Haf­tung wegen Kapi­tal­an­la­ge­be­trugs

Aktu­ell hat­te sich der Bun­des­ge­richts­hof mit den Vor­aus­set­zun­gen der Haf­tung wegen Kapi­tal­an­la­ge­be­trugs nach § 823 Abs. 2 BGB in Ver­bin­dung mit § 264a Abs. 1 Nr. 1 StGB zu befas­sen:

Haf­tung wegen Kapi­tal­an­la­ge­be­trugs

§ 264a StGB ist Schutz­ge­setz im Sin­ne des § 823 Abs. 2 BGB 1. Nach § 264a StGB macht sich straf­bar, wer im Zusam­men­hang mit dem Ver­trieb von Wert­pa­pie­ren in Pro­spek­ten hin­sicht­lich der für die Ent­schei­dung über den Erwerb erheb­li­chen Umstän­de gegen­über einem grö­ße­ren Kreis von Per­so­nen unrich­ti­ge vor­teil­haf­te Anga­ben macht oder nach­tei­li­ge Tat­sa­chen ver­schweigt.

Bei der Aus­le­gung des § 264a StGB ist zu berück­sich­ti­gen, dass Art. 103 Abs. 2 GG eine Begrün­dung von Straf­tat­be­stän­den im Wege der Ana­lo­gie ver­bie­tet, wes­we­gen der aus der Sicht des Bür­gers zu bestim­men­de Wort­sinn die Gren­ze jeder Aus­le­gung bil­det 2. Des­halb sind die vom Beru­fungs­ge­richt zur Aus­le­gung hin­sicht­lich der Anfor­de­run­gen an die Risi­ko­dar­stel­lung in dem Pro­spekt her­an­ge­zo­ge­nen, erheb­lich wei­ter gefass­ten Nor­men des Wert­pa­pier­Ver­kaufs­pro­spekt­ge­set­zes und der ohne­hin erst am 1.07.2005 – mit­hin nach Ver­öf­fent­li­chung des streit­ge­gen­ständ­li­chen Pro­spekts – in Kraft getre­te­nen Ver­ord­nung über Ver­mö­gens­an­la­gen-Ver­kaufs­pro­spek­te (Ver­mö­gens­an­la­gen­Ver­kaufs­pro­spekt­ver­ord­nung – Ver­mVer­k­Pro­spV) vom 16.12.2004 3 im Rah­men des § 264a StGB als Aus­le­gungs­hil­fe nur inso­weit von Bedeu­tung, als die dort ver­lang­ten Pro­spekt­an­ga­ben als erheb­lich im Sin­ne des § 264a StGB ange­se­hen wer­den 4. Das­sel­be gilt für die vom Beru­fungs­ge­richt her­an­ge­zo­ge­nen IDW­Stan­dards 5. Ein über das Tat­be­stands­merk­mal der Erheb­lich­keit hin­aus­ge­hen­des Kri­te­ri­um für die Erfül­lung des straf­recht­li­chen Tat­be­stands ver­mö­gen die­se aber nicht zu bil­den.

Nach die­sen Grund­sät­zen kann der objek­ti­ve Tat­be­stand des § 264a Abs. 1 Nr. 1 StGB nicht mit der Begrün­dung bejaht wer­den, in dem Pro­spekt hät­ten die sich aus dem geschlos­se­nen Gewinn­ab­füh­rungs- und Beherr­schungs­ver­trag erge­ben­den Risi­ken des Abzugs von Liqui­di­tät gemäß § 308 Abs. 1 Satz 2 AktG und der Not­wen­dig­keit des Aus­gleichs des Jah­res­fehl­be­trags gemäß § 302 Abs. 1 AktG in ver­ständ­li­cher Wei­se offen­ge­legt wer­den müs­sen.

