noch die Fest­stel­lung, dass es der Eröff­nung eines wei­te­ren Depot­kon­tos unter Ein­schluss eines Finanz­dienst­leis­ters allein für die Gewäh­rung von über dem Markt­zins lie­gen­den Son­der­kon­di­tio­nen auf einem Tages­geld­kon­to nicht bedurft hät­te. Indes füh­ren weder die plan­mä­ßi­ge Zufuhr von Kun­den über die A. AG gera­de zur Direkt­bank noch der Umstand, dass die­se Kun­den sodann wie­der­um plan­mä­ßig Bera­tungs­leis­tun­gen der A. AG in Anspruch neh­men soll­ten, um letzt­lich pro­vi­si­ons­aus­lö­sen­de Wert­pa­pier­ge­schäf­te zu täti­gen, dazu, dass die Direkt­bank das „Geschäfts­mo­dell der Dis­count-Bro­ker“ ver­las­sen und sich „auf das Geschäfts­feld der bera­tungs­ab­hän­gi­gen Wert­pa­pier­tä­tig­keit bege­ben hat“. Die­ser Annah­me steht schon die aus­drück­li­che und von den Kun­den akzep­tier­te ver­trag­li­che Auf­ga­ben­ver­tei­lung zwi­schen der A. AG und der Direkt­bank ent­ge­gen. Dar­an ver­mag die die­ser ver­ein­bar­ten Auf­ga­ben­ver­tei­lung gera­de Rech­nung tra­gen­de Ver­wen­dung der Logos bei­der Unter­neh­men auf Kon­to­er­öff­nungs­an­trag und Trans­ak­ti­ons­voll­macht nichts zu ändern. Da der Kun­de zudem in Kennt­nis der ver­trag­li­chen Auf­ga­ben­ver­tei­lung im Ana­ly­se­bo­gen allein gegen­über der A. AG Anga­ben zu sei­ner Anla­ge­stra­te­gie bzw. zu Kennt­nis­sen von und Erfah­run­gen mit Wert­pa­pier­ge­schäf­ten gemacht hat, konn­te er nicht erwar­ten, dass (auch) die Direkt­bank sei­ne Ziel­vor­stel­lun­gen im Rah­men der Auf­trags­durch­füh­rung berück­sich­tig­te [5].

Vor die­sem Hin­ter­grund stell­te sich die A. AG für die Kun­den ent­ge­gen der Ansicht des Beru­fungs­ge­richts auch nicht „als aus­ge­la­ger­te Bera­tungs- und Ver­triebs­ab­tei­lung der Direkt­bank“ dar. Aus­weis­lich der Rege­lun­gen in Depot­kon­to­er­öff­nungs­an­trag und Trans­ak­ti­ons­voll­macht war viel­mehr ein­zig die A. AG das für die Bera­tung zustän­di­ge und damit kun­den­nä­he­re Unter­neh­men, wel­ches nach der Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung bei gestaf­fel­ter Ein­schal­tung meh­re­rer Wert­pa­pier­dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men grund­sätz­lich allein zur Befra­gung des Anle­gers hin­sicht­lich sei­ner Erfah­run­gen, Kennt­nis­se, Anla­ge­zie­le und finan­zi­el­len Ver­hält­nis­se ver­pflich­tet ist [6]. Dies steht unab­hän­gig davon, dass den auf­sichts­recht­li­chen Vor­schrif­ten der §§ 31 ff. WpHG kei­ne eigen­stän­di­ge scha­dens­er­satz­recht­li­che Bedeu­tung zukommt auch in Über­ein­stim­mung mit § 31e Nr. 2 WpHG [7].

Eben­falls rechts­feh­ler­haft ist die Auf­fas­sung, die Direkt­bank haf­te für Bera­tungs­feh­ler der Mit­ar­bei­ter der A. AG gemäß § 129 HGB (rich­tig: § 128 HGB) ana­log, weil die A. AG und die Direkt­bank als Gesell-schaft bür­ger­li­chen Rechts anzu­se­hen sei­en.

Wie der Bun­des­ge­richts­hof zu einem Fall zur Haf­tung eines Dis­count-Bro­kers bereits ent­schie­den hat, ist cha­rak­te­ris­tisch für eine Außen­ge­sell­schaft als Ver­trags­par­tei, dass sie als Außen­ge­sell­schaft am Rechts­ver­kehr teil­nimmt und in die­sem Rah­men auch Rech­te und Pflich­ten begrün­det [8]. Dar­an fehlt es hier aber schon des­halb, weil die A. AG und die Direkt­bank den Kun­den den die­sen bekann­ten ver­trag­li­chen Abspra­chen ent­spre­chend nicht als rechts­fä­hi­ge Ein­heit, son­dern getrennt nach Auf­ga­ben­be­rei­chen gegen­über­ge­tre­ten sind. Rechts­be­zie­hun­gen bestan­den daher allei­ne zwi­schen den Kun­den einer­seits und der A. AG (Bera­tungs­ver­trag) bzw. der Direkt­bank (Depot­ver­trag, Kom­mis­si­ons­ge­schäf­te) ande­rer­seits; Ver­pflich­tun­gen einer über­ge­ord­ne­ten Rechts­per­son, für deren Schlech­ter­fül­lung die Direkt­bank als Gesell­schaf­te­rin nach § 128 HGB ana­log haf­ten könn­te, exis­tie­ren dage­gen nicht. Vor die­sem Hin­ter­grund ist der vom Beru­fungs­ge­richt für maß­geb­lich gehal­te­ne Umstand, dass es aus­weis­lich der von den Kun­den unter­zeich­ne­ten Trans­ak­ti­ons­voll­macht intern zu einer Pro­vi­si­ons­tei­lung zwi­schen A. AG und Direkt­bankr gekom­men ist, irrele­vant.

