Hypo Real Esta­te – und die unter­las­se­nen Kapitalmarktinformationen

Der Bun­des­ge­richts­hof hat im Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­ren zur Ver­let­zung kapi­tal­markt­recht­li­cher Infor­ma­ti­ons­pflich­ten durch die ehe­ma­li­ge Hypo Real Esta­te Hol­ding AG zwi­schen Juli 2007 und Janu­ar 2008 den Mus­ter­ent­scheid des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen vom 15. Dezem­ber 2014 teil­wei­se bestätigt. 

Hypo Real Esta­te – und die unter­las­se­nen Kapitalmarktinformationen

Die Hypo Real Esta­te Hol­ding AG (HRE) war Kon­zern­spit­ze der Hypo Real Esta­te-Grup­pe (HRE-Grup­pe), die Mit­te 2007 struk­tu­rier­te Wert­pa­pie­re, sog. „Col­la­te­ra­li­zed Debt Obli­ga­ti­ons“, mit über­wie­gen­dem Bezug zu US-ame­ri­ka­ni­schen Immo­bi­li­en­kre­di­ten (US-CDO) mit einem kumu­lier­ten Nomi­nal­wert von umge­rech­net rund 1,5 Mrd. € im Bestand hatte.

Nach Ankün­di­gun­gen der Rating­agen­tu­ren Stan­dard & Poor´s und Moody´s vom 10. Juli 2007, bestimm­te CDO einer nähe­ren Prü­fung zu unter­zie­hen, teil­te die HRE mit Ad-Hoc-Mel­dung vom 11. Juli 2007 ein vor­läu­fi­ges Kon­zern­er­geb­nis vor Steu­ern im zwei­ten Quar­tal 2007 von ca. 183 Mio. € und die Erhö­hung der Pro­gno­se des Vor­stands für ein Kon­zern­er­geb­nis im Gesamt­jahr 2007 von 680 Mio. € auf 710 Mio. € mit. Nach­dem am 30. Juli 2007 bekannt gewor­den war, dass die IKB Deut­sche Indus­trie­bank AG durch eine Stüt­zungs­maß­nah­me im Umfang von 8,1 Mrd. € geret­tet wer­den muss­te, bestä­tig­te die HRE am 3. August 2007 in einer Pres­se­mel­dung vor dem Hin­ter­grund aktu­el­ler Markt­ent­wick­lun­gen ihre Pro­gno­se für das lau­fen­de Jahr. Zudem leg­te sie den Umfang ihres US-CDO-Port­fo­li­os offen und erklär­te, dass die HRE-Grup­pe auf­grund der aktu­el­len Markt­ent­wick­lun­gen nicht mit Belas­tun­gen rechne.

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In einer wei­te­ren Pres­se­mit­tei­lung vom 7. Novem­ber 2007 gab die HRE anläss­lich der Ver­öf­fent­li­chung des Quar­tals­ab­schlus­ses die Ein­schät­zung ihres Vor­stands­vor­sit­zen­den bekannt, dass die HRE-Grup­pe aus der Markt­kri­se der ver­gan­ge­nen Mona­te gestärkt her­vor­ge­gan­gen sei. Eine Her­ab­stu­fung von CDO durch die Rating­agen­tur Fitch Ratings Inc. am 12. Novem­ber 2007, die auch von der HRE-Grup­pe gehal­te­ne Wert­pa­pie­re betraf, nahm sie zum Anlass, ihr Modell zur Bewer­tung ihrer CDO zu über­ar­bei­ten. Sie mach­te mit Ad-Hoc-Mel­dung vom 15. Janu­ar 2008 bekannt, dass eine Neu­be­wer­tung des US-CDO-Port­fo­li­os zu Auf­wen­dun­gen in Höhe vom 390 Mio. € geführt habe, davon 290 Mio. € ergeb­nis­wirk­sam. Der Kurs der bei Bör­sen­er­öff­nung am 15. Janu­ar 2008 mit 33,10 € notie­ren­den Akti­en der HRE sank bis Bör­sen­schluss auf 21,64 €.