Die­se Begrün­dung bezieht sich, so der Bun­des­ge­richts­hof, nicht auf das Vor­han­den­sein wahr­heits­wid­ri­ger Anga­ben über die Tat­sa­che, dass ein Gewinn­ab­füh­rungs- und Beherr­schungs­ver­trag zwi­schen der W. AG und dem Beklag­ten bestand, auf den im Pro­spekt aus­drück­lich hin­ge­wie­sen wird, son­dern auf die Tat­be­stand­s­al­ter­na­ti­ve des Ver­schwei­gens nach­tei­li­ger Tat­sa­chen, weil auf die dar­aus fol­gen­den Risi­ken nicht aus­rei­chend hin­ge­wie­sen wor­den sei 6.

Die Tat­be­stand­s­al­ter­na­ti­ve des Ver­schwei­gens nach­tei­li­ger Tat­sa­chen ist vor­lie­gend jedoch nicht gege­ben, weil es sich bei den nach Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts ver­schwie­ge­nen Umstän­den – Befug­nis des Beklag­ten zu für die W. AG nach­tei­li­gen Wei­sun­gen (§ 308 Abs. 1 Satz 2 AktG) – nicht um Tat­sa­chen im Sin­ne des § 264a StGB, son­dern um Rechts­fol­gen des im Pro­spekt erwähn­ten Gewinn­ab­füh­rungs- und Beherr­schungs­ver­trags han­delt. Im Rah­men des § 264a StGB gilt unein­ge­schränkt der Tat­sa­chen­be­griff des § 263 StGB 7. Nach all­ge­mei­ner Ansicht stel­len rei­ne Rechts­aus­füh­run­gen ohne Behaup­tung anspruchs­be­grün­den­der Umstän­de im Rah­men des § 263 StGB kei­ne Tat­sa­chen, son­dern Wert­ur­tei­le dar 8. Das Unter­las­sen eines Hin­wei­ses auf die­recht­li­chen Aus­wir­kun­gen des Gewinn­ab­füh­rungs- und Beherr­schungs­ver­trags erfüllt somit nicht die zwei­te Tat­be­stand­s­al­ter­na­ti­ve des § 264a Abs. 1 Nr. 1 StGB, weil sich ein sol­ches Ver­schwei­gen nicht auf Tat­sa­chen bezieht.

Soweit das Gericht außer­dem einen Hin­weis auf die wirt­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen des Gewinn­ab­füh­rungs- und Beherr­schungs­ver­trags dahin­ge­hend für erfor­der­lich hält, dass die Rück­zah­lung der Anlei­he von der im Pro­spekt nicht dar­ge­leg­ten Fähig­keit des Beklag­ten zum Ver­lust­aus­gleich abhän­ge, betrifft dies eben­falls kei­ne Tat­sa­che im Sin­ne des § 263 StGB. Zwar hät­te als Fol­ge unter­blie­be­ner Ver­lust­aus­gleichs­zah­lun­gen wegen feh­len­der Boni­tät des Beklag­ten eine ter­min­ge­rech­te Rück­zah­lung der Anlei­he bei Fäl­lig­keit – im Streit­fall fünf Jah­re nach ihrem Erwerb durch die Klä­ger – in Fra­ge gestellt sein kön­nen. Die­se Umstän­de betref­fen aber die zukünf­ti­ge Zah­lungs­fä­hig­keit der W. AG und/​oder des Beklag­ten, die als in der Zukunft lie­gend kei­ne Tat­sa­che im Sin­ne des § 263 StGB dar­stellt 9. Dass sich der Beklag­te bereits zum Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung des Ver­kaufs­pro­spekts in Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten befun­den und des­we­gen die – gegen­wär­ti­ge – Erwar­tung der künf­ti­gen Zah­lungs­fä­hig­keit infra­ge gestan­den hät­te, ist den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts nicht zu ent­neh­men.

Ein Ver­schwei­gen von Tat­sa­chen im Sin­ne der zwei­ten Tat­be­stand­s­al­ter­na­ti­ve des § 264a Abs. 1 Nr. 1 StGB liegt damit nach den bis­her vom Beru­fungs­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen nicht vor, so dass mit der vom Beru­fungs­ge­richt gege­be­nen Begrün­dung kei­ne Haf­tung des Beklag­ten aus § 823 Abs. 2 BGB in Ver­bin­dung mit § 264a Abs. 1 Nr. 1 StGB bejaht wer­den kann.

