Kap­MuG-Mus­ter­ver­fah­ren – und die Bin­dung des OLG an den Vor­la­ge­be­schluss

Gemäß § 6 Abs. 1 Satz 2 Kap­MuG ist das Ober­lan­des­ge­richt an den Vor­la­ge­be­schluss gebun­den.

Kap­MuG-Mus­ter­ver­fah­ren – und die Bin­dung des OLG an den Vor­la­ge­be­schluss

§ 6 Abs. 1 Satz 2 Kap­MuG 1 ord­net die Bin­dung des Ober­lan­des­ge­richts an den Vor­la­ge­be­schluss an, ohne hier­für (abge­se­hen von § 7 Satz 2 Kap­MuG) Ein­schrän­kun­gen oder Aus­nah­men vor­zu­se­hen. Nach der Rege­lungs­ab­sicht des Gesetz­ge­bers soll das mit einem Mus­ter­ver­fah­ren befass­te Ober­lan­des­ge­richt nicht dazu beru­fen sein, die Vor­la­ge­vor­aus­set­zun­gen zu prü­fen 2.

Aner­kann­ter­ma­ßen greift die in § 6 Abs. 1 Satz 2 Kap­MuG (nF) ange­ord­ne­te Bin­dungs­wir­kung nicht ein, wenn der gel­tend gemach­te Anspruch schon nicht Gegen­stand eines Mus­ter­ver­fah­rens sein kann, also nicht unter § 1 Abs. 1 Kap­MuG fällt 3. Glei­ches gilt, wenn das Pro­zess­ge­richt bereits einen Vor­la­ge­be­schluss mit iden­ti­schen Fest­stel­lungs­zie­len erlas­sen hat und daher die Sperr­wir­kung des § 7 Satz 2 Kap­MuG ein­greift 4. Für sol­che Fall­ge­stal­tun­gen ist vor­lie­gend indes kein Anhalt gege­ben.

Ob die Bin­dung an den Vor­la­ge­be­schluss ent­spre­chend den zu § 281 Abs. 2 Satz 4 ZPO ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen ent­fal­len kann 5, bedarf an die­ser Stel­le kei­ner Ent­schei­dung. Denn hier­für wäre Vor­aus­set­zung, dass der Vor­la­ge­be­schluss auf einer Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs beruht oder jeder gesetz­li­chen Grund­la­ge ent­behrt und des­halb als will­kür­lich betrach­tet wer­den muss 6. Sol­che Män­gel sind weder vom Kam­mer­ge­richt fest­ge­stellt wor­den noch sonst ersicht­lich. Etwai­ge ein­fa­che Rechts­feh­ler recht­fer­ti­gen eine Durch­bre­chung der Bin­dungs­wir­kung nicht 7.

Im Aus­gangs­punkt zutref­fend hat das Kam­mer­ge­richt eine Aus­nah­me von der Bin­dungs­wir­kung des Vor­la­ge­be­schlus­ses fer­ner für den Fall ange­nom­men, dass dem Antrag­stel­ler des Mus­ter­ver­fah­rens das hier­für nöti­ge Rechts­schutz­in­ter­es­se fehlt 8. Es hat das Vor­lie­gen des Rechts­schutz­be­dürf­nis­ses der hie­si­gen Antrag­stel­le­rin jedoch zu Unrecht ver­neint.

Das mit einem Mus­ter­ver­fah­ren befass­te Ober­lan­des­ge­richt ist befugt, das Vor­lie­gen der all­ge­mei­nen Pro­zess­vor­aus­set­zun­gen zu prü­fen 9. Der Gesetz­ge­ber hat mit der Vor­ga­be der Bin­dungs­wir­kung zwar das Risi­ko in Kauf genom­men, dass rechts­feh­ler­haft ein­ge­lei­te­te oder unzweck­mä­ßi­ge Mus­ter­ver­fah­ren durch­ge­führt wer­den. Er zwingt den Ober­lan­des­ge­rich­ten die Durch­füh­rung jedoch dann nicht auf, wenn not­wen­di­ge all­ge­mei­ne Ver­fah­rens­vor­aus­set­zun­gen feh­len. Hier­zu gehört das Rechts­schutz­be­dürf­nis, des­sen Feh­len einen in jeder Lage des Ver­fah­rens von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen­den Man­gel dar­stellt und zur Unzu­läs­sig­keit des ver­fah­rens­ein­lei­ten­den Antrags führt 10.

