Leh­mann-Zer­ti­fi­ka­te und die Haf­tung der Bank

Über die gene­rel­le Abhän­gig­keit der Rück­zah­lung des emp­foh­le­nen Zer­ti­fi­kats von der Boni­tät der Emit­ten­tin bzw. Garan­tie­ge­be­rin (sog. all­ge­mei­nes Emit­ten­ten­ri­si­ko) muss die bera­ten­de Bank auch dann auf­klä­ren, wenn dem Anle­ger zu einem frü­he­ren Zeit­punkt ohne Bezug zur kon­kre­ten Anla­ge­be­ra­tung eine mehr als 150 Sei­ten umfas­sen­de Infor­ma­ti­ons­bro­schü­re mit all­ge­mei­nen Hin­wei­sen zu Wert­pa­pie­ren ("Basis­in­for­ma­tio­nen über Ver­mö­gens­an­la­gen in Wert­pa­pie­ren") über­ge­ben wur­de. Denn es kann schon nicht unter­stellt wer­den, dass ein durch­schnitt­li­cher Anle­ger und Bank­kun­de eine der­art umfang­rei­che Bro­schü­re voll­stän­dig durch­liest. Erst recht kann nicht erwar­tet wer­den, dass ihm die in der Bro­schü­re ent­hal­te­nen Infor­ma­tio­nen zu einer Viel­zahl von kom­ple­xen Anla­ge­pro­duk­ten in dem spä­te­ren Bera­tungs­ge­spräch noch so prä­sent sind, dass er kei­ner wei­te­ren Auf­klä­rung über die für die kon­kre­te Anla­ge­ent­schei­dung bedeut­sa­men Umstän­de und ins­be­son­de­re über die Pro­dukt­ri­si­ken mehr bedarf.

Leh­mann-Zer­ti­fi­ka­te und die Haf­tung der Bank

Die Pflicht der bera­ten­den Bank zur Auf­klä­rung über das all­ge­mei­ne Emit­ten­ten­ri­si­ko ent­fällt auch regel­mä­ßig nicht, wenn ein Anle­ger bereits frü­her Zer­ti­fi­ka­te erwor­ben hat­te und ihm bei die­sen frü­he­ren Zer­ti­fi­kats­käu­fen von der bera­ten­den Bank schrift­li­che Pro­dukt­in­for­ma­tio­nen über­ge­ben wur­den. Denn die Bank darf nicht ohne wei­te­res unter­stel­len, dass der Anle­ger bei den vor­aus­ge­gan­gen Zer­ti­fi­kats­käu­fen rich­tig und voll­stän­dig auf­ge­klärt wur­de und die ihm zur Ver­fü­gung gestell­ten schrift­li­chen Pro­dukt­in­for­ma­tio­nen gele­sen und ver­stan­den hat. Ins­be­son­de­re dann, wenn die frü­he­re Bera­tung von einem ande­ren Bera­ter oder Insti­tut gemacht wur­de, muss zudem in Rech­nung gestellt wer­den, dass der Anle­ger falsch bera­ten wur­de und aus die­sem Grund – trotz der Über­ga­be eines rich­tig und voll­stän­dig infor­mie­ren­den Pro­spekts – eine fal­sche Vor­stel­lung von den Pro­dukt­ri­si­ken und sons­ti­gen für die Anla­ge­ent­schei­dung bedeut­sa­men Umstän­den hat.

Bei einem kon­ser­va­ti­ven und sicher­heits­ori­en­tier­ten Anle­ger, der über das all­ge­mei­ne Emit­ten­ten­ri­si­ko nicht auf­ge­klärt wur­de, kann regel­mä­ßig nicht ange­nom­men wer­den, dass er bei ord­nungs­ge­mä­ßer Auf­klä­rung in einen Ent­schei­dungs­kon­flikt gera­ten wäre. Für ihn gilt daher die Ver­mu­tung auf­klä­rungs­rich­ti­gen Ver­hal­tens. Dass er bereits frü­her Zer­ti­fi­ka­te erwor­ben hat­te, ver­mag die­se Ver­mu­tung eben­so wenig zu ent­kräf­ten wie die Tat­sa­che, dass die Insol­venz einer Groß­bank vor der Leh­man-Plei­te für unwahr­schein­lich gehal­ten wur­de.

Land­ge­richt Hei­del­berg, Urteil vom 17. Janu­ar 2012 – 2 O 144/​11