Kre­dit­ver­trä­ge mit aus­län­di­schen Kre­dit­ge­bern

Durch ein natio­na­les Gesetz kann Kre­dit­ver­trä­gen mit aus­län­di­schen Kre­dit­ge­bern, die nicht über eine Zulas­sung für die Erbrin­gung von Kre­dit­dienst­leis­tun­gen in die­sem Mit­glied­staat ver­füg­ten, nicht mit­tels rück­wir­ken­der, all­ge­mei­ner und auto­ma­ti­scher Rege­lung die Gül­tig­keit genom­men wer­den.

Kre­dit­ver­trä­ge mit aus­län­di­schen Kre­dit­ge­bern

Die Fest­stel­lung der Ver­brau­cher­ei­gen­schaft einer Per­son, die einen Kre­dit mit dop­pel­tem Zweck auf­nimmt, fällt in die Zustän­dig­keit des natio­na­len Gerichts.

In dem Fall, der die­sem Urteil des Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zugrun­de lag, schloss Frau Mili­vo­je­vi?, eine kroa­ti­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, im Jahr 2007 mit der in Öster­reich ansäs­si­gen Raiff­ei­sen­bank einen Ver­trag über einen ein­ma­li­gen Kre­dit in Höhe von 47 000 € für Reno­vie­rungs­ar­bei­ten an ihrem Haus, ins­be­son­de­re um dort Woh­nun­gen zum Zweck der Ver­mie­tung ein­zu­rich­ten. Der Kre­dit­ver­trag wur­de mit Hil­fe eines in Kroa­ti­en ansäs­si­gen Ver­mitt­lers abge­schlos­sen und ent­hält eine alter­na­ti­ve Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung, zuguns­ten ent­we­der der öster­rei­chi­schen oder der kroa­ti­schen Gerich­te. Um die Rück­zah­lung des Kre­dits sicher­zu­stel­len, unter­zeich­ne­te Frau Mili­vo­je­vi? auch eine nota­ri­el­le Urkun­de über die Bestel­lung einer Hypo­thek aus die­sem Ver­trag, die anschlie­ßend im kroa­ti­schen Grund­buch ein­ge­tra­gen wur­de.

2015 erhob Frau Mili­vo­je­vi? beim Op?inski sud u Rije­ci (Stadt­ge­richt Rije­ka, Kroa­ti­en) Kla­ge gegen die Raiff­ei­sen­bank auf Fest­stel­lung der Nich­tig­keit des Kre­dit­ver­trags und der nota­ri­el­len Urkun­de sowie auf Löschung der Hypo­thek im Grund­buch. Wäh­rend die Raiff­ei­sen­bank gel­tend macht, dass die­ser Ver­trag in Öster­reich geschlos­sen wor­den sei, behaup­tet Frau Mili­vo­je­vi?, dass der Ver­trags­ab­schluss in Kroa­ti­en erfolgt sei.

Am 14. Juli 2017 trat ein kroa­ti­sches Gesetz in Kraft, das die rück­wir­ken­de Nich­tig­keit von Kre­dit­ver­trä­gen vor­sieht, die in Kroa­ti­en mit einem aus­län­di­schen Kre­dit­ge­ber geschlos­sen wur­den, der nicht über die not­wen­di­gen Zulas­sun­gen oder Geneh­mi­gun­gen der kroa­ti­schen Behör­den ver­fügt. Die­ses Gesetz könn­te im Aus­gangs­rechts­streit anwend­bar sein. Das Op?inski sud u Rije­ci ver­tritt zum einen die Auf­fas­sung, dass dann, wenn fest­ge­stellt wer­de, dass der in Rede ste­hen­de Ver­trag in Kroa­ti­en geschlos­sen wor­den sei, die­ser nun­mehr nich­tig sein könn­te, und zum ande­ren, dass die­se Rege­lung die Frei­heit der Raiff­ei­sen­bank, Finanz­dienst­leis­tun­gen zu erbrin­gen, beein­träch­ti­gen könn­te. Es leg­te daher dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Fra­ge nach einem etwai­gen Ver­stoß gegen die Dienst­leis­tungs­frei­heit im Bin­nen­markt der Euro­päi­schen Uni­on und ? im Hin­blick auf die Ver­ord­nung (EU) Nr. 1215/​2012 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 12. Dezem­ber 2012 über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivi­lund Han­dels­sa­chen 1(Gerichts­stands­ver­ord­nung) ? zu ver­schie­de­nen Aspek­ten im Zusam­men­hang mit sei­ner inter­na­tio­na­len Zustän­dig­keit für die Ent­schei­dung des Aus­gangs­ver­fah­rens zur Vor­ab­ent­schei­dung. Es möch­te fer­ner wis­sen, ob der in Rede ste­hen­de Ver­trag als „Ver­brau­cher­ver­trag“ ein­ge­stuft wer­den könn­te und ob der Aus­gangs­rechts­streit den Regeln der aus­schließ­li­chen Zustän­dig­keit für Kla­gen, die ding­li­che Rech­te an unbe­weg­li­chen Sachen zum Gegen­stand haben, unter­liegt.

