Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­ren und die objek­ti­ve Kla­ge­häu­fung

Wer­den Ansprü­che aus einer vor­ver­trag­li­chen Auf­klä­rungs­pflicht­ver­let­zung, die nicht Gegen­stand eines Mus­ter­ver­fah­rens nach dem Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­rens­ge­setz (Kap­MuG) sein kön­nen, in einer Kla­ge neben Ansprü­chen aus zivil­recht­li­cher Pro­spekt­haf­tung im enge­ren Sin­ne gel­tend gemacht, für die ein im Kla­ge­re­gis­ter bekannt gemach­tes Mus­ter­ver­fah­ren von Bedeu­tung sein kann, so ist eine Aus­set­zung des gesam­ten Rechts­streits nach § 7 Abs. 1 Kap­MuG unzu­läs­sig, solan­ge nicht über die Ansprü­che aus vor­ver­trag­li­cher Auf­klä­rungs­pflicht­ver­let­zung ent­schie­den wor­den ist.

Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­ren und die objek­ti­ve Kla­ge­häu­fung

§ 7 Kap­MuG fin­det auf das Streit­ver­hält­nis inso­weit kei­ne Anwen­dung fin­det, als Ansprü­che aus vor­ver­trag­li­cher Auf­klä­rungs­pflicht­ver­let­zung im Streit sind. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kön­nen Rechts­strei­tig­kei­ten, in denen Scha­dens­er­satz­an­sprü­che auf ver­trag­li­cher Grund­la­ge oder aus § 241 Abs. 2, § 311 Abs. 2 und 3 BGB bzw. aus der soge­nann­ten Pro­spekt­haf­tung im wei­te­ren Sin­ne gel­tend gemacht wer­den, von vorn­her­ein nicht Gegen­stand eines Mus­ter­ver­fah­rens gemäß § 1 Abs. 1 Kap­MuG sein. Das gilt auch dann, wenn sich die Haf­tung aus der Ver­wen­dung eines feh­ler­haf­ten Pro­spek­tes im Zusam­men­hang mit einer Bera­tung oder einer Ver­mitt­lung ergibt [1].

Das gilt auch für Ansprü­che des Anle­gers gegen die die Anla­ge finan­zie­ren­de Bank wegen vor­ver­trag­li­cher Auf­klä­rungs­pflicht­ver­let­zun­gen aus dem Dar­le­hens­ver­hält­nis. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist eine kre­dit­ge­ben­de Bank bei steu­er­spa­ren­den Fonds­mo­del­len zur Risi­ko­auf­klä­rung über das finan­zier­te Geschäft bei Vor­lie­gen von ganz beson­de­ren Umstän­den des Ein­zel­falls ver­pflich­tet. Das kann der Fall sein, wenn die Bank im Zusam­men­hang mit der Pla­nung, der Durch­füh­rung oder dem Ver­trieb des Pro­jek­tes über ihre Rol­le als Kre­dit­ge­be­rin hin­aus geht, wenn sie einen zu den all­ge­mei­nen wirt­schaft­li­chen Risi­ken hin­zu­tre­ten­den beson­de­ren Gefähr­dungs­tat­be­stand für den Kun­den schafft oder des­sen Ent­ste­hung begüns­tigt, wenn sie sich im Zusam­men­hang mit der Kre­dit­ge­wäh­rung sowohl an den Objekt­in­itia­tor als auch an ein­zel­ne Erwer­ber in schwer­wie­gen­de Inter­es­sen­kon­flik­te ver­wi­ckelt oder wenn sie in Bezug auf spe­zi­el­le Risi­ken des Vor­ha­bens einen kon­kre­ten Wis­sens­vor­sprung vor dem Dar­le­hens­neh­mer hat und dies auch erken­nen kann [2]. Ein Wis­sens­vor­sprung in die­sem Sin­ne liegt auch dann vor, wenn die finan­zie­ren­de Bank posi­ti­ve Kennt­nis davon hat, dass der Kre­dit­neh­mer von sei­nem Geschäfts­part­ner oder durch den Fonds­pro­spekt über das finan­zier­te Geschäft arg­lis­tig getäuscht wur­de [3].