Aller­dings fehlt das Rechts­schutz­be­dürf­nis nur in sel­te­nen Aus­nah­me­fäl­len. Für ein Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­ren ist es nicht schon dann zu ver­nei­nen, wenn das Ober­lan­des­ge­richt die im Aus­gangs­ver­fah­ren gel­tend gemach­ten Ansprü­che des Antrag­stel­lers für ver­jährt hält.

Für das Rechts­schutz­in­ter­es­se an der Durch­füh­rung eines Mus­ter­ver­fah­rens nach Vor­la­ge durch das Pro­zess­ge­richt kommt es nicht maß­geb­lich dar­auf an, ob die Ent­schei­dung des zu Grun­de lie­gen­den Rechts­streits des Antrag­stel­lers von den Fest­stel­lungs­zie­len abhängt.

Aus § 13 Abs. 1, 2 und 4 Kap­MuG geht her­vor, dass (selbst) der Weg­fall des Muster­klä­gers oder eine von ihm erklär­te Rück­nah­me das Mus­ter­ver­fah­ren als sol­ches unbe­rührt las­sen. Ziel des Mus­ter­ver­fah­rens ist der Erlass eines Mus­ter­ent­scheids (§ 16 Abs. 1 Kap­MuG), der nicht nur die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten, son­dern auch die Pro­zess­ge­rich­te in allen mit Rück­sicht auf das Mus­ter­ver­fah­ren aus­ge­setz­ten Ver­fah­ren bin­det (§ 22 Abs. 1 Satz 1 Kap­MuG). Der ange­streb­te Mus­ter­ent­scheid reicht mit­hin weit über den Zivil­pro­zess des Antrag­stel­lers hin­aus. Jeg­li­ches schutz­wür­di­ge Inter­es­se des Antrag­stel­lers an der Durch­füh­rung des Mus­ter­ver­fah­rens ist dem­entspre­chend erst dann abzu­leh­nen, wenn das mit dem Ver­fah­ren erstreb­te Ziel unter kei­nen Umstän­den mehr erreicht wer­den kann, weil die in sämt­li­chen Aus­gangs­ver­fah­ren zu tref­fen­den Ent­schei­dun­gen nicht (mehr) auf die Klä­rung der Streit­punk­te im Mus­ter­ver­fah­ren ange­wie­sen sind 11.

Zufol­ge des­sen fehlt es am Rechts­schutz­in­ter­es­se für ein Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­ren (erst) dann, wenn die Fest­stel­lungs­zie­le bereits ander­wei­tig ver­bind­lich geklärt wor­den sind oder wenn sämt­li­che gemäß § 8 Abs. 1 Satz 1 Kap­MuG erlas­se­nen Aus­set­zungs­be­schlüs­se – gege­be­nen­falls im Beschwer­de­we­ge 12 – auf­ge­ho­ben wor­den sind, weil sich dort erge­ben hat, dass die Ent­schei­dung der jewei­li­gen (Ausgangs)Verfahren von den Fest­stel­lungs­zie­len nicht (mehr) abhängt. Die mit dem Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­rens­ge­setz bezweck­te kol­lek­ti­ve Durch­set­zung gleich­ge­rich­te­ter Gläu­bi­ger­inter­es­sen und die hier­für erfor­der­li­che "Brei­ten­wir­kung" des Mus­ter­ent­scheids 13 wären in der­ar­ti­gen Fäl­len eben­so obso­let gewor­den wie das Ziel, eine diver­gie­ren­de Recht­spre­chung zu den mit den Fest­stel­lungs­zie­len ver­bun­de­nen Fra­gen zu ver­mei­den.

Dass sämt­li­che im Hin­blick auf den hier im Streit ste­hen­den Vor­la­ge­be­schluss ergan­ge­nen Aus­set­zungs­be­schlüs­se (§ 8 Abs. 1 Satz 1 Kap­MuG) auf­ge­ho­ben wor­den sind, hat das Kam­mer­ge­richt nicht fest­ge­stellt und ist auch sonst nicht ersicht­lich. Eben­so wenig erkenn­bar ist, dass die gel­tend gemach­ten Pro­spekt­män­gel (Fest­stel­lungs­zie­le) bereits ander­wei­tig ver­bind­lich geklärt wor­den sind.

Dem­zu­fol­ge war das Kam­mer­ge­richt nicht befugt, sich über die Bin­dungs­wir­kung des Vor­la­ge­be­schlus­ses hin­weg­zu­set­zen.