Eine Haf­tung des Beklag­ten gemäß § 823 Abs. 2 BGB in Ver­bin­dung mit § 264a Abs. 1 Nr. 1 StGB könn­te aller­dings in Betracht kom­men, wenn in dem Pro­spekt im Hin­blick auf die Ertrags­si­tua­ti­on und die Finanz­la­ge der W. AG unrich­ti­ge vor­teil­haf­te Anga­ben gemacht oder nach­tei­li­ge Tat­sa­chen ver­schwie­gen wor­den wären, die im Zusam­men­hang mit dem Gewinn­ab­füh­rungs- und Beherr­schungs­ver­trag mit dem Beklag­ten stan­den. Hier­zu haben die Klä­ger bereits in ers­ter Instanz umfang­rei­chen Sach­vor­trag gehal­ten und ins­be­son­de­re behaup­tet, an den Beklag­ten sei­en ab dem Jahr 2001 sei­tens der W. AG – unab­hän­gig von deren Ertrags­si­tua­ti­on – auf­grund des Gewinn­ab­füh­rungs- und Beherr­schungs­ver­trags Zah­lun­gen in Höhe von ca. 86 Mil­lio­nen Euro geflos­sen. Soll­te das über Teil­schuld­ver­schrei­bun­gen der W. AG ein­ge­wor­be­ne Kapi­tal in erheb­li­chem Umfang ande­ren Zwe­cken außer­halb der Geschäfts­tä­tig­keit die­ser Gesell­schaft zuflie­ßen, so wäre dies eine für die Anla­ge­ent­schei­dung erheb­li­che Tat­sa­che gewe­sen, auf die im Pro­spekt hät­te hin­ge­wie­sen wer­den müs­sen. Hier­mit hat sich das Beru­fungs­ge­richt – von sei­nem Stand­punkt aus mit Recht – nicht aus­ein­an­der­ge­setzt. Im Rah­men der neu­en Ver­hand­lung wird es Gele­gen­heit haben, dies nach­zu­ho­len.

Dabei wird es auch zu prü­fen haben, ob ein Scha­dens­er­satz­an­spruch aus § 826 BGB in Betracht kommt. Soweit die Revi­si­ons­er­wi­de­rung aller­dings einen delik­ti­schen Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 826 BGB aus dem BGH, Urteil vom 18.12.2007 – VI ZR 231/​06 10 her­lei­ten will, geht sie unzu­tref­fend davon aus, die Klä­ger hät­ten ihrer Dar­le­gungs­last dadurch genügt, dass sie in den Vor­in­stan­zen eine stän­dig stei­gen­de Ver­schul­dung der W. AG vor­ge­tra­gen hät­ten. Die­ses von der Revi­si­ons­er­wi­de­rung in Bezug genom­me­ne BGH, Urteil behan­delt Scha­dens­er­satz­an­sprü­che der Bun­des­agen­tur für Arbeit aus § 826 BGB wegen ver­spä­te­ter Insol­venz­an­trag­stel­lung gegen­über dem Geschäfts­füh­rer einer insol­ven­ten GmbH. Der Bun­des­ge­richts­hof hat dort aus­ge­führt, dass die Klä­ge­rin ihrer Dar­le­gungs­last hin­sicht­lich einer Berech­ti­gung des Ver­trau­ens auf Sanie­rungs­be­mü­hun­gen genü­ge, indem sie eine stän­dig anstei­gen­de Ver­schul­dung der Gesell­schaft vor­tra­ge. Die Argu­men­ta­ti­on der Revi­si­ons­er­wi­de­rung greift indes schon des­halb nicht durch, weil der Beklag­te im Streit­fall kein Organ der W. AG war und ihm des­halb nicht der Vor­wurf einer Ver­let­zung der Insol­venz­an­trags­pflicht aus § 92 Abs. 2 AktG in der damals gel­ten­den Fas­sung des Art. 47 Nr. 4 EGIn­sO gemacht wer­den kann.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Janu­ar 2013 – VI ZR 386/​11

