Kap­MuG-Ver­fah­ren – und der Teil­mus­ter­ent­scheid zur ört­li­chen Zuständigkeit

Der Erlass eines Teil­mus­ter­ent­scheids nach § 16 Abs. 1 Satz 1, § 11 Abs. 1 Kap­MuG, § 301 Abs. 1 Satz 1 ZPO über die die ört­li­che Zustän­dig­keit betref­fen­den Fest­stel­lungs­zie­le ist zulässig.

Kap­MuG-Ver­fah­ren – und der Teil­mus­ter­ent­scheid zur ört­li­chen Zuständigkeit

Die Anwen­dung von § 301 ZPO ist nicht nach § 11 Abs. 1 Satz 2 ZPO von dem all­ge­mei­nen Ver­weis auf die für das Ver­fah­ren vor den Land­ge­rich­ten gel­ten­den Vor­schrif­ten der ZPO aus­ge­nom­men. Ent­spre­chend wird all­ge­mein ange­nom­men, dass die Vor­schrift des § 301 ZPO über den Erlass eines Teil­ur­teils im Mus­ter­ver­fah­ren ent­spre­chend anwend­bar ist1. Soweit der Bun­des­ge­richts­hof in ande­rem Zusam­men­hang aus­ge­führt hat, der Erlass eines Teil­mus­ter­ent­scheids wider­spre­che dem Sinn und Zweck des Mus­ter­ver­fah­rens2, folgt dar­aus nichts ande­res. Die­se Ent­schei­dung betraf aus­schließ­lich die Zweck­mä­ßig­keit eines Teil­mus­ter­ent­scheids im Fall einer Erwei­te­rung des Mus­ter­ver­fah­rens nach Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Oberlandesgericht.

Zutref­fend hat das Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig3 in der Vor­in­stanz auch ange­nom­men, dass sich die Fra­ge der Teil­bar­keit des Streit­ge­gen­stands bei einer Ent­schei­dung über ein­zel­ne Fest­stel­lungs­zie­le nicht stellt, weil jedes Fest­stel­lungs­ziel im Sinn des § 2 Abs. 1 Satz 1 Kap­MuG ein geson­der­tes Rechts­schutz­be­geh­ren ist und einen eigen­stän­di­gen Streit­ge­gen­stand des Mus­ter­ver­fah­rens bil­det4. Eine Gefahr sich wider­spre­chen­der Ent­schei­dun­gen liegt jeden­falls hier nicht vor, weil die zur ört­li­chen Zustän­dig­keit nach § 32b Abs. 1 ZPO auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen unab­hän­gig von den wei­te­ren Fest­stel­lungs­zie­len des Mus­ter­ver­fah­rens ent­schie­den wer­den können.

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Die Fest­stel­lungs­zie­le, mit denen die gericht­li­che Zustän­dig­keit nach § 32b ZPO geklärt wer­den soll, sind zuläs­sig. Die der Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts zu Grun­de lie­gen­den Fest­stel­lungs­zie­le sind nach § 2 Abs. 1 Satz 1 Kap­MuG klärungsfähig.