Dem mit dem Mus­ter­ver­fah­ren befass­ten Ober­lan­des­ge­richt ist es im All­ge­mei­nen nicht gestat­tet, eigen­stän­dig die Ver­jäh­rung der im Aus­gangs­ver­fah­ren erho­be­nen Ansprü­che zu prü­fen. Es ent­schei­det in die­sem Rah­men nicht über die Zuläs­sig­keit eines Mus­ter­ver­fah­rens­an­trags, son­dern auf der Grund­la­ge des – bin­den­den – Vor­la­ge­be­schlus­ses 14. Ob der Mus­ter­ver­fah­rens­an­trag unzu­läs­sig ist, weil der zu Grun­de lie­gen­de Rechts­streit unab­hän­gig von den gel­tend gemach­ten Fest­stel­lungs­zie­len ent­schei­dungs­reif ist, hat gemäß § 3 Abs. 1 Nr. 1 Kap­MuG allein das (jewei­li­ge) Pro­zess­ge­richt zu beur­tei­len 15

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 4. Mai 2017 – III ZB 61/​16

  1. in der Fas­sung des Geset­zes zur Reform des Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­rens­ge­set­zes und zur Ände­rung ande­rer Vor­schrif­ten vom 19.10.2012, BGBl. I S. 2182 – nF; s. auch § 4 Abs. 1 Satz 2 Kap­MuG aF[]
  2. s. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung für ein Gesetz zur Ein­füh­rung von Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­ren, BT-Drs. 15/​5091, S. 23 [zu § 4 Abs. 1 Satz 2 Kap­MuG aF]; für die am 1.11.2012 in Kraft getre­te­ne Neu­fas­sung des Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­rens­ge­set­zes [s. nun­mehr § 6 Abs. 1 Satz 2 Kap­MuG nF] ist ein geän­der­ter Wil­le des Gesetz­ge­bers nicht zu erken­nen, vgl. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung für ein Gesetz zur Reform des Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­rens­ge- set­zes, BT-Drs. 17/​8799, S.19 f[]
  3. s. BGH, Beschlüs­se vom 26.07.2011 aaO S. 385 f Rn. 8; und vom 13.12 2011 – II ZB 6/​09, NJW-RR 2012, 491, 492 Rn. 13 [jeweils zu § 4 Abs. 1 Satz 2 Kap­MuG aF][]
  4. sie­he auch BGH, Beschluss vom 06.12 2011 aaO Rn. 5 [zu § 5 Kap­MuG aF][]
  5. offen las­send: BGH, Beschluss vom 26.07.2011 aaO S. 386 Rn. 10; beja­hend: KK-Kap­MuG/​Vollkommer, 2. Aufl., § 6 Rn. 78; Hanisch, Das Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­rens­ge­setz, S. 281[]
  6. st. Rspr.; s. bspw. BGH, Beschlüs­se vom 10.12 1987 – I ARZ 809/​87, BGHZ 102, 338, 341; vom 13.12 2005 – X ARZ 223/​05, NJW 2006, 847, 848 Rn. 12; und vom 26.07.2011 aaO S. 387 Rn. 11, jeweils mwN[]
  7. BGH, Beschluss vom 26.07.2011 aaO S. 387 Rn. 10 f[]
  8. KG, Beschluss vom 26.08.2016 – 14 Kap 5/​15[]
  9. Ful­len­kamp in Vorwerk/​Wolf, Kap­MuG, § 4 Rn. 31; Parig­ger in Vorwerk/​Wolf, Kap­MuG, § 9 Rn. 7 ff; KK-Kap­Mu­G/­Voll­kom­mer aaO § 11 Rn. 18[]
  10. s. nur BGH, Urteil vom 15.11.2012 – I ZR 128/​11, WM 2013, 920, 921 Rn. 10 f mwN[]
  11. vgl. KK-Kap­Mu­G/­Voll­kom­mer, aaO, § 11 Rn. 24[]
  12. vgl. dazu zB BGH, Beschlüs­se vom 28.01.2016 – III ZB 88/​15, NZG 2016, 355, 356 Rn. 13 ff; und vom 24.03.2016 – III ZB 75/​15, BeckRS 2016, 06845 Rn. 13 ff[]
  13. BT-Drs. 15/​5091, S. 1, 16[]
  14. vgl. BGH, Beschluss vom 29.07.2014 – II ZB 30/​12, NZG 2014, 1384, 1394 Rn. 97 mwN; a.A. für Fäl­le "offen­sicht­li­cher Ver­jäh­rung": Hanisch aaO S. 289[]
  15. s. Kili­an, Aus­ge­wähl­te Pro­ble­me des Mus­ter­ver­fah­rens nach dem Kap­MuG, S. 134 f[]