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 02.02.2010 – VI ZR 254/​08; Urteil vom 20.12.2011 – VI ZR 309/​10, VersR 2012, 454 Rn. 7 f.; BGH, Urteil vom 01.03.2010 – II ZR 213/​08, VersR 2010, 1333 Rn. 23 f. mwN[]
  2. vgl. BVerfG, NJW 2008, 1726 Rn. 17[]
  3. BGBl. I S. 3464[]
  4. vgl. LKStGB/​Tiedemann/​Vogel, 12. Aufl., § 264a Rn. 68; Joecks in Achenbach/​Ransiek, Hand­buch Wirt­schafts­straf­recht, 3. Aufl., 10. Teil 1. Kap. Rn. 65 ff.; Schmid in Mül­ler-Gugen­ber­ger/­Bi­en­eck, Wirt­schafts­straf­recht, 5. Aufl., § 27 Rn.202 f.; Schrö­der, Hand­buch Kapi­tal­markt­straf­recht, 2. Aufl., 1. Kap. Rn. 79[]
  5. vgl. Schmid in Mül­ler-Gugen­ber­ger/­Bi­en­eck, aaO[]
  6. vgl. BT-Drucks. 10/​318, S. 24; NKStGB/​Hellmann, 3. Aufl., § 264a Rn. 35; Münch­Komm-StG­B/­Woh­lers, 2006, § 264a Rn. 34; Cramer/​Perron in Schönke/​Schröder, StGB, 28. Aufl., § 264a Rn. 24; Schmid in Mül­ler-Gugen­ber­ger/­Bi­en­eck, aaO Rn.205; Cer­ny, MDR 1987, 271, 276; Gro­t­herr, DB 1986, 2584, 2588; a.A. LKStGB/​Tiedemann/​Vogel, aaO Rn. 80[]
  7. vgl. LKStGB/​Tiedemann/​Vogel, aaO Rn. 86; Park/​Park, Kapi­tal­markt­straf­recht, 3. Aufl., § 264a StGB Rn. 189; Cramer/​Perron in Schönke/​Schröder, aaO Rn. 27; SKStGB/​Hoyer, § 264a Rn. 17 (Stand: Sep­tem­ber 2007); Joecks in Achenbach/​Ransiek, aaO Rn. 46[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 12.11.1957 – 5 StR 447/​57, JR 1958, 106; OLG Karls­ru­he, NStZ 1996, 282; JZ 2004, 101, 102; OLG Zwei­brü­cken, JR 1989, 390, 391; OLG Frank­furt am Main, NJW 1996, 2172, 2173; OLG Stutt­gart, NJW 1979, 2573; OLG Koblenz, NJW 2001, 1364; Fischer, StGB, 59. Aufl., § 263 Rn. 11; Beck­OK von HeintschelHeinegg/​Beukelmann, StGB § 263 Rn. 6 (Stand: Sep­tem­ber 2012); LKStGB/​Tiedemann, aaO, § 263 Rn.19; NKStGB/​Kindhäuser, aaO, § 263 Rn. 89; Münch­Komm-StG­B/He­fen­dehl, aaO, § 263 Rn. 70; Cramer/​Perron in Schönke/​Schröder, aaO, § 263 Rn. 9; SKStGB/​Hoyer, aaO, § 263 Rn.19 (Stand: Febru­ar 2004) []
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 24.04.2007 – 4 StR 558/​06, NStZ-RR 2007, 236, 237; OLG Stutt­gart, NJW 1958, 1833; OLG Braun­schweig, NJW 1959, 2175, 2176; Kühl in Lackner/​Kühl, StGB, 27. Aufl., § 263 Rn. 4[]
  10. VersR 2008, 495 Rn. 1517 – inso­weit in BGHZ 175, 58 nicht abge­druckt[]