Die den Fest­stel­lun­gen des Ober­lan­des­ge­richts Braun­schweig zu Grun­de lie­gen­de recht­li­che Beur­tei­lung, nach der die Mus­ter­be­klag­ten in den gegen sie ein­ge­lei­te­ten Anle­ger­kla­gen in Bezug auf eige­ne Publi­zi­täts­pflicht­ver­let­zun­gen unab­hän­gig davon, ob sie als Streit­ge­nos­sen zusam­men ver­klagt wer­den und unab­hän­gig davon, auf wel­che Finanz­in­stru­men­te sich die Kla­gen bezie­hen, stets betrof­fe­ner Emit­tent im Sinn des § 32b Abs. 1 Nr. 1 ZPO sind, ist zutref­fend. Die Rechts­be­schwer­de rügt ohne Erfolg, das Ober­lan­des­ge­richt habe den Fest­stel­lungs­zie­len der Mus­ter­be­klag­ten nicht ent­spre­chen dür­fen, weil die­sen die Auf­fas­sung zu Grun­de lie­ge, der Gerichts­stand des betrof­fe­nen Emit­ten­ten set­ze sich auch durch, wenn zwei Emit­ten­ten als Gesamt­schuld­ner im Sinn des § 60 ZPO an einem Gericht ver­klagt wür­den, an dem nur einer von ihnen den beson­de­ren Gerichts­stand des § 32b Abs. 1 ZPO habe. Die vom Ober­lan­des­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen und die die­sen zu Grun­de lie­gen­den Fest­stel­lungs­zie­le betref­fen aus­schließ­lich die Fra­ge, wer als betrof­fe­ner Emit­tent nach § 32b Abs. 1 Nr. 1 ZPO anzu­se­hen ist und wo anknüp­fend dar­an ein aus­schließ­li­cher Gerichts­stand begrün­det ist. Die von der Rechts­be­schwer­de auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge, ob § 32b Abs. 1 ZPO einem über die pas­si­ve Streit­ge­nos­sen­schaft begründ­ba­ren Gerichts­stand den Boden ent­zieht, ist vom Ober­lan­des­ge­richt nicht beant­wor­tet wor­den und stellt sich nach den Fest­stel­lungs­zie­len auch nicht. Die Rechts­be­schwer­de rügt ohne Erfolg, das Ober­lan­des­ge­richt habe den Fest­stel­lungs­zie­len der Mus­ter­be­klag­ten nicht ent­spre­chen dür­fen, weil die­sen die Auf­fas­sung zu Grun­de lie­ge, der Gerichts­stand des betrof­fe­nen Emit­ten­ten set­ze sich auch durch, wenn zwei Emit­ten­ten als Gesamt­schuld­ner im Sinn des § 60 ZPO an einem Gericht ver­klagt wür­den, an dem nur einer von ihnen den beson­de­ren Gerichts­stand des § 32b Abs. 1 ZPO habe. Die vom Ober­lan­des­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen und die die­sen zu Grun­de lie­gen­den Fest­stel­lungs­zie­le betref­fen aus­schließ­lich die Fra­ge, wer als betrof­fe­ner Emit­tent nach § 32b Abs. 1 Nr. 1 ZPO anzu­se­hen ist und wo anknüp­fend dar­an ein aus­schließ­li­cher Gerichts­stand begrün­det ist. Die von der Rechts­be­schwer­de auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge, ob § 32b Abs. 1 ZPO einem über die pas­si­ve Streit­ge­nos­sen­schaft begründ­ba­ren Gerichts­stand den Boden ent­zieht, ist vom Ober­lan­des­ge­richt nicht beant­wor­tet wor­den und stellt sich nach den Fest­stel­lungs­zie­len auch nicht. Ent­spre­chend kann auch die vom Ober­lan­des­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Ein­schrän­kung gegen­über einem Fest­stel­lungs­ziel nicht mit Blick auf einen über die pas­si­ve Streit­ge­nos­sen­schaft begründ­ba­ren Gerichts­stand unzu­läs­sig sein.

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Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Juli 2020 – II ZB 19/​19

  1. LG Hei­del­berg, Beschluss vom 25.07.2013 – 11 O 36/​08 KfH, Beck­RS 2015, 4477; Voll­kom­mer in KK-Kap­MuG, 2. Aufl., § 11 Rn. 133; Kot­schy in Vorwerk/​Wolf, Kap­MuG, 2. Aufl., § 11 Rn. 22; Gängel/​Huth/​Gansel in Hei­del, Akti­en- und Kapi­tal­markt­recht, 4. Aufl., § 16 Kap­MuG Rn. 4; Wan­ner, Das Kap­MuG als all­ge­mei­ne Rege­lung für Mas­sen­ver­fah­ren, 2010, S. 177[]
  2. BGH, Beschluss vom 20.01.2015 – II ZB 11/​14, ZIP 2015, 703 Rn. 22[]
  3. OLG Braun­schweig, Beschluss vom 12.08.2019 – 3 Kap 1/​16, ZIP 2019, 1829[]
  4. BGH, Beschluss vom 19.09.2017 – XI ZB 17/​15, BGHZ 216, 37 Rn. 32; Beschluss vom 16.06.2020 – II ZB 10/​19 21[]