Mit sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil erklärt sich der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on für zustän­dig, die Ver­ein­bar­keit des Geset­zes vom 14. Juli 2017 mit der Dienst­leis­tungs­frei­heit zu prü­fen. Auch wenn Kroa­ti­en dazu gel­tend macht, dass das Uni­ons­recht auf den in Rede ste­hen­den Ver­trag nicht anwend­bar sei, weil die­ser vor dem Zeit­punkt des Bei­tritts Kroa­ti­ens zur Uni­on geschlos­sen wor­den sei, kann die­sem Argu­ment nicht gefolgt wer­den, da der Ver­trag auch nach die­sem Zeit­punkt wei­ter­hin Wir­kung ent­fal­tet. Wie sich dar­über hin­aus aus dem Ver­trag über den Bei­tritt Kroa­ti­ens ergibt, sind die Bestim­mun­gen der ursprüng­li­chen Ver­trä­ge für Kroa­ti­en vom Zeit­punkt sei­nes Bei­tritts an ver­bind­lich, so dass sie für zukünf­ti­ge Aus­wir­kun­gen vor dem Bei­tritt ent­stan­de­ner Sach­ver­hal­te gel­ten.

Was sodann die Dienst­leis­tungs­frei­heit betrifft, weist der Uni­ons­ge­richts­hof dar­auf hin, dass die­ser Grund­satz die Besei­ti­gung jeder Dis­kri­mi­nie­rung des in einem ande­ren Mit­glied­staat ansäs­si­gen Dienst­leis­tungs­er­brin­gers auf­grund sei­ner Staats­an­ge­hö­rig­keit und die Auf­he­bung aller Beschrän­kun­gen ver­langt, sofern sie geeig­net sind, die Tätig­kei­ten des Dienst­leis­ten­den, der in einem ande­ren Mit­glied­staat ansäs­sig ist, zu unter­bin­den, zu behin­dern oder weni­ger attrak­tiv zu machen.

Der Uni­ons­ge­richts­hof stellt fest, dass in der kroa­ti­schen Rechts­ord­nung die Nich­tig­keit von mit einem nicht zuge­las­se­nen Kre­dit­ge­ber geschlos­se­nen Kre­dit­ver­trä­gen zum einen im Gesetz vom 14. Juli 2017 und zum ande­ren im Ver­brau­cher­kre­dit­ge­setz vom 30. Sep­tem­ber 2015 vor­ge­se­hen ist. Ange­sichts des Umstands, dass für die Zeit vom 1. Juli 2013, dem Tag des Bei­tritts Kroa­ti­ens zur Uni­on, bis zum 30. Sep­tem­ber 2015 die­se Nich­tig­keit nur für die Kre­dit­ver­trä­ge gilt, die von einem nicht zuge­las­se­nen Kre­dit­ge­ber mit Sitz außer­halb Kroa­ti­ens geschlos­sen wur­den, stellt der Gerichts­hof fest, dass das kroa­ti­sche Recht für die­sen Zeit­raum eine unmit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung zum Nach­teil der außer­halb Kroa­ti­ens ansäs­si­gen Kre­dit­ge­ber vor­sah. Da ab die­sem Zeit­punkt die Nich­tig­keits­re­gel unter­schieds­los für alle nicht zuge­las­se­nen Kre­dit­ge­ber gilt, ent­hält das Gesetz vom 14. Juli 2017 eine Beschrän­kung der Aus­übung der Dienst­leis­tungs­frei­heit. Was die Zeit vom 1. Juli 2013 bis zum 30. Sep­tem­ber 2015 anbe­langt, prüft der Gerichts­hof sodann, ob das natio­na­le Gesetz aus Grün­den der öffent­li­chen Ord­nung, Sicher­heit oder Gesund­heit gerecht­fer­tigt wer­den kann und stellt fest, dass ein der­ar­ti­ger Recht­fer­ti­gungs­grund vor­aus­setzt, dass eine tat­säch­li­che und hin­rei­chend schwe­re Gefähr­dung vor­liegt, die ein Grund­in­ter­es­se der Gesell­schaft berührt, wobei Erwä­gun­gen wirt­schaft­li­cher Art eine Aus­nah­me von der Dienst­leis­tungs­frei­heit nicht recht­fer­ti­gen kön­nen.