Eine Haf­tung der Direkt­bank kommt auch nicht des­halb in Betracht, weil sie es fahr­läs­sig unter­las­sen habe zu über­prü­fen, ob die A. AG die die­ser oblie­gen­den Infor­ma­ti­ons­pflich­ten ord­nungs­ge­mäß erfüllt hat. Zu Unrecht beruft sich die Gegen­an­sicht inso­fern auf das Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 9. April 1992 [9]. Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den hat, kommt ange­sichts der Beson­der­hei­ten bei der hier vor­lie­gen­den gestaf­fel­ten Ein­schal­tung meh­re­rer Wert­pa­pier­dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men eine Haf­tung des kun­den­fer­ne­ren Unter­neh­mens wegen fahr­läs­si­ger Unkennt­nis von der arg­lis­ti­gen Täu­schung eines Kun­den durch das kun­den­nä­he­re Unter­neh­men nicht in Betracht [10].

Der Bun­des­ge­richts­hof hat nach Erlass des Beru­fungs­ur­teils ent­schie­den, dass es auch bei gestaf­fel­ter Ein­schal­tung meh­re­rer Wert­pa­pier­dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men dabei bleibt, dass eine Warn­pflicht als Neben­plicht (§ 241 Abs. 2 BGB) dann besteht, wenn der Dis­count-Bro­ker die tat­säch­li­che Fehl­be­ra­tung des Kun­den bei dem in Auf­trag gege­be­nen Wert­pa­pier­ge­schäft ent­we­der posi­tiv kennt oder wenn die­se Fehl­be­ra­tung auf­grund mas­si­ver Ver­dachts­mo­men­te objek­tiv evi­dent ist [11]. Das kommt wie in dem vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Par­al­lel­fall [12] auch hier in Betracht. Das Beru­fungs­ge­richt hat sich damit von sei­nem Rechts­stand­punkt aus fol­ge­rich­tig nicht befasst. Es wird, nach­dem die Par­tei­en Gele­gen­heit zu ergän­zen­dem Sach­vor­trag hat­ten, die erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen nach­zu­ho­len haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Novem­ber 2013 – XI ZR 312/​12

  1. st. Rspr. u.a. BGH, Urtei­le vom 06.07.1993 – XI ZR 12/​93, BGHZ 123, 126, 128 [Bond]; und vom 25.09.2007 – XI ZR 320/​06, BKR 2008, 199 Rn. 12, jeweils mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 19.03.2013 – XI ZR 431/​11, BGHZ 196, 370 Rn. 17 mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 19.03.2013 – XI ZR 431/​11, BGHZ 196, 370 Rn. 18 mwN zu einem eben­falls die Direkt­bank betref­fen­den und inso­weit gleich gela­ger­ten Fall; zustim­mend Bal­zer, EWiR 2013, 365; Bro­cker, GWR 2013, 252; Frei­tag, LMK 2013, 347897; Thume/​Schenck zu Schweins­berg-Zügel, WuB I G 1. 11.13[]
  4. so bereits zu einem Par­al­lel­fall: BGH, Urteil vom 19.03.2013 – XI ZR 431/​11, BGHZ 196, 370 Rn.19 mwN[]
  5. so bereits zu einem Par­al­lel­fall BGH, Urteil vom 19.03.2013 – XI ZR 431/​11, BGHZ 196, 370 Rn. 21 mwN[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 19.03.2013 – XI ZR 431/​11, BGHZ 196, 370 Rn. 26 mwN[]
  7. BGH, Urteil vom 19.03.2013 – XI ZR 431/​11, BGHZ 196, 370 Rn. 26[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 19.03.2013 – XI ZR 431/​11, BGHZ 196, 370 Rn. 41 mwN[]
  9. BGH, Urteil vom 09.04.1992 – IX ZR 145/​91, WM 1992, 1016 f.[]
  10. BGH, Urteil vom 19.03.2013 – XI ZR 431/​11, BGHZ 196, 370 Rn. 28[]
  11. BGH, Urteil vom 19.03.2013 – XI ZR 431/​11, BGHZ 196, 370 Rn. 27 mwN; zustim­mend Bal­zer, EWiR 2013, 365, 366; Thume/​Schenck zu Schweins­berg­Zü­gel, WuB I G 1. 11.13; sie­he auch das auf­sichts­recht­li­che Rund­schrei­ben 4/​2010 (WA) Min­dest­an­for­de­run­gen an die Com­pli­ance­Funk­ti­on und die wei­te­ren Ver­hal­tens, Orga­ni­sa­ti­ons- und Trans­pa­renz­pflich­ten nach §§ 31 ff. WpHG für Wert­pa­pier­dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men (MaComp) vom 07.06.2010 der BaFin unter AT 5 Abs. 2[]
  12. BGH, aaO Rn. 37[]