Vor dem Land­ge­richt Mün­chen I wur­den u.a. gegen die HRE und ihren frü­he­ren Vor­stands­vor­sit­zen­den eine Viel­zahl von Scha­dens­er­satz­kla­gen erho­ben, die sich dar­auf stüt­zen, es sei­en Pflich­ten zur Infor­ma­ti­on des Kapi­tal­markts im Zeit­raum vom 11. Juli 2007 bis 15. Janu­ar 2008 ver­letzt wor­den. Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen hat auf einen Vor­la­ge­be­schluss des Land­ge­richts einen Mus­ter­ent­scheid erlas­sen, mit dem es u.a. Infor­ma­ti­ons­pflicht­ver­let­zun­gen im Zusam­men­hang mit den Pres­se­mit­tei­lun­gen vom 3. August 2007 und 7. Novem­ber 2007, den Aus­wir­kun­gen der US-Immo­bi­li­en­kri­se ab dem 15. Novem­ber 2007 sowie der Ad-Hoc-Mel­dung vom 15. Janu­ar 2008 fest­ge­stellt hat. Infor­ma­ti­ons­pflicht­ver­let­zun­gen vor dem 3. August 2007 hat es nicht fest­ge­stellt [1].

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Der Bun­des­ge­richts­hof hat den Mus­ter­ent­scheid des Ober­lan­des­ge­richts teil­wei­se auf­ge­ho­ben und die Sache zur erneu­ten Ent­schei­dung an das Ober­lan­des­ge­richt zurück­ver­wie­sen, soweit er nicht selbst in der Sache ent­schei­den konnte.

Das Ober­lan­des­ge­richt hat eine Infor­ma­ti­ons­pflicht­ver­let­zung vor dem 3. August 2007 zu Recht ver­neint. Sei­ne Fest­stel­lung, die auf die bis­he­ri­gen Quar­tals­er­geb­nis­se gestütz­te Ergeb­nis­pro­gno­se für das Geschäfts­jahr 2007 sei weder wegen einer feh­ler­haf­ten Bilan­zie­rung der US-CDO noch auf­grund einer feh­ler­haf­ten Ein­schät­zung der für das zwei­te Halb­jahr zu erwar­ten­den Geschäfts­ri­si­ken zu bean­stan­den, ist aus Rechts­grün­den nicht zu beanstanden.

Weit­ge­hend unbe­an­stan­det geblie­ben ist auch die Fest­stel­lung des Ober­lan­des­ge­richts, dass die Pres­se­mit­tei­lung vom 3. August 2007 unwah­re und unvoll­stän­di­ge Anga­ben ent­hielt. Bean­stan­det wur­de jedoch die dar­an anknüp­fen­de Fest­stel­lung, die HRE sei des­halb ver­pflich­tet gewe­sen, die in der Pres­se­mit­tei­lung ent­hal­te­nen Aus­sa­gen durch eine Ad-Hoc-Mel­dung zu kor­ri­gie­ren. Eine unwah­re öffent­li­che Ver­laut­ba­rung in einer Pres­se­mit­tei­lung begrün­det eine Ad-Hoc-Mit­tei­lungs­pflicht hin­sicht­lich der Unrich­tig­keit der Anga­ben erst, wenn sie zu einer mit­tei­lungs­pflich­ti­gen Insi­der­infor­ma­ti­on führt, nicht schon, weil sie unzu­tref­fend ist.

Der Mus­ter­ent­scheid muss­te auf­ge­ho­ben wer­den, soweit das Ober­lan­des­ge­richt die Pres­se­mit­tei­lung vom 7. Novem­ber 2007 für unvoll­stän­dig und unwahr sowie die HRE spä­tes­tens am 15. Novem­ber 2007 als ver­pflich­tet ange­se­hen hat, die Aus­wir­kun­gen der US-Immo­bi­li­en­kri­se auf das von ihr gehal­te­ne US-CDO-Port­fo­lio durch eine Ad-Hoc-Mel­dung zu publizieren.

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Die Fest­stel­lung, dass die Ad-Hoc-Mel­dung vom 15. Janu­ar 2008 nicht unver­züg­lich i.S.v. § 15 Abs. 1 WpHG aF ver­öf­fent­licht wur­de, weil eine Mit­tei­lungs­pflicht bereits am 8. Janu­ar 2008 bestand und die HRE von der Pflicht zur Ver­öf­fent­li­chung nicht befreit war, hat das Ober­lan­des­ge­richt dage­gen ohne Rechts­feh­ler getroffen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. Dezem­ber 2020 – II ZB 31/​14

  1. OLG Mün­chen, Mus­ter­ent­scheid vom 15.12.2014 – KAP 3/​10[]

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