Für die Zeit, in der die Regel der Nich­tig­keit der in Rede ste­hen­den Kre­dit­ver­trä­ge unter­schieds­los galt, stellt der Gerichts­hof fest, dass sie eine Beschrän­kung der Aus­übung der Dienst­leis­tungs­frei­heit ent­hält. Zwar gehö­ren die im vor­lie­gen­den Fall gel­tend gemach­ten zwin­gen­den Grün­de des All­ge­mein­in­ter­es­ses zu denen, die in sei­ner Recht­spre­chung bereits aner­kannt wur­den, jedoch geht die­ses Gesetz offen­sicht­lich über das hin­aus, was zur Errei­chung der mit ihm ver­folg­ten Zie­le erfor­der­lich ist.

Im Hin­blick auf die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on dar­auf hin, dass im Sys­tem der Gerichts­stands­ver­ord­nung die Zustän­dig­keit der Gerich­te des Mit­glied­staats, in dem die beklag­te Per­son ihren Wohn­sitz hat, der all­ge­mei­ne Grund­satz ist. Folg­lich wider­spricht eine natio­na­le Vor­schrift, die von die­sem all­ge­mei­nen Grund­satz abwei­chen­de, nicht in einer ande­ren Bestim­mung die­ser Ver­ord­nung vor­ge­se­he­ne Regeln für die Zustän­dig­keit vor­sieht, dem mit der Ver­ord­nung ein­ge­führ­ten Sys­tem.

Zur mög­li­chen Ein­stu­fung eines Kre­dit­ver­trags, den ein Schuld­ner für Reno­vie­rungs­ar­bei­ten an einer Immo­bi­lie, die sein Wohn­sitz ist, abge­schlos­sen hat, um dort unter ande­rem Beher­ber­gungs­leis­tun­gen für Tou­ris­ten zu erbrin­gen, als „Ver­brau­cher­ver­trag“, führt der Gerichts­hof aus, dass die­se Bestim­mun­gen einem Schuld­ner nur dann zugu­te­kom­men könn­ten, wenn die Ver­bin­dung zwi­schen die­sem Ver­trag und der beruf­li­chen bzw. gewerb­li­chen Tätig­keit so schwach wäre, dass auf der Hand läge, dass die­ser Ver­trag im Wesent­li­chen pri­va­te Zwe­cke hat, was zu prü­fen Auf­ga­be des vor­le­gen­den Gerichts ist.

Schließ­lich führt der Gerichts­hof zu den Anträ­gen auf Fest­stel­lung der Nich­tig­keit des in Rede ste­hen­den Ver­trags und der nota­ri­el­len Urkun­de über die Bestel­lung einer Hypo­thek aus, dass sich die­se auf einen per­sön­li­chen Anspruch stüt­zen, der nur gegen die Raiff­ei­sen­bank gel­tend gemacht wer­den kann. Was hin­ge­gen den Antrag auf Löschung der Ein­tra­gung einer Hypo­thek im Grund­buch betrifft, ist fest­zu­stel­len, dass die Hypo­thek ein ding­li­ches Recht ist, das Wir­kun­gen gegen­über jeder­mann ent­fal­tet und somit in die aus­schließ­li­che Zustän­dig­keit der Gerich­te des Mit­glied­staats fällt, in dem das Grund­stück bele­gen ist.

Daher gelangt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zu dem Ergeb­nis, dass Art. 56 AEUV einer natio­na­len Rege­lung ent­ge­gen­steht, nach der die Kre­dit­ver­trä­ge und die sons­ti­gen auf ihnen beru­hen­den Rechts­hand­lun­gen rück­wir­kend ab dem Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses nich­tig sind, wenn sie mit einem in einem ande­ren Mit­glied­staat als dem des Dienst­leis­tungs­emp­fän­gers ansäs­si­gen Kre­dit­ge­ber geschlos­sen wur­den, der nicht über sämt­li­che erfor­der­li­chen von den zustän­di­gen Behör­den erteil­ten Zulas­sun­gen ver­fügt.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 14. Febru­ar 2019 – C ‑630/​17

  1. ABl. 2012, L 351, S. 1[]