Sol­che Ansprü­che, die der Klä­ger hier neben einem Anspruch aus Pro­spekt­haf­tung im enge­ren Sin­ne gel­tend macht, kön­nen nicht Gegen­stand eines Mus­ter­ver­fah­rens sein. Das gilt auch dann, wenn die Haf­tung – etwa aus einem Wis­sens­vor­sprung – die Kennt­nis von einer durch feh­ler­haf­te Pro­spekt­an­ga­ben began­ge­nen arg­lis­ti­ge Täu­schung vor­aus­setzt [4].

Hier­bei ändert auch die Tat­sa­che, dass die Beklag­te auch als Pro­spekt­ver­ant­wort­li­che nach den Grund­sät­zen der Pro­spekt­haf­tung im enge­ren Sin­ne in Anspruch genom­men wird, nichts dar­an, dass über die dane­ben gel­tend gemach­ten Ansprü­che aus ver­trag­li­chen oder vor­ver­trag­li­chen Pflicht­ver­let­zun­gen zu ent­schei­den ist, bevor eine Aus­set­zung nach dem Kap­MuG in Betracht kommt.

Dies ent­spricht der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs [5]. Den Pro­spekt­haf­tungs­an­sprü­chen im enge­ren Sin­ne liegt ein ande­rer Lebens­sach­ver­halt zugrun­de als den Ansprü­chen wegen einer Auf­klä­rungs­pflicht­ver­let­zung aus dem Dar­le­hens­ver­hält­nis. Ein feh­ler­haf­ter Pro­spekt führt nicht not­wen­dig zur Haf­tung des Dar­le­hens­ge­bers, ein feh­ler­frei­er Pro­spekt schließt sei­ne Haf­tung nicht not­wen­dig aus. Es fehlt daher an gleich­ge­rich­te­ten Inter­es­sen, die allein durch das Kap­MuG gebün­delt wer­den sol­len [6]. Auch gebie­tet das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes eine Ent­schei­dung über die nicht dem Anwen­dungs­be­reich des Kap­MuG unter­lie­gen­den Sach­ver­hal­te [7]. Denn wenn die Kla­ge gegen die Beklag­te als Dar­le­hens­ge­be­rin begrün­det sein soll­te, wären dem Klä­ger Ver­zö­ge­run­gen und Kos­ten wegen eines Ver­fah­rens, das auf den Erfolg sei­ner Kla­ge kei­nen Ein­fluss hat, nicht zuzu­mu­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. Novem­ber 2010 – XI ZB 23/​10

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 10.06.2008 – XI ZB 26/​07, BGHZ 177, 88 Rn. 15; vom 16.06.2009 – XI ZB 31/​08; und – XI ZB 33/​08, WM 2009, 1359 Rn. 9; vom 08.09.2009 – XI ZB 34–38/08, 4, 7–9, 11/​09; vom 06.10.2009 – XI ZB 17, 18, 20, 21/​09; vom 10.11.2009 – XI ZB 29, 30/​09; und vom 08.12.2009 – XI ZB 25, 27/​09; BGH, Beschlüs­se vom 30.10.2008 – III ZB 92/​09, WM 2009, 110 Rn. 12, 15; und vom 04.12.2008 – III ZB 97/​07[]
  2. vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 16.05.2006 – XI ZR 6/​04, BGHZ 168, 1 Rn. 41; vom 24.11.2009 – XI ZR 260/​08, WM 2010, 34 Rn. 30; vom 29.06.2010 – XI ZR 104/​08, WM 2010, 1451 Rn. 16; und vom 21.09.2010 – XI ZR 232/​09, WM 2010, 2069 Rn. 17, jeweils mwN[]
  3. st. Rspr., sie­he nur BGH, Urtei­le vom 10.11.2009 – XI ZR 252/​08, BGHZ 183, 112 Rn. 35; vom 29.06.2010 – XI ZR 104/​08, WM 2010, 1451 Rn. 20; und vom 21.09.2010 – XI ZR 232/​09, WM 2010, 2069 Rn. 17, jeweils mwN[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 10.06.2008 – XI ZB 26/​07, BGHZ 177, 88 Rn. 15 mwN[]
  5. u.a. BGH, Beschluss vom 16.06.2009 – XI ZB 33/​08, WM 2009, 1359 Rn. 14 mwN[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 16.06.2009, aaO[]
  7. BGH, Beschluss vom 16.06.2009, aaO Rn. 15 mwN[]